Küchenpsychologiealt

von Eva Biringer

Berlin, 22. Mai 2012. Treffen sich zwei Jugendliche. Sagt der Eine: "Meine Eltern sind Juweliere, und ich hab' einen Penner vor die U-Bahn gestoßen. Ich gehe zur Schule und mach in zwei Jahren Abi. Und Du so?" Darauf der andere: "Ja, die Imbissbude, die ich abgefackelt habe, war ein Asia-Quick. Sushi oder so. Das ist doch kein politisches Motiv. Das ist doch – Gewalt gegen Sachen." Statt sich gegenseitig mit tollen Praktikumsstationen und Auslandserfahrungen zu übertrumpfen, zählen diese beiden Jungs ihre kriminellen Delikte auf. Wo andere sich über Vorzeigelebensläufe definieren, konstruieren die Protagonisten in David Gieselmanns "Über Jungs" ihre Identität als ständigen Konflikt mit dem Gesetz.

Vier Jungs sollen ein Anti-Aggressions-Training in Form eines Kochkurses absolvieren. Sie haben Obdachlose vor Züge gestoßen, Mädchen K.O.-Tropfen in ihr Alcopop gemischt oder einen Schnellimbiss abgefackelt. Zwiebeln-Hacken und Gambas-Schälen als Resozialisierungsmaßnahme?

Nassrasierermodel unter Brandstiftern

Zunächst scheint der Plan aufzugehen – bis Alex das pubertäre Testosteron ihrer vier Mitstreiter in Wallung bringt. Nina Reithmeier spielt eine Neuköllner Göre mit Beanie (das sind diese unförmigen Wollmützen) und Hoodie (das sind die verrufenen Kapuzenpullover), die beiläufig von ihrer "Messerstecherei mit einem Pädo" erzählt. Kochkursleiterin Christine Duvaldier (Regine Seidler) wird aber auch damit fertig und wirklich, mehr solcher resoluter und gleichzeitig lässiger Pädagogen bräuchte das Land. Unbarmherzig verteilt sie Einteiler mit pastellfarbenem Gemüseprint und beharrt auf ihrer Küchen-, die zugleich eine Lebensphilosophie ist: "Bevor ihr was zu Ende gebracht habt, habt ihr schon Schritt zwei und sieben angefangen. So kann man nicht kochen, Und so kriegt man auch sein Leben nicht in den Griff."

Ihr Eigenes meistert sie allerdings auch nur bedingt, das zeigt die Szene, wo sie ein volltrunkenes Date mit Svens Vater (Thomas Ahrens, der außerdem den cholerischen Staatsanwalt Carl Maria Aschenbach spielt) verbringt. Da helfen auch Konfuzius' Weisheiten nicht mehr.

ueberjungs1 560 david baltzer x© David Baltzer

Theatermagie mit Möhren

Regisseurin Mina Salehpour kocht viele Zutaten – so etwa Tim Raues Kochtipps und Anthony Bourdains "Geständnisse eines Küchenchefs" – auf eine sparsame Inszenierung herunter. Einige fahrbare Küchenelemente auf Jorge Enrique Caros Bühne reichen um den Schauplatz Großküche Wirklichkeit werden zu lassen. Möhren verwandeln sich in Zigarillos und Zigarren, einmal sogar in ein männliches Geschlechtsteil. Die Küchenelemente dienen als Konzertbühne, auf der Nachwuchsrocker Victor endlich seine Bezahlfernsehen-Qualitäten unter Beweis stellen kann.

Wir haben es hier mit einer Theatermagie zu tun, wie zuletzt bei "Tschick" am Deutschen Theater: Wo dort aus ein paar dürren Kakteen die Walachei auferstand, verschwinden hier Väter in Küchenspülen. Prügelszenen werden im Modus eines Videospiels ausgetragen, das Summen von medizinischen Geräten durch zartes Pfeifen imitiert. Eine rote Bühnensonne am Himmel ruft zu Peer Gynt-Klängen das Gefühl des zu frühen Aufstehens wach.

U-Bahn-Schubser, Nazirocker, Bohlenhasser

Besonders Leander "Koriander" Dopian (Roland Wolf), lehrt uns als wohlstandverwahrloster U-Bahn-Schubser mit Babyspeck das Gruseln. Seinen Aristoteles hat er gelesen und so flüssig wie "Katharsis" geht ihm der Satz "By the way: Ich neige nicht zu Gewalt" über die Lippen. Sven (Jens Mondalski) quält die Zuschauer mit Nazirock und rechtsradikalen Weltansichten und Konstantin (Robert Neumann) hat offenbar ein Problem mit weiblicher Sexualität. Victor (Sebastian Achilles) hingegen hat ein Problem mit Dieter Bohlen, der ihm im DSDS-Finale seinen Traum vom Rockstarleben zerstört hat.

