Zufriedenheit im Kasperltheater

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 7. August 2012. Im Programmheft bedanken sich die Leute der Nürnberger Puppenspiel-Truppe "Thalias Kompagnons" beim Autor Fitzgerald Kusz "für fränkische Waldbauern-Seufzer". Es sind nicht nur Seufzer, es ist eine beinah komplette Sprachübersiedlung von einem Idiom ins andere. Nur Lorenz, einst Hirte der einen Kuh des armen Bauern Fortunatus Wurzel, scheint dialektmäßig in Wien ein wenig verdorben worden zu sein. Er als einziger weit und breit redet noch so, wie dem Volkstheaterdichter Ferdinand Raimund (1790–1836) – nach in Österreich verbreiteter Ansicht – der Schnabel gewachsen war.

Romantisches Original-Zaubermärchen mit Gesang

Diese sprachliche Ver-Rückung ist ein so wichtiger wie liebenswürdiger Eingriff in den Text von Raimund. Wien hat dessen "Romantisches Original-Zaubermärchen" ja bestenfalls gepachtet. Man kann und soll keine Lizenzgebühren drauf erheben wie die Schöpfer von Broadway-Musicals. "Der Bauer als Millionär" ist nun also im Frankenländle gelandet, und die Geisterschar, die der Fee Lakrimosa und ihrer unehelichen und unstandesgemäßen Tochter Lottchen zu Hilfe kommt, ist eine witzige Deutschland-touristische Gesellschaft. Der leicht chaotische Zauberer Ajaxerle schwäbelt herzhaft.

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Volksstückboom bei den Salzburger Festspielen

Heuer steht bei den Salzburger Festspielen das (nun wirklich ur-wienerische) Volksstück hoch im Kurs: "Die Zauberflöte" (unter Nikolaus Harnoncourt, regiemäßig reichlich kopflastig umgesetzt von Jens-Daniel Herzog) wird auf der Opernbühne begleitet vom "Labyrinth", einem Opern-Rarissimum. Textdichter Emanuel Schikaneder hat zur "Zauberflöte" nämlich eine weitgehend unbekannte Fortsetzung geschrieben, die der in Mannheim und München tätige Zeitgenosse Peter von Winter vertont hat.

"Zauberflöte", "Labyrinth" und nun Raimunds "Bauer als Millionär", für den sich die Festspiele im Schauspielhaus Salzburg einquartiert haben – das sind Stoffe aus ähnlichen Fäden, Verwebungen von derb-launigem Volksstück, Zeitgeist (im Fall Raimunds Biedermeier statt Aufklärung oder Freimaurerei) und Gesellschaftssatire. Das ist bekanntlich in der Mischung schwer in den Griff zu kriegen. Wer auf Komik setzt, hat generell bessere Karten als jene, die es mit intellektueller Verbrämung versuchen. Das Zweipersonen-Unternehmen "Thalias Kompagnons" (Joachim Torbahn, Tristan Vogt), das auch mit einer "Zauberflöte" höchst erfolgreich durch die Welt zieht, mischt die Karten zu seinem Vorteil, sprich: Man setzt bei dieser so rasanten wie poetisch-kreativen Puppen-Version auf volkstümlichen Spaß, auf liebenswürdigen Slapstick. Wenn man es so sagen will: auf Überrumpelungs-Humor.

Bühnenzauber aus dem Projektionskasten

Wir haben es mit prallem Volkstheater zu tun, die Geschichte wird mehr erzählt als ausgedeutet. Der Plot: Die Fee Lakrimosa hat sich einen Fehltritt mit einem Menschen geleistet, zur Strafe hat man ihr die Zauberkräfte genommen. Nur die Tochter, die in Obhut des Bauern Fortunatus Wurzel aufwächst, könnte die Ent-Zauberung der Mutter bewirken, indem sie einen wirklich armen Menschen heiratet. Eine Armee von guten und bösen Geistern legt Hand an, um die Geschichte zu ihrem jeweiligen Vorteil zu verbiegen.

Das läuft sehr geradlinig, niemand wird gedanklich überstrapaziert. Aber das Stück ist mit so viel Mutterwitz und Sinn für ironische Brechung auf die kleine Bühne gebracht, dass man sich auch nicht derb auf die Schenkel klopft vor Begeisterung. Nur ein klein wenig schämt man sich, dass es einem so gut gefällt.

Ein kleines Wunderwerk der Technik steht am Bühnenrand: In eine Art Schiebekasten werden die gemalten "Bühnenbilder" waagrecht hinein geschoben, die Handpuppen werden ebenfalls waagrecht gehalten und das Ganze von oben mit Videokamera gefilmt und auf einen größeren Vorhang in Bühnenmitte projiziert. Drumherum – davor, dahinter, auch damit – wird bühnen-gezaubert, was die optische Physik hergibt. Da tauchen Figuren (größere Handpuppen) auf und verschwinden, Projektion und Lifespiel machen eine Durchdringung von Feen-, Geister- und Menschenwelt möglich.

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Übrigens: Ausgerechnet die Figur der Zufriedenheit logiert in einem echten Kasperltheater, woraus man durchaus Schlüsse ziehen sollte. Aufgerieben zwischen den allegorischen Herren Hass und Neid und im Getümmel des Zaubervolkes ist Misstrauen gegenüber der hehren Lebensweisheit der Zufriedenheit durchaus angebracht. Man frage besser nicht, wie es in ihrem Inneren aussieht!

