Das Spiel um die bürgerlichen Kataströphchen

von Georg Kasch

Berlin, 2. Oktober 2012. Es gibt einen schönen Moment, in dem Corinna Harfouch zu Alexander Khuon sagt: "Die Zweigesichtigkeit des Schriftstellers, viele hätten das so sagen können ... ich muss an Trigorin denken, in der 'Möwe', erinnern Sie sich?" Natürlich spricht die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim diese Worte, natürlich sind sie an den Bibliothekar Roland Boulanger gerichtet. Aber die meisten, die in der Premiere von Yasmina Rezas jüngstem Stück "Ihre Version des Spiels" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters sitzen, wissen, dass Harfouch nebenan auf der großen Bühne die Arkadina spielt, Khuon den Trigorin und dass ihr Regisseur dort, Jürgen Gosch, wiederum Reza-Stücken Tiefe verlieh, in Hamburg "Ein spanisches Stück" inszenierte, in Zürich Gott des Gemetzels, am Deutschen Theater "Im Schlitten Arthur Schopenhauers" – letzteres bereits mit Corinna Harfouch. Sie war es auch, die sich Reza ausdrücklich für die neue Uraufführung gewünscht hat.

Nach Nebelkerzen-Strickart

Ziemlich verwirrend, diese Bezüge, aber in der Art ist "Ihre Version des Spiels" gestrickt – lauter Ebenen, Masken, Verweise, pendelnd zwischen Realität und Fiktion. Im Zentrum steht Nathalies Lesung aus "Das Land des Überdrusses", ihrem Roman, in dem eine Schriftstellerin ein Mordkomplott gegen die Geliebte ihres Mannes plant. Deren jüngstes Buch heißt "Ihre Version des Spiels", wiederum ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Michael Herr.

Diese Lesung jedenfalls wird von Roland anmoderiert, Bibliothekar und Organisator der Literaturreihe, die ehrgeizige Kulturjournalistin Rosanna versucht, mit ihren aufs Persönliche zielenden Fragen die scheue Schriftstellerin in die Ecke zu treiben. Immer wieder dreht sich so die Diskussion um die Frage, wie viel vom Schreibenden selbst in seinen Texten steckt. Details blitzen auf, Zitate und Bezüge, die eine Poetologie Rezas bilden könnten, die dritte Autorin im Versteckspiel. Aber bei all den gezündeten Nebelkerzen bleibt sie so diffus wie die Roman-im-Stück-Handlung.

Provinzielle Fragestunde

Was also tun mit der hübschen Insider-Petitesse, halb Prosa, halb Fernsehspiel, die Reza routiniert in die bürgerlichen Kataströphchen treibt? Auf die Tube drücken, was sonst! Stephan Kimmig versucht eine Strategie zwischen Hyperrealismus und theatraler Überdosis. Oft hat man den Eindruck, dass beim Heran- und Wegzoomen an die einzelnen Charaktere Unschärfen entstehen, Vergröberungen, Nebengeräusche, die durchaus beabsichtigt sind.

Zum einen wohnen wir als Publikum in der Provinz-Mehrzweckhalle der Lesung bei, Häppchen, die von Diskussionsrunden unterbrochen werden; die kurzen Szenen davor erleben wir als Zaungäste zwischen dem verwaisten Parkett und den Amphitheaterreihen auf der Bühne, die danach, die Kimmig zur kleinen Afterparty zusammenzieht, als Schlüsselloch-Voyeure. Quälend langsam etabliert Kimmig die Fragestunde: An drei Tischen mit Mikrofonen und Wasser sitzen Journalistin, Schriftstellerin und Bibliothekar, zwischen denen die Chemie nicht stimmt – lauter falsche Töne, in den Stimmen, Gesten, Übertragungsgeräuschen.

IhreVersion1 560 ArnoDeclair hProvinzlesung mit Katrin Wichmann, Corinna Harfouch und Alexander Khuon © Arno Declair

Eine Kamera doppelt die langen Lesepassagen; übergroß wirft sie Nathalies Gesicht auf die Leinwand. Was Harfouchs Schriftstellerin noch stärker irritiert, als es die Situation und die aggressiven Schlüsselloch-Fragen der Karrieristin neben ihr ohnehin schon tun. Wie Reza selbst will sie nicht darüber reden, wie viel Biografisches in ihren Texten steckt, will vor allem nicht darauf reduziert werden. Sie blickt missmutig, später zermürbt, umklammert nervös ihr giftgelbes Brillenetui, versucht, ihr Gesicht mit der Hand abzuschirmen, flieht auch einmal nach vorn, Richtung Publikum, verkrampft, verhaspelt sich, liest viel zu schnell mit bröckelnder Stimme. Von links verbeißt sich Katrin Wichmanns kulturjournalistische Bulldogge in sie, von rechts speichelt ihr Alexander Khuons Büchermensch-Karikatur hilflose Plattitüden als mögliche Auswege hin. Dann kommt – wir sind in Frankreich – natürlich Wein ins Spiel, die bürgerlichen Masken fallen, Harfouch braust auf, giftet zurück, eine melancholische Furie, die nichts zu verlieren hat.

