Plädoyer für ein populäres Theater

von Stefan Keim

München, November 2007. Ein wichtiges Thema, eine starke Geschichte, großartige Schauspieler. Berichte in allen ernstzunehmenden Medien, inhaltliche Debatten entstanden, und sie zeigten Wirkung: Erstmals will sich ein Vertreter des Arzneimittelherstellers Grünenthal mit einem Menschen treffen, der durch das Medikament Contergan geschädigt wurde.

"Contergan" ist ein Fernsehfilm, ein sehr guter, umstritten, aufregend, massenwirksam. Warum ist "Contergan" ein Fernsehfilm? Die Frage wurde in den Feuilletons manchmal gestellt. Allerdings mit dem Zusatz: Wieso kommt so ein Film nicht ins Kino? Auf die Idee, dass dieser Stoff auf die Theaterbühne gehört, kam erstmal keiner. Weil das Theater nicht mehr als zentrale Kunstform wahrgenommen wird.

Welthaltigkeit

Das liegt nicht daran, dass Themen wie Contergan auf der Bühne nicht vorkommen würden. Im Gegenteil, seit einigen Jahren haben sich viele Theater eine größere Inhaltlichkeit – oder wie es unter Dramaturgen manchmal heißt "Welthaltigkeit" – auf die Fahnen geschrieben. Und es gibt auch viele ernsthafte Formen der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, mit Armut, Integrationsproblemen, Rassismus usw.

Da lassen sich einige Lorbeeren verteilen, an den Bürgerchor am Staatsschauspiel Dresden und den "Woyzeck", an das Schlosstheater Moers mit seinen Kampagnen zu den Themen Demenz und Armut. Fast jedes Haus, das etwas auf sich hält, zeigt Wirklichkeitserkundungen von Rimini Protokoll, Stadtteilprojekte, manche haben sogar Spielstätten etabliert, die sich im Schwerpunkt mit diesen Formen beschäftigen, die von der Zeitschrift "Die Deutsche Bühne" mal als "Theater der sozialen Aufmerksamkeit" bezeichnet wurden.

Um das alles geht´s hier nicht. All diese Dinge sind gut und schön, sie geben den Theatermachern etwas und auch den Leuten, um die es geht. Aber sie bringen das Theater in der öffentlichen Wahrnehmung nicht dauerhaft aus seiner Nische heraus.

Stars gegen die Marginalisierung

Die andere Strategie, um über die üblichen Verdächtigen hinaus Aufmerksamkeit zu erregen, ist das Engagieren von Stars. Das geschieht mal mehr, mal weniger durchdacht. Die Idee, Harald Schmidt den Lucky in "Warten auf Godot" spielen zu lassen, der ja eine Art absurder Standup-Comedian ist, war ein Coup. Denn die Besetzung geschah aus einer überzeugenden inhaltlichen Überlegung heraus.

Die Zahl bekannter Schauspieler, die gern mal wieder ernsthaft Theater spielen möchten, ist gar nicht so klein, und das Ergebnis oft interessant. Aber auch das führt höchstens kurzfristig dazu, dass sich ein sonst bühnenfernes Publikum ins Theater bewegt. Wer sich mal Sebastian Koch in einer Oscar-Wilde-Komödie anschaut, geht mit Sicherheit nicht einen Monat später in eine normale Repertoirevorstellung. Nichts gegen Stars auf der Bühne, aber die Wirkung ist nur kurzfristig, die Aufmerksamkeit schnell wieder verflogen.

Sehnsucht nach Geschichten

Wer das Theater zu größerer gesellschaftlicher Bedeutung führen will, muss grundsätzlich umdenken. Nicht in erster Linie inhaltlich, da ist vieles auf einem guten Wege. Jetzt geht es um die Ästhetik. Es gilt weitgehend als Konsens – auch und vor allem unter Kritikern -, dass Illusionstheater und psychologische Erzählweisen veraltet sind. Geschichten ohne Brechungen zu erzählen, können sich nur ein paar Altmeister leisten. Und auch die werden von ihren jüngeren Kollegen oft belächelt. Gleichzeitig herrscht eine große Sehnsucht nach diesen Theaterformen. Das äußert sich darin, dass deutschsprachigen Autoren gesagt wird, ein well made play könne man heute nicht mehr machen. Gleichzeitig schlagen sich die Bühnen um Erstaufführungen von Neil LaBute.

