Presseschau vom 8. bis 21. September 2012 – Berliner und überregionale Zeitungen begehen den Geburtstag der Schaubühne

50 Jahre Schaubühne

50 Jahre Schaubühne

Berlin, 21. September 2012. Die Berliner Zeitungen feiern derzeit das 50jährige Jubiläum der Schaubühne, die einst Regisseure wie Peter Stein, Klaus Michael Grüber, Claus Peymann oder Frank-Patrick Steckel mit Schauspielkünstlern wie Bruno Ganz, Otto Sander, Edith Clever oder Jutta Lampe zusammenführte. Zunächst in den alten Räumen der Arbeiterwohlfahrt in Kreuzberg (heute HAU2, Theater am Halleschen Ufer), ab 1980 im ehemaligen Kino am Oberen Kurfürstendamm/Lehniner Platz in Charlottenburg.

Im Tagesspiegel (16.9.2012) lässt Kulturressortleiter Rüdiger Schaper die Erfolgsgeschichte des Theaters Revue passieren, spart aber auch nicht mit Kritik am aktuellen Stand der Schaubühne, ja des deutschen Theaters überhaupt: "Seltsam, wie das Theater sich in den letzten zehn Jahren auf immer kleinere Abmessungen zurückgezogen hat. Auf die Phase der ungezügelten Expansion folgte das Schrumpfen und Zusammenschnurren einer uralten Kunst". Und weiter schreibt er: "Das neue Muster war die Parzelle, der kurze Theaterabend im 90-Minuten-'Tatort'-Format, während Stein und Co. ihre Fans mit Sechsstündern begeistert und gequält hatten. War einst Überlänge ein Ausweis von überragender Qualität, so ist die Kurzfassungsmentalität zum Zeichen des Zeitgenössischen geworden."

Für die taz (15.9./16.9.2012) sprach Theaterredakteurin Katrin Bettina Müller mit dem Gründer und langjährigen Direktor der Schaubühne Jürgen Schitthelm, der sich mit dem Jubiläum seines Hauses zurückzieht. "Wenn ich um Rat gefragt werde, bin ich sofort da, aber ich bin nicht derjenige, der hier ums Haus schleicht", sagt Schitthelm. Im Rückblick wird noch einmal Botho Strauß' Dramaturgiezeit an der Schaubühne gewürdigt: "Das war ein Glücksfall für das Theater – zum einen deswegen, weil er in Kenntnis des Ensembles Rollen für die Schauspieler des Hauses geschrieben hat und zum anderen, weil er einer der wenigen Autoren war, der den Regisseur hat machen lassen. Bei seinen eigenen Stücken war er nie Dramaturg, nie in den Proben, frühestens in der Premiere."

Ausführlicher auch in seinem persönlichen Werdegang kommt Direktor Jürgen Schitthelm in einem langen Samstags-Interview mit Peter von Becker im Tagesspiegel (8.9.2012) zu Wort. Hier äußert er sich auch erstmals zu den Ereignissen und Zerwürfnissen rund um das abrupte Ende der Ära Peter Steins an der Schaubühne (1985). "Als Theaterdirektor weiß ich, wie schnell Künstler enttäuscht und gekränkt reagieren und Geschichten in die Welt setzen", sagt Schitthelm und gibt dann eine recht detaillierte "Kurzversion einer langen Story".

Im Interview mit Stefan Kirschner von der Welt (20.9.2012) beschreibt Schitthelm die unangenehmste Situation in seiner 50-jährigen Dienstzeit: die Misskommunikation mit Jürgen Gosch anlässlich von Goschs Antrittsinszenierung von "Macbeth" als künstlerischer Leiter der Schaubühne gewesen. "Nach 14 Tagen Proben kamen Schauspieler mit der Bitte zu uns: Ihr müsst da mal reingucken, wir wissen nicht so recht." Aber das sei nicht einfach so gegangen. Gosch habe völlig hermetisch gearbeitet. "Nach der Generalprobe hatten sich unsere Befürchtungen bestätigt: es stimmte überhaupt nichts, keiner der Schauspieler war auch nur in der Nähe einer Möglichkeiten, die Ausstattung, die Kostüme – es war ein Debakel." Eine Absage aus künstlerischen Gründen hätten sie nicht kommunizieren können. "Wir beschlossen, dass wir ihm unsere Einschätzung vor der Premiere mitteilen müssen. Das war meine Aufgabe, ich hätte das Gespräch gern vermieden." Gosch sei aus allen Wolken gefallen, er hätte nach langen Probenwochen verständlicherweise keine Distanz mehr zur eigenen Arbeit gehabt. "Er hat diesen Schock, die Kritik hatte unsere Einschätzung bestätigt, in seinen nächsten Inszenierungen an der Schaubühne nicht überwunden; nichts von der Qualität, die er in der DDR und später in Köln und anderswo abgeliefert hat war zu erkennen." Auf Peter Stein verwendet Schitthelm dagegen nur lobende Worte, unter anderem: "Steins Verdienst war es, dass er – und das unterschied ihn von den meisten Regisseuren, die eine Leitungsfunktion am Theater haben –, überhaupt kein Problem damit hatte, neben sich Leute arbeiten zu lassen, die ihm das Wasser reichten konnten: Luc Bondy, Grüber, später Robert Wilson."

