Nur gute Nachrichten mit Happy End

von Leopold Lippert

Graz, 28./29. September 2012. Am Beginn von "33 rounds and a few seconds" steht ein Selbstmord. Der junge Libanese Diyaa Yamout hat sich umgebracht, weil das Leben sinnlos sei, wie er in einem Abschiedsbrief beteuert. Zurück bleibt sein Arbeitszimmer in Beirut, wo die Elektronik auf gespenstische Weise weiterlebt. Auf die kleine, kaum fünf Meter breite Bühne hat Samar Maakaroun alles gestellt, was der völlig vernetzte Mensch in der späten Moderne so braucht: Fernseher, Telefon, Anrufbeantworter, Faxgerät, Laptop mit aktivem Facebook-Profil, Smartphone, W-Lan Router, Radiowecker mit großer LED-Zeitanzeige. Der Plattenspieler, auf dem Jacques Brel zu Beginn der Inszenierung gemächlich seine 33 Runden in der Minute dreht, wirkt in diesem Kontext antiquiert.

Facebook-Avatare anstelle von Schauspielern

Was wir von Diyaa Yamout wissen, steht auf seiner Facebook-Seite, die groß auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert wird. Er arbeitet bei "Fair&Just". Er studiert "Political Science" an der "Lebanese University". Er hat am 3. Oktober Geburtstag und hat 3543 Freunde. Nach seinem Tod lebt sein Facebook-Profil weiter und wird – nach einer kurzen Kondolenzpost-Phase – zur Plattform für heftige Diskussionen über Säkularismus, Glaube, Anarchie, repressive Regierungen und Verschwörungstheorien.
33rounds 2 280 wolfgang silveri uFacebook, Spiegel der Gesellschaft? "33 rounds and few seconds" © Wolfgang Silveri 

Es wird auf englisch, arabisch, und französisch gestritten. Einmal postet jemand einen YouTube-Clip mit einem Fernsehbericht über Yamouts Tod. Gleich darauf schreibt eine Freundin, die auch im Bericht zu Wort kam: "We shouldn't do interviews any more. They're twisting our words." Am rechten Bildschirmrand wirbt währenddessen die Lufthansa für Direktflüge nach Beirut.

Nach der Facebook-Revolution nun das Facebook-Theater: In Rabih Mroué und Linah Sanehs "33 rounds and a few seconds" gibt es keine Schauspieler, bloß Facebook-Avatare, Stimmen am Anrufbeantworter und Nachrichten auf dem Smartphone (selbstverständlich mit vielen Zwinkersmileys!). Das Setup erinnert an eine alltägliche Schreibtischsituation: Man starrt auf einen Computerbildschirm, Facebook-Nachrichten werden aktualisiert, im Hintergrund läuft der Fernseher und zwischendurch läutet das Telefon. Diese Konstruktion ist über die 70 Minuten der Inszenierung trotz menschlicher Nichtpräsenz erstaunlich packend. "33 rounds" ist nicht nur ein Stück über Politisierung und Revolution im arabischen Raum, sondern auch ein Nachdenken über die Mediatisierung des Politischen und die Zeit- und Räumlichkeit ebendieser Mediatisierung.

Lichtes Happy End
Die Produktion spielt mit der für die Überkommunikationsgesellschaft charakteristischen mehr oder weniger freiwilligen Selbstreferentialität: Eine Freundin simst vom Flughafen, wie sehr sie sich an Nicht-Orten wohlfühle, ganz egal, was Marc Augé sage. Etwas später verweist ein zorniger Facebook-Kommentator auf Gil Scott-Herons 1970er Perkussions-Hymne "The revolution will not be televised" – und postet ein Musikvideo dazu.

Am Ende wird selbst die Ästhetik der eigenen Narration zum Thema: Semi-dokumentarischer Facebook-Realismus hin oder her, sogar eine Selbstmordgeschichte braucht ein Happy End. Während eine Freundin in ihrer letzten Anrufbeantworternachricht ein glückliches Ende herbeiträumt, erscheint in Diyaa Yamouts Fernseher kein weiterer (ehemaliger) arabischer Machthaber, sondern Janis Joplin, die ganz zart ihr Gershwin-Cover "Summertime" intoniert. Plötzlich reißt auch die Kette an politischen Beschimpfungen im Facebook-Newsfeed ab, und ein User postet "Sleep well, beautiful child." Der User heißt Nour, was auf Arabisch "Licht" bedeutet. Das Post datiert vom ersten November, Allerheiligen, genau zwölf Uhr Mittag.

