"Ein bisschen daneben"

28. Mai 2012. In der Berliner Zeitung hat Ulrich Seidler Matthias Lilienthal begleitet – zum Beispiel zu einer Lagebesprechung vorm HAU2. "Nach neun Jahren Dauerüberforderung, nach über 1 000 Premieren, Projekten, Festivals, Konferenzen, Konzerten an den drei Hau-Häusern, nach diversen Stadtraum-Eroberungen und Massenveranstaltungen hat Lilienthal nicht nur die Bewunderung der Berliner Theaterszene sicher, sondern auch die Nerven seiner Crew gestählt." Zum Abschied gönne Lilienthal sich und Berlin "nicht nur ein Riesentheaterding, das in die Stadt platzt, sondern gleich zwei. 240 Leute machen da mit, über die Hälfte davon sind Künstler."

Seidler radelt mit Lilienthal vom HAU zum Tempelhofer Feld, wo am 1. Juni die "Weltausstellung" beginnt, und hat in mehrfacher Hinsicht Probleme dranzubleiben. Daneben gibt's eine historische Rückschau. Und natürlich eine Würdigung: "Lilienthal liebt seine Arbeit. (...) Sein Beruf, sagt er, bewahrt ihn davor, ein Privatleben führen zu müssen. Das wird sich nach seinem Weggang wohl kaum ändern. Er will nach Theaterprojekten in New York und Tokio ein dreiviertel Jahr in der Beiruter Kunstakademie unterrichten. 'Und dann?' − 'Mal sehen.' Lilienthal kann sich die Jobs aussuchen, und manchmal werden sogar in Berlin, wo die Theaterintendanten an ihren Posten kleben, welche frei." Lilienthal habe nur die scheinbar unerschöpfliche Energie, die Kindern zu eigen ist, sondern teile mit ihnen auch eine Neugier, die ihn immer weiter treibt. "Nun eben bis nach New York und Tokio."

(geka)

 

28. Mai 2012. 95 Prozent aller HAU-Vorstellungen hat Matthias Lilienthal in zehn Jahren gesehen, "vielleicht sogar noch mehr", sagt er im Interview mit Stefan Kirschner und Matthias Wulff in der Berliner Morgenpost. Flops fielen bei der Masse an Produktionen tatsächlich nicht so auf, die "Erfolgsquote dürfte der an Stadttheatern entsprechen". Dass das HAU mit seiner Arbeit sehr unterschiedliche Milieus anspreche, liege vielleicht auch daran, dass Lielienthal "ein Bürger par exellence in dieser Stadt" sei: "Ich kann mit allen. Mit türkischstämmigen Filmregisseuren genauso wie mit dem Regierenden Bürgermeister oder Menschen aus Gropiusstadt oder Zehlendorf. Ich inszeniere mich ja als Edelpenner. Deswegen denken alle immer, der ist ein bisschen daneben."

Als neuen idealen Arbeitsraum könne er sich einen Hangar in Tempelhof vorstellen, so "einen Raum, den man je nach Kunstgattung neu definieren kann, hätte ich gern. Wenn es eine Stadt gibt, die mir so eine Halle und ein 5-Mio.-Budget gibt, da würde ich hingehen. Und wenn es Mannheim wäre." Allerdings hängt er auch an Berlin: "Wenn ich mit Wirtschaftsleuten diskutiere, sage ich immer gern, dass es der Stadt sehr gut gehen würde, wenn der industrielle Sektor so gut entwickelt wäre wie der kulturelle. Die Privatwirtschaft kann ja mal versuchen, in die Nähe unseres Niveaus zu kommen. Aber die steigenden Mieten ziehen der kulturellen Szene den Teppich unter den Füßen weg. Deshalb muss der Senat in den nächsten Jahren in den kulturellen Sektor deutlich mehr Geld stecken, um das zu erhalten, was es gibt. Ich mag die Stadt so, wie sie jetzt ist."

(geka)

 

27. Mai 2012. Zu seinem anstehenden Abschied vom Hebbel am Ufer (HAU) gibt Matthias Lilienthal Sieglinde Geisel und Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (26.5.2012) ein Interview. Darin ist zu erfahren, dass Lilienthal anfänglich über Leitung des HAU nicht wirklich begeistert war. "Und doch bin ich dann am besten, wenn man mir etwas vor die Füsse pfeffert, was ich nicht mag."

Als eine seiner Lieblingsproduktionen unter den unzähligen HAU-Produktionen nennt Lilienthal Radio Muezzin von Stefan Kaegi. "Mir macht es Vergnügen, diese gesellschaftliche Erzählung ausgerechnet in Berlin zu zeigen, wo Thilo Sarrazin, der als Finanzsenator jahrelang mein Chef war, das Buch 'Deutschland schafft sich ab' geschrieben hat."

Das steht auch für das veränderte politische Theater, wie Lilientahl es versteht: "Die Realität verändert sich so schnell, dass man nicht mehr hinterherkommt. Ich sage nicht mehr, wer böse und wer gut ist." Aber darüber, dass die Mieten in Berlin um 27 Prozent gestiegen seien oder Touristen die Stadt überschwemmten, rege er sich sehr wohl auf.

Der Abschied vom HAU schmerze ihn, denn "Es ist für mich der ideale Ort. Aber ich mache alle zehn Jahre etwas Neues. Jetzt gehe ich erst einmal zehn Monate nach Beirut, wo ich an einem Post-Graduate-Studiengang bildende Kunst unterrichte." Länger verpflichtende Anfragen aus aller Welt habe Lilienthal abgelehnt, da er für seinen fünfzehnjährigen Sohn erreichbar bleiben wolle.

(mw)

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