"Spiel doch kein Theater!"

von Sophie Diesselhorst

13. November 2012. Für anderthalb Stunden glaubt man nicht, dass Susanne Lothar und Ulrich Mühe nicht mehr am Leben sind. So wie sie ihre Filmfiguren Claire und Robert, ein sich trennendes Ehepaar, zusammen miteinander und einzeln mit ihrem jeweiligen Figuren-Eigenleben verstricken und dann äußerst lebendig gegen die Verstrickung anzappeln.

Man glaubt es nicht, zum Beispiel wenn Claire ganz zu Anfang des Films ein Abendessen mit Freunden eskalieren lässt, indem sie aus dem Blauen bekannt gibt, dass Robert und sie sich trennen – eine Information, mit der die versammelten Freunde so wenig anfangen können wie Claire und Robert selbst, weshalb sich dann alle zusammen besaufen. Claire hat sich schon vorher im Badezimmer Mut angetrunken und dazu noch eine Tablette eingeworfen, die Packung hat sie danach wieder im Dekolleté ihres vorne und hinten tief ausgeschnittenen roten Kleides versenkt. Überhaupt trägt sie stets eine Tablettenpackung und einen Flachmann am Herzen, darüber ein auffälliges Kleid und darunter zu hohe Schuhe für die ländliche Umgebung, in der "Nemesis" spielt.

nemesis2 560 limagofilm uSzenenbild aus "Nemesis": Die meisten dieser Esser sind nur Statisten... © Limago Filmproduktion

Psychogramm oder Thriller?

In dieser ländlichen Umgebung, die, das erfährt man am Rande, in Italien liegt, steht ein Ferienhaus – weiträumig, hell, geschmackvoll eingerichtet – das mal Claires und Roberts Liebesnest war und nun zu ihrer Paarhölle mutiert. Diese Entwicklung hat irgendetwas damit zu tun, dass Claires Schwester Nina im Souterrain des Ferienhauses umgebracht worden ist. Und damit, dass Robert vor Claire mit Nina zusammen war und der schönen Schwester auch später noch nicht abhold war. Wir haben es also mit einer Ménage à trois zu tun, die Susanne Lothar und Ulrich Mühe als Claire und Robert zu zweit wuppen müssen; die restlichen Figuren, also die Freunde vom ersten Abend und die paar Nachbarn, die später noch mal durchs Bild laufen, sind Statisterie.

"Nemesis" ist vor über fünf Jahren abgedreht worden – es heißt, Susanne Lothar habe nach Ulrich Mühes Tod 2007 dafür gesorgt, dass der Filmstart verschoben wurde. Nun erlebt sie ihn selbst nicht mehr – und "Nemesis" wird als letzter gemeinsamer Film der beiden unfreiwillig zum Doppel-Vermächtnis; eine zu große Last für dieses Debüt, das sich nicht zwischen Psychogramm und Thriller entscheiden will.

Auf der anderen Seite des Sofas

Drehbuchautorin und Regisseurin Nicole Mosleh stellt ihrem Hauptdarsteller-Duo sehr viele Flaschen Wein und leider auch sehr viele schlechte Dialoge zur Verfügung. "Du hältst das einfach nicht aus, wenn's mal schön ist, oder?" lallt Robert Claire an, nachdem sie sich einmal beinahe wiedergefunden hätten und seine Drama Queen sich dann doch wieder auf ihre Seite des großen Sofas zurückgezogen hat, um von dort aus erneut hysterisch zu werden und ihn mit diffusen Vorwürfen zu überhäufen.

nemesis1 560 limagofilm u... denn eigentlich geht es in "Nemesis" nur um das Ehepaar Claire und Robert, gespielt von Susanne Lothar und Ulrich Mühe. © Limago Filmproduktion

Daraus werden deutliche Vorwürfe, als Claire im Laufe eines weiteren Streits ein Tonbandgerät herbei holt und Robert zwingt, ihr ein Mordgeständnis auf Band zu sprechen. Er habe Nina wiedergetroffen, er habe festgestellt, dass er sie immer noch liebe, er habe sie schließlich im Affekt umgebracht, sagt Robert dann tatsächlich in das Mikrophon hinein. Ulrich Mühe setzt seinem ansonsten vor lauter Aufgewühltheit ganz stillen Robert plötzlich eine Zyniker-Maske auf. Seine Augen werden kleiner, seine Stimme wird trockener. "Spiel doch kein Theater", herrscht Claire diesen verwandelten Mann an.

Noch einmal anderthalb Stunden

Indes, ihm bleibt nichts anderes übrig, denn den Mord hat nicht er begangen, sondern Claire selbst. Diese Wendung überrascht nicht groß. Immer wieder war in kurzen Rückblenden ein zunächst scheinbar in keinem Zusammenhang stehender Streit zwischen den Schwestern gezeigt worden; und die endlosen Suff-Streitereien des Paars haben einem genug Zeit gegeben, diverse Tathergänge in Erwägung zu ziehen und auf Wahrscheinlichkeit zu prüfen.

