altKein Ratgeber

Wie entsteht ein Stück? Auf dem Theater, argumentiert der Autor (und Dramaturg am Berliner Deutschen Theater) John von Düffel in "Wie Dramen entstehen": Wer Stücke schreibt, muss die Bühne stets im Kopf haben, das Theater kennen und verstehen. Eine Binsenweisheit? Wenn man sich quer durch die dramatischen Erzeugnisse der Saison liest, möchte man sie dem einen oder anderen Jungautor dennoch unbedingt ans Herz legen. Ebenso wie den gesamten ersten Teil des Buchs.

wiedramenentstehenNatürlich lernt man bei Düffel nicht, Textflächen à la Jelinek zu schreiben. Aber wie ein Drama funktioniert und wie man als Autor Charaktere entwickelt, Dialoge baut und auf Makro- und Mikrospannung achtet, beschreibt von Düffel ebenso anschaulich wie treffend. Aus seinen persönlichen Vorlieben – etwa der, sich eine Figur beim Schreiben entwickeln zu lassen statt sie vorher am Reißbrett exakt festzunageln zwischen "Want" und "Need" (amerikanische Drehbuchschule) – macht er keinen Hehl. Als alleinseligmachende Handlungsanweisungen sind seine Ausführungen ohnehin nicht gedacht.

Auch den zweiten Teil von Lektor Klaus Siblewski, Ko-Autor der ebenfalls in dieser Reihe erschienenen Bücher zu Gedichten und Romanen, sollte man nicht vollkommen ignorieren. Seine wenigen bedenkenswerten Anmerkungen zum Schreib- und Produktionsprozess allerdings versteckt er in einer Flut an kaum erträglichen Allgemeinplätzen und Psychologisierungen.

Als Beispiele zitiert er nicht etwa aktuelle Gespräche mit Autoren, sondern autobiographische Passagen von Heiner Müller, Tankred Dorst und Co. Zudem versetzt er sich und die Leser in eine Art exemplarischen Dramatiker hinein, was dann so klingt: "Dieser [Schreib-]Schwung kann auch zum Erliegen kommen. Häufen sich die nur vorläufig niedergeschriebenen Formulierungen, und wird der Text immer löchriger, dann kann es geschehen, dass der Autor unsicherer wird und der Schreibfluss sich abschwächt und vielleicht sogar versiegt." Nein, wirklich?

Beide Autoren aber bemühen sich, so zu schreiben, dass auch der gelegentliche Theaterbesucher den Durchblick behält. Was sehr für dieses Buch spricht (vor allem für von Düffel), das weniger Ratgeber ist als eine leidenschaftliche Liebeserklärung ans Theater. (Georg Kasch)

 

John von Düffel / Klaus Siblewski:
Wie Dramen entstehen.
Luchterhand Literaturverlag, München 2012, 288 Seiten, 16,99 Euro

 

 

Für alle Theaterfälle

Puck heißt er, und vermutlich hat Shakespeares berühmter Geist aus dem "Sommernachtstraum" hier Pate gestanden. Puck, der ja auch unter dem Namen "Robin Goodfellow" am Hofe König Oberons agiert. Und mit einem solchen Goodfellow haben wir es auch im vorliegenden Fall zu tun: einem Kalender, genauer gesagt. Und zwar einem für Theater-Aficionados. Und wie das bei Religionsgemeinschaften gemeinhin der Fall ist, die nicht dem allgemeinen Gregorianischen Kalender folgen, fängt dieser Theaterkalender auch nicht am 1. Januar sondern am 25. Juni 2012 an und reicht bis zum 2. Oktober 2013, also etwa dem übernächsten Spielzeitbeginn. Immer eine Woche auf zwei Seiten und hinten eine Spielzeitübersicht zum Ausklappen.

Viel Raum für Planung also – von Theaterbesuchen ebenso wie praktischer Theaterarbeit. Denn an die Praktiker wendet sich "Puck" ganz besonders, der von Martina Edin, Sven Ludwig und der Dramaturgin Birte Werner erdacht und gestaltet wurde. Nicht nur, dass sich im vorderen Teil ein kleines Theaterwörterbuch mit den wichtigsten Fachbegriffen in elf Sprachen findet. Für den international operierenden (und möglicherweise Wanderlust-Fonds-finanzierten) Theatermenschen sind auch "nützliche Sätze" in mehreren Sprache zu finden, ideal für die rudimentäre Proben-Kommunikation mit nicht deutschsprachigen Akteuren.

puck1"Da war schon viel Schönes dabei!" möchten Sie beispielsweise als Regisseurin oder Regisseur aufbauend einen Schauspieler in einer deutsch-polnische Kooperation wissen lassen? "W tym bylo duzo fajnych momentow", könnten sie ihm oder ihr dann sagen. Und wenn Sie mit Ihrem Latein am Ende sind, dann brüllen Sie (let's say in Milano) einfach: "Io parto!", "Ich reise ab!"

