Feierabend, die Herrschaften

von Dirk Pilz

Wien, 20. Dezember 2012. Was soll man dazu weiter sagen. Sie haben Milch verschüttet und in die Kamera geschimpft, es wurde im Licht gestanden und Musik gegeben. Man sieht einen Brand und Tiere des Nachts. Ein Duschgestänge ist aus Gold, die Pantoffeln sind aus Filz. Sie machen Worte, zücken ein Messer, ein Rollstuhl kommt vor. Es steht auch ein Papphäuserl auf der Bühne, der Kopf von Sarah Viktoria Frick steckt darin. Es spricht der Kopf: "ich sitz und schau / den Rest vom Tag / beim Fenster schau ich raus / den ganzen Tag / gibt's nichts zu seh'n."

Und unten, schräg unterm Papphäuserlkopf, im Bühnenkellergeschoss, sitzen zwei zwischen Geäst und haben Hirschköpfe auf, hocken nur, rühren sich nicht. Das ist schön: Hirsche im Busch, Licht von der Seite, Kopf im Haus.

Was ist passiert?

Ewald Palmetshofer, der Sprach- und Sozialphilosoph unter den jüngeren Dramatikern, hat ein neues Stück verfasst und es "räuber.schuldengenital" genannt. An der Burg, im Akademietheater, ward es uraufgeführt, aber die Verantwortlichen dieser Veranstaltung, Stephan Kimmig (Regie) und Klaus Missbach (Dramaturgie), werden wahrscheinlich auch nicht wissen, was das jetzt eigentlich soll. Es lag ein Text auf dem Tisch, es gab einen Premierentermin, es musste halt gespielt werden. Theater ist schließlich auch Arbeit. Jede Szene wurde halbwegs ordentlich hingebastelt und dann weggeheftet. Als sei's der Steuerbescheid. Meine Güte.

Bitte, an den Schauspielern liegt es nicht, nein. Obwohl man ins Zweifeln kommt. In einer Szene sitzen Mann und Frau auf der Bettkante und reden so. Über die Brüder, ihre Kinder, die wollen kommen demnächst. Über den "Schuldenberg", das meint den Penis, das Kunststoffbammelding bei ihm unten dran. Er hält den Kopf schräg und zieht die Lippen nach unten, sie wackelt mit dem Kopf und guckt komisch. Dann steigt sie auf ihn hinauf, auf "seine Schulden" und ächzt ein bisschen.

raeuberschulden3 560 GeorgSoulek u"räuber.schuldengenital" mit v.l.n.r.: Michael König, Barbara Petritsch, Therese Affolter, Martin Schwab. © Georg Soulek

Er ist Martin Schwab, sie ist Barbara Petritsch. Was ist denn nur passiert, dass sie nicht spielen, sondern – ja, was? Früher hat man hierbei von Chargieren gesprochen. Schlimm.

Oder die Brüder. Stehen mit einer Flasche an der Rampe und wissen mit den Händen nicht wohin. Der eine macht große, der andere trübe Augen. Wenn's um Gefühle geht, wird gefühlig geschrieen, wenn geschimpft werden soll, schimpfen sie laut. Der eine ist Christoph Luser, der andere Philipp Hauß. Was ist bloß geschehen, dass sie ausschauen, als wären sie Rollenleiharbeiter auf Mindestlohn? Wer nicht schläft, wundert sich.

Was soll noch kommen?

Es liegt auch am Stück, leider. Ewald Palmetshofer erzählt in zwanzig Szenen plus Prolog von zwei Söhnen, die ausziehen, ihre Eltern zu berauben. Nicht aus Gier, sondern aus Not. Nicht nur des Geldes wegen, sondern weil sie nicht wissen, wie weiter. Es ist da nichts, das ihnen noch eine Zukunft wäre. Keine Idee, keine Vorstellung eines Anderssein. Die Kinder sind hier die Verlierer, in jeder Hinsicht. Sie haben keine Ziele und keine Hoffnungen mehr. Die Eltern, also Alten, haben ihre Kinder abgehängt, sozial und finanziell. Sie haben sogar den besseren Sex.

