altDie Personen sind einfach da und verschwinden wieder

von Charles Linsmayer

Bern, 9. Juni 2012. Kürzlich sass das Publikum mit Kopfhörern bewehrt in zwei Reihen vor einer Baracke beim Zürcher Theaterhaus Gessnerallee und blickte, von der Gruppe "Far a Day Cage" in den phantastischen Urwald einer fernen Zukunft versetzt, auf die Gegenwart einer Fussgänger- und Fahrradpassage, wo sich Passanten und Theaterpersonal ganz zufällig vermischten. Fast die gleiche Situation hat am 9. Juni in Bern nun der Regisseur Bernhard Mikeska mit der Produktion "Augen Blicke" herbeigeführt, bloss dass diesmal Texte von einem professionellen Schriftsteller, von Peter Stamm, Verwendung fanden, was dem Ganzen eine ganz andere Qualität vermittelte.

"Ein Schaufensterstück" heisst das Arrangement, das Ensemblemitglieder des Stadttheaters im Laubengang gegenüber der Heiliggeistkirche beim Bahnhof Bern aufführen, sitzen doch die Zuschauer diesmal in einer langen Reihe im Schaufenster des Warenhauses Loeb und nehmen akustisch über Kopfhörer wahr, was sich vor den Scheiben abspielt.

augenblicke3 560 philipp zinniker uLebst du noch oder spielst du schon? Vor dem Kaufhaus Loeb in Bern  © Philipp Zinniker
Den roten Faden des Abends bildet Stamms Monolog "Die Planung des Planes", der 2001 als Auftragswerk für das Schauspielhaus Zürich entstanden ist, dort aber nie aufgeführt wurde und 2011 im Kellertheater Winterthur eine kaum beachtete Uraufführung erlebte.

Wer ist Passant, wer ist Akteur?

Der Monolog spielt eigentlich in Zürich, wo ein Mann, aus dem Hauptbahnhof kommend, in verschiedene Quartiere der Stadt geht und die Menschen beobachtet, denen er begegnet. Sie scheinen sich nach einem bestimmten Plan zu bewegen, den der Betrachter aber nicht durchschaut. Mikeska verwendet für seine Collage aber auch andere Texte von Peter Stamm: aus dem 2003 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführten Stück "Après Soleil" sowie aus dem 2004 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erstmals gezeigten "Kuss des Kohaku", wo von der Unmöglichkeit dauerhafter Beziehungen die Rede ist und wo in der Regieanweisung zu lesen steht: "Die Personen sind einfach da und verschwinden wieder. Ihre Anwesenheit wird ebensowenig erklärt wie ihre Abwesenheit."

Dies ist denn auch der vordergründige Eindruck, der vom Warenhaus-Schaufenster aus von diesen "Augen Blicken" in der Berner Spitalgasse zu gewinnen ist. Zunächst ist es für das Publikum schwer zu erkennen, wer von den Passanten etwas mit der Aufführung zu tun hat. Wer vorübergeht, nimmt staunend Kenntnis von den etwa vierzig hinter den Schaufensterscheiben sitzenden Leuten, lacht, macht irgendwelche Kapriolen oder beginnt zu fotografieren. Dann aber beginnt Ernst C. Sigrist aus "Die Planung des Planes" vorzutragen, und nach und nach kommt es zu Begegnungen zwischen den Akteuren, die im Unterschied zu den Passanten eine hörbare Stimme haben und an ihren Mikroports zu erkennen sind.

Ein Verschieben von zwei Welten aneinander vorbei

Die Unmöglichkeit von Beziehungen kristallisiert sich nach und nach als gemeinsamer Nenner der kurzen Szenen heraus. Da lädt Mona Kloos den Einzelgänger Philipp Hagmann zu ihrer Geburtstagsparty ein, ohne ihm ihre Adresse oder ihren Namen zu verraten, da versucht Sabine Martin, mit zwei Einkaufstaschen bewehrt, die sie immer wieder auf den Boden ausgiesst, einen vom smarten Andri Schenardi gespielten Softwarespezialisten vergeblich zu einem Glas Wein einzuladen, da verpatzt Stefano Wenk mit einem missverständlichen Wort – "Muschi" soll scheint's auf Japanisch "Auf Wiedersehen" heissen ... – ein Date mit der strahlend lächelnden Mona Kloos, wird aber gleich danach von Milva Stark anhand von ein paar harmlosen Symptomen in die panische Angst versetzt, er habe Krebs.

"Ich friere, nimmst Du mich in deine Arme", bittet Ernst C. Sigrist ohne Erfolg einen Passanten, um dann bald einmal sterbend am Boden zu liegen, ohne dass ihm jemand Hilfe leistet. Was er zum Trost bekommt, ist, vom Ensemble Ardent feierlich intoniert, die Motette "Ubi caritas et amor" von Maurice Duruflé (1902–1986), mit welcher der Abend melodisch ausklingt.

Klug disponierend, unaufdringlich, bewegend

"Sie müssen sich an den Händen halten, es ist eine Berührung, kein Kontakt", hat Ernst C. Sigrist das Publikum kurz zuvor noch beschworen und damit dem Thema Einsamkeit, Isolation, Kontaktarmut, das die Aufführung mitten in der Anonymität einer vielbegangenen städtischen Passage in vielerlei Variationen durchgespielt hat – Reden sei "ein Verschieben von zwei Welten aneinander vorbei", hat es einmal geheissen – eine bewegende Coda gesetzt.

Zum Gelingen des an sich ziemlich riskanten Projekts trugen nicht nur die klug disponierende, unaufdringliche, wie zufällig wirkende Regie von Bernhard Mikeska und die durchwegs spontan und doch professionell wirkenden Auftritte des Ensembles, sondern vor allem auch die verwendeten Texte des bei der Premiere anwesenden Peter Stamm bei, die so schlüssig und aktuell wirkten, als seien sie für den Abend extra geschrieben worden.

Augen::Blicke.
Ein Schaufensterstück mit Texten von Peter Stamm
Inszenierung: Bernhard Mikeska, Bühne, Kostüme: Romy Springsguth, Sounddesign: Fabian Gutscher
Mit: Henriette Cejpek, Mona Kloos, Sabine Martin, Milva Stark, Philipp Hagmann, Andri Schenardi, Ernst C. Sigrist, Diego Valsecchi, Stefano Wenk.

www.stadttheaterbern.ch

Kritikenrundschau

In "Augen::Blicke" würden "sich allerhand Schnittstellen" öffnen, "an denen sich Kunst und Leben knisternd kurzschliessen", meint Daniel Di Falco in Der Bund (11.6.2012). "Die Passanten werden, weil sie unter Beobachtung stehen, zu Darstellern eines Stücks. Der Zuschauer muss sich, weil er mitten in der Öffentlichkeit sitzt, um seine Zuschauerrolle kümmern. Und weil sich die Schauspieler unter die Fussgänger mischen, wird die ganze Stadt zur Bühne. Das könnte alles konzeptkünstlerische Theorie sein, wird hier aber zum handfesten Plausch." Auch wenn die Schauspieler "in den Hintergrund rücken, so wie auch die Texte Stamms: Zusammen sind sie das Medium der Stadt; das Brennglas, das die Wahrnehmung auf elektrisierende Weise verschärft und dabei die Wirklichkeit der Stadt mit der Wirklichkeit des Theaters infiziert." Und auch "wenn die Idee, dass alles Leben Theater sei, ziemlich läppisch ist – grosses Theater, diese Stadt".

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