Trimm dich, Thriller!

von Christian Rakow

Berlin, 13. Oktober 2012. Ein Lektüretipp für alle, die nicht schon mitgeholfen haben, dieses Buch in die Spiegel-Bestsellerliste zu katapultieren: So einen packenden Politthriller, wie ihn der Investigativjournalist und Terrorismusexperte Yassin Musharbash (früher "Der Spiegel", jetzt "Zeit") mit "Radikal" vorlegt, findet man in Deutschland nicht alle Tage. Am besten umreißt man die Story nur in aller Kürze, um nicht allzu viel von ihren Wendungen preiszugeben.

Lutfi Latif, ein Grünen-Politiker, der die Annäherung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland vorantreibt, stirbt bei einem Bombenattentat in Berlin. Das BKA sucht den Täter in islamistischen Kreisen, während der freie Blogger und Islamismuskenner Samuel Sonntag verdeckt eine Spur zu den Spitzen der Gesellschaft verfolgt: zu einer erzkonservativen Organisation von Islamhassern, die als "Kommando Karl Martell" den Krieg der Kulturen schüren will. Den Krimitrip mit Gesellschaftsporträtcharakter verknüpft "Radikal" mit einer bissigen Satire auf Medien vom Schlage des fiktiven Nachrichtenmagazins "Globus", das aus kleinsten Insider-Informationen große, hysterisierende Titelgeschichten formt.

Spielfassung für Schnellfeuerfreunde
Man darf dem Team des Maxim Gorki Theaters zu seinem Coup gratulieren, Musharbashs Roman gerade mal ein Jahr nach Erscheinen für die Bühne entdeckt zu haben. Aber das Ergebnis wirkt, als säßen die Theaterleute mit ihrer fetten Beute immer noch im Fluchtwagen (vermutlich von Filmteams gejagt) und drückten gnadenlos aufs Gas.

radikal1 560 ThomasAurin uJedem sein eigener Film: "Radikal" © Thomas Aurin

Zwischen "WiXXer" und Italo-Western
Eine Spielfassung für Schnellfeuerfreunde hat Dramaturg Jens Groß den 400 Romanseiten abgewonnen: Der Medienkontext ist auf ein Minimum geschrumpft, ebenso alle interkulturellen Identitätsfragen und das antiradikale Denken der "Mitte", für das Lutfi Latif und seine junge Mitarbeiterin Sumaya stehen. Dafür kommt der antiislamische Geheimbund in seinem extremistischen Diskurs ausgiebig zu Wort. In groben Scherenschnitten stellt Groß den Thriller nach, wobei die Figuren gern in aufdringlich expliziten Monologen ihre jeweilige Rolle bekannt geben und das Geschehen raffen. Respekt für alle Zuschauer, die ohne Kenntnis der Vorlage mit dieser fragmentierten Plotdarbietung Schritt halten können!

Zumal bei Uraufführungsregisseurin Anna Bergmann eigentlich jeder der Anwesenden seinen eigenen Film spielt. Der sonst so wuchtige Bühnenirrwisch Holger Stockhaus gibt den Do-it-yourself-Journalisten Samuel derart aufgesetzt, dass man befürchten muss, er hat nächtelang Genre-Parodien Marke "Der WiXXer" durchgeschaut. Wenn die an sich mit einem feinen realistischen Zug begabte Pegah Ferydoni als seine Freundin Sumaya hinzutritt, werden Vorabendserienliebkosungen hingezärtelt. Im Duett mit Johann Jürgens als Verfassungsschutzagent Kai leuchtet etwas wildwüchsig schriller Volksbühnen-Humor auf. Robert Kuchenbuch sucht als BKA-Beamter Ansgar Dengelow derweil sein Heil im Italo-Western-Machismo. Die einzige wirklich coole Note bringt Anne Müller als "Globus"-Redakteurin Merle Schwalb ein, kriegt aber leider nur ein paar kurze Auftritte.