Auch die Süddeutsche Zeitung (20.9.2012) widmet sich in ihrem Feuilleton Jürgen Schitthelm. "Unser Glück war im Grunde der Mauerbau", sagt Schitthelm da zu seinem Porträtisten Lothat Müller. "Wir saßen in Westberlin, das Publikum war vom großen Theaterangebot in Ostberlin abgeschnitten, die Schauspieler aus Westberlin wurden, als wir ein Jahr nach dem Mauerbau unser Theater gründeten, am Berliner Ensemble und Deutschen Theater nicht mehr beschäftigt." Man habe also auf Schauspieler zurückgreifen können, die für wenig Geld arbeiten mussten. "Schitthelm erzählt", schreibt Lothar Müller, "wie er nach fünf, sechs Jahren einmal selbst mit inszenierte, den 'Baal' von Brecht – 'es wurde keine gloriose Premiere' – und schon vorher wusste: 'Beides geht nicht. Das denke ich noch heute. Ich habe zu viele an der Doppelfunktion scheitern sehen: Inszenieren und ein Theater leiten." Das Gründungsteam der Schaubühne sei eigentlich eine "Freie Gruppe" gewesen – "nur gab es den Begriff damals noch nicht". Es sei dieser Freien Gruppe von Anfang an klar gewesen: "Es geht nur mit ausgewiesenen Schauspielern und Regisseuren, wenn alle alles machen, das würde in einer großen Stadt mit großen Theatern nicht funktionieren." Man habe einen Spielplan machen wollen, der sich von dem der Staatstheater deutlich unterschied. Neben dem Spielplan habe Schitthelm zwei weitere Zentralbegriffe im Kopf gehabt, schreibt Lothat Müller: "das feste Ensemble und das Repertoire". Über die Querelenseite des Ensemble-Theaters rede der Theaterdirektor nicht übermäßig gern. "Für ihn ist das Ensemble die beste aller möglichen Theaterwelten, in der auch das Scheitern sein Gutes hat." Aus den Besuchen des Theaterdirektors in der "Baracke" des Deutschen Theaters sei der Abschied vom alten Ensemble und die Verpflichtung von Thomas Ostermeier gewachsen - "das ist die Generation meiner Kinder, aber ich komme mit ihr ganz gut zurecht."

Für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau (21.9.2012) erinnert sich Peter Iden an die "weltweit ruhmreiche Peter-Stein-Ära an der Berliner Schaubühne", die schon bald nach Steins Amtsantritt "zu einem Inbegriff wurde für das, was Theater im Idealfall befähigen kann, sein Publikum teilhaben zu lassen an Erkenntnisarbeit und zugleich an großen Erlebnissen. Tatsächlich war es vielleicht das wichtigste einzelne Moment (und das schönste) der Produktionen dieses Theaters, dass es gelang, auch sehr komplizierte ästhetische und politische Überlegungen mitzuteilen im Entwurf eingängiger und sinnlich verführerischer Aufführungen." In panoramatischer Weite erinnert sich der Kritiker großer, facettenreicher Auftritte der führenden Schauspieler des Hauses ebenso wie der Dramaturgieleistungen von Dieter Sturm und Botho Strauß. "Diese Verbindung der intellektuellen mit den für die Anschaulichkeit in einem Theater notwendigen praktischen Prozessen war eine Konsequenz dessen, was an der Schaubühne als Mitbestimmung galt und von Stein angeleitete Übung war. Es ist, zweifellos begünstigt durch gesellschaftliche Stimmungen des Umbruchs, die Bühne aller Beteiligten gewesen − und war das Werk Steins."

Die "postlegendäre Schaubühne unter dem wackeren Thomas Ostermeier" beschreibt dann an selber Stelle für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau (21.9.2012) Theaterredakteur Ulrich Seidler. Ein "funktionierendes, technisch luxuriös, finanziell ortsüblich unüppig ausgestattetes Theatergehäuse, das nun schon fast stein-ära-lang" von Thomas Ostermeier geführt werde, sei heute am Kurfürstendamm zu entdecken, ein Haus das allerdings nur funktioniere, "weil Ostermeier ungebremst durch die Welt tourt mit seinen Inszenierungen, und das Defizit mit Gastspieleinnahmen ausgleicht". Das Engagement für internationale Gegenwartesdramatik und der politische Brückenschlag nach Palästina werden gewürdigt. Gleichwohl verschweigt der Kritiker auch nicht seine Bedenken gegen das Angestrengte, das dem Umgang mit dem Erbe der Schaubühne heute bisweilen anhafte: "Also: Lauter hochlöbliches Bemühen, lauter Richtigmacherei, lauter vorweisbare künstlerische Gelungenheiten und obendrein gute Auslastungszahlen. Aber dennoch verschleiert sich der Blick der westsozialisierten Überfünfzigjährigen bei dem Wort 'Schaubühne' mit Nostalgie − und schwupp wird die Gegenwart ausgeblendet. Das hat ein eigentümliches krachmacherisches, unlockeres Bemühen um Souveränität bei Ostermeiers Crew zur Folge, fast schon einen Komplex."

(chr/sd)

mehr medienschauen

Kommentare

Kommentar schreiben