Neue Stücke? Gute Stücke? Überhaupt Stücke?

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden / Mainz, 19. Juni 2012. Zur Halbzeit reift ins uns die Sehnsucht nach einem Stück, nach einem richtigen Stück. Eines mit Anfang, Mitte und Ende, das ganz ernsthaft eine erzählenswerte Geschichte erzählt und sich dafür womöglich eine dramaturgisch gewiefte Struktur ausdenkt. Ein Stück Literatur, das sich erst auf dem Theater vollauf entfaltet. Kurz: Ein Stück im altmodischen Sinne. Dabei gibt es durchaus konventionell gebaute Texte beim Festival "Neue Stücke aus Europa", das vor zwanzig Jahren als ausgesprochenes Autorenfestival gegründet wurde.

Nachspielbare Stücke sollten im Vordergrund stehen und mit ihnen ihre Autoren. Doch die Vorstellung davon, was ein Stück sein kann, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren bekanntlich gewandelt: Autoren weichen Kollektiven, aus Stücken werden Szenen und die Struktur folgt schon mal dem Zufall. Aber eben nicht immer.

burundanga 280 lena obst u"Burundanga" aus Barcelona © Lena ObstDas gebeutelte Spanien etwa zeigt eine klassische Verwechslungskomödie, die in ihrer Simplizität beinahe rührend wirkt. "Burundanga" von Jordi Galceran, dargeboten von der Theatergruppe FlyHard aus Barcelona, entpuppt sich als leichte Unterhaltung, die man nach Überall verschicken kann. Unter Einfluss eines Wahrheitsserums gesteht darin ein Mann seiner Freundin seine Mitgliedschaft in der Eta, woraus sich ein herrliches Durcheinander ergibt. Ohne Frage ist das charmant gespielt und in Szene gesetzt, doch leider schlägt das humoristische Herz des Ganzen nicht über die Länge der hundert Minuten, die das dauert.

Alvis Hermanis erkundet die lettische Dorfwelt

Dem lettischen Autor und Regisseur Alvis Hermanis indes gelingt dafür wieder einmal Zauberhaftes. Zum fünften Male ist er mit einer Inszenierung eingeladen, was die Frage aufwirft, ob das lettische Theater tatsächlich eine One-Man-Show ist. Aber auch diese Frage wirft gern über Bord, wer in die Fänge seiner Schauspielkunst gerät. Nachdem er vor zwei Jahren in "Marta vom blauen Hügel" dem Mysterium einer Wunderheilerin hinterherrecherchierte, nimmt er sich diesmal das lettische Landleben vor. Zwei Jahre lang hörte er sich mit seiner Truppe um, erkundete Lettlands Dorfwelt. "Schwarze Milch" dokumentiert die Ergebnisse dieser Recherche, indem es Szenen vom Lande zu einem kurzweiligen Reigen knüpft.

schwarzemilch 560 martin kaufhold u"Schwarze Milch" aus Riga  © Martin Kaufhold

Zu Anfang sitzen Frauen in bunten Blumenkleidern auf Schemeln, kehren uns den Rücken zu und schwenken ihre Hüften im Melkrhythmus, um sich kurz darauf selbst in leibhaftige Kühe zu verwandeln. Die Frauen werfen dümmliche Blicke ins Publikum, scharren mit den Hufen und staksen mit selbstbewusst hochgereckten Hinterteilen über die Bühne. Mit aufgerüsteten Brüsten, Marken im Ohr, Glocken um den Hals und Hörnern auf dem Kopf stehen sie mit eingekehrten Füßen auf Stöckelschuhen wie Paarhufer auf der Weide. Dabei schlagen sie immer wieder mit ihren Kuhschwänzen aus geflochtenen Zöpfen um sich und glotzen und wiederkäuen, dass es eine Art ist.

Hermanis und seine wie stets herausragend agierenden Darsteller erarbeiten das dermaßen akribisch und setzen es so kunstvoll um, dass man gewillt ist, ihm selbst die heillose Romantisierung des bäuerlichen Lebens zu verzeihen. Er selbst begreift sein Stück als ein Requiem auf das lettische Landleben, den Zuschauern bereitet er damit ein kurzweiliges und überaus sinnliches Vergnügen. Das Sujet lässt sich dabei auf alle Dörfer dieser Welt übertragen, wo die Dinge so oder ähnlich liegen, Strukturen im Wandel scheinen und Traditionen mit der Landflucht ins Rutschen geraten. Hermanis findet dafür Bilder, die im Kopf lange weiterwippen.

Dušan Vicen beschwört den Selbstoptimierungswahn

Die schöne neue Zeit beklagt auch der slowakische Beitrag mit dem viel versprechenden Titel "Stecher und Lutscher". Dušan Vicen verhandelt darin das Wertesystem einer dem Selbstoptimierungswahn verfallenen Gesellschaft, indem er Szenen aus der Business Class aneinander reiht und mit manch einer auf Leinwand projizierten Bildstörung kurzschließt.

stecher1 560 lenaobst u"Stecher und Lutscher" aus Bratislava  © Lena Obst

Das Ergebnis passt in seinem gut gemeinten Biedersinn leider zur schwarz-weißen Ausstattung des Abends. Wieder kein richtiges Stück: Keines zum Nachlesen, Mitfiebern und Weiterempfehlen. Doch ehe wir uns wieder in Rage denken, klingelt uns unser Mobiltelefon aus der Wut. Das Gerät erweist sich an diesem heißen Nachmittag wahrhaftig als "A machine to see with". So lautet der Titel der theatralen Stadtrallye, bei der die Teilnehmer mit dem Telefon am Ohr durch Wiesbadens Innenstadt jagen, unterwegs in geheimer Mission und für einen guten Zweck in fremde Autos steigen und Wildfremden Geld in die Hand drücken.

