altIm tiefen Tal der Banalität

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 15. Juni 2012. Der Bräutigam weiß nicht, woran er ist, aber er walzt schon mal voraus: mit sich selbst. Die Braut ist unsichtbar, irgendwie da und doch schon weit weg. Die anderen um ihn herum wissen es längst besser, sie grienen und höhnen in ihren schwarzen Anzügen und den Blümchen in den Revers, bilden einen Kreis, machen fiese Mienen zum bösen Spiel, das ein guter Deal scheint, für wen auch immer. Der Bräutigam jedenfalls soll teuer bezahlen für die Fusion mit einer Phantasmagorie.

Und als Bijan Zamanis armer Hochzeitstrottel den Betrug an sich bemerkt, seine leeren Hosentaschen ausstülpt und jungfräulich zu kreischen beginnt, wird aus der Mitte der Gesellschaft Vollzug gemeldet. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Gabriele Hintermaiers Namenlose schaut mit Trostgesicht gen Himmel und meint gehört zu haben, wo die bessere Hälfte sich versteckt hält: "Das Geld, das wispert nur in den Wipfeln der Bäume."

Aufgetürmte und kleingefaltete Textflächen

Elfriede Jelineks Prosawerk "Winterreise" ist eine wundervolle Zumutung. Eine Wundertüte voller Anspielungen, Metaphern, Spuren. Bis zur Erschöpfung reizt Jelinek das Motiv des Wanderers aus, der sich mit Franz Schuberts musikalischem Beistand auf den mäandernden Alptraumweg durch das Geröll der jüngeren Gegenwart und der eigenen Biographie macht: von der Bankenaffäre um die Hypo Group Alpe Adria führt die Reise durch das Verließ einer Natascha Kampusch und die faschistoiden Hinterstübchen Österreichs, um gegen Ende in die geschlossene Abteilung des demenzkranken Vaters zu gelangen.winterreise1 560 jochenklenk uAbrissarbeiten im Hobbyraum: Sarah Sophia Maier und Toni Jessen in "Winterreise".
© Jochen Klenk

Wenn im Text also die Bankenkrise mit dem preistreiberischen Aufpimpen einer gefräßigen Braut assoziiert wird, dann lässt Nora Schlocker wie auf ein Schlagwort hin einen Bräutigam um seine eigene Achse tanzen. Das klingt erst einmal plausibel, die Jelinek'schen Textflächen gegeneinander aufzutürmen und kleinzufalten, sie nacheinander in konkrete Bilder zu übersetzen, in spielbare Situationen. Und da Marie Roth erfreulicherweise unempfindlich gegenüber horizonterweiternden Wanderimpressionen ist, unterstützt sie den hermetischen Textzugang mit einem fensterlosen Hobbyraum, einer klaustrophobischen Kleinbürgerhölle aus Kiefernpaneelen, in der sich auch ein Stück von Werner Schwab wohlgefühlt hätte.

Im Korsett der Konkretion

Bierflaschen auf fünf Tischen, an jedem ein vereinzelter Mensch oder einer Puppe. Hier soll man sich alles ganz genau vorstellen: das Leid der Kampusch, den Mief im Elternhaus der Jelinek. Den geistigen Stillstand. Die Volksselbstvernichtung. Schubert wird dreimal intoniert, von drei Kindern, die sich an Klavier, Geige und Flöte mit absichtsvoller Talentlosigkeit an den vielleicht drei berühmtesten Liedern vergehen. Die Hochkultur als Instrument zur Kinderzüchtigung. Mehr nicht.

Aber ist es nicht die Kunst der Jelinek, das Drama durch und mit einer poetisierenden Sprache in ständiger Bewegung zu halten, sich eben nicht auf eine Positionierung oder Konkretisierung festnageln zu lassen? Deswegen doch auch die widersprüchlichen Anleihen bei Schuberts "Winterreise", die ein lyrischer Reigen der Ich-Entgrenzung und Todessehnsucht ist. Schlockers schulmeisterliche Textaneigung allerdings zerrt Jelineks Wanderer von den gefährlichen intellektuellen Höhenflügen inmitten wispernder Baumwipfel hinunter in die Täler der Banalität.

