Faust in Kampfchauvi-liebt-Baumarkt-Lesart

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 27. September 2012. Wer sein "Faust"-Stück nach, über, gegen, ausgehend von Goethe ein Sekundärdrama nennt, nimmt der Kritik am "Sekundären" vorweg das Pathos aus den Segeln. Das ist so ökonomisch wie Brechts Aussage, dann mache er statt Theater halt Thaeter, denn es spart alberne Werktreue-Kritik und zieht das Regietheater gleich ins Stück mit hinein, ermächtigt paradox den Autor und etabliert das Genre Glossierungs-Drama aus lauter Fußnoten. Schon Heiner Müllers "Hamletmaschine" verhielt sich ähnlich zum "Hamlet", in den er sein Stück als Regisseur einbettete, wie Jelinek "FaustIn and out" nur an Bühnen zulässt, die "Faust" laufen haben.

Bei Jelinek läuft diese Operation, die sie als "kläffendes Nebenherlaufen" beschreibt, auf die Konstruktion der Frau bei Goethe hinaus, die sie an den austriakischen Fällen Fritzl und Kampusch erdet, den Mädeln aus den Hobby-Sex-kellern, einmal auch am Fall der Regaleinräumerin, die gefeuert wurde, weil sie abgelaufene Sahne stahl - letzteres in Frankfurt ein einziger Chor-Rap. Die Frankfurter Dramaturgie erklärt das "IN AND OUT" aus Jelineks Textstelle, wonach es für Frauen wie die Kampusch ein "in" den Keller gibt, aber kein "aus" dem Keller und dennoch hat das Ganze grausigen Witz.

Führer-Spuk im Kampusch-Bunker

Ihre Figuren heißen FaustIn und GeistIn: der weibliche Faust und Mephisto also. Österreichisch Hitler-besessen im dämonologischen Sinn, lautet FaustIns erster Satz "Die Weiber führen lassen?": Führer-Spuk im Kampusch-Bunker. Wer will, findet in der Titelschreibung irgendwie auch Faustina, mithin den Rom-Reisenden Goethe, der auch der erste Sexurlauber war: vgl. die "Römischen Elegien". Der globale Hobbykeller Thailand wird im Text beiläufig erwähnt.

faustin 560 birgithupfeld uSandra Gerling und Bettina Hoppe als FaustIn und GeistIn in Frankfurt. © Birgit Hupfeld

Soviel Sekundäres braucht es, um den durchaus primären Charakter dieses "Sekundär"-Stücks und seiner Regie zu erfassen. Jelineks, von Julia von Sell inszenierte, Frauen, gespielt von Sandra Gerling (FaustIn) und Bettina Hoppe (GeistIn), tragen Dirndl, jedoch in S/M-Version mit transparentem Plastik über lila Rock und rosa Schürze nebst giftgrüner Bluse mit bauschig weißen Ärmeln und Kniestrümpfen, worunter noch altmodische lange Herren-Unterhosen sichtbar werden. Plastik auch, um das figurative Ersticken der Sex- und Inzestopfer-FaustIn und den Kindsmord (welchen sie begeht und erleidet, weil sie keinen Arzt konsultieren darf) in sexuell gefärbte Erstickungsspiele umzumünzen.

Ein Hund schaut Dich an

Aus den in Jelineks Text vorgeschlagenen zwei Fernsehmonitoren mit "Urfaust"-Szenen wird in der Inszenierung, auf Barbara Ehnes polyedrisch-diamanthafter Studierstuben-Bühne die Video-Projektion einer österreichischen Tiervermittlungs-Sendung. Ein Hund schaut dich an, während in den Filmfluss geschnittene Phallus-Bilder den herzig-chauvinistischen Text der Tierfreundin als Subtext verinnerlichten Herrenmenschentums entlarven. Danach: Sendepause.

Man wagt es kaum auszusprechen, doch bei aller ätzenden Schärfe ist von Sell und dem Frauenduo, dem das Distanzieren, Kommentieren, Pointieren und Verfremden schon im Text als Mitgift gegeben ist, eine ungeheuer witzige, fließende, galgenhumorische Inszenierung gelungen. Man muss das männliche Unmensch in FaustIn nur am Standmikro frontal auf uns einreden hören und sehen (und sich dabei selbst mit Konfetti bestreuen), wie kein Fritzl mitsamt seinen noch unentdeckten Klonen es selbstentlarvender könnte, um vor Freude über den treffend bösen Schmäh zu vergehen. So wären sie also, die Weiber nach Kampfchauvi-liebt-Baumarkt-Lesart: beherrschen uns in ihrer depressiven Überempfindlichkeit, die sie immerzu, immerzu zum Arzt rennen und sich ihm exhibieren lässt, denn "die Frau spricht und regelt den Verkehr", was bei schlechtem Radiopop wie von der österreichischen Autoraststätte nur so flutscht.

