Alles geht, sogar Text

von André Mumot

Berlin, 16./17. September 2012. Man kann es fast schon mit der Angst zu tun bekommen, wenn man dieses glasklare, böse chorische Sprechen hört. Kein Lösch-, kein Pollesch-Chor macht das besser. Wer in nostalgischer Erinnerung an Aufführungen von Theater-Arbeitsgemeinschaften den Charme der Unbeholfenheit erwartet, wird eines Besseren belehrt. Bei der Eröffnungspremiere des diesjährigen Schultheater-der-Länder-Festivals (SDL) in Berlin tappte niemand unsicher ins Scheinwerferlicht.

Die Volksbühne nicht nur von außen kennen

Dreizehn Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler stehen auf der großen Urania-Bühne, die eine Hälfte uniform in schwarz und weiß gekleidet und ebenso geschminkt, die andere Hälfte als wild geifernde, rüde Commedia dell'arte-Pulcinelli, und alle wirken derartig abgeklärt, kaltschnäuzig und bühnenerfahren, als wäre so eine gallige Klassikerentrümpelung ihr täglich Brot.

sdl tartuffe 280 julia fengler u"Tartuffe" von der Rosa-Luxemburg-Oberschule Berlin-Pankow © Julia FenglerSie spielen einen stark dekonstruierten "Tartuffe", bewegen sich zu aggressiven Schostakowitsch-Tönen in präzisen Tanz- und Bewegungschoreografien, reichen entindividualisiert die Rollen herum, bevor sie einzelne Charaktere herausschälen – ohne psychologische Einfühlung, dafür mit starken, karikierenden Gesten, theatralen Überspitzungen, abgehacktem Gelächter, heruntergelassenen Hosen. Mit kühler, zum Teil auch sehr komischer Wonne markieren sie Koitus, Hysterie und Erbärmlichkeit. Dass sie die Schau- und Volksbühne nicht nur von außen kennen, merkt man spätestens nach fünf Minuten. Die jungen Damen und Herren von der Rosa-Luxemburg-Oberschule in Pankow repräsentieren schließlich das Gastgeberbundesland, die Hauptstadt, und damit wohl oder übel auch das Berliner Theater.

Roter Faden und lose Enden

Veranstaltet vom Bundesverband Theater in Schulen und der Landesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel in der Berliner Schule e. V. (LDS Berlin) zeigt das größte Festival für Schultheater in ganz Europa zum 28. Mal eine Woche lang 16 Aufführungen, eine aus jedem Bundesland. Um den "roten Faden" soll es 2012 gehen und der Betrachtungsschwerpunkt auf der Dramaturgie liegen. "Wir haben nach Produktionen gesucht, die besondere Erzählperspektiven wählen, die mit den Mitteln des Theaters auf vielfältige, besonders kreative Weise umgehen", erklärt Wolfgang Klammer, Mitglied des LDS-Berlin-Vorstands und der SDL-Jury. Dass sich in den Aufführungen die performativen Tendenzen des Gegenwartstheaters widerspiegeln, ist für ihn keine große Sache. "Das war bei uns eigentlich schon immer so: Klassikeraufführungen und das, was wir 'selbstdramatische' Stücke nennen, halten sich die Waage. Es gab da auch schon immer die zwei Lager, die sich gegenüberstehen, in diesem Jahr ist das nicht anders."

Es stimmt: "Peer Gynt" steht auf dem Programm und "Romeo und Julia", ein aufgebrochener "Hamlet", aber auch Produktionen, in denen die Schülerinnen und Schüler sich in performativer Weise mit dem Glück beschäftigen, mit Mauern, Grenzen, mit Geschlechterrollen. Und während die jungen Darsteller ihre beeindruckenden Leistungen präsentieren, haben ihre Lehrerinnen und Lehrer Gelegenheit, an der begleitenden Fachtagung teilzunehmen. Am zweiten Festivaltag trifft man sich im Unit, dem Theater der Universität der Künste, und lauscht dem Impulsreferat von Ole Hruschka, dem Leiter des Studiengangs Darstellendes Spiel an der Leibniz-Universität Hannover. Mit der umfänglichen Videodokumentation einer Studentenumsetzung der Jelinek'schen "Prinzessinnendramen" erklärt er auf denkbar akademische Weise, dass Dramaturgie bedeutet, sich vor und während einer Produktion zu fragen, was man eigentlich tun möchte und wie.