Während Victors vorgeschobener Grund für seine Gewaltexzesse immerhin noch eine kollektive Leiche aus dem TV-Gedächtnis gräbt, wirken die Rechtfertigungen der anderen Charaktere unglaubwürdig. Dass Sven den "Asia-Quick" angezündet hat, weil sein Unbehagen an der Globalisierung zu groß wurde, schmeckt leidet sehr nach konstruierter Figurenpsychologie. Besser hätte Gieselmann die Unerklärbarkeit der jugendlichen Straftaten ausgehalten. Dafür verleiht er seinen Jugendlichen eine Sprache, die weder bemüht, noch theatral klingt, sondern so, wie Jugendliche eben sprechen: Mit falscher Syntax und verbalen Ausfällen – wie man das tagtäglich im Berliner Nahverkehr mitanhören kann.

Küchen-Love Story

Sitzen ein Junge und ein Mädchen im Schneidersitz auf der Küchenzeile. Leise Musik untermalt ihr Gespräch. Vorsichtig fragt er, ob sie einen Freund habe. Blicke treffen sich und weichen einander aus. Wie Alex und Victor da so sitzen und ihre Nervosität überspielen, weil klar ist, dass sie einander mögen, da sind sie keine jugendlichen Straftäter mehr. Auch nicht in dem Moment, in dem sie laut ihre geheimen Zukunftswünsche aussprechen. Alex will Boxmeisterin und Nassrasierermodel werden, Victor Rockstar. In diesen Momenten wirken sie nicht wie Teilnehmer eines Anti-Aggressions-Programms. Sondern wie zwei junge Menschen, die unsicher sind und Fragen an das Leben stellen. Dass Alex und Victor gar keine Jugendlichen sind, sondern erwachsene Schauspieler, hat man schon lange vergessen.

Über Jungs (UA)
von David Gieselmann
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Jorge Enrique Caro, Kostüme: Maria Anderski, Musik: Sandro Tajouri, Dramaturgie: Winfried Tobias, Theaterpädagogik: Nora Hoch.
Mit: Sebastian Achilles, Thomas Ahrens, Jens Mondalski, Robert Neumann, Nina Reithmeier, Regine Seidler, Roland Wolf.

www.grips-theater.de

Kritikenrundschau

Gieselmann schreibe über Jungs mit Schwierigkeiten, nicht über Problemjugendliche mit XY-Erblast, erklärt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (24.5.2012). "Er trifft dabei einen Ton, der kunstvoll ist, auch satirisch, aber nie denunzierend." Mina Salehpour lege ein hohes Tempo vor und überhöht die Szenen mit Spaß am Popzitat immer wieder ins Surreale.

Mit Gieselmanns "Über Jungs" kehre das Grips in vertraute Gefilde zurück, schreibt Christian Rakow in der Berliner Zeitung (24.5.2012): "zu einem zeitgenössischen Realismus, der prägnante Typen in handfesten sozialen Nöten präsentiert." Das Stück biete weniger eine Geschichte als eine Zustandsbeschreibung. "Die Jungregisseurin Mina Salehpour lockert sie mit Film- und Popkulturzitaten auf, speist gern aufheiternde Choreographien ein. Dieser artifizielle Zugriff dämpft den Realismus der Charakterstudie."

Gieselmanns "halbherzige Szenenfolge, kaum als Stück zu bezeichnen, trudelt unentschlossen zwischen Milieustudie und Sozialkitsch, Klamauk und pubertärem Firlefanz dahin", kritisert Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.5.2012) das Stück scharf. "Dass die 1985 im Iran geborene Regisseurin Mina Salehpour dafür allerdings ein gutes, leichtes Händchen hat, macht die Uraufführung im Berliner Grips Theater halbwegs erträglich – und zeigt erst recht, wie schwach und unausgegoren der Text ist. In ihrer absurd-beschwingten Inszenierung kümmert sie sich nämlich weder um die Beweggründe der Figuren noch um sonst etwas, das über deren konkrete Situation hinausginge. Stattdessen konzentriert sie sich geschickt auf spannungsvolle, zumeist ziemlich lustige Gruppenbilder mit und ohne Obst oder Gemüse."

 

 
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