Im Schlaglicht der Erinnerung

von Stephanie Drees

Göttingen, 17. November 2012. Es ist wirklich unausweichlich: Uns erwartet das Zeitalter der Alten. Dabei hat der demographische Wandel seinen Status als feuilletonistisches Multifunktionswerkzeug längst überschritten und ist zum Quell kreativer Kraft geworden. Die Alten rücken auf, und zwar nicht nur quantitativ. Ihre Lebenswelt ist von Interesse. Also: Schluss mit sozialmoralinsauren Zwangsparolen! Nehmt die Alten ernst! Bereitet ihnen eine Bühne!
Insofern ist das Projekt von Michaela Dicu und Anna Gerhards am Deutschen Theater in Göttingen eine sehr zeitgeistaffine Sache.

Dicu ist freischaffende Regisseurin und hat mehrfach am DT inszeniert, ihre Kollegin Gerhards ist dort Dramaturgin. Gemeinsam haben sie in einem nahe gelegenen Senioren-Wohnstift Workshops angeboten, um Menschen zu finden, die Theater machen wollen. Vier der Teilnehmer haben sich auf einen längeren Probenprozess eingelassen, mit der Bühnen- und Sozialchemie vertraut gemacht. Und ihre Geschichten in einem Dialog mit den Theatermacherinnen, den anderen Teilnehmern und sich selbst bearbeitet. Herausgekommen ist eine kleine Inszenierung mit dem wohlig-warm klingenden Titel "Herbstzeithelden" – eine Hommage an ihre Protagonisten.

Herbstzeithelden1 560 IsabelWinarsch u"Herbstzeithelden": Dorothea Löser, Rüdiger von Massow, Luise Farr  © Isabel Winars

Vier charmante Bühnenjünglinge

Zwei Frauen und zwei Männer stehen auf der Bühne, die Älteste ist 94 Jahre alt. Die betagten Spieler sollen inszeniert werden - in den starken Momenten dieses szenischen Experiments setzen sie sich über die fragile Rahmung hinweg und inszenieren sich selbst. Eine Theater-im-Theater-Situation dient als szenische Klammer, vier Schauspieler warten auf ihren Einsatz.
Jeder bewohnt eine angedeutete Künstlergarderobe, eine hölzerne Heimstätte der kleinen Lebensträume. Dort stehen Schminkzeug, Lämpchen oder Bäumchen – wie bei dem Fachmann für Strauch- und Baumschnitt Rudolf Fascher, der so gerne ein "Allround"-Handwerker geworden wäre. Requisiten, deren bloßes Erscheinungsbild oft mehr sagt, als jene Zwischensequenzen, in denen die charmanten Bühnenjünglinge durch die fiktive Geschichte tapsen.

Zwischen zwei Regie-Setzungen halten sie wacker die Stellung: Da ist diese Theatersache. Von der blutjungen Maskenassistentin lassen sie sich eine Perücke aufziehen und als Diva einkleiden, vom Regieassistenten aufscheuchen und hätscheln. Mit den anderen Schauspielern gibt es auch mal ein bisschen Zoff – schließlich stehen hier alle vor dem großen Auftritt.

Herbstzeithelden2 560 IsabelWinarsch uLuise Farr, Dorothea Löser, Rüdiger von Massow, Rudolf Fascher  © Isabel Winarsch

Zuletzt gibt es viele Wahrheiten

In diesen Momenten verflacht das Konzept, und Dialogschlachten werden gekämpft, deren Qualität nur knapp über Soap-Opera-Niveau liegen. Warum? Weil die von Haus aus mit Charisma beschenkten Senioren hier Theater spielen müssen. Und dann gibt es andere Momente, in denen sie erzählen dürfen – frei, lediglich geführt durch ein Thema. Die erste Liebe. Das Fernweh. Die Zukunft. Das Bereuen und das Verlangen. Dann kann man Typen erleben, die mit Verve und viel Selbstironie von sich zu berichten wissen. Wie Rüdiger von Massow, Jahrgang 1922, ehemaliger Soldat, leidenschaftlicher Süddeutscher und Kritiker gegenwärtiger europäischer Fallschirmpolitik. Die eigene Redseligkeit reibt er mit Genuss dem jungen Regieassistenten unter die Nase. Ob die Geschichte vom Requisitenbäumchen aus Spanien denn nun stimmt, wer weiß das schon? Ab einem bestimmten Alter gibt es viele Wahrheiten.

Lebenserinnerungen werden wie Mosaiksteinchen aneinander gereiht, Schlaglichter des Erinnerns und Zeugnisse von großem Charme vertreiben die Golden-Girls-Sitcom-Atmosphäre.
An diesen Stellen zeigt sich auch, was die Inszenierung hätte sein können, wäre sie eine einfache Fläche für die Selbstdarstellung ihrer Protagonisten geblieben: Ein kleines Lehrstück darüber, welche Kraft die Lebenserzählung haben kann.

 

Herbstzeithelden (UA)
Ein Projekt von Michaela Dicu und Anna Gerhards
Eine Produktion mit Bewohnern des GDA Wohnstifts Göttingen
Konzept und Inszenierung: Michaela Dicu, Konzept und Dramaturgie: Anna Gerhards, Ausstattung: Valentine Koppenhöfer, Video: Wilke Weermann / Julian Bernhard.
Mit: Luise Farr, Dorothea Löser, Rudolf Fascher, Rüdiger von Massow, Wilke Weermann, Mareen Kothe.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

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Kritikenrundschau

Peter Krüger-Lenz vom Göttinger Tagblatt (19.11.2012) hätte das Stück gerne etwas anders angelegt gesehen: "ein bisschen schräg, voller vergnüglicher Utopien und herrlich anarchisch. Oder zumindest dichter an der Lebenswelt der fitten Senioren in dem Haus, in dem sie überwiegend Senioren treffen. Doch es ist eher ein theatral eingerichtetes Erzähl-Café geworden."

 

 
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