Play it again, Sophie

von Nikolaus Stenitzer

Hamburg, 6. September 2012. "Gone with the Wind", raunt die Bühne, die Bert Neumann über das halbe Parkett des Hamburger Schauspielhauses gebaut hat. Eine bedrohliche Südstaatenszene tut sich da auf, ein halbrundes Panorama mit windschiefem Baum vor blutrotem Himmel. Und dann noch die Streicher im Hintergrund. In der Melodie, die da gespielt wird, deutet sich aber schon an, was in der ersten Szene geklärt wird: Hier wird etwas anderes gespielt. Aber nichts ganz anderes, sondern auch ein Film. "Johnny Guitar" heißt das Lied zu der Melodie, das Lied, das Sophie Rois später auch singen wird, und Johnny Guitar heißt der Western von Nicholas Ray, der die erste Grundlage für "Neues vom Dauerzustand" bildet.

Der Traum der Bandenzugehörigkeit

In "Johnny Guitar" geht es um die Möglichkeit von Liebe und die Möglichkeit von Eigenständigkeit, vermittelt in Erzählungen über Besitz, Neid, Eifersucht und Verleumdung, und die Grundlage erweist sich schnell als ideale Vorlage für das René-Pollesch-Spiel mit Zitaten und Zeitbezügen. Sophie Rois in der Filmrolle der Vienna und der von Christine Groß geleitete Chor spielen Szenen, in denen es um Bankraub und Bandenzugehörigkeit geht, und streiten dabei darüber, ob deutsches Lohndumping das Leben der Menschen in China besser machen würde. Christine Groß selbst mischt sich als ebenfalls dem Film entnommene Widersacherin Emma ein.

Die frisch gekürte Schauspielerin des Jahres: Sophie Rois Sebastian Hoppe ppe hDie frisch gekürte Schauspielerin des Jahres: Sophie Rois © Sebastian Hoppe

Es geht wie gewohnt um das Kaputtwerden an der Gesellschaft und um das Kaputtsein der Linken, der zum Kaputtwerden nicht viel einfällt. Die Sätze, in denen das verhandelt wird, hängen in der Luft und sollen in der Luft hängen; es sind die gewohnten Anti-Cliffhanger, die als Statements genauso funktionieren wie als Pointen. Ungewöhnlich ist dagegen, wieviel relative erzählerische Stringenz Pollesch diesmal aufbietet. Natürlich wechseln die Darstellerinnen gelegentlich ihre Rollen, und natürlich bekommt der Hauptfilm mit einer Reminiszenz an Woody Allens "Deconstructing Harry" auch seinen Nebenfilm, aber grundsätzlich ist Programm, was Sophie Rois zu Leonie Hahns Gitarre haucht: "Play it again, my Johnny!"

Liebe hilft, Liebe hilft nicht

Das Spiel von Vienna und ihrem Johnny, hintertrieben von der bösen Emma, das als Spiel mit Begriffen von Liebe und Treue und in Ansätzen auch als Spiel über Männer und Frauen angelegt ist, ist das tragende Gerüst des Stückes, und es ist so tragend, dass die griffigen Sätze über Löhne, China, Merkel, Hitler es nicht brechen, sondern eher daran baumeln bleiben. Im Gerüst wiederum, in der Filmtragödie, sind die Grundfragen des Stückes zu finden: "Jeder liebt, und es sagt uns nichts. Warum denn nicht?" Margit Carstensen gibt eine Johanna von Orleans-Figur, die sich mit solchen Fragen herumzuschlagen hat: "Warum hilft die Liebe nicht? Warum sagen uns andere, es werde beim nächsten Mal schon besser werden, wo es doch niemals besser wird? Warum bringen wir uns nicht einfach um, wenn wir das schon wissen?"

