Drei Solos für ein Hallelujah

von Christian Rakow

Berlin, 30. August 2012. Die Räuber kommen nicht mehr mit schießpulverschwarzen Pistolen daher. Sie kommen mit Bleistift und Lineal. Und ihre Beute holen sie nicht aus Postkutschen, sondern aus den Werken der Klassiker. Karge Beute mitunter. Von Friedrich Schillers (je nach Werkausgabe) gut 120 Seiten starkem Originaltext sind in Antú Romero Nunes' Spielfassung der "Räuber" gerade mal 28 locker bedruckte A-4-Seiten übrig (auf denen sich auch noch etliche Passagen wiederholen). Und die bunte Personage – Edelleute, Bedienstete und Banditen – hat sich bis auf drei junge Köpfe in die Böhmischen Wälder verabschiedet. Diese Hinterbliebenen sind die Brüder vom aufrührerischen Geiste, Franz und Karl Moor, nebst ihrem Augapfel Amalia von Edelreich.

Freiweg: Wer derart stark in Schiller'schen Gefilden wildert, der braucht einen kühnen Plan. Und Nunes hat ihn. Jedenfalls will es so scheinen. Er versagt sich den Nachvollzug des äußeren Dramas und verlagert alles Geschehen in die Köpfe seiner Protagonisten. Drei Monologe dominieren diesen Abend, aus Schillers Text und improvisierten Einlassungen geformt. Es sind Selbstgespräche dreier überaus heutiger Weltverlustiger, blitzgescheit, voll unverbindlicher Ironie gegen alles und jedes (nicht zuletzt den Schiller'schen Text), mit sattem Lamento und/oder Hohn gegen das Zitathafte und Epigonale, das ihrer (unserer!) Zeit anhafte. Ein Aufmarsch der Narzissten.

Schiller'sche Kopfwelt

Paul Schröder eröffnet dieses Ego-Spiel und katapultiert sich unter gelegentlichen Lichtwechseln auf komplett leerer Bühne durch die Intrige seines Franz Moor: Hier eine bedeutsam gravitätische Iffland-Geste, dort ein garstiger Ruf ins Publikum. Dann wieder ein schneller Rollenwechsel – "Und der alte Moor so:" – zum weinerlichen Altersquäken des Vaters und hopp zum mimosenhaften Nachäffen seines Bruders Karl. Wer Schiller nicht bestens parat hat, dürfte in diesen Fragmentgewittern einigermaßen verloren sein.

raeuber2 280 BettinaStoess uPaul Schröder © Bettina StößAber auch Schröder verliert sich. Sein gut fünfzigminütiges Auftaktsolo ist mehr Warm-Up eines Stimmenimitators als tragfähige Ich-Studie. Er erntet Szenenapplaus für seinen Wirbel aus Figurenskizzen. Aber ein Bild des galligen, erzkalten Materialisten Franz will nicht entstehen. Mit der Schiller'schen Welt schwindet hier auch der Kopf, der sie verschluckt und wieder ausgespieen hat. Und übrig bleibt ein Schauspieler beim Schauspielern. Voller Einsatz fürs große Rampen-Feuerwerk.

"Wir sind ja nur Schauspieler", steht natürlich imaginär über vielen Nunes-Inszenierungen. Der 29-Jährige ist ein Regisseur, der Stückvorlagen oft mit launigen Unterbrechungen, Kommentaren und V-Effekten durchsetzt, einer, der Geschehen raubt, um Perspektive zu gewinnen, ein echter Ver-Brechter sozusagen. Schwierig, ja tautologisch, wird es immer dann, wenn er vor lauter Spiellust mit der Brecht-Stange nicht mehr zum Geschehen zurück findet und Abende im edlen Handwerk versenkt.

