Hiesigkeitsweh

von Dirk Pilz

November 2012. Am Nikolaustag wird Peter Handke 70 Jahre alt. Wir möchten heute schon gratulieren: herzlichen Glückwunsch, schöne Grüße! Einen Rundumwürdigungsartikel zu Leben und Werk des in Kärnten geborenen und einstweilen in der Nähe von Paris lebenden Dichters wollen noch vermögen wir aber hier niederzuschreiben. Die Feuilletons werden pünktlich gut gefüllt sein mit gehörig huldigenden wie feierlich lobenden, gewiss auch ordnungsgemäß kritischen Texten.

coverhandkeversuchstillerortEs sei an dieser Stelle lediglich auf sein jüngstes Buch verwiesen, das sich, vermutlich, als Inbild seines gesamten dichterischen Mühens lesen lässt, weil es ein Buch auf der Suche nach Heimat ist, nicht nur der geographischen, sondern jener Heimat, die den Suchenden mit "Hiesigkeitsgefühlen" umfängt, oder besser: "bewillkommnet". Von Hiesigkeits-, nicht von Heimweh ist Peter Handkes Schreiben stets begleitet – oder besser: durchweht. Dieser sonderbar schwebende Schmerz- und Sehnsuchtszustand der Hiesigkeit scheint jedenfalls auch das Thema dieses seines jüngsten Buches zu sein.

Oft ist es ja, als ließe sich nicht benennen, wovon die Schriften Handkes überhaupt handeln, weil sie sich immer wieder halbabsichtsvoll ins Gebüsch schlagen und erzählerische Nebenwege erkunden (die natürlich je länger, je mehr keine sind) und damit das Erzählen selbst in Schwebedasein hüllen. Insofern sind Handkes Prosaunternehmungen immer Versuche, Erkundungen, Schwebesuchen.

Vom Abseitsgehen
Jetzt also ein "Versuch über den Stillen Ort". Es ist der vierte "Versuch", nach denen über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag. Schöne Bücher, aber eines über den Stillen Ort, das Hocken auf dem Klo, das Alleinsein auf der Toilette? Klingt für einfältige Gemüter womöglich irgendwie albern, zumal Handke hier keine Kultur- oder Abseitigkeitsgeschichte des Aborts liefert. Sondern Erinnerungen, Erkundungen eben, den Versuch, sich selbst zu fassen, wenn man sich schon nicht zu begreifen vermag. Bereits während der "Jahre im geistlichen Internat" war der Stille Ort dem Erzähler ein "möglicher Asylort", der das "Glück" versprach, "lange ungestört" an (oder auf?) ihm zu verweilen.

Es ist demnach ein "Versuch" über das "Abseitsgehen zu den Stillen Orten, lebenslang". Peter Handke will dabei genau zwischen den stillen und den Stillen Orten unterschieden wissen: "Die stillen Orte kraft des Lesens (womit, selbstverständlich oder auch nicht, kaum das sogenannte Lesen am Stillen Ort gemeint ist): fast eine Binsenweisheit." Die "so oder so stillen Orte" haben ihm "nicht allein als Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien gedient", sie waren "zugleich etwas Grundanderes", das sich aber erst an den Stillen Orten offenbart.

Etwas Grundanderes. "War mein Aufsuchen der Stillen Orte im Laufe des Lebens gleichsam weltweit, immer wieder auch ohne spezielle Notwendigkeit, vielleicht ein Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss?" Ein "antisozialer Akt"? Ist es die Flucht in ein Dazwischen? Geschrieben wurde der Text, steht im Text, jedenfalls in einem Zwischenbereich "gleich weit entfernt von der Metropole und dem Meer", in der Normandie, in der Zeit des Jahres, "von der es heißt, sie sei die dunkelste", im Dezember. Geschrieben wurde er, um in die Gegenden der "Längstvergangenheit" zurückzukehren, oder besser: vorzustoßen. Zurück zu der "Kühe-Weidezeit der Kindheit", um voranzukommen zum "Ankunfts-, Aufgenommenseins- und Hiesigkeitsgefühl".

Vom Schauen

Vor 29 Jahren schrieb Handke in seiner Aphorismen- und Gedankensammlung "Phantasien der Wiederholung", einem dem Umfang nach schmalen Selbstversicherungsbüchlein: "Bleib den Wörtern deiner Kindheit treu; jedes andere Wort wäre falsch." Er übt sich noch immer darin, diesem frühen Imperativ die Treue zu halten. Denn das Grundandere, das ihm die Stillen Orte sind und von den stillen unterscheidet, ist, was er in diesem "Versuch" vorgibt vergessen zu erzählen, um es erst am Ende, nach lauter Um- und Neben- und Seitenwegen niederzuschreiben, "nämlich: jene Übergänge, die unvermittelten von Stummheit, Geschlagensein mit Stummheit, zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens". Die Übergänge vom toten Alltags- zum allerlebendigsten Dichterwort.

Der Stille Ort als Ort der Eingebung – das ist so abwegig nicht. Martin Luther zum Beispiel ist – der Auskunft eines seiner Tischgespräch gemäß – auf die entscheidende reformatorische Erkenntnis gestoßen, bei seinem Versuch, den Brief des Paulus an die Römer zu ergründen: "Diese kunst hat mir der Heilige Geist auff dieser cloaca auf dem thorm eingeben." Es hat nicht an Spöttern gefehlt, denen die gesamte Reformation deshalb wie eine "Kloakentheologie" vorkam.

Auch Handkes ortsspezifische Poetologie wurde verschiedentlich verspottet und dem Verdacht der Entrückungsseligkeit ausgesetzt. Er teilt mit Luther ja nicht nur die Wertschätzung des Stillen Ortes als Ruheraum, sondern auch als Eingebungsstätte, an der er allerdings nicht mehr dem heiligen, sondern hiesigen Geist begegnet. Denn der Stille Ort ist für ihn jener Raum des verschärften Wahrnehmens, an dem die  "Sprach- und Wörterquelle" frisch "aufspringt". Wo es zu reden anfängt "im Verstockten".

Was da aber zur Sprache kommt, darüber schweigt dieses Buch, weil es sich für Handke nicht sagen, allenfalls erahnen, bestenfalls schauen lässt wie Mystiker ihren Gott schauen, eben die schwebende Hiesigkeit. Der "Versuch über den Stillen Ort" ist damit der Versuch, einen Ort diesseits der Zeit (und des Himmels) zu finden, die "pure Erinnerung", das schiere Vorhandensein. Gibt es diesen Ort, kann es ihn für Handke nur an Orten geben, die es nicht gibt: in der Literatur, in der Phantasie.

 

Peter Handke:
Versuch über den Stillen Ort.
Suhrkamp, Berlin 2012, 109 S.  17,95 Euro

 

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