Das Leben, ein Trauerspiel

von Hartmut Krug

Chemnitz, 1. Dezember 2012. Ein Herzschlag pocht aus dem Lautsprecher, wenn man in den Zuschauerraum kommt. Geht das Licht aus, tritt ein Mann im Krankenhaus-Schlafanzug barfuß auf die Bühne, nachdem der lange Summton einer Behandlungsmaschine verkündet hat: dieser Mann ist tot. Sein Herz ist stehengeblieben, wie die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik im Programmheft erklärt. Und während sein Bewusstsein durch den sogenannten "Tunnel des weißen Lichts" rast, versucht die Inszenierung ihn zu reanimieren. Mit allem tiefen Ernst, da mag der Stücktitel noch so deutlich von Komik sprechen. In Chemnitz findet das Stück im Kopf des Mannes statt. Als existenzielles Denkspiel.

Ein kühner, aber auch sehr problematischer Zugriff auf "L'Illusion Comique" aus dem Jahr 1639, das Corneille als "étrange monstre" bezeichnete, also als fremdartiges Monstrum. Der damals dreißigjährige Autor hat in dieser Komödie einerseits noch das barocke Lieblingsmotiv des Theaters im Theater als Wahrnehmungsspiel der Irritationen weidlich ausgespielt, andererseits die sozialen Maskeraden seiner Zeit vorgeführt.

spiel um-illusion 560 dieterwuschanski uDu Vater, ich Sohn?  © Dieter Wuschanski

Auch wenn darin die langen Versmonologe heute ein wenig zu bedächtig klingen und hinter jeder poetischen Formulierung eine didaktische Absicht hervorspringt, könnte es mit seinem skeptischen Erkenntnisspiel von Schein und Sein, von Realität und Rolle durchaus aktuell sein. Als Theater für eine Gesellschaft, in der jeder (soziales) Theater spielt. Doch aktuelle Bezüge drängt uns diese Inszenierung nicht auf.

Komisches Trauerspiel um das Vater-Sohn-Verhältnis

Pridamant heißt der bei Corneille suchend reisende, in Chemnitz aber tote Vater, der seinen Sohn Clindor einst mit aller Strenge verstoßen hat. Nun fragt er auf leerer, weit offener dunkler Bühne den Zauberer oder Magier Alcandre nach seinem Sohn. Es ist nicht nur ein Erkenntnis-, sondern auch ein komisches Trauerspiel um das ewig problematische Vater-Sohn-Verhältnis, bei dem beide nie aufeinander treffen. Alcandre, vom hochgewachsenen Dirk Lange in wechselnden Männer- oder Frauenkostümen als eine kühle Kunstfigur gespielt, holt des Sohnes Erlebniswelt auf die Bühne. Jedenfalls bei Corneille. Auch der junge Stefan Bachmann hat dies Ende der 90er Jahre mit dem auf unseren Bühnen kaum je zu erlebendem Stück am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg getan und die Komik der ernsten Figuren ausgespielt. Nichts davon in Chemnitz.

Hier senkt sich nur der vielteilige rote Theatervorhang, und nun eilen zwischen dessen vielen Einzelteilen die Figuren dahin. Sie verstecken sich, belauern einander, treffen sich unvermutet oder laufen absichtlich aneinander vorbei, als Aufziehpuppen eines mechanischen Spiels. Man redet viel mit-, vor- und gegeneinander. Das ist trotz des vielen Hin und Her nicht spannend, sondern wirkt arg statisch. Später fällt der Vorhang zu Boden, und nun kriecht man unter dessen Teile, oder man versteckt sich in Bodenluken. Wie sich hier Clindor in seinem Aufstiegswillen verstellt, und wie dieser Vorgang zugleich nach- und vorgespielt wird, ohne dass der zuschauende Vater weiß, das alles Theaterspiel und sein Sohn nur ein Schauspieler ist, der all dessen gesellschaftliche Erfolge vorspielt: All das könnte natürlich komische Erkenntnisfunken schlagen.

