Winterreise ohne Passkontrolle

von Esther Slevogt

Berlin, 16. September 2012. Die berühmte angerissene Quinte, die Franz Schuberts Lied vom "Leiermann" einleitet, ist schon früh zu hören. Unvermittelt und abrupt, sodass man erst den eigenen Ohren nicht ganz traut und weiter der abgründigen Schwermut der türkischen Liebeslieder folgt, die hier immer wieder die Spielhandlung unterbrechen und in denen man erleben kann, wie fünf Menschen vergeblich versuchen, einander zu begegnen.

Heimathymnen aus Mariendorf

Denn das Setting des Abends, mit dem im Ballhaus Naunynstraße die Saison eröffnet wurde, hat so gar nichts mit Schubert zu tun. Der Saal ist durch einen silbernen Laufsteg geteilt. Am einen Ende sind die Musiker platziert: Eine Pianistin (Sinem Altan) beugt sich in fließender Goldrobe über einen schwarz glänzenden Flügel, dessen Tastatur unter ihren Händen bald zu schmelzen scheint. Ein Mann (Özgür Ersoy) im dunklen Anzug hat einige türkische Blas- und Saiteninstrumente um sich versammelt, die er virtuos beherrscht. Später wird er auch singen. Nur der dritte Musiker (Alexander von Hugo) ist etwas legerer gekleidet. Auch er singt später, und zwar türkisch, deutsch und amerikanisch.

Zunächst aber tritt als Veranstaltungsleiter ein etwas überkandidelter Brillenträger (Simon Brusis) auf und teilt uns mit, dass wie uns in einer Art Kulturklub im Berliner Stadtteil Mariendorf befinden. Auf der anderen Seite des Laufstegs hat sich derweil ein zarter Gazevorhang geöffnet, und den Blick auf vier weitere Akteure des Abends freigegeben. Zunächst sitzen sie unter leeren goldenen Bilderrahmen noch zum Gruppenbild gefroren da. Dann singen sie in türkischer Sprache eine fröhliche Hymne auf ihre Heimat Mariendorf: das Ehepaar Asiye und Ilyas, Füsun und ihr Mann Kubilay (Sesede Terziyan und Mehmet Yilmaz, Melek Erenay und Alexander von Hugo).

Krebsgang auf Kuba

Dass das mit der Heimat irgendwie nicht so schön und vor allem so einfach ist, wie der Mariendorf-Song suggeriert, wird in einem der nächsten Bilder klar. Da treffen wir Asiye, wie sie einen Werbespot für eine Bodylotion dreht und den denkwürdigen Satz "Meine Haut ist meine Heimat" zu sagen hat. Doch auch dies stimmt so offenbar nicht. Denn die Haut gehört gar nicht ihr selbst, sondern einem tyrannischen Ehemann – und dem Regisseur des Werbespots, der über die junge Frau wie über einen Gegenstand verfügt. Ort und Zeit sind bald eben so verwischt, wie die Identitäten der Figuren. Wo wir sind und wer genau die Menschen sein sollen, denen wir da zusehen, ist schnell nicht mehr klar.

krabben 560 lutz knospe hZwischen den Kulturen: Sesede Terziyan als Asiye. © Lutz Knospe

"Die Saison der Krabben" heißt der Abend, von Hakan Savaş Mican als "Singspiel" geschrieben und inszeniert. Er führt in kleinen, fast skizziert wirkenden Szenen in reale und virtuelle Zwischenwelten, wo Orte und Identitäten sich medial aufgelöst haben. In die Mariendorfer Wohnzimmer flackert via Satellit türkisches Privatfernsehen samt seiner pathetischen Liebesfilme und türkischen TV-Shows oder speziell fürs hiesige Klientel gedrehte türkische Werbespots. Türkischen Essgewohnheiten wird mit deutschem Sauberkeitswahn begegnet, bis die Identität im Spagat von Anpassungsdruck und Traditionserhalt, Konsum- und Familienzwängen zu zerreißen droht.

Das Krabbenbild stammt (wie der Duft der beworbenen Bodylotion) aus Kuba, dem Sehnsuchtsland der Figuren, wo es, wie wir an diesem Abend lernen, eine Krebsart gibt, die einmal im Jahr aus den Wäldern kommt, um im Meer ihre Brut abzulegen. Dafür müssen die Krabben eine Straße überqueren, was sowohl den darauf fahrenden Autos wie den Krabben selbst großes Überlebensgeschick abverlangt, und für einige trotzdem tödlich endet.

