Wo Gier und Tränen tropfen

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. November 2012. Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär's eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles. Regisseur Stefan Pucher, längst dem Poptheater enteilter Spezialist für den coolen Subtext von Tschechow bis Shakespeare, scheint am Hamburger Thalia Theater seine Vorliebe für Figurentableaus entdeckt zu haben. Auf den ersten Blick.

Unterbewusstes

Auf den zweiten Blick baut Pucher nicht bloß Bilder von flirrender Schönheit, er erzählt auch eine Geschichte. Dabei bleibt die Inszenierung näher an Shakespeares "Sommernachtstraum", als man es von diesem Regisseur erwartet hätte – immerhin hat sich Pucher während der vergangenen zehn Jahre den Ruf erspielt, Klassikern konsequent jeden klassischen Ton auszutreiben, am Thalia zuletzt mit zwischen Biografie, Literatur und Performance mäandernden Abenden zu Andersen und Cervantes. Als inhaltliche Interpretation spiegelt die Inszenierung die Ebenen Realität und Zauberwald, die Herrscherpaare Theseus / Hippolyta und Oberon / Titania werden beide von Bruno Cathomas und Sebastian Rudolph gespielt, auch die aus der echten Welt geflüchteten Hermia (Birte Schnöink) und Helena (Marina Galic) tauchen im Wald als Elfen wieder auf. Das ist eine schlüssige Deutung, sie ist aber nicht unbedingt originell, wenn man den "Sommernachtstraum" als Traum liest – als Unterbewusstes, das ungeordnet an die Oberfläche drängt. Weswegen auch sollen die Figuren aus der wachen Umgebung nicht genauso gut im Traum mitspielen? Eben.

sommernachtstraum4 560 armin smailovic uEin Sommernachtstraum in Hamburg  © Armin Smailovic

Sexualität

Pucher interessiert der zeitgemäße Blick auf einen über 400 Jahre alten Text nur am Rande, ihn interessiert die subversive Kraft der Sexualität. Der Traum setzt in allen Figuren Triebe frei – Triebe, die einerseits mit aller Macht befriedigt werden wollen, Begehren, Sehnsucht, Sex, Sex, Sex ("Ein Sommernachtstraum" ist jenes Stück, in dem eine Elfenkönigin sich von einem Esel ficken lässt, was hier in aller Deutlichkeit gezeigt wird). Triebe, die andererseits durchaus einen schmerzhaften Aspekt haben: Dass Titania sich mehr für den goldhaarigen Knaben interessiert als für ihren Gatten Oberon, setzt diesem ärger zu als es sich in der Elfenwelt geziemen würde, dass Demetrius (Sebastian Zimmler) Helena verschmäht, ist mehr als nur ein Witz, es ist eine tiefe Wunde. Sex ist ein Spiel, aber das wird mit tödlichem Ernst gespielt, und nur Puck, von Jens Harzer mit zurückgenommenen Ennui angelegt, steht irgendwie über diesen überlaufenden Emotionen.
sommernachtstraum1 560 ArminSmailovic hTraum-Zirkus und dazu flimmern Videos: "Ein Sommernachtstraum"  © Armin Smailovic

Videos

Und während dieser Puck spielerisch Intrigen spinnt (und verbaselt), vögeln, schmachten, heulen und kalauern sich die Figuren über die großartige Bühne von Stéphane Laimé, eine Bühne, die mal undurchdringliches Gestrüpp ist, mal Liebesnest und mal dampfender Darkroom. Toll sehen sie dabei allemal aus, egal ob ihnen Leidenschaft aus allen Poren tropft oder Tränen, ob sie schlafen oder streiten. Dazu flimmern Videos: Meika Dresenkamp hat die Darsteller hierfür in einen Zirkus verpflanzt, auch so ein träumerisches Zwischenreich. Der Zirkus ist ein Motiv, um das andere Regisseure eine ganze Inszenierung herum aufbauen würden, hier ist es nur ein weiterer Gedankensplitter im Hintergrund, was zeigt, auf welch hohem diskursiven Niveau dieser "Sommernachtraum" arbeitet.

