Dekorationsexperiment Körper

von Leopold Lippert

Graz, 11. Oktober 2012. Es muss etwas mit der melancholischen Faszination am verlorenen Paradies zu tun haben. Und mit der Lust zu völlig übertriebener Stummfilmgestik. Die "Untitled Feminist Show" der New Yorker Performancetruppe Young Jean Lee's Theater Company ist eine burleske Revue, die zwischen Tanz, Pantomime, und wackligen Gesangseinlagen wechselt. Vor allem ist die Show aber eine Hommage an die Ausdrucksvielfalt des nackten weiblichen Körpers. Ohne Kleidung, ohne Schminke treten die sechs Performerinnen in der gut geheizten Black Box des Steirischen Herbsts vor ihr Publikum. In einer knappen Stunde erbringen sie höchst beatlastig den Beweis, dass es bei weiblicher Nacktheit auf der Bühne nicht immer um krude männliche Lustbefriedigung gehen muss.

Nach eigenen Angaben will Young Jean Lee gegen eine feministische Position, aber für eine feministische Erfahrung eintreten. Und so hat ihre "Untitled Feminist Show" auch kein Programm, keine Agenda, sie hat nicht mal wirklich Text. Es sei denn, man zählt angestrengtes Keuchen und ansteckendes Lachen dazu. Dafür gibt es jede Menge Gehoppse, Geschüttel, Haareziehen, Beinespreizen, Am-Boden-Wälzen, Zeitlupenbewegungen und Ineinanderverschnörkseln. Die einzigen Requisiten auf einer sonst leeren Bühne sind dabei sechs knallig pinke Regenschirme, die für eine fabelhafte Parodie auf den Beine-Hoch-Sexismus des Varietétanzes herhalten müssen.

Umkehrung des Blicks

Zu Musikuntermalung, die von flockigem Mozart-Violinkonzert bis zu dröhnendem Hardrock reicht, wird dabei das ganze Gefühlsspektrum in brachialpantomimischer Form dargeboten. Schmerz, Wut, Trauer, Ärger, Verletzbarkeit, Eifersucht, Freude, Lust, Liebe, Spaß und Glückseligkeit. Doch trotz des ganzen Eifers tut das Theaterformat der Revue nicht unbedingt gut: Ohne den Kontext einer queeren Party wirkt die Burleske zuweilen langatmig.YoungJeanLee UntitledFeministShow 560 BlaineDavis u"Untitled Feminist Show" © Blaine Davis

Die in dieser Konstellation fast obligatorische Umkehrung des Zuschauerblicks fehlt dafür nicht: Mittendrin geht das Licht an, und eine Performerin beginnt auf Menschen im Publikum zu zeigen, für die sie dann Sexpraktiken pantomimisch darstellt. Das geht an die Geschmacksgrenzen der sonst so mit ihrer Harmlosigkeit kokettierenden Produktion: Oralsex, Masturbation, Oralsex zu dritt, und beim finalen Fisten verschwindet gleich der ganze Arm. Zum Applaus kommen die Performerinnen dann aber angezogen.

Menschliche Prothesen

Während Young Jean Lee den Körper gewissermaßen in Reinform präsentiert, wird er für das mexikanisch-amerikanische Performancekollektiv La Pocha Nostra rund um den Chicano-Performer/Autor/Aktivisten Guillermo Gómez-Peña zum Ausgangspunkt für Dekorationsexperimente an der Schnittstelle von Biologie und Technologie. In "The Insurrected Body", das am selben Abend im Grazer Dom im Berg uraufgeführt wird, verbinden sich die Performer-Körper mit Krücken, Sauerstoffmasken, Zapfhähnen, Tierknochen, Tauchermasken, Perücken, Säbeln, Pistolen, und jeder Menge Schminke. Mit spielerischer Verve zelebrieren La Pocha Nostra die permanente Grenzüberschreitung zwischen dem Menschen und seinen Prothesen. Das klingt nach den hybriden Neunzigern, macht aber durchaus Spaß.

insurrectedbody1 280h wolfgang silveri u"Insurrected Body" © Wolfgang Silveri

Die in den Grazer Schloßberg gesprengte riesige Bühnenhöhle wird ihrem Namen dabei gerecht. Der Dom im Berg ist zu einer schaurigen Kathedrale umfunktioniert, in der sich die Zuschauer zwischen vier mächtigen Podesten frei bewegen können. Die Endzeitstimmung ist auch angebracht: In zwei Monaten, im Dezember 2012, endet schließlich der Maya-Kalender. Nach einer bombastischen Walkürenfanfare eröffnet Gómez-Peña als Sado-Maso-Indianer die religiös aufgeladene Zeremonie. In einer kreativen Mischung aus Spanisch und Englisch verspricht er "schamanischen Kitsch", der speziell für das "Unbehagen" der Zuschauer vorbereitet wurde.

