It ain't gotta swing

von Benno Schirrmeister

Wilhelmshaven, 3. November 2012. Bei seinen Stücken sei ihm die Musikalität wichtig, sagt der französische Dramatiker und Komponist David Lescot. Also die Rhythmen, die Tonlagen und, im Falle seines Biografie-Dramas "Das System Ponzi", vor allem der Chor als Träger der Bühnen-Erzählung. Und wer das weiß, der ahnt gleich zu Beginn der deutschen Erstaufführung, die Olaf Strieb an der Landesbühne Nord in Wilhelmshaven besorgt hat: Hier läuft was gründlich schief. Denn der Chor, dem die erste Szene gehört spricht weder chorisch noch mit Gefühl für den Swing der Wörter, also die lyrischen Qualitäten dieses Textes. Und das liegt ganz eindeutig nicht an Uli Menkes fein timbrierter Übersetzung.

Strieb, der zur Zeit noch Oberspielleiter der Landesbühne Nord ist, aber ab der nächsten Saison die Intendanz vom kühnen und überaus erfolgreichen Gerhard Hess erbt, hat in dem zweifellos auch von der Muse des Absurden geküssten Stück offenkundig nichts weiter gesehen, als eine Klamotte, die temporeich runterzureißen wäre. In diesem Regieansatz geht der knallchargierende männliche Hauptdarsteller Holger Spengler voll und ganz auf. Es ist ein Grauen.

Champion Get-Rich-Quick

Das müsste es nicht sein. Das ist sogar sehr schade, weil besagter Lescot ein interessanter Dramatiker ist. Er stammt aus einer echten Bühnen- und Filmfamilie, sein Vater Jean ist die französische Stimme von Yoda aus "Star Wars", sein Bruder Micha war zuletzt als Marcel in der Arte-Verfilmung von Prousts "À la recherche du temps perdu" aufgefallen. Alles mittendrin also im französischen Kulturleben.

Vor allem aber ist es traurig, weil Stück und Sujet so mühelos aktuell sind. Denn der 1882 geborene Carlo, genannt Charles, Ponzi war einer der einflussreichsten Betrüger der Wirtschaftsgeschichte: Sein System, den frühen Anlegern ihre Anlagen nebst exorbitanten Zinsen auf Wunsch prompt auszuzahlen – aber mit den Einlagen nach ihnen kommender Sparer –, ist so simpel, wie wirksam. Sein berühmtester Nachahmer war der Nasdaq-Chef Bernard L. Madoff, der das Ponzi-Scheme zwölf Jahre lang bis Dezember 2008 praktizierte und damit rund 65 Milliarden Euro Schaden anrichtete und fast 5.000 Opfer fand. Ponzi kam 1920 binnen einem knappen Jahr auf etwa 40.000 Kunden und verursachte 15 Millionen Dollar Schaden, das entspräche heute 150 Millionen. Die von ihm entdeckte Möglichkeit der Blasenbildung zählte zu den Ursachen des großen Crashs von 1929.

system ponzi 11 560 volker beinhorn uShowtime big time für Wirtschaftsbetrüger in Wilhelmshaven © Volker Beinhorn

In seiner geradezu manischen Art probierte der in Parma geborene Ponzi kurz nach dem Platzen seiner Unternehmung das nächste Betrugsgeschäft (eine Immobilien-Spekulation in Floridas Sümpfen), schrieb dann eine reißerische Autobiografie über sich als "Champion Get-Rich-Quick", diente sich Benito Mussolini an, bekam einen Job als Brasilien-Chef der italienischen Fluggesellschaft – und starb 1949 im Armenhaus in Rio de Janeiro. Was ein Stoff! Lescot hat ihn in voller Breite als biografischen Bilderbogen quasi von der Geburt bis zum Tod gefasst. 70 Rollen sind klug orchestriert: Eine Herausforderung wäre das. Wenn man sie denn annähme.

Kübelweise Banknoten

Aber davon kann in Wilhelmshaven keine Rede sein. Möglicherweise noch nicht einmal davon, dass sie überhaupt wahrgenommen wurde. Denn dass Strieb sich redlich Mühe gibt, dass er sich so gut wie gar keine Freiheiten gegenüber dem Text herausnimmt, sondern eher bemüht ist, ihn sklavisch treu aufsagen zu lassen, spricht ja eben nicht dafür, dass hier irgendein Verständnis gewesen wäre. Und diese Taubheit gegenüber der Finesse der Vorlage spiegelt sich aufs Traurigste im Ensemble. Denn mit Ausnahme von Aida-Ira Els Eslambouly, der es trotz allem gelingt, ihrer Figur, der ihrem Mann in irrationaler Treue ergebenen Rose Ponzi, so etwas wie Innigkeit, Tiefe und menschliche Ausstrahlung zu verleihen, trägt die Präsenz keines Spielers über die Rampe hinaus.

Zu beobachten ist klassisches Gestenrepertoire, mitunter dabei standardlasziv geächzt. Im Laufe der zwei Stunden lernt man die eigenen Bühnenerwartungen so weit runterzudimmen, dass man fast schon den Einfall, kübelweise Banknoten auf einen Schreibtisch zu gießen, bereit ist zu beklatschen. Die Bühne eingerichtet hat Herbert Buckmiller, der Tisch steht links. Und auch für die durchweg an historischen Vorbildern angelehnten Kostüme zeichnet er verantwortlich: Die Gamaschen des Protagonisten werden uns lange Erinnerung bleiben.


Das System Ponzi (DEA)
von David Lescot
Deutsch von Uli Menke
Regie: Olaf Strieb, Bühne und Kostüme: Herbert Buckmiller, Dramaturgie: Peter Hilton Fliegel, Regieassistenz: Clemens Wolff, Souffleuse: Petra Birkholz.
Mit: Holger Spengler, Aida-Ira El-Eslambouly, Sibylle Hellmann, Christoph Sommer, Marianne Curn, Aom Flury, Jarno Stiddien, Julia Blechinger.
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.landesbuehne-nord.de


 

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Kritikenrundschau

Über Lescots Text schreibt Martin Wein in der Nordwest-Zeitung (5.11.2012): "Wirklich gespielt wird in dem Lehrstück kaum. Flüchtige Bilder ohne echten Spannungsbogen und nur angedeutete Konflikte machen es der Regie schwer." Regisseur Olaf Strieb aber greife "die Vorlage begeistert auf und schickt das achtköpfige Ensemble in 73 Rollen mit der Präzision einer komplexen Spieluhr für teils kürzeste Auftritte auf die Bühne". Mit "gekonnten Parodien, Zuspitzungen und Übertreibungen" sorge das Ensemble rund um Holger Spengler als Ponzi "für anhaltende Unterhaltung".

 

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