altBörse und Bordell

von Regine Müller

Bergen, 31. Mai 2012. In Norwegen kommt der Frühling spät, aber mit Macht. Die alte Hansestadt Bergen liegt zwar am wärmenden Golf-Strom und ist für ihre Lage im hohen Norden relativ mild temperiert, dennoch herrschen hier Ende Mai, wenn seit nunmehr sechzig Jahren das "Bergen Festival" eröffnet, noch sparsame Temperaturen – letztes Jahr soll es sogar geschneit haben. Diesmal aber, pünktlich zum 60-jährigen Geburtstag des größten Mehrspartenfestivals in Skandinavien, ist der Frühling direkt in den Sommer übergegangen. Alles blüht gleichzeitig, die Nächte sind hell, es herrscht eine gehobene, aufgekratzte Stimmung. Gerade recht für ein Festival, das immer schon als "Frühlingsrausch" – so Intendant Per Boye Hansen – gedacht war, als explosionsartiges Erwachen aus langer, regenreicher (Bergen ist die Regenhauptstadt Europas!) Winterstarre.

Mit dem Untertitel "Nordische Impulse" hat Intendant Hansen das Festival bereits vor Jahren versehen. Zwar hat das Festival seit seiner Gründung auch immer wieder Auftragswerke vergeben, doch sollte es mit Hansens Amtsübernahme nicht länger ein Gastspielbetrieb sein, der als Durchlauferhitzer für die Tourneeproduktionen des internationalen Musik- und Theaterzirkus dient. "Wir wollten einen deutlichen Wechsel, mehr Eigenproduktionen und eine eigene Farbe entwickeln. Vor allem aber wollte ich mehr Zeitgenössisches", beschreibt Hansen sein Konzept in seiner siebten und damit letzten Spielzeit in Bergen – im Sommer wechselt er in die Leitung des Opernhauses in Oslo.

Bergener Exportschlager

Dieser Plan scheint aufgegangen, denn das Festival hat in den letzten Jahren insbesondere im Theaterbereich mit Eigenproduktionen heimischer Künstler zunehmend auf sich aufmerksam gemacht. Mit knapp 200 Veranstaltungen ist es zwar vor allem für das Kulturleben Norwegens und Skandinaviens prägend – immerhin kommen 60 Prozent der rund 45.000 Besucher aus Bergen selbst –, aber vor allem das, was dort im Theater passiert, strahlt ab in die europäischen Länder. Spätestens seit Brechts Maßnahme in der Inszenierung des Bergener Regisseurs Tore Vagn Lid 2008 zum Young Directors Project der Salzburger Festspiele eingeladen wurde, beobachtet die Szene aufmerksam, was in Bergen produziert wird.

fatzer2 560 thor brdreskift uDer Mond über Bergen? "Fatzer" © Thor BrødreskiftAuch der exzessive Regisseur Vegard Vinge, der gerade beim Berliner Theatertreffen mit seiner 12-stündigen Ibsen-Performance für Furore sorgte, ist ein Gewächs aus Bergen: Dort sorgte er bereits 2009 mit Ibsens "Wildente" für Aufregung, später gastierte er damit überall. Mit solchen Experimenten hat Intendant Hansen zwar riskiert, das alte Stammpublikum zu vergraulen, dafür strömte aber neues nach. Man sei hier aufgeschlossen, sagt Hansen: "Gerade 2009 gab es einen merklichen Aufschwung in der Besucherzahl, der bis heute stabil ist."

Über den Köpfen die Ratten

Vegard Vinge fehlt im diesjährigen Festivalaufgebot, dafür hat Tore Vagn Lid erneut Brecht inszeniert und sich an die Aufbereitung des sperrigen "Fatzer"-Konvoluts gewagt. Lid ist kein wilder Extremkünstler wie Vinge, sondern eher einer, der mit feiner Raffinesse und formaler Perfektion arbeitet. Er hat die Gießener Schule durchlaufen und beherrscht die Werkzeuge des derzeit handelsüblichen Theaters souverän. Um sie aber auf seine Weise lässig hinter sich zu lassen: Er findet einen ganz eigenen Ton und eine fast naiv wirkende Unmittelbarkeit, die einleuchtend direkt und klar wirkt wie das Licht über Bergen.

