Familienleben im Flashback

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 8. Dezember 2012. Ein Kinderschuh, eine leere Urne, ein Hut, Postkarten eines Vaters an seinen Sohn, eine englische Ausgabe von Diderots Enzyklopädie – eine Kiste mit Erinnerungsstücken erbt der Urenkel, doch niemand weiß mehr, welche Geschichte sich in diesen Dingen verbirgt.

Angeregt von Goyas drastischem Gemälde "Saturn verschlingt seinen Sohn", erzählt der Australier Andrew Bovell über vier Generationen zwischen 1959 und 2039, wie das Verschweigen der pädophilen Neigung eines Vaters das Lebensglück zweier Familien in London und Australien auffrisst. Wie im Schmetterlingseffekt zeitigen in Bovells Dramaturgie Ereignisse und Entscheidungen in weit entlegenen Zeiträumen ihre Effekte.

Zwei Familien ineinander verstrickt

Gabriel, 1960 in London geboren, hat nie erfahren, warum sein Vater nach Australien gegangen ist. So macht er sich 1988 auf den Weg und lernt ein junges Mädchen kennen, dessen kleiner Bruder zur selben Zeit, als sich Gabriels Vater in der Gegend aufgehalten haben soll, ermordet wurde.

2013 kennen diese Zusammenhänge der Liebe zwischen Tätersohn und der Schwester des Opfers nur zwei inzwischen alt gewordene Frauen. Die eine, in London, ertränkt ihre Schuldgefühle in Alkohol, die andere, in Australien, wird ihr Wissen in ihrer Demenz vergraben. Aber der Urenkel (er heißt Andrew wie der Autor!) durchbricht das Familienmuster, dass Söhne und Väter nichts voneinander wissen können oder wollen, weil die Mütter geschwiegen haben. Für diese beiden Familien ist er 2039 der Heilsbringer.

endedesregens1 560 jochenklenk u Das Zimmer und die Schuld: Ingrid Cannonier, Carolin Schär und Sascha Römisch
© Jochen Klenk

Erinnerungspuzzle mit Katastrophen-Pauke

Die mit Schuld getränkten Schicksalsfäden dieser modernen Atriden-Tragödie fragmentiert der Autor geschickt als Erinnerungspuzzle. Immer wieder springt die Handlung zu unterschiedlichen Generationen vor und zurück. Das ist zunächst verwirrend, zumal die beiden Mütter-Figuren mit einer älteren und einer jüngeren Darstellerin doppelt besetzt sind.

Aber schließlich ist es gerade dieses Knobeln am kniffligen Generationen-Puzzle, das den Theaterabend spannend und sogar amüsant macht, wenn über Generationen hinweg Fischsuppe gegessen wird, oder der Enkel seine Wände in Australien mit derselben Begründung im Farbton "gebrochen weiß" streicht wie seine Großmutter in London 70 Jahre zuvor.

Dieses Springen zwischen den Zeiten bildet die Suche nach den Spuren der Vergangenheit ab und mildert die Wahrnehmung, dass in dieser Familiensaga ziemlich abgeschmackt heftig auf die Katastrophen-Pauke gehauen wird: Kindesmissbrauch, Kindstötung, tödlicher Autounfall, jede Menge Eltern-Selbstmorde vor der Folie von ständigen Naturkatastrophen. Am Rande des apokalyptischen Geschehens fällt ein Fisch vom Himmel und alle neun Figuren, Tote und Lebende, setzen sich zu einem Versöhnungs-Fischessen zusammen.

Kollektive Gedächtnisarbeit

Regisseurin Caro Thum erzählt wohltuend klar, schnörkellos, unsentimental und ohne die biblische Symbolik von Fisch und Sintflut szenisch aufzuladen. Als weißer Kasten hängt die Keimzelle des Familiendramas, das Zimmer in London, im Bühnenraum. Darunter erstreckt sich die weitgehend leere (Projektions-)Fläche für eine apokalyptische Welt weiterer Schicksale. Eingeblendete Jahreszahlen helfen, die Zeitsprünge zu verstehen.