Ein Fest – bloß keine Bildungsveranstaltung

Der eigentliche Clou aber ist wohl, dass auch Hans-Thies Lehmann, Autor des Standardwerks über "Postdramatisches Theater", einen Vortrag hält. Als "Papst der Postdramatik" wird er angekündigt, und als solcher hält er ein Stück Frontalunterricht ab, das ohne große Leidenschaft die altbekannte Abscheu gegenüber dem tradierten Literaturtheater vom Blatt abliest. In Zeiten der Finanzkrise, des ökonomischen Scheiterns unserer gesellschaftlichen Systeme könne kein narratives Theater gemacht werden, heißt es, und nebenbei unterstreicht Lehmann die Abgrenzung vom Stadttheater und den musealen Praktiken der Provinz – was angesichts der Gäste aus Gettorf, Bremerhaven, Bingen oder Lüneburg nicht unbedingt als besonders höfliche Geste verstanden werden muss.

Was soll denn nun Theater – auch Schultheater – sein? Etwas, "das man nicht betrachtet, sondern begeht", es müsse, so Lehmann, ein "offenes Angebot sein", eher körperlicher als geistiger Ausdruck: "Situation, Ereignis, Offenbarung". Um Himmels Willen keine Bildungsveranstaltung, sondern "eine Art von Fest". Und wieder wird mit großer intellektueller Beflissenheit der Anti-Intellektualismus propagiert. Der rote Faden der Dramaturgie müsse fallengelassen werden, sagt der Papst, es müsse natürlich ums Nicht-Verstehen gehen, darum, dass die Jugendlichen nicht Texte, Gedanken, Erzählungen, sondern ihre Bühnenpräsenz entdecken, ihre Stimmen. Dass sie Gesten und nicht Bedeutungen suchen. Dass unter Umständen beides möglich sein könnte, spielt hier erst einmal keine Rolle.

sdl wengenroth 280 freya glomb uPatrick Wengenroth beim Workshop
© Freya Glomb

Krächzend die Texte verschenken?

Eckhard Debour aus Aachen schart mit den Füßen während dieser Rede, anschließend schüttelt er den Kopf. Mit den Schülerinnen und Schülern des Literaturkurses "rohestheater" hat er "Heilige Schlachthöfe – ein Stück Brecht" als Beitrag des Landes Nordrhein-Westfalen mit nach Berlin gebracht. "40 Prozent von dem, was der Herr Lehmann gesagt hat, konnte ich auf unsere Situation anwenden, beim Rest habe ich abgeschaltet." Das stimmt nicht ganz, denn geärgert hat der Pädagoge sich auch. "Man muss mit den Schülern doch über das Inhaltliche sprechen, es kann nicht nur ums Körperliche gehen, nicht nur darum, Krächzen und Schreien und Springen zu üben. Gerade, wenn die ökonomische Krise und ihre Zusammenhänge mitbetrachtet werden sollen. Es ist so schwer, die Schüler für diese Belange zu interessieren, aber das ist eine Chance des Theaters, der Texte, der Rollen, und die sollte man nicht verschenken."

Man reibt sich also auch beim 28. Schultheater-der-Länder-Festival. Einer der darauffolgenden Workshops für die Spielleiter wird von "Planet-Porno"-Regisseur Patrick Wengenroth angeboten, der sehr schnauzbärtig und bodenständig in einem engen Seminarraum in der UdK über seine Art des Theaters spricht. Aber auch darüber, wie erniedrigend er selbst es gefunden hat, als Fünfzehnjähriger im Schul-"Sommernachtstraum" mitspielen zu müssen – "in einem derartig brutal sexualisierten Stück, in dem es ja nur ums Paaren geht."

