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Am Ende siegt die Wirtschaft

von Andreas Schnell

Bremen, 25. August 2012. Ein bisschen ironisch ist es ja: Eigentlich sollte diese lange Theaternacht im Rahmen des Festivals "Auf Vermögen angelegt" im Kulturzentrum Schlachthof wirklich die ganze Nacht dauern. Zumindest solange Bedarf seitens des Publikums bestünde. Was zur kämpferischen Note des Titels gepasst hätte. Es ging nämlich um die Auseinandersetzung mit Vermögen, Fragen nach der Grundlage eines guten Lebens, um die wahren Werte, unterschieden von den Warenwerten sozusagen. Also um eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, der seine verheerende Schönheit nicht nur im Zusammenhang mit dem Euro offenbart. Dann allerdings wurde die lange Theaternacht in Absprache mit der Wirtschaft des Schlachthofs auf ein sozial verträgliches Maß gestutzt: Um halb drei sollte Schluss sein. Womit die Ökonomie mal wieder die Kunst in Grenzen verwiesen hätte. Zu sehen gab es aber trotzdem eine ganze Menge.

Aus was denn aussteigen? 

Startpunkt für die theatralische Tour durch den alten Schlachthof, wo das Theaterlabor seit Juni seine neue Spielstatt unterhält, war der Magazinkeller. Dort wuselte ein "Regelchor nach Thomas Brasch", der lustvoll die semantischen Anschlüsse des Regelbegriffs erforschte: "Könnten Sie mal eben kurz die Regeln halten – die sind mir gerade ein bisschen zu schwer geworden." Weiter ging's ein paar Stockwerke höher im Turm des Schlachthofs, wo es in der dort ansässigen Theaterwerkstatt, dem neuen Partner des Theaterlabors, hieß: "Aussteigen? Ich war nie drin. In was denn?" Ähnlich turbulent wie der Regelchor standen uns hier diverse Aussteigerpositionen gegenüber, von der Rückkehr in den Wald über den Weg ins Kloster bis zum Ausstieg per Droge. Das Ensemble machte sich dabei vor uns zurecht, als wären wir sein Spiegel. Hosen verkehrt herum, Badekappe zum Jackett, und nebenher warfen sie sich gegenseitig Inkonsequenz beim Aussteigen vor.

wirspielen 560 manninicolai uLauter Sinnstifter?    © Manni Nicolai

Weiter ging es in den Uhrenraum des Schlachthofs. Auf einer langen Tafel zwölf Namensschilder: Von Rousseau bis Rosa Luxemburg, von Danton bis Ulrike Meinhoff, von Frida Kahlo bis Paula Modersohn-Becker, von John Cage bis Genesis P. Orridge, dessen Platz leer blieb, ein Zeichen für Kenner, wie Regisseur Patrick Schimanski vorab in einem Interview erklärte. Die anderen kamen zu Wort, als Vertreter "einer neuen Gesellschaft, Kunst und Lebensanschauung", zu der sogar Sissi gehört, was ein bisschen rätselhaft ist, aber geschenkt. So collagenhaft das Gesamtkonzept, so gleich-gültig stehen hier Cages musiktheoretische Überlegungen neben Luxemburgs Ausspruch: "Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark."

Kapitalismus als Religion

Im gleichen Raum dann, nach einer spannenden Improvisation von Patrick Schimanski und dem Gitarristen Ulrich Müller an Schlagzeug respektive Gitarre, als Höhepunkt des Abends "Eine Messe frei nach Walter Benjamin": der Kapitalismus als Religion. Hier läuft die Inszenierung zu Bestform auf. Ein Chor singt die Namen börsennotierter Unternehmen, der Priester bittet die Gemeinde, auf ihren Smartphones die Seite mit den Börsenneuigkeiten zu öffnen, Aktienkurse werden gesungen. Ein stetes Auf und Ab – der wohl schönste Einfall des Abends. Am Ende bekommen die Teilnehmer der Messe das Abendmahl, Peanuts statt Hostien. Nur eine hat das alles nicht ausgehalten und ist schreiend hinausgelaufen. Der erste Teil endet nach knapp zwei Stunden versöhnlich, ein Lied erklingt, vom Flügelausbreiten und Davonfliegen...

Nach der Pause werden die verschiedenen Räume weiter bespielt, ein paar kommen noch dazu, wie das oberste Stockwerk, in dem tagsüber die Redaktion des Zett-Magazins arbeitet, aber auch die Toiletten, zum Irgendwo umgewidmet, eigentlich zu viel, um alles zu sehen. Und was nach der Pause kommt, ist auch nur noch lose mit dem Thema verbunden, sampelt Material aus dem Vorhergehenden oder spielt auf einer Metaebene darauf an. Aber es hat auch dann noch Charme, die Räume im alten Turm zu erkunden, während unten im Foyer schon getanzt wird.

Und die Moral von der Geschicht'

Unterm Strich also ein kurzweiliges Vergügen. Das Ensemble bewältigt seinen Part ordentlich, was aus technischen Gründen an Ausstattung fehlt, wird durch viele hübsche Ideen wettgemacht. Nur als Text kommt die Sachen nicht recht von der Stelle. Wo der Kapitalismus offenbar ein permanentes Bedürfnis nach höherem Lebenssinn stiftet, hat er zugleich für die meisten Menschen nicht gar zu viel zu bieten. Was zumindest ein, wenn nicht der Ausgangspunkt für die Frage nach den wahren Werten ist. Und da bringt es eben nicht so wahnsinnig viel, ständig das zu beschwören, was anscheinend zuverlässig immer wieder unter die Räder jener Wirtschaftsweise kommt, in der alles zur Ware wird. Denn dann geht alles immer so weiter. Womit wir wieder am Anfang wären.

 

Wir spielen, bis der Scheiß aufhört!
von Patrick Schimanski und dem Theaterlabor
Regie und Musik: Patrick Schimanski, Kostüme: Christiane Dobbratz, Dramaturgie: Brit Ullrich.
Mit: Jochen Ganser, Benjamin Harlan, Mona Hempel, Harald Holstein, Paloma-Maria Klose, Serena Patalano, Stefan Schmidt, Carla Schmelter, Jenny Rehs, Birte Rüster, Sabine Spanknöbel, Angela Weinzierl.

www.theaterlab.de