Die Sehnsucht nach direkt und emotional erzählten Geschichten grassiert unter den Besuchern, aber auch unter Schauspielern. Da hört man manchmal, in Weihnachtsproduktionen könne man endlich mal wieder richtig Theater spielen. Und privat gehen die meisten an einem freien Abend lieber ins Kino. Ich will keinesfalls den frisch erstarkten Konservativen, den Helden des Spiralblocks, das Wort reden. Das Theater braucht natürlich die Künstler, die Träumer, Spinner, Welterfinder. Nichts ist wunderbarer als ein Regieteam, das eine ganz eigene Handschrift entwickelt, in dessen Aufführungen viel Persönliches steckt. Das uns herausfordert, verstört und auch mal vor den Kopf stößt. Klar. Aber das Theater braucht auch den Mut, Geschichten einmal ohne Verfremdungen zu erzählen. Anders ausgedrückt: Das Theater braucht Mut zum Genre.

Mut zum Genre

Der Krimi ist das populärste dieser Genres, im Kino, im Fernsehen, als Buch, als Hörbuch. Im Theater kommen Krimis nur gelegentlich vor. Als nostalgische Spielerei. Da leistet man sich als Spaß in der Boulevardposition die "Mausefalle", was von Wallace oder Durbridge. Zeitkritische Stoffe sind Fehlanzeige. Dabei ist der Krimi die beste Form, um politische Inhalte verpackt in eine spannende Story einem großen Publikum zu präsentieren. Verwandt sind der Politthriller, das Melodram, auch die Gruselgeschichte.

Auf solche Genres angesprochen, zucken die meisten Regisseure die Achseln und sagen, so etwas könne das Fernsehen besser. Das stimmt nicht. Denn das direkte Erleben realer, atmender, schwitzender Schauspieler hat immer noch eine Wirkung, die keine Großaufnahme erreichen kann. Wenn man dann doch mal einen "Dracula" oder vergleichbares inszeniert, geht es auf der Bühne immer gleich um Reflexionen, das Spiel mit den Motiven, die Vielschichtigkeit, den Einzug einer kommentierenden Ebene, um Metatheater. Okay, das ist ja alles auch mal spannend. Aber es ist zum Dogma geworden.

Zuschauer, die ein direktes emotionales Erlebnis wollen, haben inzwischen viele Enttäuschungen hinter sich und winken – wenn sie entsprechende Titel lesen - im schlimmsten Fall schon ab, weil sie kapiert haben, dass Theaterleute denken, so etwas gehe nicht. Es geht aber, natürlich auf eine eigene Art. Doch die kann nicht darin bestehen, ständig sich selbst und die eigenen Produktionsbedingungen zu reflektieren. Denn – seien wir mal ehrlich – außer uns interessiert das keinen. Außerdem sind all diese Dinge inzwischen durchgekaut und damit öde und langweilig. Das Theater ist nicht dafür da, um vom Theatermachen zu erzählen. Wie gesagt, inhaltlich haben das viele verstanden, jetzt geht es darum, diese Erkenntnis auch ästhetisch umzusetzen.

Wider den Originalitätszwang

Es geht mir nicht darum, solche Reflexionen zu verdammen, im Gegenteil. Ich rede jetzt nicht von den Spitzenaufführungen, sondern vom Theateralltag, in dem zu viele Regisseure zeigen wollen, dass in ihnen auch ein kleiner Pucher, Castorf, Marthaler oder wenigstens ein Thalheimer steckt. Sie kriegen ja auch von Kritikern wie wahrscheinlich auch von manchen Intendanten [...] das Signal, Handwerk sei langweilig und Originalität alles.