Musik
Dass als Handwerker die Entertainment-Anarchisten Studio Braun auftreten, kann das Thalia als kleinen Promi-Coup verbuchen, richtig zwingend ist er aber nicht. Rocko Schamoni und Heinz Strunk machen ihren Job ordentlich (Jacques Palminger taucht nur als Videoprojektion auf), was ihr Auftritt aber soll, jenseits von Fremdheitsästhetik, wird nicht klar. Immerhin, Studio Braun geben Jörg Pohl als Zettel und Gabriela Maria Schmeide als Squenz Gelegenheit zu einem virtuosen Slapstick zwischen Film und Bühne, da rettet sich das Konzept aus einer Besetzungs-Sackgasse in die technische Perfektion. Kaum retten aber lassen sich die musikalischen Einsprengsel. Wenn Sebastian Rudolph sich das Mikro schnappt, um Pulps "This is Hardcore" zu singen, dann ist das kein Ausdruck von Entgrenzung, dann ist das gerade mal eine Übernahme von halb inspirierten Musicalbildern mit wenigstens besseren Songs.

Und wenn Rudolph dabei nicht so atemberaubend aussehen würde, dann könnte einen diese kurze Schwächephase der Inszenierung wirklich stören. So weidet man sich noch ein wenig an diesem wunderbaren Körper, man schmachtet und schaut und möchte gar nicht aufhören. Begehren, Sehnsucht, Sex. Ach.

 

Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare, Deutsch von Frank Günther
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Meika Dresenkamp, Musik: Christopher Uhe, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Bruno Cathomas, Sebastian Rudolph, Jens Harzer, Birte Schnöink, Marina Galic, Rafael Stachowiak, Sebastian Zimmler, Christoph Bantzer, Jörg Pohl, Gabriela Maria Schmeide, Jacques Palminger, Rocko Schamoni, Heinz Strunk, Florian Weigel.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 
Kritikenrundschau

Die Deutung des "Sommernachtstraums" als Entblößung der Triebhaftigkeit, als Darstellung des Untergrunds zivilisierter Liebesbeziehungen sei nicht neu, schreibt Stefan Grund in der Welt (26.11.2012). Konsequent aber deute Pucher die Schattenseiten des Eros, spüre die Wunden auf, die Liebesgewalt reißen kann, und deute den Shakespeare komplex als Sommernachtstrauma. Die Regie reize die Deutungsmöglichkeiten des Stücks in Richtung Nacht und Dunkelheit aus, dehne sie, inklusive Sodomie und Pädophilie, ohne die Komödie zu vergewaltigen. "Da wird klug ausgebaut, was als Facette des Charakters jeweils inbegriffen, als Handlungselement zumindest angedeutet ist." Nur die Paradeszene des Sommernachtstraums, die urkomische Aufführung des Stückes "Phyramus und Thisbe" durch die Handwerkertruppe, misslinge Pucher programmatisch. "Rocko Schamoni und Heinz Strunk wirken im Vergleich zu richtigen Schauspielern auf der Bühne dilettantisch." Und schlechte Handwerker schlechte Handwerker spielen zu lassen sei keine gute Idee. "Bedauerlicherweise trübt dieses Ende den Gesamteindruck der zuvor durchweg stimmigen und angenehm aufregenden Inszenierung über Gebühr."

