altDas Leben is dead

von Martin Pesl

Wien, 15. Juni 2012. Das Haus der Gewalt wird irgendwann Mexiko sein, konkret Ciudad Juárez, die berüchtigte Stadt des Drogenkrieges. Das Haus der Gewalt ist aber zunächst eine Kraftkammer, ein Fitnessstudio also, zum Sich-Abarbeiten an der eigenen verhassten Körperlichkeit. Das Haus der Gewalt ist weit, wüst und recht leer, aber genug mit kleinen Sachen übersät, um nicht steril zu wirken.

la casa de la fuerza  280h juliocalvo.uLauniges Ende der Liebe mir Bier und Nikotin
© Julio Calvo
Wirre Worte nach fünf Stunden geballtem Theater suggerieren: Es ist gar viel, was Angélica Liddell besingt und bebildert in ihrer Arbeit "La casa de la fuerza" aus 2009, die sie als letzte Premiere der diesjährigen Wiener Festwochen zeigt. Um Frauenmorde in Mexiko geht es, aber auch um Melancholie, um Körper und Arbeit und, wie immer bei Liddell, um "die ganze Scheiße" in ihr.

Herausgerissene Herzen

Die 45-jährige spanische Performancekünstlerin ist bekannt dafür, sich auf der Bühne selbst zu verletzen. Sie und ihr Leid, mit dem sie das Publikum konfrontiert, bilden das Zentrum ihres Werks. Der körperliche Aktionismus fehlt auch im "Haus der Gewalt" nicht: Liddell ritzt sich, die Performerinnen lassen sich einmal von einer Ärztin Blut abnehmen und spritzen es sich auf die weißen Hemden, an die Stelle ihrer herausgerissenen Herzen.

Formal dominanter hingegen ist die Ebene der Musik: Nachdem ganz zu Beginn ein Quartett aus Mariachis mit Sombreros die heitere Seite der mexikanischen Melancholie untermalt hat, verleiht danach – neben Bach und einigen Popsongs vom Band – der famose Sänger und Cellist Pau de Nut dem Abend das richtige Pathos. Ganz recht, Pathos, denn das heißt Leiden und Leidenschaft, und auf dem semantischen Grat dazwischen bewegt sich Liddell sicheren Schrittes.

Die Hoffnungslosigkeit leistet gute Arbeit

Im ersten Teil ist die Gewalt, die sie und ihre beiden Mitperformerinnen sich antun, eher harmloser Natur: Mit Bier und Nikotin in Massen bejammern sie recht launig das Ende der Liebe und den Wunsch zu sterben, stemmen ein paar Hanteln, erzählen einander Filmszenen von Klavier spielenden Killern. Nach der ersten Pause wird es etwas konkreter, wenn Liddell persönlich ihre eigene Geschichte des Verlassenwerdens präsentiert: Mitleid erregend, wenn auch nicht Mitleid heischend. Ausgehend von Tagebucheinträgen und abfotografierten Fernsehbildern des 2009 zum Zeitpunkt der Trennung gerade wieder akuten Gazakonflikts versprüht sie in harten, aber nie banalen Monologen im Sarah-Kane-Format endlosen Selbsthass. "Das Leben ist dead. Die Kunst ist dead. Die Hoffnungslosigkeit leistet gute Arbeit."

la casa de la fuerza  560 juliocalvo.uBiblische Wucht: Drei Schwestern auf Kohlebergen © Julio Cavalo

Der zweite Teil mündet in eine Szene von biblischer Wucht: Nachdem die drei Frauen auf einem sorgsam aufgehäuften Kohlenberg Dialoge aus Tschechows "Drei Schwestern" wiedergegeben haben, das Traumziel Moskau allerdings durch Mexiko ersetzend, schaufeln sie in Knochenarbeit, begleitet von Bach-Musik, die Brocken wieder auf die Seite: "Man muss arbeiten!" Eine bricht zusammen, wird von den anderen einfach zugeschüttet. All das dauert ewig – die Gewalt im zweiten Teil wird am Publikum geübt: durch freche Missachtung üblicher Timing-Dramaturgien.

Teil drei führt dann wirklich nach Mexiko, ins natürlich gar nicht gelobte Land: Ein neues Schmerzensschwesterntrio schildert und beklagt die gefährliche Situation in Juárez. Liddells Bilder sind ohne Schnickschnack und doch voll stolzer Opulenz. Holzkreuze, Friedhofsfigürchen und ein altes Auto voller Blumen bebildern eine Art Requiem für die Ermordeten.