Das geschickte Spiel mit den Erwartungen

Obwohl Nathalie bei Kimmig wiederholt versucht, die Veranstaltung zu verlassen, dehnen sich Lesung und das anschließende Backstage-Besäufnis eine Weile, was Sven Lehmann zu einem schön großspurigen Auftritt als Nathalie zutextender Bürgermeister verhilft. Hier treibt Kimmig die Geschichte in "Gott des Gemetzels"-Extreme, Roland fällt im Suff über Nathalie her, statt ihr aufzuhelfen, übergibt sich später, alle singen Gilbert Bécauds Nathalie – komische Melancholie, als wär’s ein Stück von Tschechow, die Kimmig ähnlich krachern inszeniert wie seinen Kirschgarten, was eine schöne Fallhöhe ergibt zur leisen Schlusspointe.

Allerdings ist Reza nicht Tschechow, "Ihre Version des Spiels" nicht "Gott des Gemetzels", Kimmig nicht Gosch. Warum diese Kleinigkeit dennoch auf Wochen ausverkauft ist? Wegen Corinna Harfouch, sicherlich. Und wegen des geschickten Spiels mit den Erwartungen.

 

Ihre Version des Spiels (UA)
von Yasmina Reza
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Corinna Harfouch, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Sven Lehmann.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Karin Fischer schreibt auf der Webseite des Deutschlandfunks (3.10.2012): Alexander Khuon als Bibliothekar entpuppe sich als "sensitiver Intelligenzbolzen", Katrin Wichmann als Journalistin habe "etwas Inquisitorisches in der Stimme, einen dominanten Ton" und Stephan Kimmig nutze jede ihrer Fragen, um "die Erregtheitsspirale etwas höher zu schrauben". Corinna Harfouch als Nathalie Oppenheim sei "ein Ereignis": Wie sie "nuanciert ungefähr 18 verschiedenen Temperamente" sichtbar mache, das sei "jede Minute große Kunst". Doch unglücklicherweise gebe es einen zweiten Teil mit einem Bürgermeister, dem Sven Lehmann das "unbegrenzte Selbstbewusstsein eines gebildeten Provinz-Napoleon" verleihe und Kimmig herausarbeiten wolle, "wie dünn der Firnis der Zivilisation ist und wie nah an der Oberfläche das schmutzigere, gemeinere Leben lauert". Was im Text schön ausbalanciert sei, habe Kimmig zu einer "tragikomischen Provinz-Orgie aufgeblasen", die so vermutlich noch nicht mal "im weinseligen Frankreich stattfinden könnte".

Christine Wahl schreibt im Berliner Tagesspiegel (4.10.2012): Stephan Kimmigs Uraufführung stifte trotz des "hochkarätigen" Schauspieleraufgebots "über weite Strecken" mehr Gleichgültigkeit als "spürbare Freude". Zwar mache es Spaß, Corinna Harfouch zuzusehen, wie sich in den Zügen ihrer Nathalie immer schutzloser die "wachsende Selbstverachtung für die Teilnahme an diesem "grotesken" Lese- und Fragenachmittag Bahn breche. Und natürlich sei es lustig, wenn mit dem ersten Rotwein "eine Art Ego-Erbauungsruck" durch Nathalie gehe und die "höfliche Dulderin immer radikaler einer Selbstverteidigungsfurie" weiche. Doch damit sei der Abend auf "Betriebstemperatur" angelangt – was dann folge, sei im Wesentlichen redundant. Weder Katrin Wichmanns stutenbissiger Rosanna, noch Alexander Khuons "tollpatschigem Bibliothekar" nehme man ab, dass es ihnen tatsächlich gelingen könnte, die mehrfach von der Bühne fliehende Literatin zurückzuholen. Lau plätschere der Abend dahin, "weil die Einrichtung im Klischee ihm näher ist als das ironische Spiel damit".

