Der schnellste Brüter

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2012. Ein "ewiges olympisches Theaterdorf" mit jährlich 120 Inszenierungen von Künstlern aus aller Welt. Ein "launisches, trashiges Dorf", das sich als "Mutterschiff, Zentrum, Treffpunkt, Lernort" (Rimini Protokoll) für frei produzierende Theatergruppen profiliert hat: das Berliner Hebbel am Ufer, Theater des Jahres 2004. Nach neun Jahren ist nun Schluss, Matthias Lilienthal dankt ab. Und das Begleitbuch zu dieser theaterhistorischen Ära ist jetzt im Verlag Theater der Zeit erschienen, herausgegeben von der HAU-Pressechefin und stellvertretenden künstlerischen Leiterin, Kirsten Hehmeyer, und Matthias Pees, Chefdramaturg der Wiener Festwochen.

Oh je, denkt man im ersten Moment, die Sieger schreiben ihre Geschichte. Doch die Mischung aus (Eigen)Lob und (Selbst)Kritik in diesem Arbeitsbuch "Import Export" erweist sich als stimmig. Die Reflexionsmaschine HAU funktioniert auch in der Selbstanalyse. Mitarbeiter und Gäste erkunden in Gesprächen und Essays die spezifische Ästhetik und Arbeitsweise des Theaterkombinats am Kreuzberger Kanalufer: Der "schnelle Brüter in der Theaterlandschaft" (Barbara Gronau) produzierte mit minimalen Mitteln und schmalem Apparat politisch gedachtes, umfeldorientiertes und partizipatorisches Theater der "neuen Themen und Formate". "Ein unablässiger Versuch von Kontextualisierungen" sei das HAU gewesen, so Mitherausgeber Matthias Pees, es habe "Raum  (...) für eine andauernde Selbstbefragung und Befragung des Außen" geschaffen.

Nie ohne den großen ML

Die lose angeschlossenen oder fester assoziierten Gruppen einte das Desinteresse an der Inszenierung von Theatertexten und das Vorhaben, "inszenatorische Momente an diesen oder jenen sozialen Schauplätzen freizulegen und zu zeigen, dass etwa eine Aktionärsversammlung eigentlich wie eine Theaterveranstaltung durchgespielt werden kann", formuliert der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl im (äußerst instruktiven) Gespräch mit Barbara Gronau. Die Hauptversammlung, eines der Projekte von Rimini Protokoll, entstanden im Frühjahr 2009, scheint als eines der – wenn nicht gar das – paradigmatischen Theaterereignisse unter Lilienthals Ägide auf, und dieser schlägt launig vor, dem Daimler-Vorstand den "Performerpreis der neun Jahre HAU" zu verleihen.

importexport

Die rund 150 Seiten Text lassen sich einführend wie zur Vertiefung lesen. So deutlich wie der Arbeitsansatz des HAU und seine erfolgreichsten Produkte wird im Sammelband auch die zentrale Bedeutung von Matthias Lilienthal für die (inter)nationale Ausstrahlung des Hauses: Künstler und Gruppen agierten zwar als eigenständige Labels, auf Augenhöhe mit dem Apparat – nicht zuletzt, weil sie selbst akquirierte Gelder mitbrachten. "Am Chef ging allerdings nichts vorbei", kritisieren She She Pop leise Lilienthals übermächtige Präsenz und loben deshalb die "tollen Frauen" am HAU dafür, diese Situation "mit Würde und Professionalität gemeistert" zu haben.

Manchmal wirken männliche Seilschaften eben auch in einem genderkorrekten Theaterbetrieb machtvoll, und so empfängt "ML", der "König der Drittmittel", Huldigungen unter anderem vom Nestor der Gießener Theaterschule, Hans-Thies Lehmann: Lilienthals "Veröffentlichungsorgan für Realerfahrungen" sei in den neun Jahren seiner Regentschaft das "Hau(s) für die interessante Theaterwelt" schlechthin gewesen.

Mit neoliberalem Sofakissen

Lilienthal pflegt seinen Status als Ausnahmetheatermacher bekanntermaßen mit wegwerfendem Understatement (Stichwort: T-Shirt) und sieht seine Rolle als Kurator vor allem darin, "die Ästhetik der Gruppe durch eine bestimmte soziale Anbindung anders sichtbar zu machen". Kurz: "Die Gruppen brachten die Ästhetik, wir die Themen."

Vom Eröffnungswochenende zum Thema Kunst und Verbrechen bis zu den megalomanen Abschlussprojekten im Stadtraum, der Großen Weltausstellung 2012 auf dem Tempelhofer Flugfeld und dem 24-Stunden-Marathon Unendlicher Spaß, verschrieb sich das HAU der Kommentierung gesellschaftlicher Gegebenheiten. Oder vielmehr der  Ermöglichung von Kommentaren, denn ohne Künstler kein HAU – das machen die Herausgeber angenehm deutlich.

In einem "subjektiven Künstler-ABC" erteilen sie den engsten Weggefährten am Schluss das Wort, und Rimini Protokoll, She She Pop, Showcase Beat Le Mot, Gob Squad, Branka Prlić und Tamer Yiǧit oder Hans-Werner Kroesinger firmieren unter Einträgen wie Unwirklichkeiten, Spielanordnung, Tanz, Virtualität, Widerstand und Agitprop.

Souverän gibt der Sammelband auch Einwänden Raum (und neutralisiert Kritik in einem Beitrag zugleich als bequemes "Sofakissen der Bourgeoisie"): Möglicherweise markiere das Experiment HAU nicht nur die Neuerfindung, sondern auch die Grenze von Theater. Die Kunstproduktion durch einen überhitzten Apparat im Dauerstress habe letztlich eine "Materialermüdung" zur Folge, so Joseph Vogl.

Ein zentraler Widerspruch ist den HAU-Machern dabei bewusst: Die Verfertigung ihres avancierten, (kapitalismus)kritischen Theaters gründet letztlich auf einem neoliberal konnotierten Arbeitsmodell, auf Selbstausbeutung und drohender Prekarisierung aller Beteiligten.

So klingt die von Rimini Protokoll per Fragebogen geäußerte Theaterutopie verlockend und zugleich beklemmend: "das HAU als Mobilie, die an beliebige Orte transportiert werden oder andocken kann". Als Formatfabrik taugt das HAU recht gut zum Franchisingmodell. Und Matthias Lilienthal, der umtriebige Tausendsassa, arbeitet vermutlich schon an einem Konzept für das transportable Theaterdorf.

 

Import Export.
Arbeitsbuch zum HAU Berlin
Herausgegeben von Kirsten Hehmeyer und Matthias Pees.
Mit Beiträgen von u.a. Stefanie Carp, Neco Çelik, Carolin Emcke, Barbara Gronau und Joseph Vogl, Pirkko Husemann, Rabih Mroué, Sylvia Sasse und Stefanie Wenner.

Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012, 180 S., 18 Euro

 

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