Produkte der Aufklärung

von Tim Schomacker

Bremen, 17. Oktober 2012. Verwundern sollte es nicht, wenn demnächst in Bremen jemand beglückt aus einer juristischen Fachbuchhandlung stolpert, ein Lied auf den Lippen, dessen Text ausschließlich aus jenen hübschen Buchstabenfolgen besteht, die sich auf einschlägigen Gesetzestextsammlungen finden. Es gibt Momente in diesen zwei Stunden Gintersdorfer/Klaßen, die zeigen, dass die notorischen Abbreviaturen tatsächlich das rhythmisch-melodische Zeug haben zum Gassenhauer.

Einmal steht Hauke Heumann im hinteren Bühnenbereich. Er trägt Variationen aus Rosa, dazu blaue Stiefel. Und er schaut ein bisschen aus wie ein verlorener Einar-Schleef-Sohn, als er aus einer Chorpassage heraus ein Solo schält, dessen Refrain auf der Lautfolge "IStGH" basiert. Es ist eine Art Gospel, etwas gedrechselt Liturgisches, mit dem er die aktuellen Angeklagten des Internationalen Strafgerichtshofs (kurz: IStGH; landläufig: Das internationale Kriegsverbrechertribunal; im Volksmund oft schlicht: Den Haag) memoriert. Einige der Namen seien ja auch verdammt schwer zu behalten, bemerkt Heumann.

strafgerichtshof4 560 knut klaszen uAuf der leeren Bühne des "Internationelen Strafgerichtshofts" © Knut Klaßen

Gintersdorfer/Klaßen schneiden auf nahezu leergeräumter Bühne Module ihrer und des Ensembles Beschäftigung mit den Notwendigkeiten und juristisch-philosophischen Falltüren internationaler Gerichtsbarkeit aneinander. Nur selten wird von einer Szene zur nächsten übergeblendet. Hart geschnitten, ergeben die verschiedenen Perspektiven – vom solistisch informativen Vortrag (Ted Gaier, sonst "Goldene Zitronen", räsoniert hübsch verhuscht über die schwierige Herleitung der Den Haager Logik aus den NS-Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg) über live aufgenommene und zur Abspielung gemischte Vokalaktionen, die Maschinengewehrsalven zu imitieren versuchen, bis zur stummen Ensemble-Choreographie aus ganz kleinen Körperbewegungen – ein kubistisches Gebilde.

Das mannigfaltige Problem der Übersetzung
Ob man das nun Schauspiel nennt oder Tanztheater oder Lecture Performance, scheint den Machern dabei angenehm gleich zu sein. Wie die Kubisten auch, scheinen Gintersdorfer/Klaßen zu wissen, dass selbst die multiperspektivische Betrachtung eines Gegenstands höchstens zu Näherungswerten führt. Als Annäherung an eine Wahrheit zwar – aber eine der Betrachtung (und nicht so sehr des Gegenstands selbst). Dieser Gegenstand – der IStGH – ist ein Produkt der Aufklärung. Denn ohne Aufklärung gäb's keine unveräußerlichen universalen Rechte und Menschlichkeiten, auf die man sich globaljuristisch berufen könnte. Und in der Spur des aufgeklärten wie aufklärenden politischen Theaters steht diese Produktion allemal. Vielleicht sogar mit Peter Weiss' "Ermittlung" als geheimem theatergeschichtlichen Referenzpunkt.

Das fulminante Chorstück, aus dem Heumann seine eingangs genannte Kurzzusammenfassung schält, hat nicht nur einer andere musikalische Grundierung, sie folgt auch einer anderen Abkürzung: CPI. Das Französische (hier: cour pénale internationale) ist eine der beiden Haager Geschäftssprachen. Und es ist in vielen westafrikanischen Ländern Amtssprache. Über den simplen Umstand, dass "IStGH" und "CPI" vollkommen unterschiedlich klingen (was für ein Stück Theater wichtig ist) gelangen Gintersdorfer/Klaßen zum mannigfaltigen Problem der Übersetzung. Und nehmen es gleich mehrfach (und meist überzeugend) in ihre Zeitgeschichts-Inszenierung mit hinein: als formalen Baustein. Sie lassen die deutschen Kolleg/innen Erzählungen und Betrachtungen in französischer Sprache konsekutiv Übersetzen, Nachfragen und kurze Worterklärungsmomente inklusive.