Wesentliches visuelles Element ist ein im Zeitraffer vor und zurück gespieltes Video mit historischen Zeitereignissen von Obama, Lady Di oder der Schleyer-Entführung bis zu John F. Kennedy, das die individuelle Bühnengeschichte in unsere kollektive Gedächtnisarbeit einbettet. Simultan-Aktionen, etwa zwischen der jungen und der alt gewordenen Liebe von Gabriel, lassen Zeitebenen und Raumgrenzen zu Flashbacks zusammenfließen.

endedesregens 560 jochenklenk uModerne Atriden: Ingrid Cannonier und Sascha Römisch. Oben: Manuela Brugger. Unten im Hintergrund: Anjo Czernich und Carolin Schär © Jochen Klenk

Ein futuristischer Parsifal

Caro Thum entwickelt mit ihren Akteuren ein intensives Spiel, in dem noch die Darstellungen der Dementen oder der Alkoholikerin frei von Gefühlskitsch bleiben. Stark genug, wie die verwirrte Gabrielle die Asche ihrer großen Liebe wie eine wohlschmeckende Suppe löffelt. Wie ein einfühlsamer Erzähler beginnt Ulrich Kielhorn als Enkel. Manuela Brugger, zerbrechlich und eigensinnig, und Ingrid Cannonier, mit der sturen Heiterkeit der Altersdemenz, spielen berührend klar und ohne Larmoyanz die leidtragenden und schuldig gewordenen Frauen im Alter.

Victoria Voss ist keine spießige, sondern eine liberal verständnisvolle Gattin eines pädophilen Experten für Naturkatastrophen, in der Darstellung von Ralf Lichtenberg ein freundlich liebenswerter Ehemann, der die eigene Naturkatastrophe seiner sexuellen Neigungen lange glaubwürdig vor sich selbst zu verharmlosen sucht. Anjo Czernich als sein Sohn geht entschieden und unglücklich seinen Weg der Wahrheitssuche. Carolin Schär als junge Gabrielle sieht ihrem doppelten Lebenstrauma gefasst ins Auge, Sascha Römisch ist ein hilflos gutherziger Ehemann, und Enrico Spohn hat als Urenkel die Aura eines futuristischen Parsifal.

In dieser stringent eindrucksvollen Inszenierung von "Das Ende des Regens" lenkt nichts von Andrew Bovells Mahnung ab, sich der Vergangenheit zu stellen, bevor der große Regen alle Erinnerung tilgt. In der Familie und global.


Das Ende des Regens
von Andrew Bovell
Deutsch von Maria Harpner und Anatol Preissler
Regie: Caro Thum, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Kristopher Kempf, Video: Jana Schatz, Dramaturgie: Bettina Weiler, Sounddesign: Tobias Hofmann.
Mit: Anjo Czernich, Carolin Schär, Ingrid Cannonier, Victoria Voss, Manuela Brugger, Ralf Lichtenberg, Ulrich Kielhorn, Sascha Römisch, Enrico Spohn.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater.ingolstadt.de


Andrew Bovells Familien-Saga Das Ende des Regens lief im Dezember 2011 am Münchner Residenztheater in der Regie von Radu Afrim.


Kritikenrundschau

"Unbedingt anschauen!", ruft Anja Witzke auf der Onlineseite des Donaukuriers (9.12.2012) aus. An diesem Abend gehe es "um das große Rätsel des Menschseins. Und Caro Thum und ihr virtuoses Ensemble erzählen davon mit Poesie, Witz und Fantasie." Die Regisseurin habe das Stück "behutsam" decodiert, "gestrafft und Bilder, Verknüpfungen, Konstellationen gefunden, die nicht nur dem Zuschauer das Verstehen der Geschichte erleichtern, sondern auch die Strukturen des Textes, seine Motive, seine Sprachmelodie transparent machen." In den Darstellungen herrschten "hohe Konzentration und Präzision"; das "ganze Ensemble agiert mit großer Kraft, Anmut und Eindringlichkeit".

 

 
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