Witzbold-Dozent im Jogginganzug

Zwischendurch unterbricht er sich selbst und hakt nach, ob all das im Schulalltag überhaupt eine Rolle spielen könne. "Ist das interessant oder macht das keinen Sinn?" Eine klare Antwort bekommt er auf die Frage nicht. Wengenroth erzählt davon, wie er Prominentenbiographien auf die Bühne bringt, wie er die Ernsthaftigkeit und das Lächerliche in Lebensbeschreibungen von Heino und Boris Becker sucht und damit Befindlichkeiten unserer Gegenwart einfangen und – ach herrjeh! – unterhalten will. In Hamburg hat er einmal Schüler den Pädagogikratgeber von Doris Schröder-Köpf vortragen lassen. Das muss sehr komisch gewesen sein.

Die Sonne scheint, es ist stickig, nur wenige machen sich Notizen. Man kann sehen, wie einige der Anwesenden von der großen Theaterlust befallen werden. Andere wirken geradezu beleidigt und scheinen stirnrunzelnd das Gefühl zu haben, an einen Witzbold im Jogginganzug geraten zu sein, der sie auf die Schippe nehmen will. Wo da denn das Politische bleibe, wird Wengenroth bärbeißig gefragt. Bevor er die erste Pause macht, sagt er noch: "Das ist das Interessante an diesem Festival, dass so vieles zusammenkommt, Banalität und Tiefe, die Praxis, die Theorie, Dozenten und Menschen, die mit jungen Leuten all das tatsächlich umsetzen wollen."

Minotaurus-Monster, Engelskostüme, Unfertigkeit

Aber auch die Schülerinnen und Schüler haben an diesem Tag Workshops besucht und präsentieren in einer gemeinsamen Aufführung von allen 16 beteiligten Gruppen ihre Ergebnisse auf dem Gelände des Jugendzentrums Pumpe. Inzwischen ist es schon dunkel, und überall wuselt jemand herum. Natürlich werfen sich die Darsteller hier mit ungebrochener Energie den programmatischen roten Faden zu, wickeln jede Menge Garn ab und verstricken sich darin.

sdl workshop 280 freya glomb u  Workshoppräsentation © Freya GlombGroße Nachtfalter flattern vor den Scheinwerfern herum, die im Geäst der Bäume angebracht wurden, und die Jugendlichen tanzen und zünden Fackeln an, sie tauchen in Fenstern auf und führen das Publikum durchs Gebüsch. Sie sitzen hoch oben auf dem Holzturm des Spielplatzes, tragen selbst hergestellte Kostüme und schieben ein riesiges, überaus kurioses Minotaurus-Monster aufs Gelände.

Ein Trommelzug schreitet voran, und junge Mädchen in gewaltigen Engelskostümen weisen den Weg. Liebesgedichte werden übers Megaphon vorgetragen und einer der Jungen ruft: "Ich bin ein Star, doch keiner weiß es – holt mich hier raus!" Hatte der Papst der Postdramatik nicht vom Theater als Fest gesprochen? Na also, bitteschön: Sehr stimmungsvoll ist das, und eigentlich gar nicht so postdramatisch. Hier wird einfach alles ausprobiert und offenbar auch nichts vorschnell verworfen. Alles geht, sogar Text. Unfertig ist das, und nicht mal demonstrativ, zum Glück.

An diesem Abend lebt und lacht er noch, der Charme des Unbeholfenen, und die strengen Theoretiker sind in der Menschenmenge nicht zu sehen. Womöglich – so mag man es sich lästerlich vorstellen – lesen sie oder schreiben sie gerade etwas darüber, dass man möglichst nicht lesen oder schreiben, sondern nur präsent und offen sein sollte. Die Trommeln schlagen, und die Fackeln sind soweit heruntergebrannt, dass die Jugendlichen sie fallen lassen und mit den Füßen austreten müssen, noch bevor das Spektakel zu Ende ist. Wie schön: Die Woche hat gerade erst begonnen.

 

Festival Schultheater der Länder 2012
16. – 22. September 2012 in Berlin

www.sdl2012.de


 

 

 
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