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Kunst-Stückchen der Montage

von Andreas Wilink

Bochum, 17. August 2012. Der französische Dichter Louis Aragon hat Robert Wilsons Theater "eine Maschine der Freiheit" genannt. In Heiner Müllers biografischen Aufzeichnungen "Krieg ohne Schlacht" erkennt der Schriftsteller als wesentlich in Wilsons Theater "die Trennung der Elemente": Die Kraft komme nicht aus der Zentralperspektive, "eher aus der versetzten Kausalität". Dies alles gilt für John Cage ebenfalls, den Wilson bekanntlich zu seinen Vorbildern zählt.

Heiner Goebbels, vierter Intendant des 2002 gegründeten NRW-Landesfestivals, beginnt programmatisch mit Cage, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre. "Europeras 1 & 2" aus dessen fünfteiliger, seit der Frankfurter Uraufführung 1987 kaum gestalteter Werkserie, die im Schleudergang das Repertoire von 128 Opern verwirbelt, eröffnete die Ruhrtriennale-Saison.

Geröll und Koloraturen kollern

Wohin besser als in die Montagehalle für die Künste, die Bochumer Jahrhunderthalle, passte "Europeras", diese Demontage der Gattung zum Zwecke, sie zu feiern? Bringt sie doch den Produktionsvorgang selbst zur Anschauung. So wird zu Beginn einer güldenen Sonne ihr Strahlenkranz aufgesteckt und der Beleuchtungskörper hochgezogen (später folgt ein riesiger Lüster). Ein römischer Krieger outet sich als schmachtender Countertenor. Eine Dame blanche, eine weitere in Rokokorobe, eine Diréctoire-Madame und ein sportives Girl treffen einander. Und das ist erst der Anfang. Geröll verteilt sich über dem Boden, während eine Koloratur kollert. Eine szenisch unendliche Melodie hebt an und ruft in einen Echoraum. europeras2 560 wonge bergmann uVorne die SängerInnen Susanne Gritschneder, Liliana Nikiteanu (mit Engelflügeln), Robin Tritschler

Cages Spielregeln lauten: "Alle einzelnen Elemente und Parameter sind unabhängig voneinander." Nicht nur Musik, Gesang und Klang, auch Requisite, Bühne, Licht und Bewegung suggerieren, koordiniert von der Regie, Wechselwirkungen – und versetzte Kausalität. Entmachtet sind lineare Struktur und Chronologie. Wie von Cage gewohnt, herrscht der Zufall. Der hat einen Vater – das chinesische Orakel I Ging, das als Buch der Wandlungen das Veränderliche und Dynamische zum Muster erhebt. 64 Quadrate bilden das Grundraster der Aufführung, die gleichwohl ohne Festlegung nicht auskommt. Die Uhr läuft sichtbar mit, dirigiert den definierten Ablauf und dokumentiert das Verrinnen der Zeit: exakt 90 Minuten für Teil Eins.

Baustelle Bühne

Alles Verschiebematerial: Auftritte, ihre Rhetorik, Emotion und Klischees, die üppige Ausstattung (Klaus Grünberg) und die Couture der Kostüme (Florence von Gerkan), die zehn bravourösen Sängerdarsteller, die Musiker des Festivalorchesters mitsamt dem halben Hundert so genannter "Assistenten" – und zuvörderst die gesampelten Arien, die vom Solo ins Duett und Terzett schneiden und sich bis zum Sextett steigern. europeras3 280h wonge bergmann u  © Wonge Bergmann

Zeitsprünge, Bilderstürme, barocker Kulissenzauber, Maskeraden, Modewechsel folgen im Minutentakt: von der elisabethanischen Lady zur lyrischen Waldfee und zur Diva mit Callas-Scheitel; vom wuchernden Dschungel zum Galgenbaum, von dem in Flammen lodernden griechischen Tempel zum gotischen Dom am Endpunkt der Neunzig-Meter-Halle, vom schneeigen Feuerwerk zur Venedig-Kulisse. Plötzlich stanzt der Bühnenapparat wie auf einer Baustelle schwarzweiße Silhouetten zur ägyptischen Landschaft mit Pyramiden aus, während vorn über einen Musselinschleier ein Scala-Saal schimmert.

Stolz leiden Carmen, Dalila, Dido, Mignon, Norma, Mélisande, die Walküre; Händel und Purcell lassen sich heraushören, ebenso Verdi und Wagner, Monteverdi, Mozart und Mussorgski, dann deutsche Romantik, gar der "Wozzeck". Aber kennt man auch Stanislaw Niewiadomski, Anton Rubinstein oder William V. Wallace? 43 Komponisten und noch mehr Opern, denen Cage eine gewisse Monotonie "ablauscht": Variable mit Unbekannten! Seinen Augen darf man so wenig trauen wie den Ohren und dem Gedächtnis, als seien die verlorenen Helden und Heroinen aus Partitur und Libretto gefallen. Ins Namenlose.