Also ein Stück über Liebe, und damit eine Fortsetzung der vielen Pollesch-Texte über die Chancenlosigkeit des Subjekts, aber am Ende doch ein wenig anders. Margit Carstensen macht aus ihrer Rolle beinahe eine Figur – eine Johanna, die befürchtet, am Ende doch wieder am Leben zu bleiben, eine tragische Figur, die vom Chor für ihre Tragik gescholten wird und dabei selber nach einer materialistischen Liebe verlangt, weil die Tragödie doch ständig nur die Selbstachtung im Blick habe und dabei die doch viel bedeutendere Selbstverachtung ignoriere.

Vertreten oder zertreten

Es sind diese Momente im Stück, in denen sich Inhalt und Form im wechselseitigen Hohn verbinden, die in sich zu den besten gehören und gleichzeitig die vordergründige Handlung vorantreiben. Das ist das Ungewöhnliche: Die deutliche Steigerung auf den Höhepunkt hin. Der Schlussmonolog, den Margit Carstensen großartig vorträgt, taugt am Ende weder recht zur Tragödie noch zur Farce. Es ist ein Markenzeichen Polleschs, im Text öfter offen zu lassen, ob hier gerade etwas vertreten oder zertreten werden soll. In diesem Fall tritt die Erkenntnis zutage, dass die Liebe unglücklich mache, und zwar prinzipiell, und dass man deswegen besser gleich im jeweils bestehenden Liebes-Unglück bleiben solle, denn dann verstehe man die Liebe erst richtig – "Bleiben, immer nur bleiben!"

Wieder einmal eine Ausweglosigkeit entdeckt: Das passt als eine Szene unter vielen und fällt schlicht ab, wenn so ungewöhnlich dramatisch zum Schluss hingeführt wird wie hier.
Dass am Ende Theodor W. Adorno mit einem verdrehten Minima Moralia-Zitat als Zeuge für die "Bleiben"-These herhalten musste, ist übrigens geradezu unsportlich. Aber der begeisterte Applaus im Schauspielhaus war wahrscheinlich ohnehin weniger für Adorno oder Pollesch gedacht als für das Ensemble.

Neues vom Dauerzustand (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Chorleitung: Christine Groß, Licht: Holger Stellwag, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Margit Carstensen, Christine Groß, Leonie Hahn, Sophie Rois, Chor: Stefanie Bruckner, Laura Louise Brunner, Johanna Hartenberg, Lisa Melina Paulun, Laura Schuller.

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Ohne Sophie Rois "wäre der Abend vermutlich komplett in sich zusammemgefallen", schreibt Anke Dürr in der Frankfurter Rundschau (8.9.2012) Grundsätzlich scheint aus Sicht dieser kaum über eine Stunde Spielzeit herauskommende Theaterabend als Spielzeiteröffnung "eines ohnehin gebeutelten Hauses" nicht zu genügen. Es gebe ein paar "typische Pollesch-Momente", insgesamt aber sind es aus Sicht der Kritikerin zu wenige. Zwar sei es Pollesch noch nie darum gegangen, "eine Geschichte zu erzählen oder Lösungen zu bieten", aber an diesem Abend lasse sicht nicht einmal die Problemstellung erkennen. "Ein bisschen Filmgeballer und privater Liebeskummer, eine Prise Adorno, ein wenig Hedonismus-Lob vom Modephilosphen Robert Pfaller, ein paar Globalisierungssprüche. Dazwischen eine Menge Löcher, die zu viel Zeit zum Nachdenken über diese Textchen lassen und über die Frage, wie der Regisseur es schafft, bereits neun Tage später an der Berliner Volksbühne seine nächste Produktion herauszubringen."

"Vielleicht wird's ja nach viel Ärger noch ein wirklich schöner Abschied," meint dagegen in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio (7.9.2012) Michael Laages. Besonders freut sich dieser Kritiker an Margit Carstensen, die seinem Eindruck zufolge "um jeden Auftritt, jeden Satz, jedes Wort" kämpft, und damit (noch!) eine Schauspielerin sei, "mit der und durch die diese Texte (noch!) etwas bewirken. Margit Carstensen erfindet Pollesch 'wie neu'", dessen Diskurs-Theater als "eine immerwährende Gardinenpredigt" Laages sonst oft eher ermüdet.