Also kommen die Söhne, Franz und Karl, und wollen sich von den Eltern "das Geld der Zukunft" holen, "das ganze Geld, das kommt", als Rente, die sicher ist für Rentner nur, wenn überhaupt. Palmetshofer erfindet noch eine Einsame (die Frau im Papphäusel) und einen Häuserbrand hinzu, samt Kind, das davorhockt und ein Menschenbein brät. Das gesamte Stück ist auf eine einheitliche Symbolordnung getrimmt: Die Zukunft ist tot, die Vergangenheit ist geblieben. Den Text durchweht eine George-Steiner-Stimmung: "Feierabend, die Herrschaften! Das Geschirr wird abgeräumt." Mit Schiller und dessen "Räubern" hat das übrigens nichts zu tun, allenfalls auf abstrakter, fernster Ebene.

Das war's

Im Programmheft ist ein "Brief des Autors an den Regisseur" abgedruckt. Darin steht: "Die Idee, das Begehren einer anderen Welt, ist tot. (...) 'räuber' ist die Verzweiflung angesichts der Abwesenheit eines Denkens einer anderen Welt." Klingt gut, aber das Stück erzählt eine andere Geschichte; sie handelt von Stillstand, Leere, Erschöpfung. "Bin innen hohl, fast ausgetrunken" ist der Leitsatz. Stillstand ist so wenig Verzweiflung wie Hohlheit Leere ist. Das Wissen vom Stillstehen und Leersein macht den Unterschied. Palmetshofer weiß das, seine Figuren wissen es nicht. Sie sind papieren, stumpf, farbfrei.

Dieses Stück hat deshalb kaum etwas gemein mit Palmetshofers vorherigen philosophisch-spielerischen Entwürfen, vor allem nicht mit hamlet ist tot. keine schwerkraft, seinem besten. In "räuber.schuldengenital" stellt er etwas fest und stellt es aus. Dass er es eschatologisch auflädt und ein Motto aus Jacob Taubes' Vorträgen zur politischen Theologie des Paulus voranstellt, macht es nicht unbedingt besser. Eher aufgeblasener.

Dennoch. Es wäre auf der Bühne etwas möglich gewesen. Aber angesichts der Abwesenheit eines Denkens einer anderen Welt hätte es ein anderes, riskanteres, einfalls- und phantasiereicheres Theater gebraucht. Die Regie vermochte oder konnte jedoch nicht mehr, als dem Text ein bisschen hinterherzuräumen. Kleinere Umstellungen, ein paar gefahrlose Eingriffe (die Eltern werden ermordet, bei Palmetshofer leben sie als Untote weiter), das war's. Als ginge die Uraufführungsverantwortlichen das alles nichts an. Als wäre die Zukunftslosigkeit ein Problem irgendwelcher anderen Leute. Diese Inszenierung ist nicht nur denkfaul, sie ist weltfern, wirklichkeitsdumm. Das ist schlimm.

 

räuber.schuldengenital  (UA)
von Ewald Palmetshofer
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Michael Verhovec, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Martin Schwab, Barbara Petritsch, Therese Affolter, Michael König, Christoph Luser, Philipp Hauß, Sarah Viktoria Frick, Paloma Siblik.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Mit 'schuldengenital' hat Palmetshofer erneut ein Familienhorrorstück geschrieben", sagt Hartmut Krug im Deutschlandfunk (21.12.2012). "Wie dort scheint die Zukunft tot, es gibt weder einen Gott noch eine Ideologie und eine Vorstellung von einer anderen Welt." Die Kinder seien verzweifelt und gedemütigt, weil sie den sozialen Aufstieg ihrer Eltern nicht nachmachen könnten und keine Zukunft für sich sähen. "All das behauptet der Autor im Programmheft." Und das sei auch gut so. "Denn sonst wüssten wir vom Hintergrund der flachen Symbolfiguren kaum etwas, die auf der Bühne mit sich und den vielen ihnen vom Autor beigeschriebenen Bedeutungsebenen kämpfen." Die Sätze besäßen einen schönen Rhythmus, reihten geschickt Satzfetzen und seien mit sprachlichen Grobheiten gesprenkelt. "Doch auch sie vermögen das allzu konstruierte und gedanklich oft unscharfe Stück nicht zu retten." Regisseur Stephan Kimmig zeige sich in seiner Uraufführungsinszenierung vor allem als Arrangeur, der seine Mimen nebeneinander oder vor das Publikum stelle "und ansonsten das Stück mit viel Regiebrimborium so aufbläst, dass es ziemlich hohl wirkt."