Revue oder Revolte?

Präzision und minutiöses Timing entstehen aus libertinärem Geist und halbironischer Geste. Was ist Überblendungstechnik, was blendender Effekt? Ob das hermetisch offene Ratespiel mehr intellektuelle Anstrengung oder sinnliches Vergnügen bietet, eher opulente audio-visuelle Revue oder sublimes Reflexionstheater ist, das seine Methode ausstellt und damit Imagination hervorruft, bleibt unentschieden. Es ist Schaumusik und Hörtheater, wobei sich eine Revolte ästhetischer Konvention auf der Bochumer Bildfläche nicht zu erkennen gibt. Ist Cage so luxuriös, wie er hier wirkt?

Laotse sagt, dass der "Ort, wo du die schönsten Klänge hörst, nur die Stille sein" könne. Übersetzt auf die Optik, gilt das für kürzeren Teil Zwei, der in einem statischen Bild und schwarz gewandeten Interpreten nobel zur Ruhe gelangt und auf die Fülle in aller  Bescheidenheit antwortet. Gerade mal, dass die Silhouette eines Hundes über die Piazza springt.

Ist "Europeras" nun der Triumph des Postdramatischen über das Narrative oder doch ein Beweis magischer Mangelerscheinung angesichts analytischer Konzeption? Für die Ruhrtriennale unter Goebbels jedenfalls wird die exquisit elegante Performance zum unüberhörbaren Signal.    

 

Europeras 1 & 2
Musiktheater aus 128 Opern in 32 Bildern
von John Cage
Regie: Heiner Goebbels, Bühne, Licht, Video: Klaus Grünberg, Kostüme: Florence von Gerkan, Choreografie: Florian Bilbao, musikalische Einstudierung: Harry Curtis, Sounddesign: Willi Bopp, Dramaturgie: Stephan Buchberger, Festivalorchester, Interpreten: Ilse Eerens, Asmik Grigorian, Karolina Gumos, Liliana Nikiteanu, Susanne Gritschneder, Yosemeh Adjei, Robin Tritschler, Nikolay Borchev, Paolo Battaglia, Frode Olsen.

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Eine "überwältigend bilderreiche Traumreise durch die Geschichte des Theaters" habe Goebbels mit Cages "Anti-Oper" geschaffen, sagt Ulrike Gondorf in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (17.8.2012). Dabei nutze er "den Zauberkasten verschwenderisch und zugleich ökonomisch. Die Situationen und Bilder, die er schafft, zeugen von unerschöpflicher Spiellust und Phantasie, auch von Humor und Spielwitz. Aber die Abfolge ist so organisch und musikalisch, dass ein lebendiges und kontrastreiches, immer überraschendes und nie übersättigendes und erstickendes Erlebnis entsteht." Der Abend alles sei "beinah ein Requiem auf die Oper. Da werden fragile Fundstücke, kostbare Erbstücke noch einmal dem nostalgischen Blick dargeboten. Mit dem Wissen, dass es vorbei ist. Die Oper liegt in Scherben, aber jede einzelne leuchtet wie ein Diamant."

"Aus totaler Dekonstruktion entsteht eine pedantisch exakte Materialschlacht", so umreißt Wolfgang Schreiber in der Süddeutschen Zeitung (20.8.2012) die "eklatanten Schwächen der Aufführung": Eine große Geschäftigkeit herrsche auf der Szene, wobei auffalle, dass die Inszenierung "die Auftritte und Klangereignisse fortwährend nur zusammenbastelt, dass Regisseur Goebbels allzu sehr auf die pure Präsenz des Audiovisuellen vertraut, ohne Rücksicht darauf, dass in den neunzig Minuten die Präsentation von Sängern mit ihren Ariensplitterrepetitionen sich abnutzen muss." Goebbels verpasse die "leise Komik des Absurden" und die "Leichtigkeit des Cage'schen Seins" und stelle stattdessen "die konzeptionelle Kopfgeburt von Cages Dekonstruktion zwar auf die Beine, aber er begnügt sich bar jeder Vision mit der additiven Auflistung kunstsinnigen Materials. Bei aller Augenweide: Es ermüdet zwangsläufig."