Multimedialer Aufwand
Damit diese ganzen disparaten Testläufe in Bergmanns Trimm-Dich-Thriller nicht allzu sehr als verzagter Katzenjammer auffallen, überkleistert die Regisseurin ihre Szenen unablässig mit raunenden Kinosounds, fährt Videos ab, lässt Spieler via Mikroport in überall verteilte Kameras sprechen und bringt die Drehbühne mit ihrem Set aus hölzernen und gläsernen Büroräumen (von Bühnenbildner Ben Baur) zum Kreisen.

Es hilft nichts. Vom Cinemascope-Theater sind wir meilenweit entfernt, von aufrüttelnden Radikalismus-Analysen ohnehin. Mit jeder der gut einhundert Minuten dieses Abends sehnt man sich stärker nach dem Bücherschrank, nach dem erhellenden, rasanten, genau erzählten Roman von Musharbash. Wie der kühne Schnüffler Samuel schon sagt: "Ich muss weg, es gibt Dinge, die kriegt man nur raus, wenn man an die Quelle geht."

Radikal (UA)
nach dem Roman von Yassin Musharbash
für die Bühne bearbeitet von Jens Groß
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Ben Baur, Kostüme: Claudia González Espíndola, Musik: Heiko Schnurpel, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Pegah Ferydoni, Holger Stockhaus, Anne Müller, Robert Kuchenbuch, Wilhelm Eilers, Sina Kießling, Johann Jürgens, Ruth Reinecke, Gunnar Teuber, Herold Vomeer, Uwe Mayer / Roman Konzack, Peter Kurth, Neil Malik Abdullah.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Solange die Film- und Videotechnik nur klärende Hintergrund-Illustration bleibe und "nicht mit sichtbarem Kameramann in den Szenen herumfuchtelt und sich breitmacht, hat sie durchaus Effekt", findet Peter Hans Göpfert im RBB Kulturradio (15.10.2012). Allerdings komme die Geschichte "nicht dramatisch in Fahrt. Sie findet auch nicht einmal einen zwingenden Rhythmus." Die Figuren müssten "den bleischweren Text abarbeiten und unentwegt sprechen und reden" – eine sichtbare Handlung gebe es nicht. Diese Inszenierung sei "eine Fehlinvestition".

"Mein lieber Scholli", stöhnt Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (15.10.2012). Aus seiner Sicht ist mehr als ein "blubb" aus dieser Adaption nicht herausgekommen. Dabei hat die Lektüre dieses Thrillers dem Kritiker eigenem Bekunden zufolge schier den Atem geraubt. Regisseurin Anna Bergmann habe allerdings, so Schäfers Einschätzung, "so lange auf die Aktualität des Stoffes gestarrt, dass sich im Schatten dieser Verkrampfung eine recht ausgeprägte logistische Überforderung (wie kriege ich die vielen Ebenen zusammen?) mit einer haarsträubenden Theaterbiederkeit verbunden und sich zähneklappernd radikalisiert hat."

Je länger die Theaterkunsthandwerkkiste so laut klappere, dass man sich mühen müsse, das Klappern von den Figurenworten überhaupt zu unterscheiden, desto ärger wird Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (15.10.2012) von der Frage bedrängt, "ob das Theater hier womöglich im falschen Film spiele. Dass es vielleicht gar nichts zu sagen habe". Bei Anna Bergmann werde jede Figur "zum Hauptsatz ohne Komma, ohne Nebensatz, ohne Doppelsinn". Die Schauspieler könnten nichts dafür, es liege, so Pilz, an der Regie, "die das Theater zur Vorspielanstalt macht, die nichts als einen bräsigen Botschaftsbrei ausspuckt." Der Roman hat diese Adaption aus Sicht des Kritikers nicht verdient.