"Wenige Stücke des klassischen Repertoires sind so ausinszeniert wie der 'Sommernachtstraum', und bei einem so munteren Regisseur wie Stefan Pucher hätte da durchaus eine hochprofessionelle Pop-Revue der edlen Langeweile herauskommen können", schreibt Werner Theurich auf Spiegel online (26.11.2012). "Doch weit gefehlt. Es fängt damit an, dass gar nichts bunt ist." Das Liebes-, Eifersuchts- und Heiratskarussell aus Athener Gesellschaft und Elfenreich lade gewöhnlich die Spielleitung zur Inszenierung fröhlich-freier Rammelei und Sex-Akrobatik ein. "Stefan Pucher setzt diese Rezeption voraus, denn er wandelt die wohlfeile Lust ins Sinistre, indem er sie kalt ironisiert." Die Figuren irrten durch eine düstere, enge Welt aus Humus und dichtem Laubwerk, in der manchmal das grelle Bühnenlicht der Erkenntnis blende, aber meistens die Melancholie regiere. Pucher neige dazu, Akzente und Aktschlüsse musikalisch umzusetzen und Gemütsbewegungen mit großflächigen Videoprojektionen zu illustrieren. "Diese doppelte Verbildlichung erscheint mitunter etwas aufdringlich, doch für die Umwandlung dieser vermeintlich leichtgewichtigen Sommerkomödie in von buchstäblicher Ent-Täuschung geprägter Dunkelheitsposse passt es dann schon wieder." Nur das Maurer-Theater am Ende verlasse das Niveau der übrigen Szenerie. Theurichs Fazit: "Ein eigenwilliger 'Sommernachtstraum', der sich nicht in falsche Illusionen flüchtet."

Eine "düstere Show, die mal wie ein überlebensgroßer Fassbinder-Film aussieht, mal wie eine Travestie-Nummer und mal wie ein bitterböser Spiegel über den Niedergang von Moral und Sitten unserer Zeit, in der die Menschen scheinbar alles schon kennen und ausprobiert haben und nur noch im Extremen das Leben spüren" hat Armgard Seegers für das Hamburger Abendblatt (26.11.2012) gesehen. Die "tollen Schauspieler des Thalia-Theaters" sowie die Bühne haben auch Seegers überzeugt, "schon weniger die Kostüme (Marysol de Castillo) und nicht so recht die Regie." Worin die Regie – außer beim Theater der Maurer mit Studio Braun, das für klamaukig befunden wird – ihrer Meinung nach versagt hat, schreibt die Rezensentin dann nicht. Stattdessen werden Schauspieler und visuelle Effekte gelobt.

Club-Atmo, Titania als Super-Transe, Oberon in Lederkluft und Pulp-Hits: "Alles sehr schön, es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Protagonisten bei den Dialogen meist steif vorn rumstehen", findet Anke Dürr in der Frankfurter Rundschau (27.11.2012). In den Video-Einspielungen sehe man, was möglich gewesen wäre: "Da wuseln alle immer wieder in einem Zirkus durcheinander, grell geschminkt und kostümiert, sie schweben, rangeln und ziehen Grimassen." Die Bühne werde aber immer wieder zum schwarzen Loch, "das ausgerechnet die Figuren verschluckt, die live zu sehen sind, auch wenn jeder auf seine Art tapfer dagegen ankämpft".

Elfen mieden den Tag, verabredeten sich nachts zu kleinen Bosheiten, Drogenexperimenten und lüsternen Festen. "Folglich wären die Elfen des 21. Jahrhunderts die promisken Nachtschwärmer mit ihren Fetisch-Partys, Designer-Drogen und Fessel-Studios, und so  sehen die Nachtmahre in Stefan Puchers Inszenierung denn auch aus", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (29.11.2012). Star dieses Abends ist klar die Kostümbildnerin Marysol del Castillo, die den Blätterhain mit drei Verkleidungswelten belebe. Aber weil Stefan Pucher zu dem Bühnengeschehen noch eine groteske Fassbinder-Version des "Sommernachtstraums" drehen wollte, die im Hintergrund ausgestrahlt wird, blieb für die eigentliche Regiearbeit wohl nicht so viel Zeit. "Jedenfalls entsteht schnell der Eindruck, dass hier einfach jeder nach besten Kräften vor sich hinblödelt. Dadurch wird die Kreuz-und-Quer-Liebesgeschichte der vier Athener Kinder eine ziemlich platte Farce."

 

 
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