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Das verweigerte Opfer

von Andreas Wilink

Essen, 27. September 2012. Mary Wigman und Maurice Béjart haben es getan, Pina Bausch, Mats Ek, Uwe Scholz und viele mehr: "Le Sacre du Printemps" zu inszenieren. Die Pariser Uraufführung durch Vaslav Nijinsky und die Balletts russes im Jahre 1913 geriet – vom extrem hohen Fagottsolo an – wegen des scheinbar formlos Primitiven und "Tumultösen" (Adorno) der polytonalen Komposition, wegen des barbarisch kultischen Geschehens und einer tänzerischen Antiklassik zum Skandal. Igor Strawinskys "Sacre" wurde in seinem kühnen Innovations-Impuls zu einer Inkunabel der Moderne, gleichrangig neben radikalen Wendemarken anderer Kunstgattungen wie Picassos "Demoiselles d'Avignon", dem "Ulysses" von Joyce oder Eisensteins Filme.

Da ist die Musik. In ihr wird "der panische Schrecken der Natur vor der ewigen Schönheit" laut, wie der Komponist selbst es formuliert hat, der die explosive Geburt des Frühlings und dann die Nachtweihe und archaische Opferung orchestral wuchtig ins Werk setzt. Und da ist die Bewegung. Die Gestaltung des Elementaren zu rhythmischer Ordnung und brutaler, aber organisierter Sinnlichkeit hat exemplarische Choreografien hervorgebracht.

Hundertjährige Geschichte

Zwei Epoche machende Beispiele: Bei Maurice Béjart sehen wir einen ekstatischen, offensiv triumphalen Körper-Kreislauf, der auf goldfarbener Scheibe mit dem Bild der Sonnenanbetung arbeitet. Entstanden 1959, nimmt dieser "Sacre" in fast broadwayhafter Theatralik die Entdeckung des Körpers und die sexuelle Befreiung um zehn Jahre vorweg. Bei Pina Bausch 1975 die Gegenführung: das Ritual des Opfers mit dem Akzent auf der Domestizierung, aber auch Selbstbehauptung des Geschlechts auf erdig torfigem Grund. Das rote Kleid des Mädchen-Opfers, die eine Brust frei liegend wie auf dem Delacroix-Gemälde die entblößte "Freiheit", lodert als Fanal zwischen den schwarzen Hosen und nackten Oberkörpern der Männer und den hautfarben-transparenten Kleidern der Frauen. Die Herrschafts-Gruppe tanzt den Gewaltakt, trancehaft, flagellantisch fast in der Bezichtigung des Leibes.  

Für die Ruhrtriennale unterzieht der Choreograf und Theatermacher Laurent Chétouane das "Frühlingsopfer" mit sieben Tänzern einer Analyse, die dessen hundertjährige Geschichte mitdenkt. Der in Deutschland lebende Franzose, um der "Ethik einer Bewegung" willens zu gestrenger Konzentration bereit, möchte das Werk gewissermaßen erlösen, zumindest lösen aus Deutungsmustern und Codierungen und nimmt eine Perspektiv-Verschiebung vor.

Menschliche Nervenstränge

Der "Sacre" erzählt von der Gemeinschaft und dem Einzelnen, konfrontiert das Vertraute mit dem Fremden, handelt von Aussonderung. Was aber wird geopfert? Schon die Frage fordert zur Umformulierung des Titels heraus: "Sacré Sacre du Printemps". Ist das mythische Urmotiv vom (menschlichen oder ersatzweise tierischen) Opfer unumstößlich? In Viscontis Film "Rocco und seine Brüder", der opernhaften Familientragödie im Schwarzweiß des Neorealismus, heißt es, dass immer ein Opfer nötig sei, wenn ein Haus gebaut und eine Gemeinschaft gegründet wird.