Aber auch sonst bietet "Puck" allerlei Nützliches. Zwei Blätter mit kleinen grünen Aufklebern wie "Bauprobe", "Vorsprechen", "Gastspiel" oder dem magischen Wort "Premiere", die sich flugs am entsprechenden Tag in den Kalender einkleben lassen. Oder eine Liste aller nationalen und internationalen Theaterfestivals bis 2013. Runde Geburtstage und Jubiläen einschlägiger Leute aus der Szene sind ebenso vermerkt wie Jahrestage berühmter Uraufführungen der Theater- und Operngeschichte. Religiöse Feiertage (christlich, muslimisch, jüdisch) sind genauso berücksichtigt wie der Todestag von Klonschaf Dolly oder der 65. Geburtstag von Arnold Schwarzenegger (der 75. von Peter Stein selbstredend auch).

Auch optisch ist "Puck" gut geraten: A5-Format in angenehm grauem Pappeinband (der mit der Zeit und ansetzender Patina nur noch schöner werden kann und den zu bemalen oder anderweitig zu personalisieren man ausdrücklich aufgefordert ist), verschließbar mit blauem Moleskine-Gummiband. Man kann sagen, ein Objekt mit einigem Fetisch-Potenzial. (Esther Slevogt)

 

Puck – Der Spielplaner
16,95 Euro (zzgl. Versand)
www.puck-theaterkalender.de

 

 

Mit Gott

Wenn ein anerkannter Theaterkritiker ein Buch über "Gottessuche im modernen Theater" schreibt, löst das bei den meisten Theatergängern (nicht gerade ein frommes Völkchen gemeinhin) vermutlich den Reflex aus, vor dem inneren Auge die letzten besuchten Inszenierungen Revue passieren zu lassen. Gottessuche im Theater? Klar, es gab immer Mal Stücke, die sich der vermeintlichen "Rückkehr der Religion" gestellt haben. Lukas Bärfuss? "Der Bus" war so ein Fall. Aber gab es jenseits solcher Einzelfälle in den letzten Jahren tatsächlich eine Tendenz, die sich auf diesen Nenner bringen lässt?

gottessuche dermutzKlaus Dermutz meint: Ja! Er macht das deutlich am Theater von Andrea Breth, Christoph Marthaler und Peter Zadek rund um die Jahrtausendwende. Dass er die drei Regie-Schwergewichte bestens kennt, hat er nicht nur in zahlreichen Kritiken, sondern auch in verschiedenen Monographien hinlänglich bewiesen. Dementsprechend vermag auch die Darstellung der hier behandelten Inszenierungen zu überzeugen.

Doch wie versucht Dermutz deren Gottessuche zu fassen? Zunächst: Er macht das von einer dezidiert katholischen Position aus. Damit stellt er seine Überlegungen in die Tradition theodramatischer Überlegungen (Hans Urs von Balthasar vor allem), zu der er sich gleichwohl kritisch verhält: Dermutz betont, dass in diesen Studien die konkrete Theaterarbeit nur bedingt zur Kenntnis genommen worden sei. Deswegen setzt er eben hier an, um unter Rückgriff auf katholische Theoretiker (Karl Rahner etwa) ausgewählte Inszenierungen der drei Regisseure zu analysieren.

Das Ergebnis dieser Exegese ist faszinierend, legt es doch einen metaphysischen Kern von Theaterarbeit frei, der sich tatsächlich hervorragend mit letztlich theologischen Kategorien wie Erlösung, Schuld und Gnade beschreiben lässt. Die Frage, die nach der Lektüre des nicht gerade vorbildlich eingerichteten Buches freilich bleibt, ist, ob es sich dabei um ein Theater der Gottes- oder um eins der Sinnsuche handelt. Bei Dermutz läuft ernsthafte Sinnsuche auf Gottessuche hinaus. Wohl nicht nur aus theologischer Sicht eine mutige Engführung. (Kai Bremer)

 

Klaus Dermutz:
Gottessuche in den Theaterinszenierungen von Andrea Breth, Christoph Marthaler und Peter Zadek.
Lit Verlag 2012, 112 S., 24,90 Euro

 

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