Der Ausweg ins Kunstfertige

von Andreas Wilink

Köln, 20. Oktober 2012. Der Fundus lebt. Das Theater bedient sich aus ihm. Einkleidung der Komödianten, Schreckgespenster und Schattengewächse. Masken, um sich die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, die zu Zeiten auf der Bühne Naturalismus hieß und deren deutscher Heros Gerhart Hauptmann war, der große Neinsager im wilhelminischen Kaiserreich. Hinweg mit allem Realismus. Und wenn Berliner Milieu, dann sprachlich so breit betont, dass es schon wieder künstlich wirkt. Und dabei brutal hingespuckt.

Mutter John macht sich an den Kleiderstangen zu schaffen. Ein Laufsteg auf der leeren schwarzen Bühne (Jens Kilian), deren Wände von Lamellen schuppig bedeckt sind und die mit Klappen und Sichtschlitzen dem Ensemble Durchblick und Ausflucht gestatten, legt eine Barriere zwischen Schaubühne und Publikums-Tribüne und zwischen künstlicher Gefühlsproduktion und emotionaler Emphase.

Alles ist Zitat

Karin Henkel spielt in ihrer Inszenierung von "Die Ratten" die beiden Ebenen des Stücks im Miteinander gegeneinander aus, holt die eine in die andere, deutet die eine aus der anderen, maskiert die eine durch die andere. Folgend dem Gedanken von Hauptmann als expressionistischem Vorläufer, hier verwandelt in einen artifiziellen Expressionismus.

dieratten 560 klauslefebvre uAufhebung von oben und unten – "Die Ratten" in Köln: Bernd Grawert, Michael Weber, Lina Beckmann, Jennifer Frank, Yorck Dippe, Kate Strong. © Klaus Lefebvre Die Separierung zwischen Unten und Oben – dem proletarisch Volkstümlichen auf der Etage der Familien John und Knobbe und dem Klassisch Idealischen auf dem Dachboden mit Harro Hassenreuters Theaterfundus –, die die 1911 uraufgeführte "Berliner Tragikomödie" darstellt, um sie als moralisch, sozial und ästhetisch gescheitert vorzuführen, hebt sich in Köln auf.
Alles ist Requisit und darin Zitat: ein Kreuz als totes Holz an der Wand; Johns Stube, die als Gerüstturm hereinfährt; die Kleider, die anscheinend wahllos Rokoko, Ballett-Tutu mit Pickelhaube, gepunktetes Kittelkleid, Soubretten-Robe und das Gewand einer Ausdruckstänzerin vom Schlage der Valeska Gert kombinieren. Hände sind in Rot getunkt, wenn ein Menschenkind auf die Welt gebracht und ein anderes gewalttätig aus ihr heraus gewürgt wird. Und die Figuren selbst sind es auch, ausgesetzt dem Licht einer einzelnen Scheinwerfer-Funzel.

Die Piperkarcka der Lena Schwarz – wie ein Gottfried-Benn-Vers aus Wahn und Wunden – tremoliert in ihrem Elendsfuror die polnische Partitur und lässt noch die Kontur ihrer irrlichternden Filippowna aus Henkels Dostojewski-Idiot erkennen. Bruno, ihr späterer Mörder, bringt gleich eine halbe Portion Shakespeare-Schurke zur Darstellung, gekrümmt in die Richard III.-Rolle. Jan-Peter Kampwirth, der als Bruno kein Mordskerl, sondern bloß ein labiler Mordbube und Schmalhans ist, spielt zugleich Kandidat Spitta, dessen Schwäche Theater heißt. Spitta probt den Macbeth-Monolog: somit Kampwirth, der in Jürgen Goschs Düsseldorfer Ursuppe-"Macbeth" einer der Magnificent Seven war. Als Experte des Alltags reklamiert er nun höhnisch "wahre Gefühle und echten Schmerz", während Hassenreuter den reinen Kunstraum verteidigt. Lispelnd agitiert Spitta: Keine "Kunstkacke" mehr. Das hieß früher mal professoral fein "die endgültige Überwindung der romantischen Requisitenkunst" (Hans Mayer). Bei Kampwirths spottlustigem Ingrimm ist die Witzfigur Spitta mit einem Mal ein nicht nur dummer Kerl.