Arm mit Charme

Die vier Puppenspieler sind schwarz gekleidet und haben kleine Feder-Flügelchen am Rücken – also echte Puppen-Genien! Die leihen den vielen Zauberern, Geistern und Menschen ihre Stimmen, sie machen das gewandt und mit Mutterwitz. Auch gesungen wird gelegentlich, zur Begleitung von Klavier und Schlagzeug. Das Hobellied klingt, als ob Arvo Pärt es in eine Modellkomposition der Postmoderne verwandelt hätte. Es geht turbulent zu, und allein die Synchronisation nötigt größten Respekt ab. Schließlich sind die Vier ja auch ihre eigenen Requisiteure, Mini-Kulissenschieber, und einer muss sich sogar als Bühnenbild-Maler auf einer Glasplatte betätigen.

"Der Bauer als Millionär" läuft in dieser Version ziemlich geradlinig auf die schlichte Botschaft "arm aber glücklich" hinaus, aber wie sie überbracht wird, hat immens viel Charme. Darf man verraten, dass der der bettelarme Fischer Karl, glücklicher Bräutigam der Halb-Fee Lottchen, am Ende mit einer gezeichneten Fischkonservenfabrik und einem Haufen aufs Bühnenbild gestreuter Goldfischli belohnt wird? Ja, darf man, weil es gibt schließlich anderthalb Stunden Bühnenzauber und Überraschungen sonder Zahl, die man ohnedies nicht alle aufzählen kann.


Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär
Thalias Kompagnons nach Ferdinand Raimund
Konzept und Regie: Joachim Torbahn, Tristan Vogt, Endprobenregie: Jürg Schlachter, Figuren und Ausstattung: Joachim Torbahn, Musik: Peter Fulda, Werner Treiber
Puppenspieler: Susanne Claus, Lutz Grossmann, Joachim Torbahn, Tristan Vogt

www.salzburger-festspiele.at


Mehr über die Salzburger Festspiele erfahren Sie im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau 

"Unter Niveau" verortet Sven Ricklefs auf Deutschlandfunk in der Sendung "Kultur heute" (8.8.2012) die Inszenierung. Die Geschichte werde von Thalias Kompagnons im Heissa-Bummbeissa-Kasperle-Stil nacherzählt, allerdings dankenswerterweise auf 90 Minuten gekürzt. "Dafür immerhin sind Torbahn und Vogt einigermaßen ausgefuchste Puppenspieler, die mit ihrem Märchen kurzfristig sogar einen gewissen Zauber erzeugen können."

Sven-Eric Bechtolf, der Schauspielchef der Salzburger Festspiele, schätze das Figurentheater. Aber nach Ferdinand Raimunds "Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär" ist man völlig desillusioniert, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (9.8.2012). Denn von der Idee, dass der konstituierende Vorgang von Illusion und Desillusion in dieser Gattung deutlich werde, bleibe hier nichts übrig. Die Thalias Kompagnons sind durchaus renommiert, aber an diesem Abend "ist alles hektisch, laut, grell, ohne Idee, ohne Zauber". Die Figuren erhalten keinen Ausdruck, die Puppenführer spielten selbst. "Und können weder gescheit sprechen noch singen; sie dilettieren in diversen Dialekten (...) Es ist ein bisschen so, als wäre man bei einem Nachwuchs-Impro-Theater-Comedy-Wettbewerb, nur haben die Akteure hier zufälligerweise noch Puppen in der Hand. Grauenhaft."

Hedwig Kainberger zeigt sich in den Salzburger Nachrichten (9.8.2012) dagegen angetan. Die vier Puppenspieler schaffen es, nicht weniger als 24 Figuren auftreten zu lassen." Die Geschichte sei zwar kräftig – auf eineinhalb Stunden – gekürzt und mit ein paar deftigen Vokabeln aufgemotzt, "doch bleibt es Ferdinand Raimunds Märchen, in dem die zankenden Geister ihre Launen an den Menschen auslassen".

"Das Nürnberger Figurentheater hat für diesen Raimund eine eigenartige Komposition aus Biedermeier und Moderne gefunden, mit schräger Musik, Trommeln, mit Figuren, deren Spannweite von der Commedia dell'Arte bis zur Moderne reicht", schreibt Barbara Petsch in Die Presse (9.8.2012). Vom biedermeierlichen Theater und der alten Wiener Stadt auf Prospekten im Video über den herrlich komischen Geisterhaufen mit Clowns und Kobolden bis zum satirischen Schluss regiere sublimer Ideenreichtum. Manches sei allerdings irritierend. "Für die nicht allzu stark gekürzte Fassung von circa 90 Minuten wurde einiges verfremdet, was dem deutschen Publikum, dem dieser Raimund auch gefallen soll, unverständlich sein dürfte."

"Was würde man in der Festspiel-Stadt Salzburg dafür geben, einen 'richtigen' Raimund aufgeführt zu sehen", schreibt Roland Pohl in Der Standard (9.8.2012). Der zu Unrecht verkitschte Melancholiker des Wiener Zaubertheaters habe gegen die Übermacht unleidlicher Verhältnisse sein ingeniöses Dekorationstheater in Stellung gebracht. Raimunds Figuren seien keine Puppen, sondern Verzauberte. "Als aparte Fingerübung für ein paar Puppenspieler – seien diese noch so virtuos – ist Raimund zu schade." Die Festspiele besäßen reichlich Tradition und genug Mittel, um den Biedermeier-Kosmos Ferdinand Raimunds zu besiedeln. "Der überaus freundliche Applaus galt einer Petitesse."

 

 
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