Alles nur Phantasiegeschäfte

Von Falk Schreiber

Hamburg, 14. September 2012. Mehrfach flackern Bilder von Unruhen über die Leinwand, unscharf, im harten Schwarzweiß. Einmal erkennt man einen arabischen Schriftzug, aber der ist egal: Ob in Athen, New York oder Kairo, überall haben Vermummte einen Grund, sich zu erheben, solange es eine abgehobene Elite gibt, die immer mehr zu haben scheint, während man selbst immer weniger hat. Zu den Bildern wummern dumpf die Beats des Hamburger Independent-Musikers Jimi Siebels.

Frei nach Shakespeare wie Jelinek

Albert Ostermaier hat mit "Ein Pfund Fleisch" Shakespeares "Kaufmann von Venedig" sehr frei nachgedichtet und dabei den Fokus weg von der ethnischen Zuschreibung Shylocks als Jude auf die berufliche Sphäre gelenkt: Shylock ist Geldverleiher. Ein Geldverleiher vertritt den jeglicher Moral enthobenen Kapitalismus, entsprechend ist Shylock bei Ostermaier ein Wertpapierhändler, der auf zusammenbrechende Volkswirtschaften wettet und am Ende aus jeder Krise einen erklecklichen Gewinn zieht.

Allzu originell ist diese These nicht, auch Elfriede Jelinek überschreibt in "Die Kontrakte des Kaufmanns" Shakespeare mit einer Analyse des implodierenden Finanzkapitalismus – und gerade im direkten Vergleich zeigen sich die Schwächen des Ostermaierschen Texts. Der nämlich will sowohl Zeitdiagnose als auch besserer Shakespeare sein und flüchtet sich am Ende aus diesem Dilemma in den Gegensatz Judentum-Christentum, den der Grundgedanke anfangs doch eigentlich als irrelevant erklärt hatte. Was ja auch die spannendere Konstellation ist: "Alles Phantasiegeschäfte", beschreibt Antonio da sein Gewerbe, "nichts hat mehr einen Gegenwert, nur das Leben." Es ist nicht weit hergeholt, dass ein Mensch, dessen ökonomisches Denken so der Realität enthoben ist, irgendwann anfängt, seinem Gegenüber das Herz aus den Rippen zu schneiden, nur um wenigstens etwas von Wert in den Händen zu halten. Mit dieser Idee spielt Ostermaiers Stück – und dann verschenkt es sie.

einpfundfleisch 560a kerstinschomburg uDer Trend geht zu Schweinehälften: Bühne von Christin Treunert   © Kerstin Schomburg

Gehetzte Tiere unter Strom

Obwohl dabei die Vorlage an ihre Grenzen gerät, scheint es zunächst, als könne Regisseur Dominique Schnizer noch einiges retten bei der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus. Schnizer hat hier zuletzt Leben und Erben von Oliver Kluck geschickt inszeniert, ist entsprechend erfahren im Umgang mit nicht unproblematischen Texten und hat für "Ein Pfund Fleisch" einen straffen, konzentrierten Regiezugriff gefunden. Die Figuren agieren wie unter Strom, gestresste Tiere, die nie so recht wissen, ob sie gleich einen tödlichen Angriff abwehren müssen. Auf der ansonsten nackten Bühne (Ausstattung: Christin Treunert) hängt die naturgetreue Nachbildung einer Schweinehälfte, die die aufgestauten Aggressionen abbekommt: ein Boxsack aus blutigem Fleisch. Ein starkes Bild, das vielleicht nicht bis zum Ende durchdacht ist (Jude? Schwein? Hallo?), das allerdings die Spannung der Figuren klug in Theater übersetzt.

Und: Das krisengebeutelte Schauspielhaus-Ensemble wächst über sich hinaus. Dominique Horwitz verzichtet als Shylock auf seinen bubihaften Charme, stattdessen ist er ein bulliger Brutalo, der alles seinem persönlichen Erfolg unterordnet. Und Michael Prelles Antonio weiß im Grunde, dass er zu alt ist, um noch wirklich böse Dinger zu drehen – und agiert deswegen extra skrupellos.

Was bitte ist ein Investmentpunk?

Nicht alles an dieser Uraufführungs-Inszenierung ist gleichermaßen gelungen. Hanns Jörg Krumpholz' Tubal ist ein Karrierist, der zu dreckig lacht und sich zu häufig im Schritt kratzt, als dass wir tatsächlich Angst vor ihm haben würden. Und wenn Maria Magdalena Wardzinska sich vom Luxustöchterchen Portia in den "Investmentpunk" (was, bitte, soll das eigentlich sein?) Gratiano verwandelt, dann fällt der Regie nichts anderes ein, als ihre Plateauschuhe durch Chucks und ihr Kleid durch einen Parka zu ersetzen. An dieser Stelle merkt man, dass die Kapitalismuskritik Schnizers auch nicht anspruchsvoller ist als diejenige Ostermaiers, auch wenn sie besser aussieht.

Einmal erzählt Shylock, wie Antonio sein Vermögen gemacht habe: Antonio gab Kredite nach Afrika, damit die Afrikaner europäische Firmen beauftragen konnten, Infrastrukturprojekte zu stemmen. Das Geld blieb also in Europa, während Afrika immer mehr Schulden anhäufte, die dann mit Rohstoffen getilgt werden mussten – nur damit die Afrikaner am Ende auf ihren neu gebauten Straßen verrecken. Kapitalismus, wie ihn sich Klein-Erna vorstellt. Dass das System aber viel raffinierter ist, dass am Ende gar niemand mehr durchsteigt, wer jetzt warum welchen Gewinn macht, das ahnt dieses Stück nicht einmal.