Wo das Herz schlägt

In Hassenreuter (Yorck Dippe) aber schlägt das eine Herz der Aufführung, die sonst leicht aus dem Takt gerät und aus ihren unterschiedlichen Prothesen und Attrappen so recht keinen tüchtigen Organismus baut. Ihr Kunstherz. Er amüsiert uns, weil er beharrlich und beredt auf dem Boden der Theater-Tatsachen bleibt; ein Ignorant und Halbwahnsinniger, für den alles Auftritte sind, die er als Text einrichten, mit "Pausen"-Zäsuren strukturieren, als Haltungen einfordern kann. Er findet den Ausweg im Kunstfertigen – in der Betrachtung des Lebensdramas als Spielmaterial.

dieratten 280h klauslefebvre Lina Beckmann und Lena Schwarz als Mutter John und Piperkarcka. © Klaus Lefebvre Das spielt sich einen Stock tiefer ab, wo Frau John Piperkarckas ungewolltes "Kindeken" als ihr eigen ausgibt und es ihrem Mann, Polier Paul, unterschiebt. Diese Jette John der Lina Beckmann ist das andere Herz der Aufführung. Das Mutterherz. In ihrer existentiellen Not und Angst muss diese Gequälte grausam und hart sein. "Will nicht, muss, will nicht, muss, will nicht, muss", lautet auch Beckmanns Tourette-artiger Subtext, den exakt 20 Jahre später ein Anderer ausstoßen wird: auch der ein todbringender Kinderliebhaber – Peter Lorre in Fritz Langs "M", dem Berliner Femegericht am Vorabend des Dritten Reichs. Mit Beckmann wird der Kölner Abend, begleitet von Bernd Grawert als Paul John, der spielt, als hätte er den Woyzeck (noch und wieder) in den Knochen, zur Passion. Ecce homo! Lina Beckmann erhält von Bruder Bruno zum Ende hin eine Pappmaché-Krone aus dem Fundus: eine Königin im unseligen Mutterreich. Wir erleben ihren blutigen Untergang aus dem Parkett – genau wie Hassenreuter und die Seinen, die es als Spiel, Fiktion und "Tatort" nehmen. Aber wir können uns in die neutrale Zeugen-Rolle so nicht retten.

 

Die Ratten
von Gerhart Hauptmann
Regie: Karin Henkel, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Mark Badur, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Jennifer Frank, Bernd Grawert, Jan-Peter Kampwirth, Lena Schwarz, Kate Strong, Michael Weber.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Am selben Tag wie in der Expo-Halle in Köln feierten Die Ratten auch am Theater Osnabrück Premiere, inszeniert von Annette Pullen.


Kritikenschau

Dorothea Marcus schreibt auf der Internetseite des Deutschlandfunkes (21.10.2012): Karin Henkel sei eine "große, zeitlose Aufführung gelungen, die souverän durch die Genres des Theaters surft". Die beiden Welten – Prekariat unten und Theaterdirektor oben – verschmölzen zu einer: die Bühne ein schwarzer Kasten mit 100 Klappen, erinnere an "Massenunterkünfte, Schicht-Schlafen, Tier-Versuche". Während man im ersten Teil über den "Insider-Zitaten und Theater-Meta-Ebenen" zunächst fast das Drama um Frau John vergesse, werde nach der Pause, was leichtfüßig-distanziert begann, immer mehr zu einem "schwarzen Psychogramm des Elends". Lina Beckmann als Frau John verstehe es meisterhaft, "einerseits das Drama der kinderlosen Mutter nachfühlen zu lassen - und dennoch die prä-faschistoide Unterschichts-Denunziantin zu geben", sodass man "beständig zwischen Empathie und Abscheu" schwanke.

"Karin Henkel bricht einen Klassiker auf und verleiht ihm damit neuen Atem", schreibt Arnold Hohmann auf dem WAZ-Onlineportal Der Westen (22.10.2012). Gehe es bei Hauptmann noch um den Querschnitt durch ein Berliner Mietshaus, werde hier Theaterdirketor Hassenreuther zum Angelpunkt. Der nehme es sich "sogar heraus, das ächzende Siechtum der kleinen Leute als Spielmaterial zu benutzen, es quasi so weit zu inszenieren, dass er sich im zweiten Teil des Abends samt Familie genüsslich ins Parkett setzen kann, um das blutige Ende zu goutieren." Der starken Frau John Lina Beckmanns sei es zu danken, dass sich der Abend nicht ganz im Spielerischen auflöse. "Dass man trotzdem das Gefühl hat, dass sie alle irgendwie Marionetten des Menschenspielers Hassenreuter sind, zeugt von der Tragfähigkeit der Inszenierung."

Henkel nehme die Tragödie so ernst wie das Spiel mit den theatralen Zeichen leicht, findet Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (22.10.2012). Er preist die Schauspieler, allen voran Lina Beckmann, Lena Schwarz und Bernd Grawert, und fragt, was das denn nun sei, reines Spiel oder Wahrheit? "Das beste an Karin Henkels schlauer, kräftiger, witziger und todtrauriger Inszenierung und ihrem erstklassigen Ensemble ist, dass sie uns diese Entscheidung nicht leicht machen."