Jazz, Soul und deutsch-türkische Volksmusik

Das dies alles sich nun zu einem kleinen großen Abend fügt, ist vor allem zwei Frauen zu verdanken. Der Schauspielerin Sesede Terziyan nämlich, die die junge Asiye spielt, die ihre bürgerlich genormte, zwischen zwei Kulturen gespaltene Identität nicht mehr erträgt und in die Fantasie flüchtet, die Schauspielerin Jasmin zu sein. Mit unerhörter Präzision führt Terziyan vor, wie die medial und kulturell formulierten Anpassungsanforderungen sich auch tief in die Körper graben. Damit wird Sesede Terziyan auch zum perfekten Instrument für die junge Komponistin Sinem Altan, deren subtile musikalische Montagen aus türkischer Volksmusik, kulturindustriellen Jazz- und Soulklängen und der Musik der deutschen Romantik das eigentliche Ereignis des Abends sind. Womit wir wieder bei Schubert wären.

Denn das berühmte letzte Lied aus dem Zyklus "Die Winterreise" klingt an diesem Abend als Störgeräusch tatsächlich mehrfach an, bevor Sesede Terziyan das Lied vom Leiermann wirklich singt. Allerdings mit einer türkischen Melodie. Zuvor haben das Schubert'sche Sehnsuchts- und Vergeblichkeitsmotiv längst alte türkische Volks- und Liebeslieder thematisiert und zum Ausdruck gebracht. Sinem Altan macht mit der Tonspur, die sie dem Abend unterlegt, auf frappierende Weise sinnlich erlebbar, in welchem Maße das kulturelle Ich inzwischen nicht einmal mehr in der Musik mit sich identisch ist, deren existenzielles Versprechen nicht nur vom Konsumversprechen der Kulturindustrie entfremdet, sondern auch von einem veränderten Kulturbegriff längst ausgehebelt wurde.

Gleichzeitig aber bieten Altans Montagen einen ziemlich praktikablen Ausweg an: Sie öffnen den Begriff des deutschen Kunstlieds und fügen ihm das türkische Volkslied hinzu. "Die bösen Lieder", sagt Asiye einmal, und singt kurz das Lied vom Kuckuck und dem Esel, die sich streiten, wer besser singen kann – ein Lied, das ihr der türkische Vater verbot, weil es ein deutsches Volkslied war. Die bösen Lieder, das sind immer die Lieder der anderen. Machen wir unsere eigenen daraus.


Die Saison der Krabben (UA)
Ein Singspiel von Hakan Savaş Mican
Regie: Hakan Savaş Mican, Musikalische Leitung: Sinem Altan, Bühne: Sylvia Rieger, Kostüm: Miriam Marto, Dramaturgie: Irina Szodruch, Video: Hakan Savaş Mican, Catalina Fernandez.
Mit: Sesede Terziyan, Mehmet Yilmaz, Melek Erenay, Alexander von Hugo, Simon Brusis, Sinem Altan (Klavier, Percussion), Özgür Ersoy (Baglama, Gitarre, Duduk et al.).

www.ballhausnaunynstrasse.de


Kritikenrundschau

Eine "Psycho-Dauerwerbe-Singspiel-Show, die bei aller formalen Ungreifbarkeit eine recht durchschaubare Konsumgesellschaftssatire bleibt", hat Doris Meierhenrich für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau (17.9.2012) im Ballhaus Naunynstraße erlebt. Bei aller surrealistischen Anmutung sei der Abend "eine ziemlich realistische Komödie über vier Leben in Klischees", die angesichts "der durchinszenierten Welt" die "Masterfrage" stelle: "Spielen wir noch oder werden wir schon gespielt?" Dieses Thema sei "satte Vorlage für jedes Theater, da es ganz von selbst Drei- und Vierfachböden ins Spiel zieht. Projektionen und Identität verwischen und nach glaubwürdigem Spiel zu fragen ist bei Figuren, die ohnehin nur schlechte Bilder kopieren, sinnlos." Nicht nur das Spiel der Akteure, sondern auch die Musik bringe feste Identitätsrahmen ins Wanken. "Ein wunderbares, fremdruppiges Gewebe orientalischer-okzidentaler Melodien entspinnt sich." Aber in seinen satirischen Ambitionen laufe dieser Abend, der die Kritikerin in seinem "Rückgriff auf klassisch-romantisches Kulturgut als Brecheisen gegen trennende Klischees" an "Verrücktes Blut" erinnert, "eher offene Türen ein".

 

 
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