Fanatiker am Werk

von Ralph Gambihler

Dresden, 24. November 2012. Dass Hamlet nicht unbedingt ein netter Mensch ist, wussten wir schon. Es hat uns nie etwas ausgemacht. Denn natürlich haben wir ein Riesenverständnis für einen, dessen Vater auf so hinterhältige Weise gemeuchelt wurde. Der mit Lüge bemäntelte Mord aus niederem Motiv ist das Skandalon, das uns jede seiner Zumutungen und Rasereien verständlich macht. An seinem edlen Geist haben wir nie gezweifelt. Gerade wir Deutschen nicht, die wir uns gerne in seinem erhabenen Charakter wiedergefunden haben und bis heute wiederfinden. Egal wie es kommt: Hamlet ist der Gute!

Unter den Augen des Vaters

Aber da macht uns jetzt Roger Vontobel einen Strich durch die Rechnung. In seiner nunmehr dritten, am Premierenabend reichlich umjubelten Regiearbeit am Staatschauspiel Dresden entdeckt er in der Geschichte des Dänenprinzen die Tragödie eines verblendeten Idealisten und Fanatikers. Mit vagen Einflüsterungen aus dem Jenseits gibt sich so einer nicht mehr ab. Der Vatergeist hat ausgedient. Stattdessen sehen wir Hamlet, wie er seinen (toten) Vater anbetet und vergöttert. Er schaut dabei weit nach oben, wo links und rechts der Bühne überlebensgroß das Porträt eines grimmig dreinblickenden Mannes hängt, der aussieht wie der späte Orson Welles. Dieser Vater muss ein Titan gewesen sein. Jedenfalls in den Augen des Sohns, der einem mit Herkules, Zeus, Mars und Merkur kommt, wenn er die heroischen Züge seines alten Herren anpreist.

Hamlet2 560 MatthiasHorn uDer König überragt sie: Torsten Ranft als Claudius. Drunter: Jonas Friedrich Leonhardi als Rosenkranz, Benedikt Kauff als Güldenstern und Annika Schilling als Ophelia. © Matthias Horn

Bei so viel Vatergott statt Vatergeist, bei so viel familiärer Unsterblichkeit kann der Sohn natürlich nicht angekränkelt von des Gedankens Blässe in Tathemmung und falscher Melancholie versinken. Also sehen wir einen anderen Menschen. Nämlich diesen: Hamlet ist Musiker. Genauer gesagt: Er ist Leadsänger einer fünfköpfigen Band und als solcher womöglich schon ein Star. Die Posen des Metiers jedenfalls sitzen. Und wenn er vorne an der Rampe das Keyboard bearbeitet und mit schneidender Stimme "Something is Wrong in the Fucking State of Denmark" ins Mikro rotzt, als habe er bei den Sex Pistols angeheuert, dann steht da auch der schwarze Rebell, der Bürgerschreck, der böse Bube usw., also alles, was hilft auf dem Weg in den ewigen Ruhm.

In Hirngespinsten verfangen

Vontobel geht aber noch einen Schritt weiter: Er legt den Schluss nahe, dass sich Hamlet alles nur einbildet in seiner rasenden Wut. Er macht aus ihm den Prototyp eines gefährlichen Fanatikers, der keinen Wahnsinn mehr vorzuspiegeln braucht, weil er wirklich wahnsinnig ist. Vontobel ist klug genug, das Stück nicht für simple Idealismuskritik zu vernutzen. Auf der Theater-im-Theater-Bühne, die ihm Claudia Rohner hingestellt hat, lässt er einen Rest von Zweifel. Wir können uns bis zum Schluss nicht sicher sein, ob Hamlet wirklich nur den eigenen Hirngespinsten nachjagt und mithin aus Verblendung zum Mörder wird, oder ob womöglich doch alles so gewesen ist wie gehabt.