Theater kann aber nicht ständig originell sein, so viel Neues gibt es einfach nicht. Ein gut inszenierter Gegenwartskrimi ist an jedem Haus ein Renner. Und wenn man ihn mit Liebe, Ernsthaftigkeit und Humor inszeniert, kann er ein Aushängeschild werden, eine Aufführung, die auch die Stärke des Ensembletheaters verdeutlicht im Gegensatz zu den meisten Tourneeproduktionen.

Denn wenn tolle Schauspieler, die einen Zusammenhalt entwickelt haben, eine spannende Genregeschichte erzählen, weist schon ihr Spiel über das hinaus, was da konkret verhandelt wird. Weil sie ganz automatisch anfangen, die Natur des Menschen zu erforschen.

Vom Kindertheater lernen, heißt siegen lernen

Das Unterhaltungstheater ist nicht dafür da, ein paar konservative Abonnenten zu bedienen und damit die Projekte abzusichern, die den Machern eigentlich am Herzen liegen. Es hat ein eigenes Recht. Mehr noch: Es ist zentral für die Wahrnehmung in weiteren Kreisen der Gesellschaft. Denn die Leute gehen zum Vergnügen ins Theater.

Unsere Konkurrenten sind nicht nur Kino und Fernsehen, sondern auch das Abendessen im Restaurant oder die Party. Viele Menschen müssen sich – schon aus finanziellen Gründen – entscheiden, ob sie zum Italiener oder ins Theater gehen. Diesen Kampf sollten wir führen. Mit spannenden Krimis, tollen Liebesgeschichten, mit Horror und intelligenten, satirischen Komödien.

Die Familienstücke vor Weihnachten wurden früher oft geschmäht und als lästige Pflichtaufgabe erledigt. Heute werden sie schon vielerorts mit künstlerischer Anteilnahme inszeniert. Weil sie Aushängeschilder sind und inzwischen auch viele Erwachsene rein gehen. Das muss auch für die anderen Formen des Entertainments gelten. Denn es könnte eine Todsünde sein, diese populären Genres den Tourneebühnen, Privattheatern und im schlimmsten Falle Film und Fernsehen zu überlassen.

Da können wir übrigens lernen von den Kinder- und Jugendtheatern, die es immer schon gewöhnt sind, auf eine sehr direkte Weise mit dem Publikum zu kommunizieren. Sie müssen genau darauf achten, was ankommt, wo sie ihre Zuschauer abholen müssen und schaffen es häufig, dass da keine oder nur wenige künstlerischen Abstriche nötig sind.

Für eine zeitgemäße Operette

Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang Operette und Musical. Das Repertoire ist an den meisten Bühnen extrem eng und wird von so genannten Routiniers inszeniert, die schon ihre vierzigste bis fünfzigste "Csardasfürstin" machen. Als ich das zum ersten Mal hörte, hielt ich es für einen absurden Gag. Sie wissen, das ist Realität, entsprechend sehen diese Aufführungen auch aus, Aufgekochtes, Lauwarmes, Plädderiges. Auch hier werden Riesenchancen vertan.

Eine zeitgemäße Operette, ein unkitschiges Musical zu schaffen, ist ein zwingendes Gebot. Die Tradition ist da: die satirischen Operetten Jacques Offenbachs, die damals voller Zeitkritik steckten, auch die Mischformen aus Musical und Operette aus den zwanziger Jahren, in denen Kabarettisten auftraten, und scharfe Pointen auf ihre Gegenwart abschossen. Eine Wiederbelebung dieser Form wurde gelegentlich versucht, zum Beispiel in Dresden mit Wolfgang Stumph als Frosch in der "Fledermaus" mit saftig-kabarettistischem Biss. Repertoirestücke lassen sich so neu beleben, aber es ist auch nötig, neue zu schreiben, Operetten, Musicals, Revuen, die den Geist der zwanziger Jahre in die Gegenwart übertragen. Da gibt es noch viele Möglichkeiten außerhalb der Liederabende von Franz Wittenbrink.

