In der Eifersuchtsspirale

von Grete Götze

Gießen, 1. September 2012. Othellos Fremdheit zeigt sich in Karoline Behrens' Eröffnungs-Inszenierung am Stadttheater Gießen sofort an seinen Turnschuhen. Der Maure in venezianischen Diensten wird der einzige bleiben, der an diesem Abend Turnschuhe trägt. Es sind Vans, schwarze Skater-Turnschuhe mit weißem Wellen-Markenzeichen.

In ihnen steht Othello breitbeinig in der Mitte der Bühne, der General ohne innere Mitte aus Shakespeares über 400 Jahre altem Trauerspiel, das auf einer Novelle des Giraldi Cintio basiert. Der General, der heimlich Desdemona, die Tochter des Senators Brabantio, geheiratet hat, geht in die Knie, verzieht das Gesicht, formt ein wildes "Ohhh", gefolgt von einem kurzen "ttt". Durch seine Identität suchende Lautmalerei, die er mit dem Körper nachvollzieht, wird er zur tierischen Gestalt. Dann, nachdem Othello die Sprache zum Klang zerrupft hat, kommt Desdemona. Schön, mit artig zum Dutt hochgesteckten Haaren und wippendem Petticoat-Rock lässt sie sich vom wilden General mit den Händen an ihrem Körper entlang fahren.

othe4057 560 rolf k wegst uVenezianische Familienaufstellung  © Rolf K. WegstEs ist ein starkes Vorspiel, das die 1982 geborene Regisseurin der eigentlichen Handlung ihrer knapp zweieinhalb-stündigen Inszenierung voranstellt. Darauf folgt abermals ein starkes Bild, in dem die versammelte venezianische Gesellschaft immer schnellere Kreise um das Liebespaar dreht, um sich wie in einer Familienaufstellung an unterschiedlichen Orten auf dem Podest der Vorderbühne zu positionieren. Behrens montiert sauber gearbeitete Szenen wie Fotografien hintereinander, um in fünf Akten die von Jago gesponnene Intrige szenisch aufzurollen, die Othello glauben macht, dass Desdemona ihn mit seinem Leutnant Cassio betrogen hat.

Überstapazierte Symbolik

So genau, wie Behrens die Figuren in Schwarz-Weiß-Optik platziert und meist zur vierten Wand hin spielen lässt, so genau hat die Kostümbildnerin Anne Buffetrille ersonnen, welche Figuren sie welchen Kragen tragen lässt: Othello, zwar geachteter General im fernen Venedig, aber eigentlich ein wilder Schwarzer, trägt sein Hemd offen. Jago, das Raubtier, das aus Frust darüber, dass Othello nicht ihn, sondern den jüngeren Cassio zum Leutnant befördert hat, Othello mit Intrigen zum vor Eifersucht rasenden Mörder macht, trägt einen Haifischkragen. Der brave Diener Cassio gibt sich zugeknöpft, und der törichte Verliebte Rodrigo trägt ein albern anmutendes Halstuch über dem Kragen.

othe4192 560 rolf k wegst u © Rolf K. WegstDie Kostüme entsprechen der Handlung, die Othello und Desdemona ob der Bedrohung durch die Türken nach Zypern verschlägt, wie die riesige rote Spirale, auf der sich in der Tiefe der Bühne Othello immer mehr in die Eifersuchtsspirale begibt und die geopferten Figuren wie Steine von Stufe zu Stufe hinabfallen.

Aber manche Symbolik ist überstrapaziert und unterfordert in ihrer Eindeutigkeit. Wenn etwa Jago ganz oben auf dem Spiralturm steht, als der von Eifersucht niedergedrückte Othello schon weiter unten kauert oder die Fokussierung auf das gestohlene Tuch, das Othello zum Beweismittel von Desdemonas Betrug wird. Zu diesem Eindruck trägt auch die klare heutige Übersetzung von Frank Günther bei, so dass sich der Zuschauer nach eineinhalb Stunden dieser sich auf genau gearbeitete Sprache und Bilder verlassenden Inszenierung vergeblich nach neuer Beschäftigung umsieht. Auch die Musik, für die das Stadttheater Gießen extra den belgischen Musiker Roderik Vanderstraeten engagierte, schmiegt sich zu reibungslos der Inszenierung an – abgesehen von einer der stärksten Szenen, in der die Figuren tanzend zusammen nachvollziehen, warum Desdemona sich in Othello verliebt hat. Die Fremdheit Othellos, die bei den Turnschuhen ihren Anfang nahm, wird nicht näher untersucht.