In der Berliner Zeitung (4.10.2012) nutzt Dirk Pilz die Gelegenheit, um eine Eloge auf die Schauspielerin Harfouch zu schreiben: Bei Rezas "Ihre Version des Spiels" handele es sich um einen Text, "bei dem die Regie nichts falsch machen" könne. Dass Kimmigs Regie überzeuge, habe er seinen vier Schauspielern zu danken, die spielten, als genössen sie die Freiheit einer sehr langen Regieleine. Groß und bewundernswert sei Corinna Harfouch, "die derart realistisch spielt, dass ihre Figur Risse bekommt". Es sei, als wüchsen ihrer Nathalie Oppenheim "an den Rändern surreale Fransen, als würde sie vor lauter Überschärfe ins Unwirkliche, Gespensterhafte kippen". Sie erspiele sich ein "seelisches Figurenmagnetfeld", dass man meine, alle anderen seien "Ausfällungen ihrer Phantasie". Wenn Harfouch/Nathalie explodiere, "wenn sie auf den Tisch haut und knalllaut schweigt", sei alles um sie herum "Bestandteil der einen unverrückbaren Nathalie-Welt". Ihr Leitspruch laute: "Ich explodiere, also bin ich". Und es gebe keine "raffiniertere Explosionsspielerin" als Harfouch, "weil niemand sonst so viele Neben- und Hauptwege findet, eine Situation eskalieren zu lassen".

Ulrich Weinzierl schreibt auf der Webseite der Tageszeitung Die Welt (3.10.2012), bei "Ihre Version des Spiels" handele es sich um die "wichtigste Berliner Uraufführung der Saison". Für beste Qualität der Regie und erstklassige Darsteller bürge nach Luc Bondy und Jürgen Gosch nun auch Stephan Kimmig. Katrin Wichmann spiele eine "gefinkelte Interviewerin" in "Domina-Stiefel", die sollten zeigen, "wer die Herrin der Mehrzweckhalle" sei. Corinna Harfouch als Nathalie, die es öffentliche Auftritte hasse, sei "schlicht und einfach überwältigend". Alles an ihrem Spiel sei " 'gemacht' und dennoch überlebenswahr, von vollendeter Natürlichkeit". Alexander Khuon strahle "schüchterne Beflissenheit" aus, platze vor "Begeisterungsfähigkeit aus sämtlichen Nähten". Die Inszenierung sei eine "Präzisionsarbeit", was sie hinzu erfinde, sei "signifikant und erhellend", lenke nie vom Szenario ab, das sich als "Kampfspiel in der Arena, Mord und Totschlag stets in greifbarer Nähe" entpuppe.

Begeisterung auch bei Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.10.2012): Im Zentrum von Rezas Stück stehe der "medial durchleuchtete Mensch", der "verzweifelt nach dem Schalter sucht, mit dem sich das Licht der Schein-Öffentlichkeit, das lange schon nichts mehr aufklärt, wieder abschalten ließe". Es verhandele das "eiserne Gesetz des Literatur-, Kultur- und Medienbetriebs", dass Schriftsteller jederzeit zu "öffentlicher Auseinandernahme ihrer Person – nicht ihres Werks, das nur als Krücke zu ihrer Person hin dient – sich bereitzuhalten haben". In dieser grandiosen "Melancholödie" spiele Katrin Wichmann eine "Interview-Teufelin" als "eiskalt-schaumgeschlagene Staatsanwältin aller Talkshow-Höllen", Alexander Khuon den Stadtbibliothekar als "juvenil schüchternen, verklemmt stotternden, aber rosig erblühenden Höllenhund" und Corinna Harfouch, die "überwältigend raubtierhafte Lebenstrauerspielerin",kämpfe als Nathalie um ihr Leben. Eine "Königin Courage, die in ihre letzte große Schlacht zieht" und einen "großen, eleganten Wut- und Wuchttanz um die Leerstelle der verlorenen Intimität" herum aufführe. 

Als "Bildungsbürgerschmeicheltheater" bezeichnet Christine Dössel die Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (4.10.2012). "Ihre Version des Spiels" umkreise die Frage, "ob und wie Wirklichkeit und Literatur einander bedingen" - und drehe sich damit "bei aller Versiertheit selbstbezüglich um die eigene Achse". Man müsse das ja "nicht gleich onanistisch nennen". Stephan Kimmig versuche, was zu begrüßen sei, zumindest im letzten Drittel seiner Inszenierung, an Jürgen Gosch anzuknüpfen, aber Goschs "schneidende Direktheit" fehle. Was es davor zu sehen gebe und "zunehmend abzusitzen" gelte, sei "halt doch ein sehr gedämpftes, schmerzfrei abnick- und absehbares Literaturlesungstheater". So "toll" es sei, Corinna Harfouch die "Facetten und Marotten ihrer seltsam hysterisch-neurotischen Nathalie mit vorzüglichem Missmut ausspielen zu sehen", - ein bisschen mehr "Lockerheit, Lässigkeit, Spiel mit Charme und Scheu" hätten ihrer Figur gut getan. So wirke sie "bei aller Bravour" immer ein bisschen wie eine "verhärmte Hausfrau, die hektisch in ihrer Handtasche kramt".

 

 
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