Von "künstlichem Voranerzählen" spricht Simone Kaempf in der taz (15.10.2012). Zwar sei es durchaus als Coup zu betrachtetn, dass das Maxim Gorki Theater den erfolgreichen Thriller bereits ein Jahr nach Erscheinen auf die Bühne bringe. Zwar drehe die Regisseurin groß auf, aus Sicht der Kritikerin schafft es die Bühnenadaption trotzdem nicht, das erhoffte Eigenleben zu entwickeln. "Der Resonanzraum Realität bleibt meilenweit entfernt. Holger Stockhaus stolpert als Terrrorexperte Samson so gutherzig durch die Handlung, dass er eine Karikatur auf vermeintliches Expertenwissen abgibt."

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Radikal, Berlin: ZustimmungKen 2012-10-14 12:58
Ich stimme der Kritik von Herrn Rakow zu. Enttäuscht verliess ich das MGT und sehnte mich irgendwie nach Aufführungen wie Roberto Zucco aus 1990 an der Schaubühne zurück....
#2 Radikal, Berlin: keine Lust zu lesenGuest 2012-10-14 13:53
die gestrige Premiere hat bei mir eher den Eindruck hinterlassen, als ob sich der Roman auf keinen Fall für eine Bühnenadaption eignen würde; schon die Sprache der klischeehaft gezeichneten Figuren ist peinlich hölzern und die Story wirkt derart vorhersehbar und um politisch korrekte Ausgewogenheit bemüht, dass jedenfalls ich überhaupt keinen Drang verspüre, das Buch zu lesen.
#3 Radikal, Berlin: Bestärkt Intendantenwechselgast 2012-10-14 16:14
ja, ich bitte alle darum sich selber das Stück zu ersparen. (...) Ein gutes hat dieses Scheitern es offenbart wie richtig die Entscheidung des Intendanzwechsels hin zu Shermin Langhoff ist. Schade, dass der Bühnengang von Radikal (lesenswert) nicht von ihr gelenkt wurde.
#4 Radikal, Berlin: erschreckendein anderer gast 2012-10-14 16:24
es kann nicht sein,dass die schauspieler verantwortlich gemacht werden,für diese platte,halbherzige und grausam oberflächliche bühnenfassung des romans.(obwohl man sich natürlich fragt,warum machen die das mit?)
da versuchen die chefs des gorkis einfach nur schnell kasse zu machen,"bestseller her mit einem aktuellen thema..."
sie geben es in die hände einer regie;-)ie sich anscheinend so viel mit der thematik auseinander gesetzt hat,wie jeder acht- klässler einer real schule.(wenn die regie aber wenigstens handwerk hätte,wärs vielleicht ein solider kinder und jugend abnd geworden.)
es ist erschreckend ,die themen unserer heutigen welt auf die art und weise im theater sehen zu müssen,es ist erschreckend ,als zuschauer für so blöd gehalten zu werden.
#5 Radikal, Berlin: von wegen CoupBerliner 2012-10-14 17:45
"Man darf dem Team des Maxim Gorki Theaters zu seinem Coup gratulieren." Schon das stimmt leider nicht. Solche Coups landet das Gorki - und nicht nur die - ständig. Stoffe werden eingekauft in der Hoffnung, dass vom fremden Glanz - SPIEGEL-Bestsellerliste! Europäischer Filmpreis! - etwas in die eigene Nische hinunterleuchtet. Man kann auch dieses Gerede von "Uns waren die Inhalte total wichtig" nicht mehr hören. Wenn dem so wäre, würde von den Inhalten auf der Bühne hin und wieder etwas übrig bleiben.
#6 Radikal, Berlin: wie man weiter kommen könnteRena 2012-10-15 11:50
Woher kommt eigentlich dieser Agroton? Woher diese Lust an Unterstellungen? Was ist falsch an aktuellen Themen? Dass das nicht gelungen ist - anderes Thema. Wieso kann hier nicht sachlich beschrieben und diskutiert werden? Vielleicht kommt man mit der Unterstellung, dass die sich intensiv damit auseindergesetzt haben und was wollten, und der Frage, warum und woran ist es gescheitert, weiter?
#7 Radikal, Berlin: Paranoia, Bedrohung, BeklemmungGregor 2012-10-15 15:41
Ich war im Saal plaziert zwischen Zuschauern, die Christian Rakows Kritik nicht teilen würden und die zwischen einzelnen und notwenigen Lachern mit Spannung dem Thriller folgten, trotz der Diktion, journalistische Monologe in Dramaform zu erleben.
Ein erfolgreicher Roman, der nicht einlädt zu einer Bühnenadaption, ist Vorlage zu einer Fassung, die Dramaturg Jens Groß zu einem theoretischen Monologdrama voller journalistischer Thesen umgeschrieben hat. Da erscheinen Figurenentwicklungen nahezu unmöglich, einzig dem sich seiner „Globus“-Chefin anbiedernden Journalisten (Gunnar Teuber) unterstellt Groß hier eine Sinneswandlung, die auch nur nach Papier tönt.