Funktioniert die Integration des Fremden auch ohne den Preis seiner Ent-Fremdung, der Assimilierung und des Aufgebens seiner Andersheit? Weitere Fragen schließen sich an. Was damals, 1913 im Théâtre des Champs Elysées, geopfert wurde, war auch die Konvention einer repräsentativen Ballett-Vorstellung. Und müsste nicht der Dampf von Blut und Boden, der machtvoll aus dem "Sacre" steigt, geopfert werden – sowie die choreografische Kreisidee zugunsten anderer Raum-Ausmessungen?  chetouane sacre 560 oliverfantitsch uSacré Sacre du Printemps © Oliver Fantitsch / PACT Zollverein

All das geht einem durch den Kopf (soweit bei den unzumutbaren Temperaturen auf PACT Zollverein in Essen noch ein klarer Gedanke zu fassen ist). Ach, "Sacre"! Du lieber Himmel – der seufzende Ausruf schwingt mit. Chétouane stellt eine Komposition von Leo Schmidthals voran, die Strawinskys Rhythmik – tickend, klopfend, gongend – variiert, sie meditativ taktet und wie an den Nervensträngen zurrende, lineare Tonfolgen addiert. Dazu tanzen auf leerer Bühne drei Männer und vier Frauen, deren Mund oder Auge, Wange oder Hals bemalt und "bezeichnet" sind, in sanft elastischen, weichen, sich öffnenden Bewegungen. Sie begeben sich in die Beuge, schlenkern, schwärmen aus, greifen tastend die Luft ab, erkunden das Territorium und ihren Freiraum. Schlaff anschwellender Bocksgesang, asiatisch introspektiv. Die Frauen wackeln leicht mit den Köpfen, als verwunderten sie sich. Überhaupt wirkt die Gruppe etwas ratlos. Als sie aufgereiht stehen, hören sie nach 20 Minuten das erste Signal des "Sacre" (dirigiert von Maestro Strawinsky), was nun die Abläufe der Tanzenden intensiviert.

Befreiende Maßnahmen

Die Gruppe, hier und da klassisches Schritt-Vokabular und Kreisfiguren transformierend, unterläuft das Martialische, probiert sich aus, führt vor, teilt sich aus, mit einem Lächeln wie dem von Charlie Fouchier, ist blumenkindhaft gelöst, auch wenn gelegentlich Fäuste sich ballen, Gesichtsmuskeln spannen, Füße aufstampfen. Was sich klug offenbart, sind Spiel-Regeln als befreiende Maßnahme. Man setzt sich ins Verhältnis. Aussteigen ist immer möglich: Mach mal Pause! In einem musikalisch stummen Intermezzo scheint sich die Partitur lautlos weiter zu entwickeln und die Körper ins Extrem zu schrauben, bis die Sieben am Boden Ruhe finden, peu à peu wieder aufstehen aus einem Schlaf der Vernunft. Ohnehin werden eher die oberen Regionen und abstrakte Bereiche aktiviert als der Unterleib. Sublimierte Triebe.

Im (überdehnten Schmidthals-)Epilog spaziert das Ensemble entspannt wie durch elysische Felder. Sogar ein Paar darf sich bilden und, neben dem verbliebenen Quartett, Séraphine Evrard solistisch aus der Reihe tanzen – kein Opfergang. Befremdlich indes bleibt es.

 

Sacré Sacre du Printemps
Choreografie: Laurent Chétouane, Musik: Igor Strawinsky, Leo Schmidthals; künstlerische Mitarbeit: Anna Melnikova und Sigal Zouk, Dramaturgie: Leonie Otto.
Mit: Matthieu Burner, Joris Camelin, Kathryn Enright, Joséphine Evrard, Charlie Fouchier, An Kaler, Senem Gökce Ogultekin.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Er opfere quasi die Kunst des Tanzes einer intellektuellen Konsumation des Körpers, so Wiebke Hüster in DLF Kultur vom Tage (28.9.2012). Um eine tänzerische Sprache gehe es Chétouane nicht mehr. Er opfert die Choreografie, "so wie wir sie in der Rekonstruktion kennen. Es tauchen nur ganz schwache Zitate davon auf (...). Das, was eigentlich den Gehalt von 'Sacré' ausmacht, darüber erfahren wir gar nichts." Das sei  überintellektualisiert und absichtsvoll spröde. Andererseits fragen sich Choreografen wie Charmatz und Chétouane, "auf welche Weise kann man den Tanz wieder in den Mittelpunkt des künstlerischen Diskurses setzen und behaupten, dass man damit wirklich noch eine Setzung macht, die in anderen Künsten nicht möglich ist".