Karl der Käfer wurde nicht gefragt

von Jan Fischer

Braunschweig, 8. Dezember 2012. Braunschweig ist nicht Berlin. Was in diesem Fall wahrscheinlich auch nicht das schlechteste ist. Denn aus Berlin hört man ja – wie man eben immer diese Sachen aus Berlin hört –, dass alles schon wieder eine Stufe extremer ist, dass die Anti-Gentrifizierungsbewegung sich mittlerweile radikalisiert.

In Braunschweig regiert da noch eher die Verzweiflung: In dem Stück "Das Paradies ist umgezogen" muss Karl der Käfer – derjenige aus dem alten Protestlied der Band Gänsehaut – auswandern, weil sein Wald abgeholzt wurde. Ein Video wird eingespielt, das die Abholzung des Braunschweiger Schlossparks zeigt, und ganz kurz blitzen in dem Video Kinder auf, auf deren Pullovern steht: "Ich schäme mich für Braunschweig". Das Haus Drei, die Nebenspielstätte des Staatstheater Braunschweig, in dem "Das Paradies ist umgezogen" gezeigt wird, ist nur einen Steinwurf von dem Einkaufszentrum entfernt, dass jetzt dort ist, wo der Park einmal war.

Die Braunschweiger und ihr Kirschgarten

Gentrifizierung, der Prozess der sozialen Aufwertung von ehemals billigen Szene- und Künstlervierteln mit der damit verbundenen Mietpreissteigerung, wird bestimmt von wirtschaftlichen Interessen, komplizierten sozialen Dynamiken und verhärteten Meinungen auf allen Seiten. Egal ob in Berlin, Hamburg oder Braunschweig. Es ist ein schwieriges Thema, das Uli Jäckle da anpackt. Er entscheidet sich für den Ansatz von Rimini Protokoll: Braunschweiger und Braunschweigerinnen erzählen in einer losen Szenencollage von ihren Wohnorten. Wie die Mieten im westlichen und östlichen Ringgebiet steigen, zum Beispiel. Wie es woanders in der Stadt ist. Was sich verändert. Oder was sich eben nicht verändert. Eine ehemalige Hausbesetzerin kommt da zu Wort genau wie ihre 17-jährige Tochter, ein Antiquitätenhändler, eine pensionierte Lehrerin und ein gutes Dutzend Akteure mehr.

paradiesumgezogen1 560 karl-bernd karwasz xRock am Ring: Braunschweiger Bürger © Karl-Bernd Karwasz

Es gibt dabei Passagen, in denen einfach nur einer alleine erzählt. Manchmal erweitern sich diese Passagen zu einem Chor aller Beteiligten. Dann wieder kommt Karl der Käfer und kriecht angeschlagen über die Bühne. Es wird Luftgitarre zu Metallica gespielt. Es wird ein bisschen aus Tschechows "Kirschgarten" rezitiert. Und am Ende fügt sich diese Collage zu einem kleinen Querschnitt von Meinungen und Positionen, Assoziationen und Erzählungen rund ums Thema Gentrifizierung.

Erdung des Themas

Man könnte dem Stück vorwerfen, es sei nicht dicht genug, es zerfasere, es bezöge keine Position. Tatsächlich aber liegt genau da sein Ansatz oder besser: sein Trick. Wenn es um Gentrifizierung geht, dann gibt es eines, an dem es allen Beteiligten nicht mangelt, und das sind eben Positionen. "Das Paradies ist umgezogen" hat keine Positionen, sondern Menschen. Es gibt Raum zum Sprechen, es assoziiert, es versucht, vom Leben der Menschen zu erzählen, die eigentlich wenig mit Gentrifizierung am Hut haben, die weder "Yuppies raus!" an die Wände sprühen noch ehemals heruntergekommene Wohnungen rennovieren und mit sagenhaften Gewinnspannen verkaufen, nur, weil das entsprechende Viertel plötzlich "in" ist. Es erzählt von denjenigen, die eigentlich nichts wollen, als hübsch zu wohnen.

Und in dem Sinn kann man "Das Paradies ist umgezogen" nicht als einen Beitrag zum Thema Gentrifizierung begreifen, sondern als Erdung des Themas. Denn das Stück macht zwischen all diesen hitzigen Diskussionen um Gewinnspannen, um Szeneviertel, um Yuppies und Subkultur die große Mehrheit derjenigen aus, für die das alles keine Frage der Ideale oder der Politik ist. Sondern eine des Zuhauses von ganz normalen Menschen und der Geschichten, die sie damit verbinden.


Das Paradies ist umgezogen (UA)
Ein Bürger-Projekt von und mit dem Stadt-Theater-Ensemble
Regie: Uli Jäckle, Bühne und Kostüme: Isabell Beck; Dramaturgie: Christoph Macha
Mit: Irene Bertram, Henning Ehlers, Brigitta Feulner, Elsa Feulner, Jutta Finger, Kira Forst, Henning Glaser, Gert-Joachim Gerecke, Christof Görlich, Ursula Hartmann, Wolfgang Jahns, Ingrid Kautz, Peter Koch Höckelheim, Stefan Krense, Kerstin Kuechler-Kakoschke, Gesa Mathiak, Karin Rosenthal, Silvie Schönberg, Arthur Schneider, Julia Schneider, Dagmar Schumacher, Hera Simon, Hilke Simon, Isolde Ziemer.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de


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Kritikenrundschau

Jaeckle habe "gut gearbeitet mit den Spielern, sie wirken entspannt, agieren selbstbewusst und selbstverständlich auf der Bühne, spielerisch verschieben sich immer wieder die Ebenen des Darstellens und des Identisch-Seins", schreibt Martin Jasper in der Braunschweiger Zeitung (10.12.2012). Aber inhaltlich bleibt der Abend für den Kritiker unbefriedigend: Es "bleibt alles ziemlich oberflächlich nebeneinander, und beim Rausgehen fragt man sich matt nach dem Erkenntnisgewinn".

 
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