Nur die Demonstranten auf den Videos, die ahnen etwas. Sie ahnen, dass sie nicht annähernd wissen können, gegen wen sich ihr Protest eigentlich richtet.

 

Ein Pfund Fleisch (UA)
Von Albert Ostermaier nach Motiven von William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig"
Regie: Dominique Schnizer, Bühne und Kostüme: Christin Treunert, Licht: Annette ter Meulen, Video: Marcel Didolff, Musik: Jimi Siebels, Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Stefan Haschke, Dominique Horwitz, Hanns Jörg Krumpholz, Michael Prelle, Jimi Siebels, Maria Magdalena Wardzinska.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Albert Ostermaier habe Shakespeares "Kaufmann" in "Ein Pfund Fleisch" "auf einen Aspekt reduziert", schreibt Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.9.2012): "Auf das Thema Geld und Gier – mit den Figuren von 1595, aber unter den Finanzmarktbedingungen des Jahres 2012." Es gebe "kein Happy End, das Juden-Antisemitismus-Thema spielt kaum eine Rolle, die Liebe beim Romantiker Ostermaier gar keine". Für das aber, "was an der Finanzwelt so unfassbar" sei, habe Ostermaier "einige schöne Dialoge und schlüssige Bilder gefunden. Und einen Sound der Gierigen." Aber er traue sich nicht, "sich radikal vom Shakespeare-Plot zu lösen. So, wie der jungen Uraufführungsregisseur Dominique Schnizer sich nicht traute, radikaler mit Ostermaiers Vorlage zu spielen." Das Ende allerdings wirke "(gelesen) ziemlich falsch und (in der Inszenierung) so unfertig und albern", dass es fast vergessen mache, "dass einiges von dem, was man zuvor gelesen und gesehen hat, gar nicht so falsch war."

Auf der Folie des "Kaufmanns von Venedig" habe Ostermaier "die Implosion des Systems vorführen" wollen, schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (17.9.2012). Das gelinge in Dominique Schnizers Uraufführung "nur sehr bedingt". Die Aufführung drehe sich im Kreis, es sei "dramaturgisch nicht besonders aufregend, wenn Männer permanent in ihre Handys brüllen. Kühle und Sterilität wachsen sich zu Statik aus. Wie wohltuend, wenn wenigstens die Demonstrierenden auf der Leinwand zu den Techno-Klängen des Hamburger Indie-Musikers Jimi Siebels zur Aktion greifen."

Ostermaiers Shakespeare-Extrakt habe "an keiner Stelle das Format von Elfriede Jelineks 'Die Kontrakte des Kaufmanns'", sagt Elske Brault auf Deutschlandradio Kultur (15.9.2012): Während Jelinek zeige, "wie die Sehnsüchte der Kleinanleger die große Geldverbrennungsmaschine namens Finanzspekulation anheizen, beschränkt 'Ein Pfund Fleisch' sich darauf, die Klischees über Spekulanten mit mehr oder minder vorhersehbaren Metaphern auszutapezieren". Ein bisschen mehr aber "hätte sich aus dem Text doch machen lassen. Dominique Schnizer lässt ihn brav aufsagen auf der sterilen weißen Bühne". Die Inszenierung kranke "an eben jener Virtualität, unter der die Figuren im Text leiden, zumal einzig Dominique Horwitz tänzelnd, schwitzend und Grimassen schneidend ein wenig sinnliche Präsenz auf die Bühne bringt."

Zu Ostermaiers Verteidigung müsse gesagt werden, schreibt Monika Nellissen in der Welt (17.9.2012), dass "Ein Pfund Fleich", "wahrlich nicht sein bester dramatischer Wurf, mehr Sinnlichkeit enthält (bei allem Börsenkauderwelsch und modernistischen Sprachfirlefanz), als es die Regie von Dominique Schnizer vermittelt." Ostermaier habe allerdings auch jede Menge platte Sentenzen auf Lager, und Schnizer, das sei eine Schwäche dieser Inszenierung, traue sich nicht, "scharf umrissene Charaktere zu zeichnen". "Diese Inszenierung ärgert niemanden, viel schlimmer, sie langweilt."

"Wir hängen den großen Zynismus raus!", so lautet für Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (18.9.2012) "das Schema dieser ganzen Produktion". Vom Ensemble würden "die offensichtlichsten Klischees von Figuren" produziert. "Ständig wird hässlich gelacht, wenn wieder eine herzlose Scheußlichkeit über die rücksichtlose Geldvermehrung geäußert wird. Man kratzt sich am Sack oder spuckt den Juden an". Der Abend durchmische so Gegenwartskritik mit einer Darstellung des Antisemitismus, die "in ihrer geifernden Manier klar ins Nazi-Deutschland gehört". In Shakespeares "Kaufmann von Venedig" seien die "Sympathien" für die Figuren "merkwürdig und unklar verteilt, Gerechtigkeit und Sühne bedrohlich formuliert", worin der "der Sprengstoff des Original" liege. Dagegen wirke die "Perspektiverkürzung", mit der Ostermaier und Schnizer den Shakespeare-Stoff "auf einen moralischen Spekulationsgewinn" hin aktualisierten, "überdeutlich und dozierend".

 

 

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