"Der erste Probeschuss ging nach hinten los", befindet Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.8.2012). Zwar sei hier ein "Meisterwerk der bühnentechnischen Logistik" geboten worden und auch die "verstreut im Raum agierenden Musiker" verdienten "hohes Lob". Doch für die Gesangsdarbietungen der Opern-Schnipsel gibt's von der Kritikerin kräftige Punktabzüge. Die "perfekte Bühnentechnik" habe "zur imperfekten musikalischen Leistung immer wieder schmerzhaft quer" gestanden. Im Ganzen habe Goebbels "die bislang üppigste" Umsetzung des Cage'schen Werkes realisiert, "sie ist aber auch die allerfadeste und witzloseste. Zu wenig überließ die Regie vertrauensvoll dem Ablauf der Uhr, dem Willen der Mitwirkenden oder auch nur dem Genossen Zufall. Zu viel war von Goebbels klug durchgefeilt, vorgesorgt, gelenkt, ausgedacht und 'komponiert' worden".

"Die Perfektion der Abläufe ist atemberaubend und der Aufwand beträchtlich, doch die üppigen Effekte nutzen sich rasch ab", schreibt Regine Müller in der Tageszeitung (20.8.2012) und kritisiert insbesondere den zweiten Teil des Abends mit seinem Guckkastenarrangement: "In dieser edel inszenierten Statik wird noch deutlicher, was schon zu ahnen war: Cages vor 25 Jahren revolutionäres Stück ist stark gealtert, sein anarchistisches Potenzial ist zum ironischen Amüsement geschrumpft. Und die luxuriöse, überbordend ästhetische, zutiefst nostalgische Inszenierung der Ruhrtriennale erstarrt letztlich in ihrer ehrfürchtigen Perfektion."

Als "spektakuläres Statement zur Eröffnung der Ruhrtriennale" feiert Stefan Keim in der Welt (20.8.2012) Heiner Goebbels' Inszenierung. "Es ist eine faszinierende Theatermaschine, angetrieben von Humor und Leichtigkeit." Die Aufführung erscheint dem Kritiker als "Huldigung der sinnlosen Schönheit, ein Statement gegen Ökonomie und Effizienz, aber auch für neue Formen in der nachbürgerlichen Gesellschaft." In der zweiten Hälte des Abends sei ein "stilles, bewegungsreduziertes Kammerspiel" zu erleben und die "durchweg ausgezeichneten Sänger klingen nun noch mehr wie ein aufeinander abgestimmtes Ensemble. Jeder bleibt konzentriert in seiner Arie, singt sie aber leise, in sich gekehrt, als würde er gleichzeitig über die Musik nachdenken. Vielleicht spiegelt sich hier die Sehnsucht nach dem verlorenen großen Gefühl."

Den "Triumph des Bühnenarbeiters" hat Peter Michalzik von der Frankfurter Rundschau (20.8.2012) an diesem Abend erlebt, und das sei "gar nicht verkehrt bei Cages radikaldemokratischem Zufallsprinzip". Im Ganzen hält der Kritiker das Absichtsvolle der Inszenierung durchaus für angemessen ("die Nähe zu Cage" bleibe "sehr spürbar") und lobt ihre Leichtigkeit: "Der ganze Abend ist nicht nur eine heitere Feier des Arbeiters, des Zufalls und der Operngeschichte, er ist auch ein Witz. Ein kosmisch-heiterer Witz, über den man nicht laut lacht, sondern leise schmunzelt. Aber ein Witz, ein lächelndes Betrachten des Betriebs. Was einmal Avantgarde war, Goebbels macht es einfach und freundlich."

In ihrer Doppelbesprechung für Die Zeit (23.8.2012) vergleicht Christine Lemke-Matwey die beiden Opern-Großprojekte dieser Woche – "Europeras 1 & 2" bei der Ruhrtriennale und "Die Soldaten" bei den Salzburger Festspielen – und findet, dass der inszenatorische Ansatz unterschiedlicher kaum sein könnte: In Salzburg "soll man um jeden Preis fühlen, was man vielleicht gar nicht fühlen will", bei der Ruhrtriennale hingegen "soll um jeden Preis nicht gefühlt werden, wobei man durchaus gerne hin und wieder etwas gefühlt hätte und vor allem mehr gedacht als nur den Gedanken, dass alles anders ist und letztlich unverständlich bleibt. So richtig froh und frei wird der Zuschauer in beiden Fällen nicht." Bei der Ruhrtriennale "wühlt" Heiner Goebbels "in Cages alt-avantgardistischer Botanisiertrommel, und was sich da an Bildern in den 90 Meter tiefen Raum ergießt (Bühne: Klaus Grünberg), ist von einer derart geschmäcklerischen Witzlosigkeit, Erdenschwere und Hermetik, dass einem spätestens nach einer Viertelstunde die Tränen kommen, vor Zorn. Herbstlaub raschelt, Schnee stöbert, Schiffe kentern überm leuchtend blauen Stanniolgrund, die Zauberflöten-Sonne scheint, Gabelstapler surren, Vorhänge fallen, technisch alles superperfekt und völlig kalt und leer."