Angst in der Fremde oder Angst der Fremden

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 1. Dezember 2012. In seinem Stück mit dem schönen Titel "foreign angst" schickt Konradin Kunze einen namenlosen Protagonisten ins Herz der Finsternis. Ort: eine Kleinstadt in Afghanistan. Zeit: ungefähr heute. Der junge Mann ist angehender Journalist, heißt es. Als solcher möchte er einen so genannten Vorfall recherchieren, bei dem deutsche Soldaten während einer Straßenkontrolle Zivilisten töteten. Schauplatz des Stücks ist ein eigentlich geschlossenes Hotel, in dem bloß noch ein Portier und seine Tochter hausen. Ab und zu schneit eine Gin-selige Sanitäterin hinein, die dem jungen Mann erklärt, wo es langgeht. Sechs Tage sieht das Stück ihm dabei zu, wie sein Trip ins Ausland sich zum afghanischen Alptraum wandelt.

Die Sache mit der Freiheit am Hindukusch

Kunze arrangiert das als thrillerhaftes Kammerspiel mit ungewissem Ausgang. Dabei weiß er ebenso viel von der Angst in der Fremde wie der Angst der Fremden. Dem jungen Mann passiert aber erst nur das, was den meisten passiert, die weit reisen: Er versteht die Sprache nicht, er bekommt Durchfall und er wird beklaut. Dann eskaliert die Lage im Land und im Hotel und es ist nicht mehr die Freiheit der anderen, die am Hindukusch verteidigt wird, sondern sein eigenes kleines Leben. Viel mehr geschieht nicht in diesem kleinen, atmosphärisch dichten Schauspiel, das Kunze im vergangenen Jahr bei den Stückemärkten in Heidelberg und in Berlin präsentierte.

foreign-angst4 560 lena obst u"foreign angst" in Wiesbaden © Lena Obst

Der Regisseur Tilman Gersch bringt es jetzt zur Uraufführung und versucht klugerweise erst gar nicht, so zu tun, als säßen seine Schauspieler in einem afghanischen Hotel, auch wenn aus den Lautsprechern orientalisches Gedudel dringt. Die vier Schauspieler kommen hinein, sagen artig Guten Abend und präparieren sich für ihre Rollen. Aus Benjamin Krämer-Jenster wird so mit ein paar schwarzen Schminkstrichen ein passabler afghanischer Bartträger.

Wahrheitssuche

In der Mitte der Bühne thront eine Toilettenschüssel, ein paar Blechnäpfe hier, einige zusammengerollte Orientteppiche dort. Die Schauspieler sprechen die Zeit- und Ortsangaben des Textes mit: "tag 1, nachmittags, lobby", wodurch das Stück einen beinahe dokumentarischen Charakter erhält. Rajko Geith spielt den jungen Mann als aufgeregten Grünschnabel mit Babyspeck im Blick. foreign-angst3 280 lena obst uRajko Geith und Sybille Weiser © Lena Obst

Bis zum Ende wird man nicht schlau aus diesem Kerl, der die Wahrheit sucht wie das Abenteuer, der sich vor Kakerlaken ängstigt wie vor erfahrenen Frauen, der mal Arschloch ist, mal Kindskopf. Auf jeden Fall aber ein naiver junger Mann in einem gesetzfreien Land, der selbst nicht so genau weiß, was er da eigentlich will. In drei Sprachen erzählt Kunze seine Geschichte, auf Englisch, Deutsch und Dari, was zum Reiz seines Stückes nicht unwesentlich beiträgt. In Wiesbaden sind dabei fast immer alle Schauspieler auf der Bühne, was der Konzentration des Kammerspiels nicht zugute kommt und zuweilen ziemlich ablenkt.

Schimpfen auf die ganze Welt

Richtig Fahrt nimmt der Abend aber ohnehin erst auf, als der junge Mann am fünften Tag aufwacht und merkt, dass alle seine Sachen geklaut wurden. In den darauffolgenden Auseinandersetzungen mit dem unergründlichen Portier rasten dann Vorurteile ein wie fehlende Puzzleteile. Die Tochter des Portiers gibt Sybille Weiser als erniedrigt jammerndes Nachtgespenst, das in seiner sinnfälligen Kostümierung an Burkaträgerinnen wie an die Gefolterten von Abu Ghraib gemahnt. Für die Kamera des Westlers soll sie später den Schleier lüften, die Welt giert nach solchen Bildern.