... den Kastenwagen anzutragen

Homöopathisch dosierte "Faust"-Zitate zappen immer mal ein, die Goethe lustvoll gegen den allgemeinmenschlichen "Blabla-Rhabarber"-Sentenzenstrich lesen und sich an drastischen Jelinek-Aussagen brechen: "Ich habe anderes zu tun, als mich von dir ficken zu lassen, Papa" – "Ein solcher Vorwurf lässt mich ungekränkt", oder: "Schönes Fräulein, darf ich's wagen, Ihnen Prügel und meinen Kastenwagen anzutragen?" Dieser infantil-ödipale Papa will sich doch nur ausdrücken ("und zwar in dir"), was musikalisch eingerahmt (Chor: "Wählen Sie die Nummer bitte neben Ihrer Landesflagge") im "Quizz mit Pfiff" über die Ober- und Unterwelt im Missbrauchsnest so lautet: "Weiß die Mutti oben von der Mutti unten? Welchen Hobbies geht der Vater außerhalb der Tochter nach?"

Ein "Faust"-Stück, das die Kette an Gretchens Hals sehr sekundär zur Zwei-Meter-Kette am Fuß des Kellermädchens umdichtet und, wenn Hoppes GeistIn-Mephisto mit Gerlings FaustIn spielt wie mit einer Marionette, auf sehr primäre Wahrheiten stößt.

 

FaustIN AND OUT
Sekundärdrama zu Urfaust von Elfriede Jelinek
Regie: Julia von Sell. Unter Verwendung des Bühnenbildes von Barbara Ehnes zur Inszenierung von "Faust. Der Tragödie erster Teil" von Stefan Pucher. Kostüme: Michaela Kratzer, David Gonter. Dramaturgie: Anita Augustin.
Mit: Sandra Gerling, Bettina Hoppe.
Dauer: 60 Minuten

www.schauspielfrankfurt.de

 


Kritikenrundschau

Jelinek habe ein "fabelhaftes Primärdrama" geschaffen, dass Goethes "Faust" gar nicht brauche, schreibt ein begeisterter Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.9.2012). Das Stück werde von Regisseurin Julia von Sell "spielklug" auf ein Viertel eingestrichen und durch "zwei starke Frauen" verlebendigt: Sandra Gerling und Bettina Hoppe als "monströs witzige Volksmusik-Gespenstinnen". Bei ihnen werde der Fritzl-Keller, in den sich Gretchens Kerker bei Jelinek verwandelt hat, "in Stücke zeralbert". Die beiden "singen und sagen vom Schrecklichsten. Überheben sich aber im satirischen Schmerzenshohnschwung darüber." Das sei "großes Kerker-Kabarett. Sie witzeln und fritzeln."

Auch Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (29.9.2012) hatte "Freude" daran, "was für wunderbare, abgezockte, sympathische Schauspielerinnen Sandra Gerling und Bettina Hoppe sind". Die beiden seien "überhaupt sehr komisch"; sie "quasseln und nölen, kläffen und zwitschern eine Stunde lang Text von Elfriede Jelinek". Der Stücktext, der hier mit einer "eher flotten als zwingenden Jelinek-Eloquenz" daherkomme, sei "Textangebot", ein "langanhaltendes Wortgestöber aus dem die Frankfurter unter der Regie von Julia von Sell sich einige Flocken herausziehen."

"Die Inszenierung ist knallig und leise in einem", schreibt Stefan Michalzik für den Wiesbadener Kurier (29.9.2012). Über den Text heißt es: "Immer wieder ragen aus den durch eine feministisch motivierte Ironie gekennzeichneten Tiraden vertraute Goethe'sche Versspäne heraus. Gewalt und Missbrauch, die Benachteiligung der Frau, ihre Funktionalisierung gemäß dem tradierten Rollenmodell: Jelinek führt das Grundmotiv ihres Schreibens durch neue Variationen, in einem splitterhaften Textbruch." Das Urteil über den Abend im Ganzen: "Zwei starke Schauspielerinnen–  mit einem starken Text."

 

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