Alles gut, und doch …

Indem die Regie den Text möglichst wörtlich nimmt, ihn auf sozialkritizistische und psychologisierende Inhaltsmomente reduziert und die Form und Musikalität vorsätzlich ignoriert, entsteht so etwas wie eine bemüht anrührende, um Verständlichkeit buhlende, etwas böse Dramolett-Revue zum Thema soziale Isolation in Zeiten der Kapitalvernichtung. Und so spielt und deklamiert man denn auch gegen jedwede Ambivalenz an: Toni Jessen einen verzweifelten Vater auf der Flucht vor der Familie; Nadja Stübiger eine mutterfixierte Erotomanin, die im Netz ihr Liebesglück sucht und dafür auch schon mal ihre Brustwarzen steif massiert.

Das Ensemble, die Bühne, das Timing: alles gut, und in manchen Augenblicken besser noch. Eine Inszenierung, die scheinbar alles richtig macht. Und doch am Wesentlichen vorbeihechelt wie ein stadtneurotischer Wanderer mit GPS.

 

Winterreise
von Elfriede Jelinek
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Marie Roth, Dramaturgie: Sarah Israel.
Mit: Gabriele Hintermaier, Toni Jessen, Sarah Sophia Meyer, Rahel Ohm, Nadja Stübiger, Boris Koneczny, Bijan Zamani.

www.schauspiel-stuttgart.de

Nachtkritiken zu weiteren Annäherungen an Elfriede Jelineks "Winterreise" in München (Johan Simons), Berlin (Andreas Kriegenburg), Oberhausen (Peter Carp), Mainz (Jan Philipp Gloger) und Wien (Stefan Bachmann).

 

Kritikenrundschau

Ein Meer an Sätzen und Wörtern habe das Ensemble zu bewältigen, schreibt Mönika Köhler im Südkurier (18.6.2012) "Und es macht das glänzend. Denn die Tirolerin Schlocker und ihre Dramaturgin Sarah Israel schaffen mit den sich an der Gesellschaft reibenden Textstellen Typen, die den beißenden Witz der Steiermarkerin Jelinek zum Glühen bringen." Bravourös gelinge zur stets präsenten Hintergrundmusik von Paul Lemp trotz fehlender echter Handlung die Verknüpfung der gleißenden Wortflächen mit dem ganz pragmatischen Alltag. "Kaum merklich wächst sich das Spiel zur Depression aus, kommen Entfremdung und menschliche Kälte zum Vorschein."

"Zombies auf der Wanderschaft im Textgeröll, durch das neben dem Liedermacherduo Schubert & Müller auch noch der Philosoph Martin Heidegger und das Entführungsopfer Natascha Kampusch stolpert. Mal versteht man, warum all diese Leute unterwegs sind, mal versteht man es nicht," fasst Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (18.6. 2012) seinen Eindruck zusammen. Allerdings weckt der Abend bei ihm "kein Interesse, keine Neugier, kein Feuer, nichts." Auch das Rätsel, was so viele Bühnen an diesem Stück finden, könne Nora Schlocker nicht lösen. Sie habe sich aber bemüht. Der Fall Kampusch beispielsweise mache es dem Publikum "ausnahmsweise leicht". Kleinbürgerdamen mit geblümten Kleidchen "banalisieren sie mit Niedertracht das Leid des Opfers – und dankbar nimmt man das böse Kabarett entgegen, allein schon deshalb, weil man seinen Sinn kapiert hat. Ja, man wird genügsam und labt sich auch – noch eine Idee der Regisseurin – an den drei Intermezzi, mit denen Schlocker die Jelinek-Ströme staut: Ein Bub und zwei Mädchen, allesamt im Musikschulalter, spielen und singen in der Albtraumhütte tatsächlich Lieder aus der 'Winterreise'! Sehr schräg, sehr dilettantisch und darum sehr sympathisch."

 
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