Der junge Mann indes schimpft auf das Scheißland, in das er geraten ist und meint doch die ganze Welt. Derweil beginnt man draußen auf der Straße zu schießen, die Situation des jungen Mannes gerät zum Horrorszenario, was die Inszenierung mit eindringlichen Videobildern verdeutlicht. Im Schlussbild harrt er dann mit dem Maschinengewehr im Anschlag der Männer, die da kommen werden. Wie aber (er)geht es uns? Was bleibt? Eineinhalb Stunden Theater. 74 Seiten Text. Freundlicher Applaus. Ein flaues Gefühl. Und die aufrichtige Frage: Where’s the beef?

foreign angst (UA)
von Konradin Kunze
Regie: Tilman Gersch, Ausstattung: Jelena Miletić, Video: Gérard Naziri, Musik: Frank Rosenberger, Dramaturgie: Barbara Wendland.
Mit: Rajko Geith, Benjamin Krämer-Jenster, Evelyn M. Faber und Sybille Weiser.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

 
Kritikenrundschau

Die Naivität des Protagonisten von Konradin Kunzes Stück ließe sich durchaus als Metapher lesen, als Kritik an westlichen Hilfs- und Militäreinsätzen, bei denen es vielleicht auch mal bei der Landeskunde hapern kann, meint Johanna Dupré im Wiesbadener Tagblatt (3.12.12). "Nur ist das für sich allein genommen schon etwas platt." Und auch sonst springe in den 90 Minuten der Uraufführungsinszenierung kein Funke über. "Obwohl die Schauspieler in der Intimität der Studio-Spielstätte ganz nah an die Zuschauer heranrücken, ist der Bass der teils eingesetzten Elektro-Musik das Einzige, was wirklich auf die Magengrube zielt." Dabei könnten, so Dupré, Grenzerfahrungen, die Angst vor dem für uns Fremden ein weiteres, wichtiges Thema dieser Inszenierung sein - sei es doch das, was der Titel suggeriere. "Allein, es herrscht die Unentschlossenheit." Das Problem der Inszenierung sei: "Sie ist zu wenig fremd, zu wenig befremdend."

In der Frankfurter Rundschau (3.12.2012) schreibt Stefan Michalzik, dass die Mission des Protagonisten zwar gescheitert sei. "Nicht gescheitert ist aber das Theater, dem es mit seinen Mitteln gelungen ist, das Wesen einer Wirklichkeit eindrücklich zu spiegeln, ohne sich in einem dokumentarischen Realismus zu verlieren."

Matthias Bischoff sah im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.12.2012) ein "von seltsam widersprüchlichen Haltungen geprägtes Stück". Für eine Gutmenschen-Satire habe man am Schluss zu viel Mitleid mit dem Protagonisten. "Wo man auch ansetzt, man kommt aus den Widersprüchen nicht heraus, Gutes wird hier böse, das scheinbar so richtige Handeln erweist sich als falsch, und am Ende ist nur gewiss, dass aus diesem afghanischen Wirrwarr niemand mit heiler Haut herauskommt. Das ist nach anderthalb Lehrstunden dann vielleicht doch ein bisschen wenig." Trotzdem stelle sich das Stück intelligent und keinen Moment langweilig der Auseinandersetzung mit der tagesaktuellen Gegenwart.

"Ein Stück, das zeigen will, wie das ist, wenn westliche Wohlstandskinder ausziehen, das Fürchten zu lernen", fasst Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (6.12.2012) "foreign angst" zusammen. Die Frage nach der Plausibilität der Geschichte solle man sich nicht unbedingt stellen. Regisseur Gersch mache "zunächst alles richtig", setze auf räumliche Enge und lasse die vier Schauspieler genüsslich vorführen: "Hier ist alles nur Theater." Das Problem: Die Hauptfigur ist ein Pappkamerad. "Das hat Folgen. Irgendwann gerät die Inszenierung aus den Fugen."

 
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