Ein Anfang ist gemacht

von Herwig Lewy

August 2012. Form ist Inhalt: Der Blick aus dem Kosmos auf den Planeten Erde, blau. Durch das Raster der Längen- und Breitengrade hindurch heben die weiß gepunkteten Konturen auf den geographischen Raum Europa ab, mit dem symptomatisch eher Kopf- und Bauchschmerzen denn Euphorie aufkommen: Phänomene à la Viktor Orban, INDECT, FRONTEX, Austerität, "Kulturinfarkt".

Da freut es, dass sich die von Jack Lang und Giorgio Strehler 1990 gegründete Union der Theater in Europa nach Jahren der Existenzkrise unter der neoliberalen Agenda nun nach einer für unmöglich gehaltenen Öffnung mit einem Projektbuch selbstbewusst zurückmeldet, das in der kulturpolitischen Arena seinesgleichen sucht, bringt die multinationale Theaterkooperation doch, gehüllt in die Farben der Freiheit und Gleichheit, auch einen Topos in Stellung, der seit 1789 seinen Platz in der politischen Ordnung Europas sucht: die soziale und kulturelle Einheit Europas.

Geschichte? Grenzen?

"Frontieres liquides" heißt das Projekt, verdeutscht: flüssige Grenzen. Miteinander verbunden sind die Städte Thessaloniki, Bukarest, Palermo, Mailand und auch (Organisationsort) Paris, denn sie alle teilen gemeinsame Geschichte(n) und Legenden rund um ihre Seegrenzen, denen das Nationaltheater Nordgriechenlands, das Teatrul Bulandra, das Teatro Garibaldi, das Piccolo Teatro und das MC93 kooperativ habhaft zu werden versuchen.

frontierestitelLust macht der Bericht von Matteo Bavera, der von den Ereignissen im mythischen Syrakus, von der Hommage an Carmelo Bene, auch von dem politischen Theater des jungen Regisseurs Giuseppe Massa (Sangu miu) schreibt. Denn ja: Wenn unsere Vorfahren durch Europa trieben (oder getrieben wurden), warum begrenzt sich der Aufnahmewille heute auf Duldung und Flüchtlingsheime? – Oder nein: Wenn Alexandru Darie das Problem der Einkapselung auf der mythischen Ebene kollektiver Intentionalitat reflektiert, das Wort "Scharīʿa" an einer Hauswand in London bemerkend?

Der Sohn des Schwarzen Meeres ist Dionysos, erinnert Darie, doch das Aufbrechen von Beklemmung und Verkrampfung illustriert der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi, der während des "Arabischen Frühlings" in Mailand probt: Stärkte Habib Bourguiba einst die Rechte der Frauen und öffnete damit die Grenzen zwischenmenschlicher Beziehungen, sieht er unter den Salafisten heute die Säkularisierung in Gefahr – Angst wird zum Maßstab fur mentale wie territoriale Grenzmarkierung; und die Reisefreiheit war das erste, was die neue Regierung nach dem Sturz Ben Alis einschränkte.

Staat? Bürger? Gesellschaft?

Dass die Maßstäbe längst auch auf der anderen Seite des Mittelmeeres erodieren wie zuletzt 1989 beschreibt Sotiris Chatzakis. Angesichts der Entmachtung der Parlamente durch die Bewertungskriterien dreier privater Ratingagenturen richtet er eine Frage an den Leser: Ist die Bedeutung von Ausdrücken wie "Fortschritt", "Konservatismus", "Liberalismus", "Sozialismus", "Staat", "Bürger", "Markt" oder "Gesellschaft" hinreichend klar? – Es bleibt der Wunsch nach mehr, denn was Anlass für das Buch ist, ist zugleich Schwäche, entfällt die Darstellung der theatralen Arbeiten auf nur acht Seiten (von 87 Textseiten gesamt).

Der dritte Teil des Projektbuches unterstreicht den programmatischen Anstrich des "plötzlichen Auftauchens der europäischen Bühnen", enthält er zur Selbst- und Ortsbestimmung ausdrucksstarke Darstellungen und Beitrage assoziierter Künstlerinnen und Künstler (u.a. Didier Juillard, Angelica Liddell, Vincent Macaigne, Gianina Carbunariu, Antonio Latella, Kristian Smeds, Anne-Cecile Vandalem). Erfreulicherweise, denn so findet sich das Leitmotiv wieder, künstlerische Freiheit als Souveränitatsrecht auch in Zeiten der "liquid modernity" (Zygmunt Bauman) weiterhin einfordern zu wollen.

Workshops? Festivals? Ausstellungen?

All diesen praxisnahen Versuchen im Theater sind grundsätzliche Überlegungen vorangestellt. Dazu eröffnen Georges Banu ("Wohltemperierte" Grenzen), Bernd Witte (Die Tragödie der Grenzen) und Emmanuel Wallon (Die Grenze zu Eigen machen) die gesamte Bandbreite der europäischen Frage: Da steht der Selbstmord Walter Benjamins neben den 17.738 zwischen 1988 und 2010 erfassten Flüchtlingstoten im Mittelmeer. Da ist Khalil Siam, der durch den israelischen Angriff vom 23. Januar 2009 72jährig Hab und Gut verlor. Da sind die etwa 25.000 Flüchtlinge vom 25. Februar 2011 am Grenzübergang Ras Ajdir. Da taucht die Berliner Mauer als Vorgeschichte zur US-mexikanischen Grenze auf. Dazwischen schimmert die multikulturelle Bukowina des frühen 20. Jahrhundert mit ihrem Nationaltheater in Czernowitz gespenstisch im Licht einer futuristischen Verwirklichung der europäischen Idee (Matei Visniec).

Workshops, Masterclasses, Festivals, Ausstellungen und weitere Konferenzen sind nun weiter geplant. Vielversprechende Welten, die zuletzt selbst von der EU-Kommission anerkannt wurden, erhob sie das Netzwerk pünktlich zur Wahl Hollandes in den Stand des Kulturbotschafters. Bleibt zu hoffen, dass auch die Bundesrepublik Deutschland das Europa der Kultur noch entdeckt, ein monetäres Verlustgeschäft zwar, aber kein so dunkles Fest wie der (Grenz-)Krieg.

 

Frontieres liquides – territoires de l'art
Emergences de la scene europeenne
Herausgegeben von der Union des Theatres de l'Europe und Alternatives theatrales als Sonderheft (Hors serie) N°9,
Brüssel, Mai 2012, 88 S., 18 Euro

 

Weitere Bücher? Bitteschön.

 

 
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