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Im Gegenwartsflow

von Wolfgang Behrens

26. September 2012. Seit zweieinhalb Wochen ist das Buch nun auf dem Markt. Demnächst ist Buchmesse, langsam könnte also die erste Rezensionswelle anlaufen. Bei Rainald Goetz aber ist alles anders. Die Rezensionswelle ist längst vorbei, sie brandete hoch und verebbte schnell, und ob noch eine kommen wird, das steht dahin. Als Goetz Anfang August – in einer Aktion, die schon für sich genommen ungewöhnlich genug war – seinen Roman "Johann Holtrop" einer Gruppe eingeladener Kritiker vorstellte (oder sollte man "austeilte" sagen?), da sagte er noch: "Das Buch hat keine Eile, es ist keine Nachricht, kein Event." Doch obwohl oder gerade weil es die übliche Sperrfrist für Rezensionen gab, beeilten sich die großen Zeitungen, diese zu unterlaufen.

Schon wenige Tage nach der wunderlichen Kritiker-Séance sickerten erste Stimmen durch: Der Roman sei misslungen, ein "gezwungenes Buch über die Wirtschaftskrise" sei es geworden. Und dann, als der Erscheinungstermin ganz nahe war, hagelte es plötzlich Verrisse.

Roman als Maske

Ein Argument, das immer wieder in abgewandelter Form auftauchte, war dabei, es sei Goetz nicht gelungen, das große Sittengemälde, das Verfallspsychogramm des Kapitalismus zu schreiben, also schlicht jenen großen Roman, auf den alle gewartet hätten (zumal er, Goetz, ja seit "Irre" [1983] eigentlich gar keinen richtigen Roman mehr geschrieben habe). Und es ist kritisch vermerkt worden, dass der Plot um die dem ehemaligen Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff nachempfundene Titelfigur vor lauter Schlüssellochperspektive und Zeitungsmitschrift fleischlos klappere, und dass Goetz seine Charaktere, all die Manager, Finanzhaie und Superreichen, unentwegt denunziere. Aber Hand aufs Herz: Hatte man wirklich geglaubt, Goetz würde mit großer erzählerischer Geste einen "Buddenbrooks"-, "Die Korrekturen"- oder "Der Turm"-Tonfall anschlagen? 

holtrop cover

Liest man "Johann Holtrop", so drängt sich einem der Verdacht auf, dass ein Gutteil der Kritik vielleicht in eine Falle getappt ist, die mit dem Label Roman zusammenhängt. Tatsächlich hat "Johann Holtrop" viele äußere Kennzeichen eines Romans, nicht zuletzt die linear konstruierte Handlung. Doch es kann auch mit Grund vermutet werden, dass der Roman selbst nur die Maske ist und dass der Text als solcher gar nicht romanhaft funktionieren möchte. Der Anfang von "Johann Holtrop" setzt hier ein deutliches Zeichen: Mit einem gemütlichen, kaum anders als ironisch zitathaft aufzufassenden "Es war einmal" hebt der Text an: "Als die Winter noch lang und schneereich und die Sommer noch heiß und trocken waren –". Der Satz bricht ab, und ein komplett anderer Romananfang fährt drein, eine wütende Kaskade, die in einer Anklage endet: "das Phantasma der totalen Herrschaft des KAPITALS über den Menschen. So falsch, so lächerlich, so blind gedacht, so infantil größenwahnsinnig wie, wie, wie –". Wieder bricht es ab, und noch ein dritter Romananfang folgt: "Mitternacht schlug eine Uhr von fern, eine Stunde später schlug es eins (…)".

Aus den Köpfen geschaltet

Das klingt nicht unbedingt nach einem, der einen Roman schreiben will. Das klingt nach einem, der mit der Romanform spielt, um Text zu produzieren, in dem etwas vom Sound und vom Flash der Gegenwart (bzw. der gerade vergangenen Gegenwart) eingefangen wird. Goetz-Text halt. Daher geht es Goetz auch offensichtlich nicht darum, seine Charaktere psychologisch-realistisch zu unterfüttern. Er will wissen, was für ein Text aus diesen Wirtschafts- und Finanzleuten herausquillt, was für ein Text in ihren Köpfen ist. Und nach welchen Regeln sich ihre Kommunikation abspielt.

In manchen Szenen des Buches unterzieht Goetz bestimmte Rituale in den Wirtschaftsmachtzentralen und deren Umkreis einer regelrechten Aufführungs- und Kommunikationsanalyse – von der Vorstandssitzung über mäzenatisch veranstaltete Kunstausstellungseröffnungen bis zu Bürogesprächen am Kaffeeautomaten. Wie hier jedes Wort, jedes Schweigen, jede Geste, jede Blickwendung das Machtgefüge bzw. die Gesprächssituation konstituieren und ändern, das liest sich streckenweise ungeheuer erhellend. Und weil es so erhellend ist, ist es auch knallkomisch.

Verachtung zwischen Alphatieren

Oft schaltet sich Goetz in den Textproduktionsapparat, also in den Kopf eines seiner Protagonisten, ein, meistens in den von Holtrop, und dann spürt man, wie sich Goetz selbst von dem Strudel erfassen lässt, von dem freudigen Irrsinn, mit dem seine Managertypen durch ständige Betriebsamkeit gesteigerte Gegenwart erzeugen und erleben. Und dann weiß man nicht mehr, ob der Assperg-AG-Vorsitzende Holtrop oder sein Autor Rainald Goetz "einen neuen Breed von Finanzfachleuten" preist, "die eher wie genialisch gestimmte Pianisten oder Jungphilosophen daherkamen, in heiterster Weise identisch mit ihrer Welt der Spekulation, vom Geist beseelte, hochabstrakte Naturelle, denen eindeutig und offensichtlich (…) die heutige, jetzige Zukunft gehörte."

Da aber Goetz als einen wesentlichen Modus der Finanz- und Wirtschaftswelt die Verachtung eines jeden für jeden ausmacht, blickt man mit Holtrop auf andere (oder mit anderen auf Holtrop) auch oft genug in ebenjenem Modus der Verachtung. Aus der Perspektive der Alphatiere werden alle anderen Alphatiere zu Nullen, zu Deppen, zu Ratten. Im schnellen Switchen durch die verschiedenen Blickwinkel erscheinen die einzelnen Figuren so zwar zwangsläufig inkonsistent und komplett widersprüchlich. Aber was macht's? Psyche ist Nebensache, solange der Sound des Textes Wahrheitsflow produziert.


Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 343 S., 19,95 Euro

 

Heute Abend um 20 Uhr stellt Rainald Goetz "Johann Holtrop" im Deutschen Theater Berlin vor.