Gerechtigkeitsbeschwörung: "1 hour 18 minutes"
Was bei Rabih Mroué und Lina Saneh ein kurzes Aufflackern der Utopie bleibt, wird tags darauf im "Black Cube" des Steirischen Herbsts zum Prinzip: In "1 hour 18 minutes" des russischen Theaterkollektivs Teatr.doc soll am Theater eine Gerechtigkeit beschworen werden, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Sergey Magnitskiy, ein russischer Anwalt, der zuvor einen Korruptionsskandal aufgedeckt hatte, kam im November 2009 in Untersuchungshaft ums Leben. 1 Stunde 18 Minuten zeigt dabei die Zeit an, die Magnitskiy schwerkrank und von Missbrauch gezeichnet ohne ärztliche Hilfe eingesperrt wurde, bis er schließlich verstarb. Teatr.doc bittet nun die vermeintlich Schuldigen – den Richter, den Staatsanwalt, die Ärztin, und den Sanitäter – zur "Zeugenaussage" und verlangt von ihnen öffentliche Rechtfertigung.

1h18min 560 mikhail guterman uGerechtigkeit durch Schauprozess? "1 hour 18 minutes" © Mikhail Guterman

Die Aussagen, aus Dokumenten, Interviews und augenzwinkernden Wunschvorstellungen der Theatergruppe zusammengestoppelt, bieten tiefe Einblicke in ein System der Lügen, Verdrängung und Korruption. "Im Gerichtssaal", spricht sich etwa eine Richterin ihre eigene Humanität ab, "werden Richter nicht als Menschen gesehen: Sie sind Vollstrecker des staatlichen Willens." Und eine Ärztin gibt zu Protokoll: "Ein Arzt muss immer sichergehen, dass das Leid des anderen nicht sein eigenes wird."

Nullinszenierung eines politisch brisanten Falls
Dass die Utopie der nachträglichen Gerechtigkeit platzen muss, wird spätestens in einer Art Revue gegen Ende des Stücks klar. Unter dem Titel "Nur gute Nachrichten" verkünden alle Angeklagten lautstark, ihnen gehe es nach wie vor gut, ja, die Justiz sei nun sogar noch effizienter als zu Sowjetzeiten! Zudem glaube die Hälfte der Menschen in Russland, das harte Urteil gegen Pussy Riot sei gerecht gewesen. Selbst das dampfend heiße Wasser im Teekessel, das dem zynischen Richter zuvor noch die Hände verbrüht hat, war bloß Trockeneis.

Bei all dem aufklärerischen Gestus spielt die Politik der Form für Teatr.doc scheinbar keine Rolle. Abgesehen von einer didaktischen, überhastet kommentierten Comic-Videoeinspielung am Ende besteht "1 hour 18 minutes" aus einem knappen Dutzend Monologen, von Einzelnen an der Rampe vorgetragen. Dahinter sitzt der Rest der Gruppe im Sesselkreis und hört aufmerksam zu. Die Nullinszenierung eines politisch brisanten Falls, der symptomatisch für das System Russland steht, nimmt der Thematik leider viel von ihrer Dringlichkeit: Wie eine überernste Unterrichtsstunde plätschert das Stück gemächlich an seinen Zuschauern vorbei.

33 rounds and a few seconds
Text und Regie: Rabih Mroué und Lina Saneh, Bühnenbild, Grafik und Animation: Samar Maakaroun, Kamera: Sarmad Louis, Technische Assistenz: Sarmad Louis und Thomas Köppel.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause.

1 hour 18 minutes
von Teatr.doc
Regie: Mikhail Ugarov, Co-Regie: Georg Genoux und Alexey Zhiryakov, Stückfassung: Elena Gremina.Mit: Anna Kotova, Alexey Krizhevskiy, Askold Kurov, Olga Lysak, Ruslan Malikov, Alexey Maslodudov, Anastasia Patlay, Diana Rakhimova, Alexandra Rebenok, Igor Stam, Irina Vilkova, Alexey Zhiryakov.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause.

www.steirischerherbst.at


Mehr zu Rabih Mroué und Lina Saneh: 2011 wurde dem libanesischen Autorenduo der Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis verliehen, in diesem Jahr gastierten sie bei der "Großen Weltausstellung" des Berliner HAU auf dem ehemaligen Tempelhofer Flugfeld.

Kritikenrundschau

"1 hour 18 minutes" passe hervorragend zum diesjährigen Generalthema des steirischen herbsts "truth is concrete", findet Thomas Trenkler in Der Standard (1.10.2012). In der ursprünglichen Fassung bestehe die Produktion aus zehn durch eine Klammer verbundene Szenen mit einer Spielzeit von etwa 45 Minuten: "Zu Beginn und am Ende widerfährt dem Richter in der Vision von Teatr.doc das gleiche Schicksal wie Magnitskij, dem ein Glas heißes Wasser verweigert wurde." Man könnte sich, so Trenkler, die Frage stellen, ob der Ansatz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, richtig sei. "Doch das Publikum kommt gar nicht dazu: Für Graz ergänzte die Gruppe ihr nüchtern dargebrachtes Doku-Drama um ein paar Szenen." In einer werde mithilfe eines Comics versucht, das Wirtschaftsverbrechen zu erklären. "Doch damit zerstört Teatr.doc die Wirkung des kurzen Abends ziemlich."

 

 
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