Die unerträgliche Fratzenhaftigkeit des Seins

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. November 2012. Am Ende des Abends bleibt Margit Bendokat allein vorm sich schließenden Vorhang. Noch einmal schiebt sie in ihrer unverwechselbaren Art fast unbeteiligt die Silben aus sich heraus, als sei der Text, den sie spricht, ihr etwas völlig Fremdes. Und doch ist man ganz bei ihr, denn mit ihrem grellen, alles andere als einschmeichelnden Timbre schneidet sie in die Worte förmlich hinein und hinterlässt beim Zuhörer blutige Ohren.

Was der Zuschauer bei Gottscheff fürchtet

Der Text, den die Bendokat so seziert, stammt – na klar, wir sind in einer Inszenierung Dimiter Gotscheffs – von Heiner Müller, eine sicherlich nicht jedem vertraute Passage aus "Anatomie Titus Fall of Rome": "AUS WALD DEN ES MIT BLUT SPRENGT STÜRZT DAS REH", müllert es da konduktschwer in den Müller-üblichen Versalien (die man bei der Bendokat gleich mitzuhören meint). Und dann fallen da plötzlich ein paar wenige Worte, die ein Schlüssel für die vergangenen Stunden sein könnten: "DIE ANGST DES PUBLIKUMS KEIN MENSCH IST AUF DER BÜHNE".

Ja, das ist es wohl: Es ist diese Angst, auf die im Gotscheff-Theater keinerlei Rücksicht genommen wird. Wenn uns Gotscheff am Deutschen Theater seine Shakespeare-Collage "Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige" vorführt, dann interessiert er sich zuallerletzt für die Menschen, die diese Mörder und Opfer sind. Kein Mensch ist auf der Bühne, stattdessen Fratzen und Grimassen. Grotesktypen. Gotscheff und seine eingeschworene Gauklertruppe – das zeichnet sie seit jeher aus – können das Grimassieren und Posieren über jede Scham- und Würdegrenze hinaustreiben. Auf dem karikierenden Witz wird so lange herumgeritten, bis er quält. Bis der Leichenbestatter kommt. Bis der Spaß aufhört und in tödlichen Heiner-Müller-Ernst kippt. Im besten Fall springt den Zuschauer aus Gotscheffs Theater die Erkenntnis von der unerträglichen Fratzenhaftigkeit des Seins an – im schlechtesten Fall aber: gähnende Langeweile.

Shakespeare3 560 ArnoDeclair hShakespeare meets Müller. Freejazz oder Freestyle? © Arno Declair

In den "Spielen für Mörder, Opfer und Sonstige" jedenfalls kann man sich schnell langweilen. Denn die vor Niedertracht nur so berstenden Szenen und Monologe, die Gotscheff und sein Co-Arrangeur Ivan Panteleev aus Shakespeares sämtlichen Werken (und Heiner Müllers gleich dazu) nicht zu 90 Minuten, sondern zu drei Stunden zusammengestellt haben, illustrieren eine allzu schmale und durch stetige Wiederholung auch schale These: Das Streben nach Macht und Reichtum deformiert uns aufs Lächerlichste, dieweil wir lachenden Mundes des Todes sind. Das wird in einer Art Nummernrevue aus "Richard II.", "Richard III.", "Hamlet" (+ "-maschine"), "Macbeth", "Titus Andronicus", "Othello" etc. ohne zwingenden dramaturgischen Bogen – oder sollte es im zweiten Teil irgendwie elegischer, fatalistischer zugehen? – und in aller zur Verfügung stehenden Überdeutlichkeit durchdekliniert.

Siebenjähriger Ritter, virtuoser Koch

Immer, wenn man sich an diesem Abend nicht langweilt, liegt das an einzelnen Glanzlichtern, die Gotscheffs famose Darsteller zu setzen vermögen. Samuel Finzi natürlich: Er lässt etwa den großen Julius Caesar zu einem Popanz der Todesangst zerfallen und knallchargiert ein auf seine mimosenhafte Schreckhaftigkeit reduziertes Nervenbündel auf die Bretter. Wenn ihn die imaginären Dolche seiner Mitspieler ereilen, dann persifliert er den verblutenden Helden mit einer Hingabe, als würde ein Siebenjähriger seinen Eltern den auf dem Schlachtfeld hingemetzelten Ritter vorspielen.