Worte wie Waffen

Dem Spiel der Schauspieler tut das aber keinen Abbruch. Vincenz Türpe führt als gelockter Jüngling Jago seine hinterhältigen Worte so behände als Waffe wie Anne-Elise Minetti Desdemona, sonst gerne als hauchzartes Wesen inszeniert, als selbstbewusst-zupackende Liebende gibt. Am Ende, als Jagos Plan aufgegangen ist, geht alles ganz schnell. Jago huscht in der Tiefe der Bühne im Dunkeln Roderigo hinterher. Vorne fleht Desdemona, als sie gewahr wird, dass es ihr nichts nützt, dass ihr Mörder sie liebt: "Töt mich morgen, laß mich heut noch leben! Nur eine halbe Stunde! Nur einen Augenblick..." und ein V-artiger Bühnenschatten zielt auf das Opfer.

Peter Kümmel hat unlängst in der Zeit geschrieben, es gebe derzeit in Deutschland zwei Theaterwelten. Einerseits die Welt des naturalistisch-psychologischen bürgerlichen Theaters, in welcher sich Schauspieler verwandeln und in eine andere Zeit und Haut schlüpfen. Und auf der anderen Seite das Theater, das fortwährend an der Unterwanderung und Entzauberung dieser Illusionsmaschine arbeitet. Behrens, ehemals Regieassistentin bei Michael Thalheimer mit kleinen feinen Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt, bewegt sich zweifelsfrei in der ersten dieser beiden Welten. In einer Welt, in der zum Beginn der Spielzeiteröffnung Landräte und Bürgermeister begrüßt werden und auf die Wichtigkeit des Fortbestandes des Dreispartenhauses Gießen hingewiesen wird.

In dieser Welt bewegt sich Behrens souverän. Nur bisweilen scheinen Momente durch, in denen ihre Inszenierung so gestrig wirkt wie ein Drama, dessen Protagonist sich gezwungen sieht, seine vermeintlich untreue Frau umzubringen, um die moralische Ordnung wieder herzustellen.

 

Othello
von William Shakespeare
Deutsch von Frank Günther
Regie: Karoline Behrens, Dramaturgie: Matthias Schubert, Bühne: Lukas Noll, Kostüme: Anne Buffetrille, Musik: Roderik Vanderstraeten.
Mit: Roman Kurtz, Harald Pfeiffer, Pascal Thomas, Vincenz Türpe, Lukas Goldbach, Petra Soltau, Anne-Elise Minetti, Mirjam Sommer, Ana Kerezović.

www.stadttheater-giessen.de

 

Mehr lesen? Karoline Behrens, 1982 in Stolberg geboren, war bis 2009 Regieassistentin am Deutschen Theater und wechselte dann ans Schauspiel Frankfurt. Am Theater Heidelberg inszenierte sie 2011 für den Eröffnungsmarathon Don't believe the Hype "retten - zerstören" von Robert Woelfl.

 

Kritikenrundschau

Eine "eigenwillige, stark stilisierte Inszenierung" und ein "vorzüglich agierendes Ensemble" gibt Thomas Schmitz-Albohn im Gießener Anzeiger (3.9.2012) zu Protokoll, sowie langen Applaus des überwiegend geladenen Premierenpublikums. "Wir sehen viel Pantomime, viel Choreografie und hören wenig Shakespeare. Dabei wäre in dem von Lukas Noll geschaffenen Bühnenraum eigentlich genügend Platz fürs Dichterwort. Doch Karoline Behrens hat das Drama nicht nur auf gut die Hälfte zusammengestrichen, sondern eine betont nüchterne, fast möchte man sagen: unpoetische Fassung (Deutsch: Frank Günther) gewählt. Jedenfalls ist von innerer Spannung durch Sprache in der zweieinhalbstündigen Aufführung wenig zu spüren. Deshalb müssen illustrierende Klänge (Musik: Roderik Vanderstraeten) her, um eigene Bedeutungsschwerpunkte zu setzen."

Ein gelungenes "Wagnis" mit einer jungen Regisseurin und einer jungen Besetzung für die Rolle des Jago stellt dieser Abend für Karola Schepp von der Gießener Allgemeinen Zeitung (online 2.9.2012) dar – "auch wenn die Inszenierung die ein oder andere Schwäche aufwies". Der Regisseurin gehe "es um Othello, sein Fremdsein ihn dieser Welt, seinen Verlust von Vertrauen, Ansehen und Macht und die menschliche Tragödie, die durch eine einzige Bemerkung oder Handlung ausgelöst werden kann." Allerdings bleibe dieser Othello – trotz des "eindringlichen Spiels" von Roman Kurz – "auch ein wenig dem Zuschauer" fremd. "Die schon bald kriselnde Liebe zur sehr viel jüngeren Desdemona wirkt aufgesetzt, und von der angeblichen Stärke dieses Mannes, der als General zu Beginn selbstbewusst den gesellschaftlichen Konventionen trotzt, bleibt schon bald nichts mehr übrig." Aus der durchweg gewürdigten Schauspielerriege wird der Newcomer Vincenz Türpe für seine Darstellung des Jago herausgehoben.

 
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