logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Nullkommanix

von Michael Laages

Salzburg, 18. August 2012. Der Kunst gegenüber hat der Sport ein paar nicht zu unterschätzende Vorteile. Er ist zum Beispiel viel definitiver, was die Urteilskraft betrifft, bis hin zum Foto-Finish, das noch über Hundertstel von Sekunden zu entscheiden vermag. Und beim Eiskunstlauf zum Beispiel zücken Jurorinnen und Juroren nach Pflicht oder Kür unwiderruflich die Tafeln mit der Wertung drauf: Neun-komma-fünf, Neun-komma-acht, in ganz seltenen Fällen auch mal die Zehn. Werden aber richtige Einbrüche, Abstürze oder Nullnummern überhaupt gewertet? Und wenn ja: wie?

Viele auf dem Eis im Kreis

Angesichts von "Éternelle Idole", des ersten von zwei Beiträgen der Choreographin und Regisseurin Gisèle Vienne, Französin mit österreichischen Vorfahren, im "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele kommt ein wenig Sehnsucht auf nach derart klaren Strukturen im Urteil. Denn die Betrachtung von Kunst, gar Theater und Artverwandtem, gibt sich naturgemäß viel skrupulöser. Könnte das Nichts mit viel Nebel drum herum, was wir da gerade gesehen haben, nicht womöglich doch irgendetwas zu erzählen haben, irgendetwas von künstlerischem Belang? Irgendwie?

eternelle2 280 marc coudrais uKufenkünstlerin im Salzburger Volksgarten
© Marc Coudrais
Aber der Reihe nach. Zu anschwellendem Computerklang putzt zunächst eine Maschine die glatte Fläche der Eisarena im Salzburger Volksgarten, dann erscheint jemand ohne Schlittschuhe und zieht eine Art unsichtbaren Kreis im Eis. Vielleicht ist er ein Trainer, denn er bleibt danach am Rand und schaut zu, als jetzt eine noch jugendliche Läuferin ihre Kreise zu ziehen und Übungen zu zelebrieren beginnt. Neun-komma-sieben; bis zum (inszenierten) Sturz mit Schluchz-Attacke.

Sie geht, und an ihre Stelle treten erst zwei, dann 21 kleine Salzburger Eisläuferinnen in dunkler Schülerinnen-Uniform und laufen im Kreis, erst vorwärts, später rückwärts; die Diva lässt sich nicht lumpen und kommt auch wieder dazu. Als die Gruppe fertig ist, folgt ein Dutzend Eishockey-Jungs und übt Toreschießen mit dem Puck. Neun-komma-fünf? Jetzt wieder die Profi-Gleiterin, nun schon bejubelt aus der Ton-Konserve und von einer Cheer-Leaderin; dann beginnt dichter Nebel die Fläche zu füllen – und daraus tapst ein Monstrum (Freund Hein?) hervor, und die Diva stirbt in seinen Armen. Noch etwas taucht aus dem Nebel auf: ein Raumschiff. War also doch nicht der Tod, nur ein Außerirdischer. Ende der Übung. Dazu brachialste Computersounds, die volle Breitseite: unter-, nicht außerirdisch.

Nebeltänze für Festival-Hipster

Gisèle Vienne gehört offenbar zu der Sorte von Theatermenschen, die praktisch den kompletten Bedeutungsapparat dem Publikum überlassen; und die Liste der Koproduzenten zeigt nachdrücklich, wie "in" und "hip" und angesagt derlei aufgeplustertes Zeug bei Festivalmachern nach wie vor ist. Seitenlang bramarbasiert die Regisseurin im Gespräch mit Sven-Eric Bechtolf, dem neuen Schauspielchef der Festspiele, im üppig gestalteten Programmbuch des "Young Directors Project" über philosophische und sonstwelche Assoziationen, die sich an dieses nicht erkennbar strukturierte szenische Gewurschtel anschließen ließen – und natürlich bleibt es jedem und jeder unbenommen, in derart viel Nebel alles und jedes herbei zu phantasieren; irgendwas mit Adoleszenz, mit Lernen und Wachsen ... Jaja. Anything goes – muss aber nicht.