spiel um-illusion pr9 560 dieter wuschanski uKonflikte zwischen roten Vorhangsfetzen © Dieter Wuschanski

In Chemnitz aber wird geschritten und gesprochen, gedacht und nicht gelacht. Die Intrigen gehen arg schwerfällig nach Liebe, es wird geprahlt und getäuscht, Väter sind dominant, Töchter haben ihren eigenen (Liebes)Kopf. Eigentlich also lauter Commedia-Figuren in bekannten Konflikten, die hier als existentielle Denker manchmal unfreiwillig komisch wirken. Und mittendrin der skrupellose Frauenlieber und –liebling Clindor, den Sebastian Tessenow als coolen Schönling gibt. Während Hartmut Neuber seinen Konkurrenten Matamore, der ein prahlerischer Feigling ist, immerhin mit etwas körpersprachlichem Witz ausstattet.

Sonst aber sind alle Figuren vor allem von des Gedankens Blässe angekränkelt und wirken eindimensional. Die gravitätische Steh- und Geh-Inszenierung besitzt keinen Spannungskern, sondern bietet allenfalls kleine Einfälle bei der Figurenzeichnung. So trägt die umschwärmte Isabell ein Kaninchen auf dem Kissen mit sich herum und beugt sich rücklings im kurzen Röckchen vor den Männern zu Boden, immer und immer wieder.

Existenzielle Sehnsüchte

Am Schluss des kräftig gekürzten Stücks wird die von Clindor betrogene Isabell von ihm auf der Leiche seines Vaters auf einer Krankenhausbahre noch einmal drangenommen. Eines Vaters, der sich immer wieder über die "seltsamen Mucken" der "Jugend heutzutage" gewundert hatte.

Mich wundert, dass die Regisseurin die vielen möglichen Schmerzpunkte des Stücks, seien es das Verhältnis von Geld und Liebe, Sein und Schein, Tun und Sagen, vor allem aber die Komik der existentiellen Sehnsüchte kaum beachtet hat. Was alles könnte dies "Spiel um Illusionen" sein: Typenkomödie, zauberisches Märchen, selbstreflexives oder offenes Theatertheater. Mateja Koležnik aber trieb Corneille mit ihrer konzeptionellen Setzung alle Lebendigkeit aus.

 

Ein Spiel um Illusion
von Pierre Corneille
Aus dem Französischen von Simon Werlé
Regie: Mateja Koležnik, Choreographie: Matija Ferlin, Bühne: Branko Hojnik, Kostüme: Alan Hranitelj, Musik: Coco Mosquito, Dramaturgie: Torsten Buß.
Mit: Dirk Lange, Bernd-Michael Baier, Sebastian Tessenow, Hartmut Neuber, Annett Sawallisch, Tilo Krügel, Caroline Junghanns, Michael Pempelforth, Karl Sebastian Liebich.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-chemnitz.de


Kritikenrundschau

Mateja Koleznik hole Corneille in einen zeitlosen Raum, schreibt Uta Trinks in der Freien Presse (3.12.12). Die Verssprache beschwere das Spiel "doch beträchtlich". Am meisten fessele an der Inszenierung das Spielen mit einfachsten theatralischen Mitteln. Das biete allerdings nur "solitäre Einsprengsel in einem ansonsten hochgradig rätselhaften und wenig lebendigen Geschehen, das sich irgendwie einem echten Zugang versperrt." Die Schauspieler seien alle bestens aufgelegt, doch mit den Figuren, wie die Regie sie sehe, sei man ziemlich schnell fertig als Zuschauer: "allein mit Körpersprache karikierte Charaktere, die eindimensional bleiben." So ziehe eher ein Panoptikum an einem vorbei, das weder berühre noch sonst etwas im Zuschauer auslöse.

Kommentar schreiben