Jedenfalls: Es ist eine Heldendämmerung, trotz applizierter Zweifel. Vontobel geht es merklich darum, die gängige Hamlet-Rezeption aufzubrechen und damit den Blick freizugeben auf eine Figur, die womöglich widersprüchlicher und abgründiger ist, als wir Hamlet-Ikonisierer das wahrzunehmen gelernt haben. Und wer hätte das gedacht?! Es geht – und zwar ohne Umweg und erstaunlich einfach. In der romantisch gedrechselten Schlegel-Übersetzung findet Vontobel den Echoraum und die Form, die seine Sicht stützt. Es ist geradezu frappierend, wie viel der Text hergibt, um die Grenzen von gut und böse zu verwischen und die Lesart der Regie zu beglaubigen. Ist Vontobel wirklich der Erste, dem die Schlegel'sche Steilvorlage aufgefallen ist?

Hamlet1 hoch MatthiasHorn uChristian Friedel rockt Hamlet © Matthias Horn

Starkstrom-Shakespeare

Ob der Abend wirklich so bahnbrechend ist, wie es auf den ersten Blick scheint, muss sich erweisen. Ein großer Wurf ist er auf jeden Fall geworden. Vontobel zeigt knapp drei beglückend konzentrierte Stunden Starkstrom-Shakespeare, denen immer wieder anzumerken ist, wie ein gelungenes Regiekonzept das Ensemble zu beflügeln vermag. Rühmen muss man dabei vor allem den jugendlich wirkenden, in manchen Momenten an Matthias Schweighöfer erinnernden Christian Friedel. Der könnte den Abend fast alleine bestreiten, so überzeugend bringt er seinen bürgerlich-antibürgerlichen Hamlet-Fanatiker und Psychoterroristen auf die Bühne. Da hat einer offenbar seine Rolle gefunden. Obendrein bestreitet Friedel mit seiner Band Woods Of Birnam den musikalischen Part zwischen Popelegie und Rock. Diese Intermezzi sind weit mehr als atmosphärisches Beiwerk, weil Vontobel in der Kunst und ihrer medialen Überhöhung ein Mittel sieht, das dem Fanatiker in die Hände spielt. Die "Mausefalle" wird dabei zum großen, teuflischen Kulminationspunkt.

Und sonst? Was gibt es noch? Den König Claudius von Torsten Ranft muss man sich als schwer nervösen Herrscher vorstellen, der aus der Defensive heraus giftet und sich bisweilen mit Heimatliedern beruhigt. Hannelore Koch gefällt daneben in der Rolle der Gertrude als damenhaft königliche Dauerbeschwichtigerin mit großer Frisur. Annika Schilling (famos) zeigt eine zarte, auch widerstandsfähige Ophelia, die viele Demütigungen von Hamlet zu parieren hat, bevor sie dann doch verrückt wird. Und ja: Es wird nach alter Art "schön" gesprochen. Bisweilen werden die Schlegel-Verse deklamiert und geradezu poliert, als gelte es, ein angestaubtes Möbelstück auf Hochglanz zu bringen. Das wirkt immer wieder seltsam und erstaunlich erhellend. Irgendwie haben sie es in Dresden geschafft, auf den Versfüßen einer vorgestrigen Kunstsprache eine ganz und gar nicht museale Geschichte zu erzählen.


Hamlet
von William Shakespeare
Deutsch von August Wilhelm Schlegel
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüm: Ellen Hofmann, Musik: Woods Of Birnam, Dramaturgie: Robert Koall, Licht: Michael Gööck.
Mit: Torsten Ranft, Hannelore Koch, Christian Friedel, Ahmad Mesgarha, Sebastian Wendelin, Matthias Reichwald, Annika Schilling, Jonas Friedrich Leonhardi, Benedikt Kauff.
Band Woods Of Birnam: Ludwig Bauer, Philipp Makolies, Christian Grochau, Uwe Pasora.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Die Musiker der Band Woods Of Birnam spielen sonst bei der Indie-Popformation Polarkreis 18. Eine andere deutsche Indie-Combo ist gerade an der Berliner Schaubühne zu sehen: Kante in Friederike Hellers Umsetzung von The Black Rider.

