Tödliche Machenschaften

von Verena Großkreutz

Esslingen, 11. Oktober 2012. Sein erster Auftritt lässt an afrikanische Diktatoren denken: Othello trägt korrekte weiße Uniform, Sonnenbrille, die Jacke voll mit Orden. Ein Unangreifbarer, selbstbewusst und stark. Ein erfolgreicher Militär. Wortgewandt und cool kontert er jeden Angriff vor Gericht: Magie sei für seine Liaison mit Desdemona verantwortlich? Lächerlich! Was braucht er Zauber, um ihr Herz zu kapern?

Othellos Wandlung, sein Verfall, geht dann recht massiv vonstatten in Manuel Soubeyrands Inszenierung an der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB). Sein letzter Auftritt zeigt ihn ohne jede Maske: Die schwarze Schminke ist zerronnen, die Latexglatze hat er sich vom Kopf gerissen, mit wirren Haaren, nacktem Oberkörper – verschwitzt, verschmiert – hockt er auf Desdemona, reißt ihren Kopf nach hinten. Was ist aus ihm geworden? Ganz Mensch in diesem Umfeld, heißt: ganz Barbar, ein Mörder – der schönen, treuen Desdemona, liebend ihm ergeben, hat er das Genick gebrochen. Bevor er sich selbst die Kehle durchschneidet, als er hört, wie sehr er irrte. Mit der Schminke schmolz auch die Gelassenheit und Selbstsicherheit, die Fähnrich Jago ihm nahm, in dem er fiese Intrigen spann und Othello – bald von Eifersucht zerfressen – den Floh von der Untreue Desdemonas ins Ohr setzte. Jago hatte es nicht verdauen können, dass Othello Cassio zum Leutnant befördert hat statt seiner. Das war alles. Dafür hasst er "diesen Mooooohren", wie er abfällig nölt. Dafür rächt er sich. Deshalb sterben am Ende vier Menschen.

Spiel mit Schwarz- und Weißmalerei
Die Blackfacing-Debatte wird im Programmheft reflektiert. Dramaturg Matthias Göttfert argumentiert mit Ulf Schmidt: "Othello einfach von einem ungeschminkten Weißen spielen zu lassen ginge ebensowenig, wie den Darsteller wochenlang ins Solarium zu schicken. Und im Grunde ginge es auch nicht, just den Othello mit einem Schwarzen zu besetzen, weil dann auch noch eine biologistische Dimension ins Spiel komme." So entschied man sich in Esslingen, die "Andersartigkeit der Titelfigur" in alter Othello-Tradition deutlich zu machen, auf schwarze Schminke nicht zu verzichten. Doch bleibt man nicht dabei: Othellos Maskerade bröckelt im selben Maße wie er den Verstand verliert und seine Selbstbeherrschung. Am Ende ist er weder schwarz noch weiß.  

Mit Schwarz- und Weißmalerei wird ohnehin ironisch gespielt: Erich Frieds Übersetzung tut das auch sprachlich, da redet der Maure gerne "ungeschminkt", also frei heraus. Auf der Bühne kriegt Desdemona Schokoeis von Zofe Emilia, die derweil Vanille lutscht. Und Othello färbt ab. Der Schweiß löst Farbpigmente, sein Knutschen mit Desdemona hinterlässt dunkle Spuren in ihrem Angesicht. Sie wird vor Liebe schwarz.

othello1 andreaszauner uOthello (Nils Thorben Bartling) und Desdemona (Nora Backhaus) © Andreas Zauner

Die Inszenierung von WLB-Intendant Soubeyrand macht das alte Drama durch ein bisschen Boulevardisierung geschmeidiger – durch Übertreibung wird es komischer, was vor allem Frank Ehrhardt als Rodrigo exzellent umzusetzen weiß: Als Jagos willfähriger, heulsusiger Lakai in rotem Trainingsanzug und Badeschlappen steht er pausenlos unter Strom wie ein junger, hechelnder Kampfhund an der Kette, den man leicht reizen kann. Mit Nils Thorben Bartling hat Soubeyrand einen trefflichen Othello gefunden, der die Wandlung vom Liebenden über den Zweifelnden hin zum mörderischen Eifersüchtigen minutiös und damit glaubwürdig aufbaut. Der kräftige, gut gebaute große Mann spielt den Othello leicht beschränkt und körperbetont, als einen, der in psychologischen Stresssituationen schnell überfordert ist und dann mit unterdrücktem Wutatem Kraftgymnastik treibt oder den Lotussitz übt, während ihm der böse Jago die unglaublichsten Lügen für bare Münze verkauft.

Kasernenton und Eiseskälte
Jago dagegen ist mit Dietrich Schulz nicht ganz glücklich besetzt. Zu wenig differenziert spielt er den uniformierten Intriganten, zu monochrom, zu bieder: Latent gewalttätig zwar, aber vor allem cholerische Anfälle à la Gernot Hassknecht und überbedeutungsvolles Artikulieren sind seine Ausdrucksformen. Zu wenig, um diesen Fiesling wirklich zu durchleuchten. Dagegen hat man selten eine derart genau und brillant gespielte Travestie gesehen: Beatrice Bocas Cassio, der wie fast jeder auf der Bühne Jagos Opfer ist, zeigt einen zwischen Unsicherheit, militärischem Drill und einem überwältigenden Aggressionspotential hin und her geworfenen jungen Mann.

