Davon später

Es beginnt auf einer Alm in Kärnten und endet bei Beethoven und Napoleon. Die Begegnung zwischen Komponist und Kaiser ist (Drehbuch-)Fiktion, die Alm dagegen ein Kindheitsort, an den es ihn "auf meine alten Tage wieder hingezogen" hat: Maximilian Schell. Zwischen diesen beiden Punkten schlägt der Theater- und Filmschauspieler, Produzent und Pianist, den Bogen seiner Lebenserinnerungen.

maximilian schell ich fliege 180Es ist keine Kindheit-Schauspielschule-Hollywoodstar-Geschichte, ist nicht chronologisch und auch keine Aneinanderreihung von Highlights. Eher nachdenklich und unaufgeregt schildert und kommentiert Schell Episoden, Begegnungen, Assoziationen. So kann er von der Kindheit im Dienstbotenzimmer der Villa Wesendonck zu seiner "Lohengrin"-Inszenierung kommen, die an dem 11. September 2011 in Los Angeles Premiere haben sollte, von hier zu Krieg im Allgemeinen und Hitler im Besonderen, um sich dann zu mahnen: "Jetzt beginnen die Erinnerungen durcheinanderzugehen."

Es ist, wie in einem dicken Familienalbum zu blättern, wo zu bestimmten Bildern Erinnerungen wach werden. Und so ist das schöne Buch auch gestaltet: Fotos, Zeichnungen, Gedichte und vor allem Autografen sind direkt im Text eingestellt. Kleine Nachrichten oder Widmungen sind Anlass, sich an Marlene Dietrich, Judy Garland oder Orson Welles ("vielleicht das einzige Genie, dem ich begegnet bin") zu erinnern.

Seine eigenen Regie-Arbeiten kommen eher beiläufig vor, ausführlich und spannend das Drehbuch-Tüfteln mit Dürrenmatt. Seinen beiden wichtigsten Rollen gilt jeweils ein Kapitel: Von der Angst, den hohen Erwartungen an den "Jedermann" in Salzburg und dem "Hamlet", in Hamburg von Gustaf Gründgens inzeniert. Ihn nennt der 81jährige "meinen größten und wichtigsten Lehrer", fand dessen Theater aber auch mal "stilisiert und museal", heute vermisst er "seine Beherrschung der Sprache". Solche Widersprüche lässt das Buch stehen, dem man anmerkt, dass Schell ein Sprachästhet ist. Nur das einige Male ("doch davon später") angekündigte Kapitel über die Schwester Maria bleibt ungeschrieben. (Ute Grundmann)

 

Maximilian Schell:
Ich fliege über dunkle Täler. Erinnerungen
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012,
400 Seiten, 24,99 Euro

 

Reichlich spät

Mit der Populärkultur hat es der deutsche Intellektuelle eigentlich nicht so. Und der Schreiber dieser Zeilen muss sich da gar nicht ausnehmen. Wie sehr schüttelt es einen manchmal, wenn man die x-te mit MTV- und Hollywood-Anleihen auf jung gepimpte Trailer-Version eines Bühnenklassikers durchhockt. Wie schmerzlich merkt man dann, dass ein Kritiker überhaupt erst dort ein Arbeitsfeld findet, wo etwas kniffelig wird und also Werke eine eingehende, akribische Lektüre erfordern. Das Populäre aber zehrt von Abkürzungen, vom leichten Federstrich, mit dem vertraute Erfahrungen blitzschnell abgerufen werden, vom eingängigen massenwirksamen Beat: "She loves you, yeah, yeah, yeah."

gross lehmann populaerkultur 180In Deutschland standen solche Beats lange nicht nur unter hermeneutischem Verdacht à la "Zu billig!", sondern auch unter politischem: Mit Adornos Kritik an der Kulturindustrie stellte sich das Massenwirksame als Verblendungszusammenhang der kapitalistischen Warenproduktion dar. Wer sich vor diesem Hintergrund mit Populärem beschäftigen wollte, lief Gefahr, die notwendige Gesellschaftskritik aus den Augen zu verlieren.

Wege aus diesem Dilemma schildert der Pop-Experte Thomas Hecken in seinem Aufsatz "Intellektuelle und Kulturindustrie". Sein panoramatischer Überblick über die Aneignungsformen von Populärkultur in der Kunst seit den 1960er Jahren verknüpft, was als roter Faden durch diesen Tagungsband der Frankfurter Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann und Martina Groß läuft: Gesucht ist eine Pop-Kunst, die sich massenmedial durchdringen lässt, ohne den Impetus des Kritischen aufzugeben.