Groß gedachte Wutoper

Hier schließt Liddell geschickt ihre mannigfaltigen, im Laufe dieser fünf Stunden gespannten Inhaltsbögen, sie reißt aber vor allem eine bittere Leere auf. Hören wir doch diesen "politischen Teil" unter dem Eindruck von vorhin, als Liddell uns anschrie, ihr würden Obama, die Theaterleute, die Palästinenser und die Juden alle am Arsch vorbei gehen, während ihr Ex dafür den fiktiven Vorwurf in den Mund gelegt bekam, ihre Einsamkeit und Ungeliebtheit könne mit den Problemen der Menschheit oder auch nur jenen der Vergewaltigten von Juárez gar nicht mithalten. Das große politische Weh wird vom kleinen, individuellen aufgehoben und umgekehrt, die Körper sind geschunden und ausgelaugt vom Schuften, und zurück bleibt meine in fünfstündiger, mühseliger Arbeit freigelegte, nackte Trauer. Die mir aber – das ist das Erstaunlichste an diesem Abend – die Laune nicht verdirbt. Olé!

"Für dich als Mann muss das doch nochmal ganz anders wirken", meint eine Kollegin danach. Wir sahen also ein Frauenstück? Hm, vielleicht. Oder eine wuchtige, groß gedachte und intelligent zusammengefügte Wutoper über das Leid des Individuums und sein Leiden darüber, dass es nicht leiden darf.

La casa de la fuerza / Haus der Gewalt
von Angélica Liddell
Inszenierung: Angélica Liddell, Licht: Carlos Marquerie, Kostüme: Maria Escoté, Josep Font, Angélica Liddell,
Ton: Félix Magalhães.
Mit: Cynthia Aguirre, Perla Bonilla, Getsemaní de San Marcos, Lola Jiménez, Angélica Liddell, María Sánchez, Pau de Nut (Violoncello), Orchester Solís (Mariachis), Juan Carlos Heredia (Strongman), Helena Karner, Dr. Olga Latowa (Ärztin).

www.angelicaliddell.com
www.festwochen.at

Im vergangenen Jahr zeigte Angélica Liddell beim Berliner Performaning-Arts-Festival In Transit 11 ein furioses Solo als Richard III.

 

Kritikenschau

Die Aufführung bestehe aus "sehr viel ratterndem Sprachmaschinen-Gewehrfeuer und sehr langen meditativen Passagen, die vor allem im zweistündigen Mittelteil quälend wirken", schreibt Barbara Petsch in der Presse (18.6.2012). "Die Länge ist gewiss beabsichtigt. Der Zuschauer soll in Trance versetzt werden, wie das auch bei Gewaltorgien geschieht. Praktisch funktioniert das aber nicht. Die Substanz der bildermächtigen Aufführung reicht letztlich nur für zwei, höchstens drei Stunden." Der letzte Teil sei dann allerdings überzeuge: "Treffender ward selten illustriert, dass die Verständigungsmöglichkeiten in den Schlachten dieser Welt wie auch in der Schlacht der Geschlechter – wie sich großspurig eine Ö3-Quizschiene nennt – nicht allzu groß sind."

Entgegengesetzt argumentiert Helmut Ploebst im Standard (18.6.2012): "Die beiden ersten dieser Akte sind wutdurchfauchte Meisterleistungen. Teil drei schafft diese Spannung nicht mehr." Aus ihrer autobiografisch angelegten Erzählung ziele Liddell ins Gesellschaftliche: "Nämlich auf die massenhaften Frauenmorde in Mexiko, über die auch Roberto Bolaño in seinem Opus magnum '2666' berichtet hat. Was der Mensch seiner Umwelt zufügt, tut er - als Kulturleistung - auch seinesgleichen an. Liddell behübscht hier nichts: Es ist ein Horror."

"Es gibt Szenen in 'La casa de la Fuerza', in denen der ganze Schmerz die Grenzen zur Lächerlichkeit bis zur Groteske übersteigt", so Sophia Felbermair auf ORF.at. Liddell fühle sich dem menschlichen Leiden verpflichtet, aber manchmal sei das einfach zu viel der Verzweiflung und der Seelenpornografie. "Übrig bleibt die Trauer, nachdem Wut, Ekel und Zorn mit kathartischer Wucht nicht immer in erkennbaren Zusammenhängen abgearbeitet wurden."

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