Kritikenrundschau

Dieses Porträt eines gestörten Egomanen funktioniert aus Sicht von Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (1.12.2012) "eine Halbzeit und sechs Songs lang hervorragend. Dann rollt die Vierte Wand in den Hintergrund, und aus 'Hamlet' wird eine normale Stadttheateraufführung." Als wäre die Spiegelung männlicher Selbstüberschätzung in Pop und Drama nur eine Geisterscheinung gewesen, siege das Handwerk über die Idee. "Als hätten die eingefleischten Mechanismen und Eitelkeiten des Theaters plötzlich wieder die Kontrolle übernommen, rächt sich der Betrieb am Einfall." Dabei besteht für diesen Kritiker allerdings die ernsthafte Gefahr, "dass der Sänger Christian Friedel den Schauspieler hinter sich lässt", der ihm an diesem Abend ein verborgenes Talent offenbarte: "Dieser Schauspieler ... ist ein begnadeter Sänger und Komponist."

Roger Vontobels "Hamlet" spiele auf historisierendem Boden und korrespondiere ersichtlich mit dem anstehenden 100. Jubiläum des Dresdner Staatsschauspiels und seiner einst revolutionären Maschinerie, schreibt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (26.11.12), "aber sie bricht dabei mit nahezu allen tradierten Sichten und Wertungen." "Mehr Wahrheit, weniger Wahn" wäre, so Petzold, eine Devise, die man der gleichwohl mehrdeutigen Sicht von Vontobel unterstellen könnte. "Bei aller Radikalität, mit der der Regisseur die spekulative, fantastische Ebene von einer gewissermaßen nüchtern realpolitischen trennt, in der es außer einer flüchtigen Erwähnung des Fortinbras weder große Intrigen noch außenpolitische Verwicklungen gibt, selbst wenn er sich noch weit mehr Freiheiten nimmt als beim 'Don Carlos' oder dem 'Zerbrochenen Krug', agiert er doch hier auch nicht vordergrüdig als Stück-Zertrümmerer." Nachdem Vontobel die realen und fiktiven Geschehnisse neu ordne, suche er aus heutiger Sicht zum Kern des Konflikts vorzudringen. "Keine vordergründige Sympathie, aber nahezu unbegrenzten Spielraum gewährt er der Leidenschaft des Hamlet und lässt ihn damit umso unfehlbarer an der Untauglichkeit seiner Mittel und seiner Introvertiertheit zugrunde gehen."

Vontobel habe Shakespeare "ideenreich ins Heute geholt", meint Silvia Stengel in der Sächsischen Zeitung (26.11.12). "Auch wenn die Sprache in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel nicht gerade eine leichte Kost ist, schafft er es, die Spannung bis zum Ende zu halten." Das Bühnenbild sei "etwas besonderes", die Spieler überzeugten durchweg, allen voran Christian Friedel als musikalischer Hamlet, "mehr als ein Rocker". Bereichert werde die Inszenierung mit vielen technischen Raffinessen. "So verschwindet das Bühnenbild komplett im Boden, und ein Sternenhimmel ist zu sehen." Auch filmische Mittel würden gut eingesetzt. Fazit: "So schön kann Shakespeare sein."

Bis zur Pause erlebte Stefan Petraschewsky für MDR Figaro (26.11.12), "wie eine geniale Idee mit einem genialen Christian Friedel umgesetzt wird", "wie der trauernde Hamlet seinem Vater in seiner Musik nahezukommen sucht – sich dabei immer seiner Wirkung als Popstar bewußt – dem die 'Dänen' – wir, das Publikum, zujubeln – weshalb der neue König das Konzert auch nicht einfach autoritär beenden kann." Christian Friedel schmeiße den ganzen Abend mit einer unglaublichen Spielfreude, Talent und Energie. Aber nach der Pause entfalle der Grund für das Konzert – und damit auch die Idee für diese Inszenierung, "und es kommt nichts nach." Die Sache kippe vom Genialen ins Kunsthandwerk. "Ein zweigeteilter Abend unterm Strich – schade."

"Aber ja doch, das fetzt. Hamlet als Popstar", freut sich Dirk Pilz zunächst in der Frankfurter Rundschau (28.11.12). Doch wozu führe der der singende "Schwitz- und Schaukel-Hamlet", außer zur These "dass wir uns zu Tode spielen, wenn alles nur Spiel ist"? Vontobels Hamlet ist einer "ohne jede Weisheit", "in sich selbst gefangen" und ein "Ego-Terrorist". Das zunächst schön anzusehende Singspiel kippe spätestens nach der Pause, wenn Roger Vontobel die Schauspieler "ihre Figuren zu Tode chargieren lässt."

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