Reise durch die Theaterwelt

"Die Räuber" am Maxim Gorki Theater bleiben von diesem Schicksal verschont. Mit Aenne Schwarz und ihrer Sicht auf die frostige Weigerung ihrer Amalia gegen den herrschsüchtigen, zudringlichen Franz gibt es so etwas wie eine Durchschnaufpause. Danach ein kolossales Wummern, Theaterkrach, Einsturz der Scheinwerferaufhängung. Auftritt Karl Moor alias Michael Klammer. Dieser kolossale Athlet mit seinem stets leicht bedrückten Blick, der uns mitunter den Schalk in seinem Nacken übersehen lässt, ist vielleicht der Nunes-Spieler par excellence. Klammer bringt in seiner langen Improvisation gegen das (postmoderne) Kastratenjahrhundert nicht nur einen frappierend spontanen Witz in diese Inszenierung. Es bringt auch persönliche Kraft, Dringlichkeit, ja Existenzialität in das Klassikerversteckspiel.

raeuber1 560 BettinaStoess uMichael Klammer als Karl Moor © Bettina Stöß

Auf eine Reise durch die heutige Theaterwelt nimmt er uns, zeigt schamvoll geborgte Gesten von Kollegen wie dem Pollesch-Spieler Fabian Hinrichs. Er sinniert über die Schwarz-Weiß-Färbung der Zebras und gibt das als unverkrampften Kommentar auf die Blackfacing-Debatte zu verstehen. Als Entertainer vom traurig-komischen Schlage eines Josef Hader brilliert er und wirft sich sogleich kraftvoll ins Moor'sche Philosophieren gegen seine impotente Epoche.

Verachtunge gegens Abgegriffene

"Das war doch mal der Plan: Dass alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles so verschwistert! – die ganze Welt eine Familie und ein Vater dort oben", sagt er. Und plötzlich versteht man, worum es diesem Abend geht. Plötzlich ist die ganze Verachtung gegen alles Abgegriffene und Sekundäre fasslich. Moor steht vor uns als Zeitgenosse, orientierungslos im Weltengebäude, verlassen vom – Hallelujah – "Vater dort oben". Regisseur Nunes wird diesen fundamentalen Ich-Verlust anschließend mit einem riesigen Chor orgiastisch rahmen und seine drei Schiller-Monaden fürs Finale unter lauten Platzpatronenschüssen erstmals auf der Szene zusammenführen, was im Ganzen eher eine Rückkehr zur handwerklichen Effekt-Dramaturgie bedeutet. Sei's drum.

Am Premierenmorgen meinte der Regisseur in einem Radiointerview, ihn reize Schillers Text, weil er "Wumms" habe, das heißt, jeder seiner Sätze in Abgründe blicken ließe. Am Premierenabend gab's viele Lacher und wir haben lange auf den "Wumms" warten müssen. Aber dann kam er.

Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne und Kostüme: Matthias Koch, Musik: Johannes Hofmann, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Michael Klammer, Paul Schröder, Aenne Schwarz, sowie dem Chor (u.a. mit Studentinnen und Studenten des Schauspielinstituts "Hans Otto" der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy"): Katharina Alt, Pia-Micaela Barucki, Lina Krüger, Sophia Krüger, Sonja Lachmund, Edelgard Kubitza, Anna Popova, Marie Scharf, Johana Skirecki, Lorris Andre Blazejewski, Maximilian Grünewald, Franck Hausswirth, Bernd Ocker Hölters, Raphael Käding, Remzi Karga, Johannes Köhler, Robin Krakowski, Klaus Leitner, Tobias Lutze, Paul Marwitz, Maiko Miske, Valentin Olbrich, Marlon Putzke, Steffen Siegmund, Eric Stehfest, Johannes Storks, Jan Wysujack.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

