logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

alt

Tausendundeine Nacht auf Speed

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 19. Juni 2012. Sie hätten uns die Tür zu einer Geschichte geöffnet – ob und wie wir sie wieder schließen könnten, das müssten wir jetzt selbst sehen, verabschieden sich die beiden Männer in Arztkitteln vom Publikum.

Das ist das Ende einer anderthalbstündigen Tour de Force, auf der die fünf Performer der Beiruter Zoukak Theatre Company ihre Zuschauer im wörtlichen und im übertragenen Sinn durch ein Gebäude voller Geschichten gejagt haben. Los ging es im Zuschauerraum des Ballhauses Naunynstraße, wo drei fröhliche Nonnen Unterwäsche aufhängten und etwas von einem Mann erzählten, der drei Schwestern verführt, aber dann nur eine von ihnen geheiratet haben soll.

Blumige Geschichten in Geschichten in Geschichten

Schwuppdiwupp, treten die beiden Ärzte auf den Plan, die Nonnen stieben kichernd durch den Vorhang weg, und das Publikum wird in den dunklen Keller geleitet. "Es war einmal ein Mädchen, das lebte allein in einem Dorf namens 'Dorf der Unwissenheit'", heben die Weißkittel an zu erzählen – während sie reden, holen sie Plastiktüten hervor mit Requisiten, die sie dem Publikum als Beweisstücke entgegenstrecken. Dem Ärzte-Report zufolge lebte das Mädchen im "Dorf der Unwissenheit" zusammen mit 40 Ehepaaren. Die Männer vergingen sich regelmäßig an ihr; bis das Mädchen eines Tages ein großes Messer nahm und sie alle umbrachte. Anschließend wurde es von den Frauen auf dem Dorfplatz aufgehängt und nach drei Tagen begraben. Aufs Grab setzten die Richterinnen einen Grabstein, auf dem geschrieben stand: "Es war einmal ein Mädchen, das lebte in einem Dorf namens ‚Dorf der Unwissenheit'..."

Zwei Spielerinnen entreißen das Publikum der Endlosschleife und entführen es ins nächste Zimmer und ins nächste "Es war einmal". Und so weiter, durch alle Stockwerke des Ballhauses. Es fühlt sich an wie Tausendundeine Nacht auf Speed. "Geschichten in Geschichten in Geschichten" hatten die Ärzte ja auch ganz zu Anfang versprochen. Eine nach der anderen wird ausgepackt, die Pointen werden immer wilder und rätselhafter und die Sprache immer blumiger.

Rotkäppchen per Anhalter, Dornröschen exhumiert

Immer wieder blitzen Elemente aus bekannten Märchen auf – Rotkäppchen, Dornröschen, Blaubart – die miteinander und mit Zeitungsberichten geschickt zu neuen Märchen verwoben und mit einem surrealen Twist versehen worden sind. Rotkäppchen wird zu einer Künstlerin, die von einem LKW-Fahrer aufgegabelt, vergewaltigt und ermordet wird. Dornröschen zu einer toten alten Frau, die von betrunkenen Jugendlichen exhumiert und auf einen "romantischen Ausflug" mitgenommen wird. Die Prinzessin auf der Erbse ist eine schwarz verschleierte Frau, die mit dem Erfühlen der Erbse einst ihre Jungfräulichkeit bewiesen hat. Und so fort: Erzählen ist und bleibt auch ohne "Und wenn sie nicht gestorben sind..." ansteckend.silkthread randamirza 560 xWo ist dabei eigentlich der rote Faden?   © Randa Mirza

Vor allem, wenn die dunklen Geschichten einem derart temporeich und charmant vor den Latz geknallt werden wie hier. Mit einfachsten Mitteln hat sich die Zoukak Theatre Company die Räumlichkeiten des Ballhauses zueigen gemacht; an Requisiten steht jeweils nur das nötigste bereit, der Raum wird aber bis obenhin gefüllt mit Fantasieanregungen. Beim Erzählen streifen sich die Spieler die Figuren über und wieder ab. Was die fünf in ihren verschiedenen Kostümen eigentlich sind, das entpuppt sich langsam aber sicher als der "Silk Thread", also der seidene Faden des Abends: Sie sind der Mensch, das erzählende Wesen, das sich im Moment des Erzählens einerseits sich selbst und die Welt vom Leib hält und andererseits eine Gemeinschaft beschwört.

Dichotomie des Erzählens

Dementsprechend ist das Erzählen an diesem Abend stets eine zweischneidige Sache – egal, welches ihrer vielen Register die Erzähler-Spieler ziehen. Denn es wird eitel erzählt, es wird unbeteiligt erzählt, es wird chaotisch erzählt. Die Ärzte "sezieren" laut Programmheft "ihre" Geschichten, halten das Grauen, von dem sie berichten, auf Abstand, indem sie sich in vermeintlich sichere Distanz begeben – am Ende allerdings spielt die Geschichte ihnen durch ihre "Ein Hund kam in die Küche"-Struktur, siehe oben, einen Streich. Die drei Frauen, die zweimal als "Khalil's Girls" auftauchen, erzählen von einem gemeinsamen Liebhaber, der vielleicht immer nur in ihren Köpfen existiert hat – sie besingen und verfluchen ihn, indem sie die Redundanz zelebrieren.

Das alles soll am Ende eine Geschichte gewesen sein? Durch nur eine Tür soll man gegangen sein? Nein, man ist auch Treppen hinauf- und hinuntergegangen und weiß am Ende nicht mehr, in welchem Stockwerk man sich befindet – ahnt aber, dass dieses Haus eins mit vielen Zwischenebenen ist, die es im Rahmen privater Erinnerungs-Reisen noch zu erschließen gilt. Diese Tür findet man sowieso nicht mehr wieder.

 

Silk Thread
Text und Dramaturgie: Zoukak Theatre Company
Regie: Maya Zbib, Bühne: Maya Zbib in Zusammenarbeit mit Nathalie Harb, Licht: Riccardo Clementi, Fotos: Randa Mirza, Grafik und Video: Maya Chami.
Mit: Lamia Abi Azar, Hashem Adnan, Danya Hammoud, Junaid Sariedden, Maya Zbib, Susi, die Schildkröte.

www.ballhausnaunynstrasse.de