'74, '90, 2006 – werden wir erwachsen sein

von Andreas Pecht

Koblenz, 15. September 2012. John von Düffel hat ein neues Stück geschrieben. "Alle sechzehn Jahre im Sommer" ist ein Auftragswerk des Theaters Koblenz zu seinem 225. Geburtstag. Gestern kam es dort in einer Inszenierung des Intendanten Markus Dietze zur Uraufführung. Gewünscht hatten sich die Koblenzer etwas über den Fluss der Zeiten und die Wandlungen der Menschen darin. Geliefert hat der Autor eine "Trilogie des veränderten Lebens", deren Teile 1974, 1990 und 2006 spielen – jeweils angedockt an die Fußballweltmeisterschaften jener Jahre.

Es ist kein Sportstück, das da ohne Striche in dreieinhalb Stunden inklusive zweier Pausen über die Bühne des altehrwürdigen kleinen Stadttheaters geht. Das ist vielmehr die Begutachtung einiger Werdegänge, die mit dem Blick in die Küche einer Wohngemeinschaft am Tag des ersten WM-Gruppenspiels Deutschland gegen Chile 1974 beginnt. Zuerst erschrickt man: Düffel (Jahrgang 1966) trägt schon im Text recht dick auf, und Dietze (Jahrgang 1972) legt inszenatorisch noch eine Schippe drauf. Als wollten die Kinder ihren damals linksalternativen Alten eins auswischen, machen die beiden aus deren Lebensphase zwischen WG-Plenum, Politaktivismus und Beziehungskisten fast eine Persiflage.

Was als Boulevardkomödie beginnt …

Jungkünstler Hans-Helge malt sein erstes Bild; Kunststudentin Sabine fällt gickelnd vom Bier- in den LSD-Rausch; Prolet Carlo hat selbst die Krankenversicherung seiner just gebärenden Freundin Elke zu Geld gemacht. Lehramtsstudentin Heidrun lässt sich durch ein WM-Spiel nicht vom Aufruf "Wir müssen reden" abhalten. Dass der angehende Pathologe Jochen inmitten dieses Tohuwabohus Karriereambitionen erkennen lässt, kommt indes überraschend. Kurzum: Der erste Trilogie-Teil geriert sich als Boulevardkomödie, nur verläuft der Boulevard hier mitten durch die Alternativ-Szene der 70er. Das ist gut geschrieben und sauber konstruiert, wird frech gespielt und macht Spaß – wäre aber für sich allein schon morgen wieder vergessen, würde nicht der zweite Teil der vorangegangenen Schmunzelnostalgie im Nachhinein tieferen Sinn zuschieben.

alle16jahre 560a matthiasbaus xSo ist es halt: Im Vordergrund läuft Fußball, im Hintergrund das Leben © Matthias Baus1990. Dirk Steffen Göpferts Bühnenbild hat von Sperrmüll auf schickes Schöner-Wohnen-Ambiente umgeschaltet. Aus dem Off werden Halbfinale Deutschland vs. England und Endspiel Deutschland vs. Argentinien angesagt. WM und deutsche Wiedervereinigung treffen aufeinander, das ehemalige WG-Personal bekommt es mit historischem und privatem Wandel zugleich zu tun: Die Lebensumstände von Künstler, Pathologe, Lehrerin und anderen haben sich völlig verändert. Sie sind binnen 16 Jahren die Leiter des Erfolgs hinaufgefallen – aber nirgends angekommen; von Saturiertheit bei teurem Schnaps, wackeligen Ehen und schwierigen Kindern abgesehen.

… wird zur bürgerlichen Tragödie

Düffels Stück betrachtet seine Personen nun sehr ernst. In den entfalteten Persönlichkeitszügen klingen die Echos erster Anzeichen dafür aus den 70ern nach. Etwa der Hang zur politisch korrekten Rigorosität der Lehramtsstudentin, die jetzt Rektorin ist. Oder die eitle  Geziertheit des  Künstlers. Oder die Großmannssucht des Pathologen. Sich treu bleibt bloß der Prolet: Früher dealte Carlo mit Trips, in der Wendezeit vertickt er olle Wessi-Autos in den Osten.

Waren die Protagonisten eben noch quirlige Jungspunde, sind sie nach dem Zeitsprung gesetzte Herrschaften – fest verankert im bürgerlichen Dasein, das allerdings zusehends fadenscheinig wird. Schauspielerisch besticht das Umschalten des achtköpfigen Ensembles bis hinein in Sprechweise, Körperhaltungen, Gestik. So auch bei den neuerlichen psychologischen Wandlungen für den dritten Teil, in dem das "Sommermärchen" 2006 auf die in Trümmer gegangene 90er-Lebenswelt der Düffel'schen Figuren trifft. Das edle Mobiliar zum Abtransport zusammengeschoben, Ehen zerbrochen, in WG-Zeiten begründete Lebenslügen aufgeflogen, der Erfolgreichste ein Trinker, seine Tochter verbittert …

Ein deutsches Erwachsenwerden

Was als "alternative" Boulevardkomödie begann, wird zur bürgerlichen Gesellschaftstragödie. Der Weg von hier nach da ist gepflastert mit Zeitgeist-Aspekten der jüngeren, vor allem westdeutschen Geschichte. Aufbrüche, Träume, das Wünschen anderer Lebensart: So skurril und abstrus, niedlich oder versponnen das einem im Rückblick vorkommen mag, im Verlauf von Düffels Stück macht sich ihr Verschwinden dann doch als Leerstelle und dickes Fragezeichen an dieses deutsche Erwachsenwerden bemerkbar. Weshalb "Alle sechzehn Jahre im Sommer" bald wohl auf vielen Bühnen zu sehen sein wird. Wiesbaden folgt bereits nächste Woche, dann Göttingen, dann andere.

 

Alle sechzehn Jahre im Sommer. Trilogie des veränderten Lebens
von John von Düffel
Uraufführung
Regie: Markus Dietze, Bühne/Kostüme: Dirk Steffen Göpfert, Dramaturgie: Anne Riecke.
Mit: Marcel Hoffmann, Raphaela Crossey, Jona Mues, Jana Gwosdek, Reinhard Riecke, Dorothee Lochner, Tatjana Hölbing, Felix Meyer.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

www.theater-koblenz.de

 

In den letzten Jahren hat John von Düffel nicht zuletzt zahlreiche Bühnenfassungen großer Romane erstellt, so etwa von Uwe Tellkamps Der Turm für Wiesbaden, von Thomas Manns Joseph und seine Brüder für Düsseldorf und später Berlin oder von Joseph Conrads Herz der Finsternis für Berlin.

 

 
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