Von einem "glücklich verwirrenden Theaterrausch" spricht Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (1.9.2012). Regisseur Antú Romero Nunes sei geschickt und auf verspielte Weise radikal. "Radikal, weil er die gesamte Räuberfolklore im Böhmischen Wald streicht, ebenso einen Großteil der teilweise undurchsichtigen Geschichte. Vor allem schmeißt er fast das gesamte Schiller-Personal raus. Übrig bleiben drei Figuren, Franz, Karl und die von beiden geliebte Amalia, die in drei beeindruckenden Monologen nacheinander dreimal Teile der gleichen Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen." Statt mit- und gegeneinander, würden sie den Eindruck des Kritikers zufolge mehr mit der Frage ringen, wie die Sache heute überhaupt noch zu erzählen sei. Die Verweise, Kommentare und Spielereien hätten die interessante Wirkung, im Kopf des Zuschauers eine Vorstellung nach der anderen, ein klischeehaftes Räuber-Bild nach dem nächsten zur Seite zu schieben, "um dann ungefiltert die Not der drei Figuren mit Wucht hervorkrachen zu lassen: eine tiefe Verzweiflung, die aus der Zurückweisung komm." Nur die letzte halbe Stunde Schiller O-Ton erzeugt Kritikerratlosigkeit.

Einen großen Theaterspaß gibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (1.9.2012) zu Protokoll. Etwas Stückkenntnis vorausgesetzt allerdings. Bei Nunes werde das Schillerstück nicht nur vorgeführt, sondern (wie immer in seinen Inszenierungen) "in der Wirklichkeit der Theaterbegegnung zwischen Spielern und Publikum ausgetragen." Dieser Schiller-Abend bestehe mehr oder weniger aus drei großen Auftritten, "in denen Paul Schröder (50 Minuten vor allem als Franz), Aenne Schwarz (20 Minuten vor allem als Amalie) und schließlich Michael Klammer (60 Minuten vor allem als Karl) die Bühne jeweils für sich haben. Schröder eröffnet grandios mit einer fulminanten Chargen-Parade, Schwarz hat ein lyrisches Zwischenspiel abbekommen (mit den Frauenfiguren hat es Nunes nicht so), und Michael Klammer legt eine selbstreflexive Standup-Persiflage vom Feinsten hin − findet aber immer wieder zurück ins Stück. Und was in der letzten knappen halben Stunde passiert, wird hier nicht verraten."

Von einer "typischen Talentprobe", die nur "minutenweise Freude" mache, berichtet Matthias Heine in der Welt (31.8.2012). Gedacht sei Nunes' Schiller-Monologreigen "als gruppentherapeutische Meditation über die Wirksamkeit des Theaters (Karl Moors Fluch vom "Theaterfeuer", mit dem man keine Pfeife anzünden könne, wird ständig wiederholt) und über die Möglichkeit, heute die Klassiker zu spielen". Dabei präsentierten die drei Akteure "unterschiedliche Darstellungsarten: Schröder/Franz eine chamäleoneske Virtuosennummer, Schwarz/Amalia die gebändigte Frauentragödie und Klammer/Karl glänzt in selbstreflexiver Coolness, die dadurch noch an Dimension gewinnt, dass dieser Afro-Südtiroler so schön doppelsinnig mit den bei Schiller moralisch gemeinten Begriffen "schwarz" und "weiß" jongliert."

"Räuber, gegeben als drei Monologe in zweieinhalb pausenlosen Stunden ergeben ein unterhaltsames, hochintelligentes und einfallsreiches Theaterbefragungsspiel", berichtet Hartmut Krug für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (30.8.2012). Regisseur Nunes suche "nicht nach einer aktuellen Definition des Revolutionsbegriffes für Schillers Stück, sondern befragt die Figuren des Stücks direkt. Nicht, indem er psychologische Charakterbilder entwirft, sondern, indem er sie in Erkenntnisdialoge mit sich und mit dem Publikum verwickelt."

Ein "Mordsjokus" sei diese "Räuber"-Solotour, berichtet Peter Hans Göpfert für das Kulturradio des rbb (31.8.2012). Die "intensivste Nummer" biete dabei zu Beginn Paul Schröder mit seinem Franz. "Er schmeißt sich chargierend ans Publikum ran, als wollte er Schillers Shakespeare-Begeisterung, die Schauermomente, das drängende Stürmen und stürmende Drängen an allen Ecken und Enden sichtbar machen. Er ist immerzu im Crescendo und in höchster Übertreibung."

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