Sex 'n' Crime

Das Unbehagen kommt vorerst in Gestalt von Whitney Houstons Schmonzette "I will always love you". Eine Performerin im roten Kleid tanzt dazu stampfend Flamenco und klappert lautstark mit ihrem Holzfächer. Dann bittet sie einzelne Zuschauer zum "Sex oder Gewalt"-Spiel auf ihr Podest. Bei "Sex" wird geküsst, bei "Gewalt" schreitet sie zur Attacke mit der Lippenstiftpistole. Am Podest nebenan knutscht ein Guerillasoldat hinreißend mit einer Gummipuppe in Armeeuniform. Gegenüber wäscht Gómez-Peña einer Frau in Burka rituell die Füße, bis sie aufspringt, sich ihre Burka vom Leib reißt und in einem USA-Bikini zu tanzen beginnt. In seiner grotesken Gleichzeitigkeit ist "The Insurrected Body" erst mal überfordernd.

Im Laufe des ebenfalls als Revue angelegten Stücks beginnt das angekündigte Unbehagen aber konkretere Gestalt anzunehmen. Die "braunen" Körper der Chicano-Performer schlagen sich mal ironisch, mal erschreckend brutal mit einer langen Geschichte von imperialer und rassistischer Gewalt herum. Zur Debatte stehen die Stereotypen der Kolonialherren: Ein Performer tanzt als nackter "Ureinwohner" mit einem campen Mini-Glitzerlendenschurz, und daneben bittet ein kunstvoll bemalter Indianerschamane eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne, die ihn mit Bananen füttern muss. Das erinnert an Gómez-Peñas berühmte Installation "The Couple in the Cage", in der er sich anlässlich der 500-Jahr-Feier der "Entdeckung" Amerikas als Ureinwohner in einen Käfig setzte und sich bestaunen ließ – eine Satire, die von überraschend vielen Zuschauern nicht als solche erkannt wurde.

Herr über den eigenen Körper

Auf einer großen Leinwand laufen inzwischen alte Hollywood-Stummfilme samt ihrer karikaturhaft rassistischen Darstellung von afroamerikanischen Figuren. Und in einer haarsträubenden Einrichtung werden Zuschauer auf die Bühne geholt, um Gómez-Peña in Indianermontur eine Kalaschnikow an die Brust oder die Schläfe zu drücken. Ein Herr im steirischen Lodenjanker muss gar in den Arsch des Performers zielen.

Auch wenn die Gewalt viel sichtbarer ist und die aufwändigen Tableaus in "The Insurrected Body" eine wahre Materialschlacht darstellen: Die Freude am Ausprobieren von vielfältigen Möglichkeiten der Körpererfahrung bringt La Pocha Nostra sehr nahe an Young Jean Lees reduziertes feministisches Nacktgetanze. Beide Inszenierungen spielen mit Schönheit und Verletzlichkeit im Kontext von systemischer Unterdrückung. Gegen die Abgründe der Normalität proben beide den Aufstand der Körper.

Untitled Feminist Show
von Young Jean Lee's Theater Company
Konzept und Regie: Young Jean Lee zusammen mit Faye Driscoll, Morgan Gould, Becca Blackwell, World Famous *BOB*, Amelia Zirin-Brown, Hilary Clark, Katy Pyle, Regina Rocke. Bühnenbild: David Evans Morris, Dramaturgie: Mike Farry.
Mit: Becca Blackwell, Hilary Clark, Cynthia Hopkins, Katy Pyle, Regina Rocke, Amelia Zirin-Brown.
Dauer: 60 Minuten, keine Pause.

The Insurrected Body
(aus der Serie "Psycho Magic Actions for a World Gone Wrong")
von La Pocha Nostra
Von und mit: Guillermo Gómez-Peña, Saul Garcia Lopez, Erica Mott, Roberto Sifuentes. Assistenz: Ollala Lemus, Nadja Rothenburger, Produktion: Emma Tramposch.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

www.steirischerherbst.at

 

Mehr zu: Von Young Jean Lee besprachen wir The Shipment, das im Sommer 2009 beim Theaterspektakel Zürich zu sehen war.

 

Kritikenrundschau

Auf "tänzerisch-spielerische Weise" zeigten die Darstellerinnen aus der "Untitled Feminist Show" "unterschiedliche Spurensuchen nach dem eigenen Ich", schreibt Karin Zehetleitner in der Kleinen Zeitung (13.10.2012). Die Nacktheit habe "dabei keine wesentliche Bedeutung, vermittelt aber eine ungeschönte Direktheit, die den Zuschauer mitreißt." Die Regisseurin habe "zwar die feministische Bewegung New Yorks als Ausgangspunkt genommen, verzichtet aber auf eine Definition eines zeitgenössischen Feminismus. Die Freiheit und die Stärke jeder einzelnen Figur steht im Mittelpunkt und bleibt auch im Gedächtnis."

 

 
Kommentar schreiben