Soubeyrand fokussiert Shakespeares Drama auf Jagos tödliche Machenschaften, aus denen es für seine Opfer kein Entrinnen gibt. Im Bühnenbild von Michaela Springer sitzen sie wie in der Falle. Jago steht am Rand und schaut auf sie hinunter, wie sie sich vergiftet durch die Lüge bekämpfen: in dem schmierigen, hellgrün gefliesten, schwimmbeckenartigen Raum, aus dem man nur über eine Leiter oder kriechend durch vergitterte Gänge entkommen oder eintreten kann. Es herrschen Kasernenton und Eiseskälte, und mit der Waffe ist man schnell zur Hand. Eine Atmosphäre, die verrohen lässt. Und der Renate Winkler am E-Piano immer wieder musikalische Traumgespinste aus fernen Zeiten und zärtliche Shakespeare-Sonette entgegensetzen kann. Als utopische Poesie in all der Ausweglosigkeit und Finsternis.

Othello
Von William Shakespeare, deutsch von Erich Fried
Regie: Manuel Soubeyrand, Ausstattung: Michaela Springer, Musik: Renate Winkler, Dramaturgie: Matthias Göttfert.
Mit: Nils Thorben Bartling, Dietrich Schulz, Nora Backhaus, Beatrice Boca, Frank Erhardt, Lothar Bobbe, Nils Hillebrand, Nadine Ehrenreich, Renate Winkler.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause.

www.wlb-esslingen.de

 

Kritikenrundschau

Als "deutliche Durchleuchtung des Rassismus- als Menschen-Drama" betrachtet Martin Mezger, Kritiker der Eßlinger Zeitung (13.10.2012), die Inszenierung. Locker, so sein Eindruck, nehme man dabei auch eine Debatte, "die derzeit jeden schwarz bemalten weißen Theaterdarsteller wie ein Gespenst verfolgt: Das sogenannte Blackfacing, vor dem jüngst schwere Rassismus-Warntafeln errichtet wurden". Die Inszenierung prescht dem Eindruck Mezgers zufolge "erst mal im anti-rassistischen Fluchtkorridor nach vorn". Man zeige demonstrativ "keine Angst vorm schwarzen weißen Mann", der "Neger" erscheine "als Negrissimo-Abziehbild", denn, so Mezger, es gebe immer zwei Wege aus der Klischeefalle: "Entlarvung oder Übertreibung". "Fruchtet es was, von der Bühne herab dem Rassismus die Humanitätsleviten zu lesen?" fragt der Kritiker also und meint: "Natürlich nicht." Denn wer sei schließlich heute noch offen bekennender Rassist? "Mehr bringt es, die unterschwellig schwärenden oder privat gehegten Ressentiments durch Übersteigerung ans Licht der Absurdität zu fördern – Ressentiments, auf die sich auch eine verlogen tolerante Gesellschaft insgeheim zu verständigen mag. So wie Shakespeares Venedig, das seinen Mohren immerhin auf höchste Karrierehöhen beförderte." Soubey­rands "Kunst der gezielten Übertreibung" schaffe immer wieder Momente lichter Klarheit, wer "die Zivilisation und wer die finstere Barbarei" verkörpere. Othellos Schwäche sei ja nicht die Eifersucht, sondern die Gutgläubigkeit. "Und die ist tragisch. Eifersüchtig sind die anderen." Soubeyrands Inszenierung schildere die Verstrickung des Stücks "ins (Un-)Menschliche mit schöner Anschaulichkeit und epischer Leichtigkeit." Und doch zeigt die auf Othello fokussierte Inszenierung aus Mezgers Sicht just in der Titelrolle eine Schwäche. Nils Thorben Bartling zeige zwar gekonnt "den souveränen General und in tragikomischer Wendung den Hampelmann eifersüchtiger Affekte. Aber spielt der schwarze weiße Darsteller nun die gesellschaftlich verordnete Mohrenrolle tatsächlich gegen diese Gesellschaft aus, wie es Soubeyrands Übertreibungsstrategie anfangs suggeriert? Oder spielt er, der gern tanzt und von Getrommel begleitet wird, den authentisch Fremden? Klischee-Entlarvung oder Identitätsdrama? Das ist die Frage. Die Inszenierung gibt keine Antwort."

"Gut durchdachtes, bildkräftiges Theater" hat Cord Beintmann gesehen, wie er in der Stuttgarter Zeitung (15.10.2012) schreibt. "Es scheint, als wären die Menschen Versuchstiere in einem gekachelten Raum. Und in der Tat: Shakespeares Stück ist ein gewagtes Experiment." Dabei scheue Soubeyrands Inszenierung "zum Glück auch Überdrehungen nicht".

Zwiespältig findet Horst Lohr den Abend in den Stuttgarter Nachrichten (16.10.2012): "Einmal mehr erlag der Landesbühnenchef der Versuchung, einen Klassiker krampfhaft zu aktualisieren – mit knalligen Figuren, die im Stil einer billigen Comedy Lacher abgreifen." Immerhin überzeuge der Blick auf die Titelfigur: "Nils Thorben Bartlings Othello bedient gekonnt das Klischee des schneidigen, ebenholzschwarzen Operetten-Offiziers in blütenweißer Uniform und mit dem erotischen Flair des Fremdartigen." Mehr und mehr erbleiche Othellos Haut, bis ein Blondschopf erscheine – "ein kleiner Junge, der 'nicht klug liebte, aber sehr'".

 

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