Von der kleinen Erzählung zu den großen Fragen
Da sagt einer, wie gut es sei, dass die Struktur der internationalen Verfahren die Opfer als dritte Partei neben Anklage und Angeklagten etablierten, woraufhin ein anderer einschreitet und ruft: "Was für Opfer denn? Es haben doch alle Kindersoldaten in ihren Reihen, alle Parteien Verbrechen begangen!" Und der Übersetzer diesen Streit qua Übersetzung verstärkt (und so den entscheidenden Punkt wie mit dem Textmarker hervorhebt). An anderer Stelle Unklarheit, wer mit "eu" gemeint ist: "Wir / Sie / Die / Ich… / Wir" klingelt es pinballmäßig durch den Raum. Ein dritter schließlich berichtet von einem gemeinsamen Recherchebesuch in Den Haag. Er habe zunächst in seiner Wohnung, später im Auto seinen Pass liegen lassen. Was vielleicht damit zu tun habe, dass seine Seele nicht an den internationalen Strafgerichtshof glaube, unbewusst. Überhaupt habe er dort nur Afrikaner angetroffen, vom Wachmann bei der Eingangskontrolle bis zum Aushang der für mehr afrikanische Anwältinnen plädiert. Da auch die Angeklagten meist Afrikaner seien, könne man außerdem prima Kosten sparen, indem man die Verfahren gleich in Afrika abhielte.

So ein Satz macht geschickt den Kanal frei von der – zweifellos auch komischen – individuellen Erzählung zu den ganz großen Fragen: Postkolonialismus? Globalisierung? Menschenrechte? Indem Gintersdorfer/Klaßen erzählerisch wie choreographisch auf das Kleine setzen, gelingt weitgehend die Balance, die das Weltumspannende genauso auf Distanz hält wie die schnelle Antwort. Wenn's zu eindeutig zu werden droht, folgt ein klares (aber uneindeutiges) Bild: So werden in immer rascherem Takt große graue Gummiröhren an den vorderen Bühnenrand gerollt, wo sie gegen eine Reihe von Sechskantalustangen knallen. So rasen die Akteure wortlos und einzeln quer über die Bühne und rasseln hörbar schmerzhaft gegen die Wand. Um so das ganze Ding gerade nicht gegen die Wand zu fahren. Denn hier bleiben mehr offene Fragen hängen als die nach der Singbarkeit juristischer Abbreviaturen. Nennen wir es mal: Ermessensspielräume. Im Plural.

Der internationale Strafgerichtshof
Konzept/Regie: Monika Gintersdorfer, Konzept/Ausstattung: Knut Klaßen, Dramaturgie: Nadine Jessen.
Mit: Gotta Depri, Ted Gaier, Hauke Heuermann, Lassana Kamagate, Papy Mbwiti, Eric Parfait Francis Taregue alias SKelly, Lena Wicke-Aengstenheyster, Franck Edmond Yau alias Gadoukou la Star.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenschau

Ein "äußerst sprödes Experimental-Theater" sei "Der internationale Strafgerichtshof", eine "politische Performance, die wenig mit tradierter Schauspielkunst zu schaffen haben will", schreibt Sven Garbade im Weserkurier (19.10.2012). Anstrengend wirke die Aufführung aus vielen Gründen. Einer sei "ein eigenartig sprödes Bewegungstheater, das sich kaum mit den Begriffen und und Maßstäben von herkömmlichem Tanztheater messen lässt". So entstünden Bilder, "die mit Erfolg das Authentische suchen und jede Art von hohler Theaterspielerei vermeiden". Allerdings, so Garbadae, scheine die nur zwei Stunden dauernde Aufführung kein Ende finden zu können.

 

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