Blast Theory erzählen vom Leben und dem Theater

Die Selbstüberwindung, die das kostet, zahlen wir gern, denn auf einmal wird die Welt zur Bühne: Frauen gebärden sich auf offener Straße wie ukrainische Schauspielerinnen und Hunde geraten aufs Stichwort aus dem Häuschen. Die britische Truppe "Blast Theory", bekannt für ihre interaktiven Inszenierungen im öffentlichen Raum, befördern Zuschauer zu Akteuren ihrer eigenen Performance. Kein Stück im alten Sinne, und doch erzählt uns diese eine Stunde mehr vom Leben und vom Theater als manch eine auserzählte Aufführung.

amachinetoseewith1 560martin kaufhold u"A Machine To See With" aus Brighton © Martin Kaufhold

Der Streit ums richtige, gute, wahre Stück gehört sowieso zu den schönsten Begleiterscheinungen dieses Theaterfestivals: Was ist ein Stück und was ein gutes? Das fragen wir uns und andere - alle zwei Jahre jeden Tag. Dabei beweist die dieses Jahr zum elften Mal über die Bühnen von Wiesbaden und Mainz gehende Biennale wieder ein großes Herz. Das verdankt sie auch ihrem Patensystem, Dramatiker aus 41 europäischen Ländern schlagen Stücke ihrer Kollegen vor.

Und die neuen Tendenzen?

Die künstlerische Leitung (Manfred Beilharz, Tankred Dorst, Ursula Ehler, Maya Schöffel und Marie Rötzer) fährt und schaut hin und entscheidet. Es verdankt sich aber zudem der nicht unklugen Einsicht, dass Theater vieles ist. So ist das spanische Verwechslungskomödchen alleingenommen zwar nicht mehr als ein appetitlich angerichtetes Stückchen zum Fünfuhrtee; innerhalb des bunten Tableaus aber erweist es sich als ein Farbstoff eines Festivals, das von jeher mit seiner unabweisbaren Vielfarbigkeit punktet. Wer nach den neuesten Tendenzen des europäischen Gegenwartstheaters fahndet, ist bei dieser Biennale womöglich am falschen Ort. Die Auswahl der Stücke gehorcht keinem Credo. Sie ist subjektiv und gibt auch nichts anderes vor. Wer sich dem Vielerlei hingeben möchte, das derzeit in ganz unterschiedlichen Ländern Europas auf ganz unterschiedlichen Bühnen zu sehen ist, der ist hier richtig. Fehlt nur noch ein ebensolches Stück.

Neue Stücke aus Europa

Burundanga
von Jordi Galceran
Übersetzung: Stefanie Gerhold
Regie: Jordi Casanovas, Bühne: Elisenda Pérez, Sebastià Brossa, Kostüme: Albert Pascual, Licht: Rubèn TaltavullMit: Sergio Matamala, Pablo Lammers, Clara Cols, Carles Canut, Roser Blanch

www.flyhard.org

Schwarze Milch
von Alvis Hermanis
Übersetzung: Matthias Knoll
Regie und Ausstattung: Alvis Hermanis
Mit: Liena Šmukste, Jana Čivžele, Sandra Zvīgule, Kristīne Krūze, Elita Kļaviņa, Vilis Daudziņš.

www.jrt.lv

Stecher und Lutscher
von Dušan Vicen und Ensemble
Übersetzung: Mirko Kraetsch
Regie: Dušan Vicen.
Mit: Vít Bednárik, Ľubo Burgr, Lucia Fričová, Daniela Gudabová, Milan Chalmovský, Romana Malitiivadlo

www.skrat.info

A Machine to See with
von Blast Theory
Übersetzung Nick Tandavantij
Konzept: Matt Adams, Ju Row Farr, Nick Tandavanitj

www.blasttheory.co.uk


www.newplays.de


Die letzte Theaterbiennale fand 2010 in Wiesbaden statt. 

 

Kritikenrundschau

Betroffenheit habe eine wohlfeile Seite, aber sie kann Theater auch eine immense Wucht geben, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (23.6.2012) über die Wiesbadener Theaterbiennale. So findet etwa Gary Keegan von der irischen Truppe "Brokentalkers" einen phänomenal einfachen und wirkungsvollen Einstieg in das Stück "The Blue Boy": über einen Zollstock, mit dem er als Kind gerne gespielt habe, aber mit dem auch sein Großvater Kinderleichen vermessen musste. Der Abend verbinde das Dokumentarische mit der Theaterwelt wie es in der Intensität selten zu sehen ist, so die Kritikerin. Fausto Paravidino dagegen komme einem in seiner Schilderung der letzten Lebenstage seiner an Krebs gestorbenen Mutter überhaupt nicht nah. Mit der Gruppe Blast Theory und ihrem neuen Mitmachstück "A Machine To See With" schlendern, schleichen, flitzen die Zuschauer durch die Wiesbadener Innenstadt, angeblich im Begriff, einen Banküberfall zu begehen, jedoch passen "die seelische Verwicklung des Zuschauers und die logistische Entwicklung eines Stadtrundgangs nicht optimal zusammen". 

 

 
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