"Selten war Pollesch derart spielfreudig und leichtgängig," schreibt Debra Skerra auf Welt-online (8.9.2012), deren Eindruck zufolge der Hambuger Spielzeiteröffnungsabend zu Polleschs unterhaltsamsten Projekten überhaupt gehört. René Pollesch finde unterhaltsame Bilder für seine metaphorische Sprache, "die zwischen kontrovers geführter Grundsatzdiskussionen und tiefgründigem Nonsens" schwanke.

"Der Abend ist selbst für René-Pollesch-Liebhaber zu wirr geraten", schreibt Klaus Irler in der taz Hamburg (8.9.2012). Es sei wie immer bei Pollesch: "Thesen, Phrasen und Aphorismen treffen aufeinander, berechenbare Charaktere oder eine Geschichte gibt es nicht und immer, wenn das Publikum glaubt, sich an irgendetwas festhalten zu können, wird ihm dieser Anhaltspunkt wieder genommen. Worum es ging? Um die Liebe, irgendwie." Dass das Stück vorbei sei, könnte man als Zuschauer nur daran merken, dass plötzlich alle neun Schauspielerinnen Hand in Hand auf die Bühne kommen und lächeln. Von verlorenen 60 Minuten schreibt Irler auch.

"Der ganze Abend ist selbst eher wie ein Schnellschuss, der durch die Wüste zischt," schreibt Annette Stielkele im Hamburger Abendblatt. (8.9.2012). Als zweiten Hauptakteur neben der famosen Sophie Rois macht die Kritikerin das Bühnenbild von Bert Neumann aus, das es aus ihrer Sicht an Dramatik mühelos mit dem Setting von "Vom Winde verweht" aufnehmen kann. Wie sich Sophie Rois und Christine Groß "lustvoll erhitzt die Textbälle zuwerfen" sei wie immer sehenswert. Doch "obwohl klug zusammengedacht", findet die Kritikerin die Inhalte der Texte "mitunter so sinnleer, wie jener TV- Sprech, den Pollesch damit eigentlich entlarven will."

"Eine Woche bevor in Berlin an der Volksbühne mit "Don Juan" (und Martin Wuttke) die nächste Pollesch-Premiere steigt, bleibt für das Hamburger Schauspielhaus nur ein kraftloses, ziemlich lieblos arrangiertes Gekräusel im großen Strom der Pollesch-Texte, in dem es seit ein paar 'Stücken' verstärkt um die Liebe geht", urteilt Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.9.2012). Auch diesmal gehe es um die Liebe und um deren Waren- und Marktwert und Austauschbar- und Unmöglichkeit in Zeiten des digitalen Kapitalismus, "aber so lieblos und dabei unkonzentriert arrangiert, so arm an Spannung, so statisch zäh in der Praxis und überraschend arm an Theorie, dass es ein Jammer ist."

Die Kapitalismuskritik werde Pollesch so gebrochen artikuliert, dass sie garantiert "durch keinen Lehrstoff-TÜV" komme, schreibt Till Briegleb für die Süddeutsche Zeitung (18.9.2012), wo er das Stück zusammen mit Albert Ostermaiers "Ein Pfund Fleisch" bespricht, das eher als platt und didaktisch wahrgenommen wird. Polleschs Abend mit Sophie Rois biete den "ewigen Vergleich von Liebe und Kapitalismus, der Pollesch seit gefühlten fünf Jahrzehnten umtreibt." Aus dem Vergleich mit Ostermaier geht Pollesch als Sieger der Kapitalismuskritik hervor, aber die rechte Begeisterung über den Abend klingt in Brieglebs hier eher aufsummierenden Beschreibungen nicht durch: "Margit Carstensen im klapprigen Ritterzeug spricht Monologe über Scheitern und Tragödie, die in der Pointe enden, dass sie auch auf dem Scheiterhaufen gescheitert ist."

 
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