Denn vor allem fehlt dieser zum Glück nur drei Viertelstunden langen Eisläuferei: jeder Wille zur Gestaltung. Jede Zutat für sich – die Diva, die Kinder, die Eishockey-Brigade, die fahle Trainerfigur, meinetwegen sogar die Eisputzmaschine zu Beginn und die höllische Musik – kann eine Art Stellenwert behaupten. Zusammen genommen aber ist alles nichts. Nullkommanix.

Gisèle Viennes etwas jüngere Produktion "This is how you will disappear" (hier besprochen im März vorigen Jahres zum Gastspiel beim Koproduzenten Kampnagel in Hamburg) ergänzt die Salzburger Präsentation der Choreographin, mit ebenfalls ganz viel Nebel und wieder Trainer und Athletin sowie Brachial-Sound, aber diesmal im Wald und mit totem Rockstar. Mit der Traumnote Zehn aber sollte in keinem Fall zu rechnen sein.


Éternelle Idole
Konzept, Choreographie, Bühnenbild und Regie: Gisèle Vienne, Musik: Stephen O'Malley, Licht: Patrick Riou
Mit: Aurore Ponomarenko, Jonathan Capdevielle, jungen Schlittschuhläuferinnen und Eishockspielern aus Salzburg

www.salzburgerfesspiele.at

Mehr zum Young Directors Project 2012 in Salzburg: nachtkritik.de besprach auch Trapped von Princess Zinzi Mhlongo sowie Jakob Michael Reinhold Lenz von Cornelia Rainer.

Kritikenrundschau

"Benebelten Kitsch" hat Norbert Mayer für Die Presse (20.8.2012) gesehen. "Éternelle Idole" sei ein Spiel fast ohne Worte, "aber geschwätzig im Nichtssagenden". "Solche Inszenierungen mit penetranter Vorspiegelung von Bedeutung konterkarieren den hohen Anspruch der Festspiele", ärgert Mayer sich und stellt über das gesamte Young Directors Project 2012 fest: "Kein gutes Jahr für den ausgelobten Preis von 10.000 Euro für erklärtermaßen talentierte internationale Jungregisseure."

"Wenn man an einem Hochsommer-Nachmittag bei rund 30 Grad in die Eishalle strebt, um dort ein Stück über die Einsamkeit einer Kunsteisläuferin vorgeführt zu bekommen: Kann schon sein, dass einem da das rechte Problembewusstsein abhanden kommt", räumt Reinhard Kriechbaum in der Wiener Zeitung (20.8.2012) ein. Mit oder ohne Problembewusstsein kann Kriechbaum an Viennes Arbeit nichts als "Schall und Rauch" finden. Es müsse kein Lebewesen leiden an dem Abend. "Jedenfalls nicht auf der Bühne."

Giséle Vienne habe sich zum Applaus nicht gezeigt, berichtet Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (21.8.2012) und spekuliert: "Vielleicht verbirgt sie sich irgendwo in den Trockeneisnebeln, die so reichlich ihre Stücke umwabern und diese zum unlösbaren Mysterium verhüllen, das einerseits als archaischer Spielort archetypischer Gestalten in zeitgenössischem Gewand anmutet, dabei aber auch geradezu schockierend banal." Der Schock wie auch das Uneindeutige des oft nur schemenhaft Sichtbaren, sie gehörten wie die Verhüllung zum künstlerischen Inventar der Gisèlle Vienne und dabei gleichermaßen zum visuellen wie auch dramaturgischen und damit zum tiefenpsychologischen Konzept. Viennes Figuren erwiesen sich als Kopfgeburten, zeit- und ortlos wie die Personen in den Skripten von Alain Robbe-Grillet und den Filmen von David Lynch. "Ihr illustrativer Gestus markiert die Fallhöhe vom Erhabenen zum Trivialen, von den Kunstidealen des 19. hin zu den allzeit reproduzierbaren des 20. Jahrhunderts - Verluste inklusive."