Oder Wolfram Koch: Er, der schon vor Jahren Othello und Jago zur gleichen Zeit auf verschiedenen Bühnen gespielt hat, ist nun gleichzeitig Othello und Jago auf einer Bühne. Eine Bewegung des Kopfes, ein Vorbeugen des Körpers, eine Eintrübung des Blicks, und aus dem lauernd schmierigen Jago wird der lauernd misstrauische Othello. Ohne Zweifel eine Demonstration höchster schauspielerischer Virtuosität – doch auch nicht viel mehr. So sehr dieser eine Mono-Dialog im Kern den ganzen "Othello" enthalten mag: Man sieht hier doch eher einem Kunststück zu, als dass sich einem irgendetwas von Shakespeares Text erschlösse.

Ein Affe, wenigstens ein Affe!

Anita Vulesica powert mit wild übertriebener Verdopplungsgestik einen zeternden Richard III. aus sich heraus, Ole Lagerpusch, dem die Hamlet-Rolle zukommt, schreit sich zu Underground-E-Gitarren-Klängen hochenergetisch Heiner Müllers "Hamletmaschine" aus dem Leib, und einmal darf auch die vierköpfige Band eine heftig entgleisende Free-Jazz-Session hinlegen. Doch aller Aufwand an Furor und Schmierantentum, an denunzierender Schärfe und enervierender Überartikulation läuft irgendwann ins Leere: Es interagiert hier nichts, weder die Darsteller noch die Szenen. Nirgends spiegelt sich etwas ineinander, gerinnt zum überraschenden Bild oder öffnet sich ins Verheißungsvoll-Ungewisse. Selbst vor dem Bühnenbild der sonst so ingeniösen Katrin Brack sitzt man diesmal etwas ratlos: Scheinwerfer hängen skulptural im leeren Bühnenraum und leuchten ihn mannigfaltig aus. Ja, denkt man, ist okay.

DIE ANGST DES PUBLIKUMS KEIN MENSCH IST AUF DER BÜHNE. Aber wenigstens ein Affe. Zwischen all den Fratzen, die die zielgerichtete, auf Macht und Besitz fixierte Vernunft gebiert, bewegt sich auf die Länge der gesamten Aufführung die Tänzerin Bettina Tornau stupend realistisch im stupend realistischen Affenkostüm. Ihr schaut man wirklich gerne zu. Mit ihr kommt zur schmalen These des Abends noch eine zweite hinzu: Vielleicht sind ja die Affen die besseren Menschen.

Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige
nach William Shakespeare. Deutsch von Thomas Brasch, Frank Günther, Heiner Müller, Manfred Wekwerth
Regie: Dimiter Gotscheff, Fassung: Dimiter Gotscheff, Ivan Panteleev, Mitarbeit: Fabienne Kemmann, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Jochen Hochfeld, Musikalische Leitung: George Donchev, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Margit Bendokat, Meike Droste, Samuel Finzi, Peter Jordan, Wolfram Koch, Ole Lagerpusch, Peter Moltzen, Ruth Rosenfeld (Gesang), Bettina Tornau, Anita Vulesica, Almut Zilcher. Musiker: George Donchev, Kalle Kalima, Harri Sjöström, Joe Smith.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de


Mehr zu: "Anatomie Titus Fall of Rome" hat Dimiter Gotscheff auch schonmal für sich genommen inszeniert – 2007, auch im Berliner Deutschen Theater. Hier die Nachtkritik.