Operette und Musical tragen die Möglichkeit in sich, zeitkritisches, satirisches und populäres Gegenwartstheater zu sein, weil sie das Publikum durch Lachen und Emotionen öffnen. In den letzten Jahren haben sich einige wichtige Regisseure mit der Operette beschäftigt. Gerade gibt es auch den Trend, dass viele Schauspielensembles sich dem Musiktheater nähern, und auch der Operette. Das sollte intensiviert werden, nicht mit dem Ziel der Dekonstruktion, sondern der liebevollen Wiedergeburt.

Theatermacher brauchen neues Selbstbewusstsein

Ich habe über den Theateralltag gesprochen. Der liefert die Grundlage, um die Bühnen wieder mehr in den Blickpunkt eines größeren Teils der Gesellschaft zu rücken. Aber um einen höheren Status in der mediengeprägten Welt zu etablieren, braucht es natürlich die Spitze. Auch da brauchen wir ein anderes Bewusstsein.

Es ist toll, dass viele Theater Uraufführungen spielen und Autoren zu Stücken anregen. Es ist weniger schön, dass deren Honorare meist sehr übersichtlich sind. Kein Schriftsteller kann es sich derzeit leisten, einen Stoff wie "Contergan" für das Theater zu entwickeln. Das erfordert eine lange Recherche, sehr viel Arbeit, und die entsprechende Bezahlung findet man eben bei Film und Fernsehen.

Und hier braucht es Mut, Mut, in solche Projekte zu investieren, Autoren zu finden, die sich mit dem Theater auseinander setzen und Stoffe, die sie nach vielen Diskussionen und tausend Veränderungen vielleicht beim Fernsehen durchsetzen können, für das Theater entwickeln. Es braucht den Mut, solche Produktionen eine bestimmte Zeit lang en suite anzusetzen, wie Peter Steins "Wallenstein", der marketingtechnisch genial platziert war. Womit wir zu einem der wichtigsten Punkte kommen: Die Theatermacher brauchen nicht nur ein verändertes Bewusstsein, sondern vor allem Selbstbewusstsein.

Selbstreflexivität aus Feigheit

Die fast schon an Denkverbote grenzende Konzentration auf verschiedene Spielweisen der Selbstreflexivität liegt meiner Ansicht nach auch in einer Feigheit begründet. Im fehlenden Selbstvertrauen. Man will sich dem Vergleich nicht stellen, nicht an handwerklichen Kriterien messen lassen, behauptet einen künstlerischen Freiraum, der in unserer Gesellschaft immer enger wird. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Theatermacher als Reaktion einigeln und den Bestand mit Zähnen und Klauen verteidigen. Dadurch geraten sie in die Defensive. Angriff ist die beste Verteidigung.

Wenn ich mir was wünschen könnte

Ich wünsche mir vom deutschsprachigen Theater, dass es populäre Genres wie den Krimi nicht Film und Fernsehen überlässt. Ich wünsche mir den Mut, Autoren und Regisseure an große Stoffe und große Projekte zu setzen und die Arbeit entsprechend zu finanzieren. Ich wünsche mir, dass die Theatermacher auch zu dem stehen, was sie machen, und spannende Uraufführungen nicht nach ein paar Vorstellungen wieder in der Versenkung verschwinden lassen. Ich wünsche mir, dass Sie sich Gefühle trauen, große Geschichten und Unterhaltungstheater auf einem Niveau, das außerhalb des deutschen Stadttheaters keiner erreicht.

Und natürlich wünsche ich mir, dass es weiterhin die unverwechselbare Handschrift, radikal persönliche Theaterformen und Experimente gibt. In der Verbindung liegt die Kraft. Die große Kunst und die populäre Unterhaltung benötigen den gleichen Aufwand an Herzblut und Energie. Dann werden sie sich öfter gegenseitig befruchten. Und wir werden häufiger das wunderbare Erlebnis haben, dass große Kunst populär und unterhaltend ist, und natürlich umgekehrt.


Text einer Rede, die der Journalist und Theatertreffen-Juror Stefan Keim im November 2007 bei der Münchner Tagung der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein gehalten hat.

 

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