Hurra, die Schule flennt!

von Dieter Stoll

Nürnberg, 15. Dezember 2012. An der Bühnenrampe der Nürnberger Kammerspiele liegen malerisch gestreut sieben Häufchen mit sorgsam gefalteten Klamotten und den passenden Schuhen dazu. Hier wird gleich ein Drama maskiert. Die passenden Schauspieler zum Outfit stürmen mit fiktiver Altersangabe (jeweils kühn behauptete 15 Jahre die vier Schüler, von Ende 20 bis Mitte 50 die drei realistischer besetzten Lehrkörper) diese trendige Umkleidersammlung, werfen provozierende Blicke aus der Unterhose und steigen breitbeinig ein in Rollen wie Kostüme.

Mittelpunkt-Figur ist eine verhuschte Referendarin, die als fallender Engel ins Räderwerk des Bildungssystems gerät. Ideale und Karriere zunächst gleichermaßen fest im Blick tritt sie gegen zynisch nette Kollegen, gewalttätige Schüler und die eigene Naivität an. Die Machtfrage zirkuliert dabei auf allen Ebenen, wenn die pöbelnden Problem-Kids in der "Scheiß-Mongo-Klasse" jede Autorität wortgewaltig auflaufen lassen und im Lehrerzimmer die Pädagogik mit der Wodkaflasche schöngesoffen wird. "Das ist unangebracht", sagt das Fräulein gerne, sobald es um Sex geht – aber darum geht es ja dauernd. Und weil der als "Schwuli" vorgestellte dunkelhäutige Außenseiter unter den Minderjährigen komplexbeladen aber gewaltfrei eigene Gedichte verfasst ("Blankes Herz und hasserfüllte Blicke"), kann er der poesiefreudigen Jung-Lehrerin entschieden näher kommen. Sie würde es am liebsten gleich wieder vergessen, er will mehr und fragt, ob das, was sie getan haben, überhaupt als Sex gilt. Das wollen die Jungs und Mädels nämlich wissen: "Was bedeutet es, Sex zu haben?" Und, weil wir gerade grundsätzlich sind: "Wer ist ein guter Mensch?"

Im Mehrgenerationenhaus der verpassten Hoffnungen
Bill Clinton könnte da sicher gebündelt Auskunft geben, der Stückeschreiber hingegen hält sich raus. Er will nur zeigen. Der englische Autor John Donnelly hat an mehreren Schulen unterrichtet, weiß also, wovon er erzählt. Das 2011 im Londoner Bush Theatre uraufgeführte Stück ("mit riesigem Erfolg" wie das Programmheft der deutschsprachigen Erstaufführung von "Besser wissen – The Knowledge" in Nürnberg geradezu mahnend meldet) sagt dennoch mehr über die geölte Mechanik des britischen Behauptungs-Boulevards als über aktuelles Problembewusstsein. Donnelly bringt Schüler und Lehrer wie in einem Mehr-Generationen-Haus der verpassten Hoffnungen locker in Konfrontations-Stellung und beutet sie schamlos aus. Pointen blitzen im Dialog-Donnerwetter, ob die Jugendlichen sich gegenseitig niedermachen oder Front bilden gegen die Alten, ob gesoffen wird oder erzogen. Die Referendarin Zoe, um die sich alles dreht, erreicht in ihrer unbegründet wendungsreichen Entwicklung die Tiefenschärfe einer durchschnittlichen TV-Serien-Heldin und muss wenigstens im tränenden Gefühlsausbruch nicht einsam bleiben. Auch der schlimmste Rabauke Mickey, das ist natürlich der mit den flottesten Sprüchen zu jedem Anlass, schluchzt beim bösartigen Hinweis auf seinen versoffenen Vater kurzfristig. Hurra, die Schule flennt!

besser-wissen img 9471 560 marion buehrle uKlare Fronten: "Besser Wissen - The Knowledge" © Marion Bührle