Auf der Website der Wiener Zeitung schreibt Petra Paterno (21.12.2012, 17.17 Uhr): In Ewald Palmetshofers jüngstem Stück erreiche das "ohnehin brenzlige" Generationenverhältnis "neue Dimensionen an Härte, Strenge, Unerbittlichkeit". Karl sei bei Philipp Hauß eine Elendsgestalt, "fulminant auf den Punkt" ein "Mann in all seiner Tristesse". Franz bei Christoph Luser: "hart geworden durch ein Leben auf der Straße". Palmetshofer porträtiere eine "gedemütigte Generation in politisch prekären und wirtschaftlich katastrophalen Zeiten". Das Stück, so der Autor, sei "die Geschichte einer völlig namenlosen Verzweiflung". Regisseur Stephan Kimmig glückten "eindrucksvolle szenische Umsetzungen, die pointierte Personenführung" wirke "bis in Nebenfiguren hinein", etwa bei Therese Affolter "verbiesterter Alte im Rollstuhl" und Sarah Viktoria Fricks ambivalentem "Riot Grrrl".

"Zwei Damen, zwei Herren, alle vier ganz fürchterlich betrunken, ergründen das Wesen der Zeit", hebt Ronald Pohl in Der Standard (22./23.12.2012) zu blumigen Beschreibungen des Uraufführungsabends an. Man müsse – was sich leicht sage bei diesem Stück – hellwach bleiben, um das Zotige nicht mit dem Philosophischen zu verwechseln. Kimmig habe in seiner Inszenierung keinen Aufwand gespart, um "diesen verspäteten Expressionismus" aufzubessern. Gedanklich sei dem Stück allerdings schwer aufzuhelfen. "Es haben Dramatiker schon überzeugender für den Ewigkeitswert ihrer Stücke geworben als Ewald Palmetshofer mit seinem 'schuldengenital'."

Der Anfang sei das beste, schreibt Norbert Mayer in Die Presse (22.12.2012). "Aber leider: Nach dem Besten kommt zwar immer noch einiges Gutes, doch die Kraft des gebundenen Textes lässt nach, die Regie flüchtet sich in exzessive Manöver zur Ablenkung davon, dass die Verse bald schon plätschern, die Kalauer schmerzen, die ganze Sache ermüdet." Nach zwei Stunden intensiven Spiels unter üppigem Einsatz von Bühneneffekten bleibe ein höchst zwiespältiger Eindruck. Und die Frage: "Wie aber kommen künftige Regisseure mit dem wuchernden Stück zurecht? Mit Brandrodung? Es wäre doch viel eher ein kräftiges Beackern anzuraten."

"räuber.schuldengenital" habe das Zeug zum Schocker, meint Ulrich Weinzierl in der Welt (22.12.2012). "Aber damit nicht genug: Über das Schockierende hinaus kann man sich blendend und intelligent amüsieren – wie bei kaum einem anderen der etwa gleichaltrigen Kollegen." "Selbstverständlich" seien die Figuren in Stephan Kimmigs Uraufführungsinszenierung zu Schreckenskarikaturen verzerrt, würden die Darsteller zwangsläufig zu Übertreibungskünstlern, was allerdings vorzüglich zum artifiziellen Charakter von Palmetshofers Sprechstück passe. "Da wird ein infernalisches Märchen erzählt." Die Qualität einer Inszenierung zeige sich ja auch darin, ob die Schauspieler ihr gewohntes Niveau erreichten. Bei Stephan Kimmig wüchsen sie zum Teil sogar über sich hinaus. "Eine fabelhafte Ensembleleistung: Zwei Stunden tolles Theater, voll Drastik und voll Poesie."

"Hätte Samuel Beckett jemals versucht, ein Drehbuch für einen James-Bond-Film zu schreiben, es wäre vermutlich etwas dabei herausgekommen wie 'räuber.schuldengenital'", meint Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (22.12.2012). Das "zweifellos krude" "dicke Wortkauerei-Stück" besitze "einen ganz eigenen, künstlich archaischen Ton, der die absonderlichsten Einflüsse homogenisiert". Was hier Schicht auf Schicht gestapelt werde, sei die Atmosphäre einer zutiefst grotesken und sinnlosen Welt, die den äußeren Anschein von Handlung gerade noch zu wahren versuche.  In den groben Sprachformen und plumpen Handlungen, die  Palmetshofer für seine Figuren erfinde, stecke die Magie eines Primitivismus, der beim Versuch der Welterklärung nur neue Rätsel schaffe. "Wäre dieses Stück Kunst, dann wäre es naive Malerei." Stephan Kimmig spiele Palmetshofers Groteske in seiner Uraufführungsinszenierung "zwar durchaus vom Blatt", mildere das Absurde des Textes aber ein wenig durch Gegenwartsbezüge. Fazit: "Das kann man sich schon mal zwei Stunden lang ansehen."