Im pittoresk angegammelten Logen-Theater – früher der Ballsaal des Logenhauses der Freimaurer – steht auf einer kleinen Bühne ein Wohnwagen, daneben das Skelett eines Esels. Über den Köpfen der Zuschauer tummeln sich ein paar Ratten in Glasröhren, im Parkett sitzt das Publikum um runde Tische herum, auf denen sich Architektur-Miniaturen geheimnisvoll drehen. "Borse" steht auf einem, "Bordellen" auf einem anderen. Rechts oberhalb des Esels-Skeletts ist eine Videowand angebracht.

Krachende Revolutionsmärsche

Dort flimmert immer wieder die berühmte Maslowsche Bedürfnispyramide auf, die von einer Art Wissenschaftsmoderator im Verlauf der Ereignisse systematisch abgearbeitet und erläutert wird. Außerdem werden Auszüge aus dem "Fatzer"-Fragment gezeigt, die mittels simuliert altertümlicher Microfiche-Methode klackend herangezoomt werden.
Selbst arrangiert hat Tore Vagn Lid auch die aufwändig bestückte Live-Musik, die er beinahe pausenlos und höchst suggestiv einsetzt: Ein solistisch besetzter Chor, der den ganzen Raum bespielt und auch handelnd eingreift, intoniert Eisler, Schostakowitsch und Händel über rauschenden Klavierklängen, die Bergen Brass Band stimmt krachend Revolutionsmärsche an.

fatzer1 560 thor brdreskift uSich drehende Architekturmodelle: "Fatzer" © Thor BrødreskiftEindride Eidsvold zeigt Fatzer als virilen, schlitzohrigen und zugleich charismatischen Typen, dem das alte Rollenklischee des triebgesteuerten Egoisten viel zu eng ist. Auch seine drei Mitstreiter sind scharf konturierte, eben nicht wohlfeil verwahrloste Typen und Hanne Dieserud spielt Therese als heutige Figur in der globalisierten, von Finanzkrisen geschüttelten Welt.

Überhaupt ist der gute alte Brecht in Lids Version kein staubiges Thesen-, sondern taufrisches politisches Theater ohne jene heillose Verkrampftheit, die man im deutschsprachigen Theaterraum bei dem Versuch, politisch zu werden, immer wieder durchleiden muss. Lid setzt selbstverständlich, freilich mit aktuellen Werkzeugen Brecht'sche Theatermittel der Verfremdung ein, bleibt aber unverblümt und schämt sich seiner dezidiert vorgetragenen, ironiefreien Haltung nicht. Ein temporeicher, hinreißend getimter, packender Abend, der im Juni bei den Mülheimer "Fatzer"-Tagen gastiert.

Insiderspaß für Kunstkenner

Eine sehr wohl ironische, aber eher kabarettistische Abrechnung mit dem globalen Kunstprinzip präsentierte dagegen das Künstlerduo Elmgreen & Dragset im benachbarten Theater Den Nationale Scene mit "Happy Days in the Art World". Das gefeierte Künstlerduo nimmt in der knapp etwas über einstündigen Performance die eigene Existenz als Duo – allerdings nicht selbst, sondern von Schauspielern gespielt – und den Kunstbetrieb an sich wort- und pointenreich aufs Korn und lässt von Vernissage-Ritualen bis hin zu Befindlichkeits-Kauderwelsch und esoterischem Kuratoren-Sprech kein Kuriosum der überhitzten Kunst-Welt aus.

Ein großer Spaß ist das allerdings vor allem für Kenner der Kunstszene. Auf der kahlen Bühne steht lediglich ein Etagenbett, wie man es aus Jugendherbergen kennt, am Schluss dreht sich das obere Bett nach unten um. Und wird so – zufällig – zum Kunstobjekt. Das im Übrigen den Bergenern bekannt vorkommen dürfte, denn ein gleichartiges Objekt von Elmgreen & Dragset steht dort schon längst im Kunstmuseum.

 

Fatzer
von Bertold Brecht
Regie und Konzept: Tore Vagn Lid, Bühne: Kyrre Bjørkås, Gundhild Mathea Olaussen, Tore Vagn Lid, Kostüme: Linn Therese Michelsen, Chor: Gro Espedal.
Mit: Eindride Eidsvold, Øystein Martinsen, Tor Cgr. F. Bleikli, Hilde Annine Hasselberg, Hanne Dieserud, Per Bogstad Gulliksen.

Happy Days in the Art World
von Elmgreen & Dragset
Mit: Ole Johan Skjelbred, Johannes Lilleøre, Karin Norrinder.
Eine gemeinsame Produktion mit Performa, New York, und dem Königlichen Theater, Kopenhagen.

www.fib.no/de

 
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