Henkel treibe Hauptmann allen Naturalismus aus, meint Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (22.10.2012). Zwar setze "Hassenreuthers Macht über diesen Abend" viele Szenen  "in Anführungszeichen – ein schillerndes 'als ob', das nicht selten ein wenig ratlos wirkt". Dennoch preist er die Schauspieler. "Mag die Inszenierung bei aller Einfallsfülle auch ihre schwarzen Löcher haben – das virtuose Ensemble rechtfertigt den mit Bravi gespickten Schlussbeifall vollauf."

Stefan Keim schreibt in einer Sammelrezension in der Tageszeitung Die Welt (23.10.2012): Karin Henkel inszeniere die "Berliner Tragikomödie" als "ironische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Schauspielkunst". Dennoch bewege das Schicksal der Jette John, weil die "grandiose Lina Beckmann sie so offen, ehrlich und verwundbar spielt, dass sich dadurch eine Wahrheit einstellt, die mit Naturalismus nichts zu tun hat". Zu Recht seien "Die Ratten" bereits bis Ende November ausverkauft. Henkel gelinge es, "mit überraschender Leichtigkeit Sozialdrama und ästhetische Selbstreflexion zu verzahnen. Ohne dass sie mit Videos darauf verweisen müsste...".

Für Alexander Haas von der tageszeitung (24.10.2012) bleibt offen, "wohin genau" Karin Henkel mit ihrer Inszenierung "zielt". Henkel akzentuiere die Theater-Metapher und beziehe aus der Schauspielwelt der Figur Hassenreuter "erzählerische Verve". Sie "pumpt viel spielerische und musikalische Energie (Live-Gitarre: Michael Weber) in die enge Verzahnung dieser Welt mit der proletarischen Tragödie der Frau John". Das selbstreferenzielle Theaterspiel mache dem Publikum "großen Spaß". Aber das von Hauptmann detailliert geschilderte "Berliner Elend um 1900" und den "Betrug um ein Kind und den damit verbundenen Mord" darzustellen, "bereitet Karin Henkel Probleme". "So bleibt die Inszenierung unentschlossen darüber, mit wem sie mehr sympathisiert: mit dem spezifisch weiblichen Leid der Mutter John oder mit dem Willen zur theatralen Unterhaltung, dem alles Spiel, Zitat und Requisite ist."

"Das Unfertige ist Konzept", diagnostiziert Marion Ammicht in der Süddeutschen Zeitung (7. 11. 2012) – und hat sich davon überzeugen lassen: Es sei, als hätten die tragischen und komischen Module dieses Stücks das ganze letzte Jahrhundert darauf gewartet, von  Karin  Henkel in einer Kölner Fundushalle ineinandergeschoben zu werden, schreibt Ammicht. Und "wie Lina Beckmann als Jette John leise und von Verzweiflung zerfressen stirbt, trifft einen mitten ins Herz." Es sei ein großartiges Glück, "unmittelbar zu spüren, dass Theater auch in mageren Zeiten in einem Ausweichquartier noch dazu fähig ist."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.2.2013) zieht Andreas Rossmann einen Vergleich zwischen den Kölner "Ratten" von Karin Henkel und den Bonnern von Lukas Langhoff: Henkel entwickle die Tragikomödie aus dem Theaterfundus, wo "Gesichter geschminkt und Garderobestangen bewegt werden". Wie sie "oben und unten, Dachboden und Wohnküche aufhebt und beide Handlungsebenen verschränkt", gelinge es der Inszenierung, Hauptmanns ästhetisches Programm nicht "als Weisheit letzten Schluss stehen zu lassen", sondern "kritisch zu hinterfragen, was in den hundert Jahren seitdem daraus geworden ist".
Nicht weniger ernst werde die Tragödie genommen. Lina Beckmann als Mutter John spiele, "so feinfühlig wie wuchtig", die Leidensgeschichte der Frau John, eine "Königin der Schmerzen".

Anlässlich des Theatertreffen-Gastspiels 2013 schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (17.5.2013): Es sei "verzwickt", wenn man darüber nachdenke, welche "Realität" im Theater herrsche und welches "Theater" draußen "im Leben". Zunächst habe es so ausgesehen, als habe Karin Henkel Hauptmanns Tragikomödie als "diffiziles Spiel über die ästhetischen Grundsatzfragen des Theaters" inszeniert. Jede Figur scheine mit ihrem "provisorischen, überzeichneten Auftreten zunächst die Frage zu stellen: Welches Leben steht hinter meiner Rolle und wie kommt Realismus in die Kunst?" Im Verlauf aber würden diese Fragen nicht weiter entwickelt. Henkel sehe die "bleibende Ungelöstheit und Interessantheit dieser Frage" nicht, sie übergebe sie "dem Klamauk und in die Hände begnadeter Schauspieler", wie Lina Beckmann, die das Problem mit "großem, naturalistischen Spiel" lösten.

 

 

 

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