altGefühlsmaschinen im Land aus Pappe

von Kai Bremer

Osnabrück, 18. Mai 2012. An sich ist es paradox, aber die zu jung Verstorbenen der deutschen Literatur werden von den Theatern landauf landab gern genutzt, um Bildungsauftrag und den Anspruch, hip und lebendig zu sein, miteinander zu verbinden. Kleist traf das im letzten Jahr, heuer ist Büchner dran. Sein Todestag hat sich Anfang 2012 zum 175. Mal gejährt, sein 200. Geburtstag folgt im nächsten Jahr. Clever also, wer gegen Ende der Spielzeit einen Büchner ins Programm nimmt, mit dem er im Herbst in die neue gehen kann, um dessen fortwährende Aktualität zu behaupten. Auch in Osnabrück verfährt man so.

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Vielversprechender Gastregisseur

Nun hat sich hier längst ein Stadttheater entwickelt, das nicht dafür steht, bauernschlau zu disponieren, sondern klug mal feine, mal markige Ausrufezeichen zu setzen. Gestern brachte es "Leonce und Lena" nicht im großen Haus, sondern im kleinen emma-Theater, das durch seine beschränkten Möglichkeiten immer wieder eine Herausforderung ist und gleichwohl in den letzten Jahren eine Reihe von weithin wahrgenommenen Uraufführungen und Roman-Adaptationen gesehen hat.

Mit dem Magdeburger Schauspieldirektor Jan Jochymski wurde ein vielversprechender Gastregisseur verpflichtet. Ergänzend wurde Emilie Assayag gewonnen, die hier zwei Jahre zum Tanztheater-Ensemble zählte. Sie hat den Abend nicht nur choreographisch unterstützt, sie gab zugleich die Rosetta.

Gefangene im Reich aus Pappe

Von umfangreichen Hofpersonal König Peters (Johannes Bussler) ist nur der Hofmeister (Martin Schwartengräber) geblieben. Dass bei Büchner der aufgeschwemmte Hofstaat Ausdruck eines adipösen Regierungsstils ist, ist klar. Trotzdem ist man von Beginn an dankbar für diese Reduktion. Denn der ohnehin kleine Bühnenraum (Sarah Bernardy) nach hinten durch eine Wand aus hellem Packpapier weiter verknappt.

Kein Wunder also, dass Leonce (Alexander Jaschik) die wenigen Meter mehrfach wie eine Gefängniszelle abläuft. Kein Wunder auch, dass der Prinz und Prinzessin Lena (Anna von Haebler) die Wand allmählich einreißen, bevor sie schließlich unabhängig voneinander nach Italien ausbrechen, wo sie sich wundersam finden – nicht wissend, dass sie ineinander Braut beziehungsweise Bräutigam finden, vor denen sie jeweils geflohen waren.

Doch nicht nur die Hinterwand, im Lande Popo ist alles aus Pappe: die Fassade eines Pappschlösschens steht auf einer Drehscheibe, die von einem Spielplatz geklaut zu sein scheint und kurzerhand weiß übergetüncht wurde. König Peter trägt eine Pappkrone, die an den Kanten mit Paketband verstärkt ist, als stamme sie aus einem Kindergarten.

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Kein König von Popo, sondern von Pappe also. Und der krächzt und schwadroniert in Louis de Funès-Manier, während sein Hofmeister mit Heinz-Erhardt-Bücklingen um ihn herumeiert. Das nervt gewaltig – und trifft zugleich, was Büchner von dem ganzen Aristokraten-Pack gehalten hat. Doch um das zu verdeutlichen, bräuchte es gewiss keine gut neunzig Minuten.

Sehnsucht und Sadismus

Jochymski aber hat sich nicht nur darauf verlegt, klar zu machen, warum Büchner sein Stück ein "Lustspiel" genannt hat. Schon in der ersten Szene zeigt er einen gefühllosen Leonce, der dem Hofmeister nur Spott und Zynismus entgegenbringt. Das gipfelt im Dialog mit Rosetta, der Leonce mit kalt-weisender Geste bedeutet, ihn (immerhin ihren Geliebten) nicht anzuschauen. Statt ihr zuzuhören, äfft er zunehmend vehement ihren französischen Akzent nach ("Nicht: Longéweilé!"), bis er sie schließlich nur noch anbrüllt wie ein Widergänger von Alex aus Clockwork Orange.

Eben dies, das Widerspiel aus Sehnsucht nach Nähe und mechanischer, im Kern sadistischer Rationalität bestimmt den Theaterabend. Rosetta tanzt verlassen – einer Vision gleich, wie's bald Lena ergehen wird – in mehreren Szenen über die Bühne. Einmal kommen sich Leonce und Lena auf dem grünen Kunstrasen, der Italien ist, nahe. Sie tanzen eng umschlungen miteinander den Küssen des anderen elegant ausweichend. Für Sekunden bringt die nicht nur hier präzise choreographierte Inszenierung Zuneigung ohne ein Wort zum Ausdruck.

Im Kontrast dazu steht die Schlussszene. In ihr reißen sich die Gouvernante (Sabine Osthoff) und Valerio (Oliver Meskendahl) Maske auf Maske vom Kopf. Leonce, Lena und Rosetta wackeln als Pappkarton-Roboter über die Bühne. Dadurch wird Büchners Masken-Maschinen-Spiel, das die Italien-Rückkehrer treiben, selbstredend kolossal überspitzt. Zuletzt jedoch sitzt Leonce auf dem Thron und sein Gesicht verrät, dass er keine Witzfigur wie sein Vater ist. Jochymski führt damit nicht nur das proteushafte Miteinander von Herrschaft und Fratze vor. Es beweist auch, dass sich Bildungsauftrag und bunter Theaterabend nicht ausschließen müssen.

 

Leonce und Lena. Ein Lustspiel
von Georg Büchner
Regie: Jan Jochymski, Bühne/Kostüme: Sarah Bernardy, Choreografie: Emilie Assayag, Dramaturgie: Anja Sackarendt.
Mit: Emilie Assayag, Johannes Bussler, Anna von Haebler, Alexander Jaschik, Oliver Meskendahl, Sabine Osthoff, Martin Schwartengräber.

www.theater-osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

Christine Adam von der Neuen Osnabrücker Zeitung (21.5.2012) vermisst bei aller hinreißender Komik an diesem vom Publikum bejubelten Abend den poetisch-melancholischen Hintersinn früherer Lesarten. Nichtsdestotrotz findet sie vielen in Jan Jochymskis Inszenierung "glänzend durchdacht", "konsequent herausgearbeitet", "witzig", "berührend" und "hinreißend" gespielt. Die Schauspieler kriegen ebenfalls durch die Bank gute Noten. Aber eben, das Träumerische fehlt ihr an diesem "handfesten" Abend.

 

 
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