Und dieses fast aussichtslose Unterfangen bildet Anna Bergmann in atemberaubenden Bildern ab als ein Überwachungsszenario, in dem sich die Figuren sehr oft bewusst sind, dass selbst an der U-Bahn am Kottbuser Tor Observierungskameras lauern. Spitzel überall, Paranoia, Bedrohung, Beklemmung, BND. Die „Globus“-Chefin schaut in den Fokus wie Samsons Anwalt Kai und entlarven so die Dialoge des Herrn Groß als thesenhafte Ideologieverteidigungen, die sich immer wieder ablösen. Die groß’schen Verfechter aus Yassin Musharbashs Journalistik-Roman rotieren somit in jenem Tempo, das aus den Druckmedien tägliche Vorgabe ist. So ist Ben Baurs Bühnenbild eine gelungene Übertragung unserer Wahrnhemung bei ständiger Zeitungslektüre. Die Glaswände zwischen den Argumentations- und Verschwörungskabinen, die den Blick offenbaren auf die Zerrissenheit des Samson , entsprechen den Gedankenräumen der Zuschauer und nimmt sie somit ernst als erwachsene Zweifler.
Anna Bergmann erschafft trotz einer gestrafften Vorlage aus papiernen Thesen einen Thriller, dem ein Großteil (kein sic!, kein Wortspiel!) des Publikums durchaus folgen kann. Spöttische Lebendigkeit mit Lutfi Latif („Lutfi heißt der Freundliche, Latif ebenso“) auf Müllcontainern, Litfaßsäulen, Bildschirmen vor dem großen Knall - und seltener danach - bietet dabei ihr ironischer Blick auf die immer wieder ins Feld geführten Argumente (so Johann Jürgens in seiner Doppelrolle als Kai und Fadi, als Weißbrot-Kartoffel und als Ölauge), kurzzeichtig erleichternde Ausbrüche aus den Wortschlachten, aus dem skandinavisch anmutenden Medienkampf à la Larssons Millenium, nach denen der Thriller wieder fesselt. Auf einer zu theoretischen Dramafassung basierend, bietet „Radikal“ 100 Minuten spannende politische Krimiunterhaltung, die sich für das Gros des Gorki-Publikums gelohnt hat.
#8 Radikal, Berlin: schade for nowstrietze 2012-10-15 18:27
modisches thema? aber doch auch notwendig.
natürlich muss sich das theater mit aktuellen themen und tektonischen verschiebungen der weltgeschichte beschäftigen, sonst landet es in der Nische der irrelevanz.
sollen sich theater und kirche als letzte bastionen der nichtanpassung gängigen aufmerksamkeitsmustern und marketingstrategien entziehen? Antiquierte vorstellung.
zu "schnell Kasse machen" und "Coup": wir wollen doch alle, daß zuschauer ins theater kommen. die mit ihrem eintritt dafür sorgen, daß überhaupt kunst produziert werden kann.
total einverstanden mit der analyse von 7. das problem war nicht die Spieler oder die regie sondern die Fassung. und die entscheidung einen stoff, der eher für tv oder film geeignet wäre auf die Bühne zu bringen.
dirk pilz (BZ) und andreas schäfer (TS) prügeln jetzt auf die regisseurin ein. wenn sie den roman gelesen und mit der fassung abgeglichen hätten, wäre klar, daß es so nicht gehen kann.
Die fassung ist eine hilflose, hölzerne, raschelnde nacherzählung des plots - die in ihrer thesen- und phrasenhaftigkeit stellenweise schmerzt. Spiegel lesen mit verteilten Rollen. wie soll das jemand anständig inszenieren können?
die entscheidung eine regisseurin zu verpflichten, deren stärke klug und dynamsich erzählte geschichten sind, die aber notwendig eine gute vorlage braucht, ist ebenfalls unglücklich.
und trotzdem richtig das thema zu spielen, schade for now.
#9 Radikal, Berlin: da wäre was herauszuholenDramaturg aus Hamburg 2012-10-15 19:56
Woher es denn komme, dass etwas nicht stimme? Ich dachte, dass es absurd ist solch eine komplexe Hauptrolle mit einer Film-Schauspielerin zu besetzen. Ich fragte mich, ob es um die PR ginge? Denn wenn es Schauspielerinnen wie Sesede Terziyan, Sarah Sandeh oder Anita Vulesica gibt, steht diese Frage natürlich im Raum? Ich hatte den Eindruck, dass die Kollegen einiges kompensieren müssen und ein Miteinander quasi kaum möglich ist. War das eine künstlerische Überlegung? Inhaltlich würde dieser Gedanke sogar Sinn machen. Aber dann, hätte die Regisseurin damit umgehen müssen, was nicht getan wurde. Die Textvorlage von J. Gross, nun ja, mit einer starken Besetzung, wäre da was herauszuholen gewesen. So sehe ich den Fehler darin, dass im Theater; PR über Kompetenz gestellt wird, die bei den drei erwähnten Damen zum Beispiel, im hohen Masse vorhanden ist. Das geht (zum Glück) nicht auf.
#10 Radikal, Berlin: ZusammenfassungHallo? 2012-10-16 15:01
Um die Argumente der letzten Kommentatoren, warum die Inszenierung schief oder auch nicht schief gelaufen ist, noch einmal zusammen zu fassen:

1. Es lag am Kritiker. Der Kritiker der Nachtkritik hat in einer anderen Vorstellung gesesen. Denn das Publikum war ziemlich begeistert von dem tollen Konzept des Teams.

2. Das Problem war die Fassung. Wie soll eine geniale Regisseurin daraus gutes Theater machen?

3. Es lag an der Besetzung. Mit einer starken Besetzung hätte man etwas machen können.

4. Es lag an einer inkompetenten Theaterleitung. Diese hatte nur den PR Effekt im Auge und ist allein für die schlechte Fassung und die minderwertige Besetzung verantwortlich.

Geht's noch?
#11 Radikal, Berlin: nachgefragtstrietze 2012-10-16 19:28
hey 10. hallo? bei andrea nahles praktikum gemacht?
#12 Radikal, Berlin: im Ton vergriffeny. t. 2012-10-17 04:23
zu kommentar # 10, zu punkt # 3, 4:
die besetzung ist weder schwach noch minderwertig.
sie vergreifen sich im ton.
(bevor sie fragen, nein, ich bin kein teil der inszenierung.)
#13 Radikal, Berlin: guter Abendbarbara gerber 2012-10-17 12:51
anna bergmann hat trotz lausiger textvorlage (jens groß) einen guten
abend inszeniert.
hier eine kritik, die meine meinung zu diesem abend sehr gut
wieder gibt. da diese rezension in der nachtkritiken-rundschau fehlt
?warum-warum? hier der link:

www.rbb-online.de/kultur/buehne/premierenspiegel/kw41/check-gorki-radikal.html

Anmerkung für 4. = ein anderer gast:
nach über 25 inszenierungen von anna bergmann finde ich es
sehr dreist, ihr fehlendes handwerk vorzuwerfen

barbara gerber
#14 Radikal, Berlin: ironischblitzmerker 2012-10-17 14:35
@12 mmh, mir scheint 10 ist ironisch gemeint. wozu sonst die frage am schluss?
#15 Radikal, Berlin: alles schon erlebtCollegagon 2012-10-17 16:45
ZITAT: ""es kann nicht sein,dass die schauspieler verantwortlich gemacht werden,für diese platte,halbherzige und grausam oberflächliche bühnenfassung des romans.(obwohl man sich natürlich fragt,warum machen die das mit?)""

Verzeihung, aber das zeigt nur, wie wenig sie vom Theateralltag wissen.

Versuchen sie mal als Schauspieler aus einer Produktion auszusteigen. Aus subjektiven qualitativen Gründen. Viel Spaß!
Das wird entweder der Rauswurf aus dem Ensemble oder sie werden für die Umbesetzung aufkommen müssen. Alles schon erlebt, gehört, mitgemacht.
#16 Radikal, Berlin: AusnahmenGuttenberg 2012-10-17 17:30
Wenn ich mich recht erinnere, haben die Schauspieler des Gorki-Theaters Vera Nemirovas "Salome"-Inszenierung 1 Woche vor der Premiere rausgekickt.
Und ich glaube in der 1. Petras-Spielzeit ebenda kam auch "Kleiner Mann, was nun?" nicht raus.
Aber klar: das sind Ausnahmen. Und das ist wohl auch gut so.
#17 Radikal, Berlin: kuschelige ProdukteBalotelli 2012-10-17 20:41
@ Barbara Gerber
Quantität bedeutet nicht automatisch Qualität!