Der Ansatzpunkt dieser Arbeit ist heute gleichwohl eher systemimmanent. "Es geht also nicht allein um eine Hinwendung zur Wirklichkeit im Spiel mit Formen der populären Kultur, nicht um die Demaskierung der Wirklichkeit als inszenierter, sondern darum, der Komplexität der Wirklichkeit mit den Mitteln der Bühne, aber auch populärkultureller Inszenierungsstrategien in gleichwertiger Komplexität zu begegnen", schreibt Professorin und She She Pop-Mitglied Mieke Matzke im lesenswerten Auftaktessay über ihre eigene Theaterarbeit.

Man hätte gern mehr solche konkreten Werkuntersuchungen wie von Matzke oder Patrick Primavesi (über Gob Squad) gelesen. Pop-Theatermacher wie Stefan Pucher oder René Pollesch kommen eher am Rande vor. Große Analysen wie von Diedrich Diederichsen zu Pollesch muss man anderswo nachschlagen. Überhaupt ist der etablierte Pop-Theoriediskurs mit Hecken und Diederichsen (der hier ein sehr skizzenhaftes Impulsreferat zu Verfahrensweisen des Pop vorlegt) etwas spärlich vertreten. In der Begriffsbildung (Wovon reden wir, wenn wir "Pop" sagen?) bleibt der Band vage. Da baut sich jeder Beiträger sein eigenes Referenzsystem. Oder er performt es einfach munter, wie Alexander Karschnia von andcompany&Co. mit einem gewohnt sprunghaften Theorie-Sampling.

Pop-Ästhetiken, als Strategien der Aneignung und Neukombination massenmedialer Zeichensysteme aufgefasst, drängen seit den 1990er Jahren verstärkt ins Theater. Man könnte sagen, diese Wissenschaftler kommen reichlich spät und auch: Endlich kommen sie! Aber vielleicht hatten sie in diesem Fall ihre Arbeit längst geleistet: Viele namhafte Popper sind aus den Angewandten Theaterwissenschaften Gießen hervorgegangen (Pucher, Pollesch, She She Pop) und ihre Werke wurden durch Hans-Thies Lehmanns Theorie des postdramatischen Theaters flankiert. So gesehen schaltet der Band eine große Feedback-Schleife. Von der Theorie zur Bühne zur Theorie. Der Loop war immer schon ein feines Mittel des Pop. (Christian Rakow)

 

Martina Groß / Hans-Thies Lehmann (Hg.):
Populärkultur im Gegenwartstheater.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012,
245 Seiten, 18 Euro.

 

Nie zu spät

Dies ist ein Essay des Philosophen Ludger Schwarte über folgende Grundfragen: "Wer bestimmt, wer recht hat? Was heißt es, eine Situation richtig zu beurteilen? Wer darf urteilen?"

schwarte urteilen 180Er stellt sie angesichts einer Situation, in der man sich als Bürger in einer "unübersichtlichen Gesetzeslandschaft" wiederfindet, ein (gesellschaftlicher) Zustand, in dem "kein normaler Bürger die Gesetze kennt, nach denen er sich zu richten hat". Es ist ein gedankenreichhaltiges, anregendes, auch herausforderndes Buch, das hier nicht gebührend behandelt werden soll (und kann).

Es sei lediglich, als Leseanregung, aus dem sechsten, dem letzten Kapitel dies zitiert: "Urteilen ist ein Denk-Akt. Für die Entscheidung darüber, was sein soll, sowie die Einschätzung dessen, was nicht mehr ist, ist das Selbstdenken unentbehrlich. Will man sich selbst ein Urteil bilden, bedarf es der Vorstellungs- und Einbildungskraft. Ein eingeschränktes, borniertes Denken ist ein solches, das seine Ecke, seinen Ort,  seine Zeit nicht zu verlassen vermag. Das Urteilen ist vor allem ein Überwinden dieser Beschränktheit, es ist ein geselliges, öffentliches Denken, wenn es sich der Kritisierbarkeit und Einmischung aussetzt; und auch, wenn es die Kraft aufweist, die eigene Wirklichkeit zu verändern."

Und was, kann man dieses Buch lesend weiter fragen, hieße das für den Denk-Akt eines Urteils, wenn man es mit Kunst, Theater zum Beispiel, zu tun hat? Was meint in diesem Zusammenhang, die Beschränktheit zu überwinden? Was, die eigene Wirklichkeit zu verändern? Wer darf dabei überhaupt urteilen? Und wer bestimmt, wer recht hat?

Auch dafür lohnt es, diesen Essay zu lesen: auf solche Fragen zu kommen. Es sind, dies sei erlaubt anzumerken, Fragen, die sich nachtkritik.de stellt, seitdem es nachtkritik.de gibt. Abschließende Antworten sind nicht zu erwarten, wie auch. Das aber ist keineswegs ein Grund, diese Fragen nicht zu stellen, denn das hieße, das Problematische allen Urteilens zu leugnen, was nichts anderes hieße, einem stumpfen, dumm machenden Dogmatismus zu verfallen. (Dirk Pilz)

Ludger Schwarte:
Vom Urteilen. Merve Verlag, Berlin 2012,
200 S., 15 Euro

 

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