 
Kritikenrundschau

Von einer "monotone Perlenketten-Revue" spricht Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.11.2012). Aus ihrer Sicht hört man von Shakespeare wenig, und begreife nichts. Auch fließe "in dem bedeutungsvoll zelebrierten, monochrom auf Machtrausch eingefärbten Stückwerk" höchstens "der Schweiß der tapferen Akteure." Die Kritikerin fühlt sich bald, als sei sie in ein originell arrangiertes Vorsprechen einer Schauspielschule geraten. "Fern von Sinn und Zweck sind alle außer Rand und Band und zeigen voller Euphorie nicht, was der Dichter vielleicht, sondern lediglich, was sie selbst so draufhaben: hohe Sprünge, niedrige Grimassen, große Gesten, kleine Gags, laute Ausbrüche, leise Gemeinheiten. Sie können einem leidtun, weil sie mit ihrer Leidenschaft und Energie völlig allein gelassen sind."

Aus Sicht von Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (26.11.2012) ist die "die-Welt-ist-ein-Schlachthaus-Mechanik" von Gotscheffs Shakespeare-Heine-Müller-Collage nicht besonders originell. Auch verliert sie sich allzuoft in "Maniriertheiten, Gestelztheiten, Leerlauf". Die Spielfreude der Akteure setze vor allem auf Effekte: "Wirkung ohne Ursachen." Das aber sei für Shakespeare etwas zu wenig. "Kontextlos klingen all die großen Vokabeln von Mord und Blut und Grab, das jedem entgegengähnt, unangenehm hohl: ungedeckte Schecks und Schreckens-Behauptungen, die schneller verpuffen als das Theaterblut der Mord-Opfer abgewischt ist."

Gotscheff habe den Tod zum Leitmotiv für ein Schauspielerdarbietungsprogramm degradiert, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (26.11.2012). So sei der Tod (und auch der ganze Abend) nur eine "todmüdemachende Harmlosigkeit".

"Wann sind wir zuletzt mit so viel Vorfreude in eine Premiere gegangen! Und dann – passiert wenig", klagt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (25.11.2012). Dabei passiere eigentlich allerhand, das allerdings eher an eine "Casting-Show" erinnere, mit Höhepunkten von Margit Bendokat als "Clownshexe", starken Solos von Wolfram Koch und Samuel Finzi, sowie einem "Hardrock-Hamlet" von Ole Lagerpusch. "Es wird mächtig gebrüllt und deklamiert, die vier Musiker parodieren Free-Jazz, die Sängerin Ruth Rosenfeld trägt Feierliches vor." Und die Textfassung gerate zur Hommage an Heiner Müller. Wobei diese Hommage mit ihren Mörderspielen "den Eindruck massiver Resignation" hinterlasse. "Große Enttäuschung."

Bis zur Pause sei dieser Abend "spielerisch witzig und anregend", auch wenn er da schon "extrem monologlastig" ist, berichtet Peter Hans Göpfert im rbb Kulturradio (24.11.2012). "Er hätte als eines" der "Meisterwerke" von Regisseur Dimiter Gotscheff "gelten können, ungewöhnlich komisch, vor allem aber nachdenklich kombinierend und assoziierend." Aber nach der Pause "verlassen Gotscheff Maß und Rhythmus. Er erlaubt der Musik, sich in einer dissonanten Free Jazz Session zu verselbständigen. Im Parkett drehen sich die Daumen."

Der "deutlich zu lange Abend" biete in seinen besten Momenten "groteskes Shakespearekabarett, die ganze lange Zeit dazwischen Langeweile", sagt Eberhard Spreng in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (24.11.2012). "Zur burlesken Abfolge von Schauspielereinzelleistungen steuert Ruth Rosenfeld mit brillantem Sopran strahlende Arien bei. Manche von der Band eingestreuten Klangbilder verleihen dem Ganzen etwas unangenehm Kunstbeflissenes."

Gotscheffs Inszenierung bleibe "bloße Nummernrevue", findet Matthias Heine in der Welt (27.11.2012). "Kommentierende Liedeinlagen und Programmhefttexte sollen den Eindruck erwecken, es walte eine übergeordnete Idee hinter den Auftritten. Doch das Bemerkenswerteste ist noch, dass Wolfram Koch, der schon einmal Othello und einmal Jago gespielt hat, hier gleich beide spielen darf." Hier feiere "nur ein eitler Großregisseur mit fehlgeleiteten Schauspielern sich selbst".

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