Außerdem:
Selbst wenn Anna Bergmann ihr "Handwerk" beherrschen würde,
stellt sich für mich die Frage, WARUM sie überhaupt Theater macht.
Eine Dringlichkeit (außer vielleicht Karrierismus und damit einhergehender
Erfüllungsdruck) ist nicht vorhanden.
Was bleibt ist weichgespülter Konsens und der macht Theater langweilig und
überflüssig.
Aber warum nicht: Vielleicht ist es besser die kulturpolitischen
Vorgänge zu beschleunigen, indem man mit Egal-Theater den Persilschein zur
eigenen Abschaffung ausstellt. Anna Bergmann ist ja bei weitem nicht die einzige,
die diese Strategie offensichtlich verfolgt. Land auf, Land ab liefern karrierebewusste
Regisseure (und Schauspieler) just in time das gewünschte kuschelige Produkt. Stoff, Form und Farbe egal! Alles ist möglich! So einen Abend basteln kann doch nicht so schwer sein... Hauptsache die Schäfchen sind möglichst schnell im Trockenen.
Also, weiter so! Macht euch überflüssig! Der Erfolg gibt euch Recht!
#18 Radikal, Berlin: köstlich amüsiertGuttenberg 2012-10-18 20:30
Ich wollt nur mal kurz Entwarnung geben für alle diejenigen, die durch die negativen Kritiken abgeschreckt wurden. So furchtbar ist "Radikal" garnicht. Ich hab mich im Gegenteil köstlich amüsiert. Das lag vielleicht an meiner Perspektive. Ich hab das Ganze als trashige TV-Krimi-Parodie gesehen, größtenteils toll gespielt und fetzig runterinszeniert (naja, das Bühnenbild-Prinzip hat schon gewisse Ähnlichkeiten mit Ostermeiers Nora, aber man soll ja nicht immer den Genie-Maßstab anlegen). Auch die Empörung über die Textfassung von Jens Gross finde ich etwas hoch gestapelt.
Allerdings: Ich habe den Roman von Yassin Musharbaf nicht gelesen, hatte also keine (Heils-)Erwartungen und kann die Aufführung somit nicht am Buch messen. Die 6 Seiten daraus, die im Programm abgedruckt sind, lassen den trashigen Tonfall erahnen, der auch auf der Bühne für Heiterkeit sorgt: "Sumaya trank den letzten Schluck Tee aus ihrem Glas. Ein leuchtender Schauer lief ihr über den Rücken. Mit ein bißchen Glück würde sie schon bald wissenschaftliche Mitarbeiterin in Lutfi Latifs Abgeordnetenbüro sein." Ein leuchtender Schauer – wunderbar!
Das Intelligente an der Aufführung ist die Krimi-Konstruktion, dass - bildlich gesprochen - hinter jeder Tür immer schneller eine weitere Tür aufgeht, bis die Leute irgendwann überhaupt nicht mehr wissen, was jetzt eigentlich Einbildung bzw. Spekulation und was Wahrheit ist.
Ich kann nur empfehlen, hinzugehen. Es macht Spaß, tendiert in der Beziehungsgeschichte offenbar werktreu zum ambitionierten Lore-Roman (siehe oben das Roman-Zitat) und streut jede Menge aktuelle Themen und Probleme, die zu denken geben und sicher länger haften bleiben.
Der heilige Zorn, der hier und da angesichts der Aufführung aufflammte, scheint mir völlig überzogen zu sein.
#19 Radikal, Berlin: ShitstormStefan 2012-10-18 20:51
Na Gott Sei Dank, Guttenberg. Ich wollte schon meine Karte im Klo runter spülen. Jetzt kann ich mich ja vielleicht doch noch mal wenigstens richtig amüsieren. Übrigens scheint einigen Anna Bergmanns Interview in der SZ vom letzten Jahr sauer aufgestoßen zu sein. Anders kann ich mir den Shitstorm hier nicht erklären.
#20 Radikal, Berlin: schwieriges UnterfangenFlohbär 2012-10-18 23:50
Ich halte die Inszenierung für erträglich.
@1: Radikal ist immer noch besser als Peter Steins Roberto Zucco vom April 1990. Zu Beginn war ich noch wohlauf, aber nach einer halben Stunde wurde mir übel, ich verließ die Aufführung und musste mich vor einem Baum, der vor der Schaubühne postiert war, leicht übergeben. Das lag nicht an den Leistungen von Corinna Kirchhoff und Dörte Lissewski. Über ein Jahrzehnt betrat ich nicht mehr die Schaubühne - was aus der Retrospektive betrachtet ein großer Fehler war.
Meistens ist es ein schwieriges Unterfangen, einen Krimi auf die Bühne zu bringen.
#21 Radikal, Berlin: genau umgekehrtKen 2012-10-19 02:22
@20 Tja, und bei mir ist es genau umgekehrt, nur dass ich bis zum Ende durchgehalten habe und kein Baum vor dem MGT in Mitleidenschaft gezogen wurde:-)
#22 Radikal, Berlin: Qual der WahlAndrew 2012-10-19 03:57
@1 und @20:

Habe auch beide Inszenierungen gesehen!
Was ist einem jetzt lieber: Pest oder Cholera?
#23 Radikal, Berlin: Frage an StefanGuttenberg 2012-10-22 20:22
@19: Lieber Stefan,
lassen Sie uns wissen, wie Sie die chose fanden.
#24 Radikal, Berlin: MissverständnisCapa-kaum 2012-11-02 20:58
Verdienstvoll und doch gescholten - weshalb viele Kritiker meiner Meinung nach einem elementaren Missverständnis unterliegen: Wozu soll man ein Theaterstück überhaupt mit einem 400-Seiten-Buch vergleichen? Mehr dazu in meinem Blog www.capakaum.com

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