Paukers Horrorshow
Regisseur Johannes von Matuschka hat offensichtlich bei der Vorbereitung der Deutschland-Premiere die Schwächen der munter plappernden Vorlage gesehen und vor allem davor Angst gehabt, bei der Positionierung dieser nicht sehr originellen Story in der Zwickmühle zwischen "KlassenFeind" und "Doktor Specht" zu verenden. Also greift er zu grellen Revue-Effekten und Symbol-Signalen. Der beherrschende Metallic-Container von Bühnenbildnerin Marie Holzer wirkt erst wie ein hermetisches  Asylanten-Gefängnis, in dem die Schüler weggesperrt werden – und wird dann in Einzelteile zerlegt. Spielerisch verwandelt  sich der Standard-Folterraum in Projektionsflächen für unscharfen Webcam-Realismus, entwickeln losgelöste Wände ihr Dekorations-Eigenleben. Gespenstisch fährt tobende Partystimmung wie Paukers Horror-Show dazwischen. Prügel-Szene mit vorgezeigtem Blutbeutelchen inbegriffen. Naja, Theater.

Die Schauspieler haben Spaß am verfremdeten Tumult, bieten im Komödianten-Schaulaufen glänzendes Entertainment ohne Perspektive. Rahul Chakraborty, Felix Axel Preißler, Josephine Köhler und die in Nürnberg auch schon als "Fair Lady" aufgetretene Henriette Schmidt drehen als diabolisches Schüler-Quartett ihre Runden gegen die Lehr-Herren Heimo Essl und Stefan Willi Wang im Sarkasmus-Marathon. Anna Keil steht wie eine Hitchcock-Blondine  mittendrin, tapfer gegen dramaturgische Beliebigkeit um Glaubwürdigkeit kämpfend. Was sie während der Aufführung gewinnen kann, ist das Wohlwollen der Zuschauer: Alles schon mal gesehen, aber nicht immer so unterhaltsam wie in dieser Klangkulisse aus Rap und Rock und Tralala. Es endet mit ein paar Takten "Imagine". Warum auch nicht. Die Nürnberger Spielplan-Vorliebe für den britischen Markt, die Schauspieldirektor Klaus Kusenberg seit einem Jahrzehnt treu bis treuherzig pflegt, braucht nun allerdings wohl ein wenig Erholung.

Besser wissen – The Knowledge (DSE)
von John Donnelly
Regie: Johannes von Matuschka, Bühne: Marie Holzer, Kostüme: Franziska Isensee, musikalischer Konzeption: Malte Beckenbach, Einstudierung: Bettina Ostermeier, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Anna Keil, Rahul Chakraborty, Felix Axel Preißler, Josephine Köhler, Henriette Schmidt, Heimo Essl, Stefan Will Wang.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

"Besser Wissen" gehe "ziemlich zur Sache, verbal und bald auch körperlich", schreibt Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (17.12.2012). "Kein obszönes Schimpfwort" werde "ausgelassen, um zu zeigen, wie – manche – Jugendliche heutzutage miteinander reden" und "keine brutale Geste vermieden". Aber müsse man, fragt sich Ebersberger, "sich das auch als Zuschauer antun? Ja, muss man. Unbedingt." Johannes von Matuschka habe "das rotzig frivole Werk in den Kammerspielen mit solcher Verve in Szene gesetzt, dass man zwei Stunden lang gebannt ist. Frech, frisch und flott wird ein schweres Thema angepackt – ohne sozialpädagogische Didaktik, dafür mit Witz und einer weisen Sympathie für alle Figuren, die ansteckt, ja, anrührt."

"So ein Klassenzimmer-Report ist nichts Neues", schreibt Katharina Erlenwein in den Nürnberger Nachrichten (17.12.2012). "Um den Stoff etwas aufzupeppen", zeige Donnelly "allerdings nicht nur die 15-Jährigen, sondern auch die Lehrer als arme Opfer ihres Sexual- und Machttriebs. Sie sind nur noch etwas sarkastischer als die Jugend." Die Konstellation insgesamt bleibe indes "unglaubwürdig", doch Johannes von Matuschka mache daraus immerhin "temporeiche Unterhaltung", von der am Ende jedoch – obwohl "pflichtschuldig mit Sozialkritik" aufgehübscht – kaum was hängen bleibe.

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