"Der relativ junge Palmetshofer, geboren 1978 in Linz, spielt hier lieber mit der Sprache als mit Theorien", urteilt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.12.2012). Inspiration und Hauptfiguren seiner "teils blankversreimenden Ballade mit verteilten Rollen" habe er Schillers Drama um die ungleichen Moor-Brüder entnommen, verwandele den Durst nach Freiheit aber in ein "Horrorszenario" und, "sehr viel stärker und banaler als der Vaterkonflikt in Schillers sturmdrängenden 'Räubern'", in eine Generationenabrechnung. "Aus diesem Text viel mehr herauszuholen, als es dem Uraufführungsregisseur Stephan Kimmig gelingt, dürfte nicht ganz leicht sein." Immerhin: "Für zwei Stunden hat man ein bisschen was zu lachen und wenig zum Grübeln danach."

"Nicht alles, was geschrieben wird, muss auch gespielt werden", meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (22.12.2012). Das reiche Burgtheater könne es sich wahrscheinlich trotz Stückauftrag leisten, im Sinn der Qualitätskontrolle eine andere Lösung zu suchen als die Uraufführung. "Aber nein: An der feudalen Zweitspielstätte, dem Akademietheater, ergreift man die Flucht nach vorn. Verschenkt." Eine Topbesetzung, welche endlos Sätze wiederkäue, mache die Kaumasse nicht besser, sondern betone die hypertrophe Aufgeblasenheit der Veranstaltung. "Vieles davon verdankt sich dem Regie-Routinier Stephan Kimmig: Er weiss offensichtlich nicht, was tun, und zieht auf einer megaschicken Gerüstbühne alle technischen Hebel, um seine Ratlosigkeit zu verbergen."

Peter Michalzik schreibt in der Frankfurter Rundschau (22.12.2012): Palmetshofers Söhne seien "die Helden einer Zeit ohne Zukunft". Er habe den Generationenkonflikt "extrem zugespitzt" und mit "Schuldenkrise und den unübersehbaren Milliardenkrediten kurzgeschlossen". Ein "düsterer Gesang", das "schwingend gesprochene Lied einer verstopften Gegenwart". "Bitterböse", "richtig hart" - und doch "hochpoetisch", was "der Sprachakrobat und Sinnbohrer unter den jungen Dramatikern" auf's Papier gebracht habe, ein "modernes Sozialdrama in jambisch akzentuierten Versen". Dabei drehe sich alles "um's Genital". Außerdem noch um "Zeit und Endlichkeit, Hoffnung und Zukunft, Leben und Tod". Der österreichische Dramatiker mache das "Philosophische konkret". Gelegentlich allerdings würde etwas "weniger Selbstreflexion mehr dramatische Freiheit bedeuten". Regisseur Kimmig habe für die "frappierende Verbindung von harmlosem Alltagsgeplauder und tieferer Bedeutung und Boshaftigkeit" eine glückliche Hand. Hervorragend gelinge es ihm und den Schauspielern diesem anspruchsvollen Text Ton, Bild und Körper zu geben. Auch Palmetshofers abstrakteste Sätze hingen nicht in der Luft. Nur beim Video hätte der Regisseur etwas zurückhaltender sein können.

Als ein "düsteres, auch geschwätziges, in seiner unschuldigen Grausamkeit an Grimms Märchen erinnerndes Stück" beschreibt Peter Kümmel in der Zeit (24.1.2013) Palmetshofers Werk. "Für alle reicht es nicht – das unausgesprochene Gesetz des Neoliberalismus herrscht auch in diesem Stück, Palmetshofer illustriert die Folgen des Gesetzes. Bei ihm ist Familie ein Handelsplatz, auf dem rabiate Händler um alte Rechnungen streiten: Am Ende werden alle Handelsbeziehungen aufgelöst."

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