Mit ihren Längen und ihrer Neigung zu solchen fingerzeigenden Rückblenden macht die unbeholfene Dramaturgie leider immer wieder die Spannung kaputt, die Susanne Lothar und Ulrich Mühe in fast jeder Szene unermüdlich herstellen. Immerhin können wir ihnen dabei noch einmal anderthalb Stunden lang zuschauen.

Nemesis
Buch und Regie: Nicole Mosleh, Kamera: Henning Brümmer, Shai Levy, Schnitt: Ivana Davidová, Musik: Ralf Merten, Kostüme: Emanuele Lugli.
Mit: Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Janina Sachau, Gesine Cukrowski, Waldemar Kobus, Joanne Gläsel, Goetz Schulte, Peter Hausmann, Isis Krüger, Ricardo Frenzel, Hildegard Schrödter, Ingrid Sattes, Vincenzo Tanassi, Francesco D'Ignazio.
Dauer: 1 Stunde 23 Minuten
Filmstart: 15.11.2012

http://nemesis.limagofilm.com

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Filmkritik Nemesis: eindrucksvolle PräsenzStefan 2012-11-14 18:14
Dazu vielleicht ein kleiner Tipp für alle, denen diese Kritik ein Wiedersehen mit Sunne Lothar und Ulrich Mühe auf der Leinwand vermießt haben sollte. Auf dem Filmfestival in Cottbus sah ich letzte Woche anlässlich einer Retrospektive von Helke Misselwitz ihren Film "Engelchen" von 1996 mit Susanne Lothar in der Hauptrolle. Obwohl ich den Film bereits kannte, war ich wieder stark beeindruckt von ihrer Schauspielkunst und unaufdringlichen aber eindrucksvollen Präsens. Außerdem bietet der Film Berlinbilder, die mancher so noch nie gesehen haben dürfte, und die nach dem Umbau des Bahnhofs Ostkreuz und der voranschreitenden Gentrifizierung der alten Kiezkultur im Osten Berlins auch für immer verschwunden sind. Was ich so auch nicht mehr in Erinnerung hatte, der Film ist bis in die letzte Nebenrolle mit Darstellern aus Kino und Theater wie Kathrin Angerer, Sophie Rois, Ben Becker, Herbert Fritsch, der ganz jungen Luise Wolfram, Christian Grashof, Barbara Dittus, Sven Lehmann, Ulrich Mühe und der Fotografin Helga Paris hervorragend besetzt. Vielleicht hat ja die eine oder andere Kiez-Videothek ein verstaubtes Exemplar des Films im Regal zu stehen.
Hier ein Link zum Film: www.kino.de/kinofilm/engelchen/42222
#2 Filmkritik Nemesis: zurück in die ZukunftInga 2012-11-14 20:39
@ Stefan: Ach, echt, Stefan? Ähnliche Bilder vom Ostkreuz habe ich auch gerade gesehen, aber in Kuttners/Kühnels "Demokratie". Der S-Bahn-Zug der Zeit, gegen den "wir" die Notbremse ziehen können/müssen. Und immer wieder begann der Filmschnipsel von Neuem. Immer wieder ging es zurück in die Zukunft des Bahnhofs Ostkreuz. Und natürlich war - passend zur Inszenierung - in diesem Videoschnipsel ein Wahlplakat zur Bundestagswahl 1972 zu sehen/lesen (ja, tatsächlich nur Worte bzw. sprachliche Slogans, keine Gesichter oder ähnliches Oberflächengedöns): "Willy Brandt muss Kanzler bleiben! Deshalb SPD Sozialdemokraten". Dagegen lautete der Slogan der CDU: "Moskau wählt Brandt .... und Sie?" Ja ja, die alte Blockkonfrontation.
#3 Filmkritik Nemesis: nah dran am LebenClaudia 2012-11-15 03:16
Habe diesen Film heute abend in einer Preview in Nürnberg gesehen und war, zusammen mit vielen anderen begeisterten Zuschauen berührt vom Spiel der beiden und von der faszinierenden Geschichte. Diese Kritik wird dem Film leider überhaupt nicht gerecht und ist zudem höchst ärgerlich: einen Film im schnoddrigen Ton komplett, inklusive Ende! nachzuerzählen und damit dem Film jegliche Grundlage zu entziehen, so dass sich die Zuschauer entscheiden können, ihn dennoch anzusehen und sich selbst ein Bild zu machen, ist unseriöser Journalismus und eurer sonstigen journalistischen Arbeit nicht würdig.

Ich wünsche diesem Kleinod, das (dies wurde von vielen Zuschauern ausdrücklich bemerkt!) durch seine brillianten Dialoge besticht, viele Zuschauer. Nah dran am Leben und authentisch. Unbedingt sehenswert!

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