Null-Revolution der dementen Schmetterlinge

von Esther Slevogt

Berlin, 5. Januar 2013. Auf dem Boden liegt links der zuckende Schauspieler Thomas Lawinky. Er trägt lange Feinrippunterhosen und ein langärmeliges Unterhemd. Outfits dieser Art werden auf deutschen Bühnen meistens fällig, wenn mal wieder vom Theatersessel aus in soziale Abgründe geblickt werden soll. Ferner treten auf Cristin König, der ein Fatsuit bald ein enormes Körpervolumen verleiht, das sie dauernd unterm scheußlich geschmacklosen Kleid irritiert betastet. Auch die schöne Aenne Schwarz trägt bald so einen Fatsuit, den sie aber eher wie ein Tütü spazieren führt, während sie unter einer strubbeligen, grauen Plastikperücke versonnene Gesichter macht. Peter Kurth schaut verstört in die Gegend. Und Michael Klammer versucht unterm Fahrradhelm noch dämlicher auszusehen, als man mit einem Fahrradhelm ohnehin schon wirkt. Rundherum ein grüner Samtvorhang, der der Szene die Anmutung eines Behandlungsraums in einer veralteten Arztpraxis gibt. Dazu live der Störgeräusch-Sound von Musiker Miles Perkin: Poch. Poch. Schnarr. Dröhn. Dann sehen und hören wir Demenzkranken, ihren Angehörigen, Pflegepersonal oder Vermittlern statistischer oder sonst wie informativer Texte zum Thema zu.

1. Demenz-Schmetterlinge über der Wiese des Lebens

Wir befinden uns in Teil eins des neuen Stücks von Fritz Kater, das im Maxim Gorki Theater nun von Katers regieführendem Alter Ego Armin Petras uraufgeführt wurde. "Demenz Depression und Revolution" ist es überschrieben und der Untertitel kündigt eine "Studie zu drei Mythen der Gegenwart" an. Dabei handelt es sich um drei ausgesprochene Medienphänomene, die dieser Autor nun ins Poetische transzendiert und Roland-Barthes-mäßig zu Mythen des Alltags erklärt. "Die Welt muss romantisiert werden," hat immerhin schon der Romantiker Novalis gefordert. Denn wer will schließlich bloß aus der Zeitung vorlesen? Und so hat Kater/Petras also eine kleine Recherche betrieben, in Demenzstationen hineingehört und etwas Literatur zum Thema gelesen. Alsdann hat er Fetzen von Gedanken und Informationen, Krankenberichten und Angehörigenstatements zu einer Textcollage zusammengeschnitten, die von der Zumutung, aber auch der Verheißung erzählt, das Bewusstsein von sich selbst langsam loszuwerden. Einzutreten in einen Transitraum zwischen Leben und Tod, in dem man allem utilitaristischen oder sonstwie rationalen Zweckdenken entzogen ist.

demenzdepressionrevolution1 560 bettina stoess uIm Fatsuit über die Bühne kullern: Teil eins der Trilogie  © Bettina Stöß

Und unserer bösen kapitalistischen Gegenwart damit schwuppdiwupp natürlich auch. Damit die Tristesse nicht überhand nimmt (Achtung: Romantisierung!), webt Kater/Petras ein hübsches Dichtermotiv ein, das die Demenzkranken zu Schmetterlingen über der Wiese des Lebens erklärt. In der Inszenierung breiten die Schauspieler dann am Ende ihre Arme zu unbeholfenen Flatterbewegungen aus – Petras hat ja in den letzten Jahren eine nicht immer ganz glückliche Liebe zur Choreografie entwickelt. Vorne skandiert unterdessen Thomas Lawinky die Namen sämtlicher bekannter Schmetterlinge in alphabetischer Reihenfolge, als sei's ein Protestmanifest gegen die Auflösung aller Erinnerung (und des dazugehörigen Organs im Schädel gleich mit).

Doch es fällt schwer, diesen Ausbruch nachzuvollziehen, nach der Narrenparade, die hier zuvor vorbeigezogen ist. Denn statt sich auf die eigene Poetologie der Demenz einzulassen oder sie wirklich als Fluchtbewegung zu beschreiben (was der Text noch ansatzweise versucht), wischt die Inszenierung mit ihren Brachialklischees allen Feinstaub aus dem Text mit dem Feudel fort.

2. Die Depression bleibt eine subjektive Tragödie

Dann folgt Teil 2, "depression" überschrieben und erzählt entlang der Lebenslinie des Nationaltorwarts Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm, die Geschichte vom "schwarzen Hund", den einer auf dem Rücken durchs Leben schleppt, bis er zusammenbricht: der Depression als Krankheit zum Tode nämlich. Vor einem enormen Zellstoffvorhang, der sich am Ende – vom stetig tropfendem Regenwasser in seiner materiellen Substanz ausgehöhlt – mühelos zerreißen lässt, treten Michael Klammer und Aenne Schwarz in Anzug und Abendkleid als echtes Traumpaar auf. Erzählen eine ergreifende Geschichte von Liebe und Leid, die für das Mannsmassiv, als das Klammer hier mit ziemlicher schauspielerischer Energie in Erscheinung tritt, tödlich endet. Klammer und Schwarz switchen sehr suggestiv zwischen Posen des Begehrens, der Angst, öffentlicher Hochglanz-Glücksinszenierung und den Abgründen der Hoffungslosigkeit hin und her. Zwar inszeniert Petras hier ausgesprochen konkret und auf den Punkt. Und doch stellt sich der Effekt, die Depression als Symptom des kapitalistischen Effizienz- und Glücksdrucks (und Fluchtversuch daraus) zu begreifen, angesichts der sehr im subjektiven Schicksal verharrenden Tragödienenergie nicht her.

demenz 280 bettinastoess uMichael Klammer und Aenne Schwarz
© Bettina Stöß

3. Als Revolutionen noch sexy waren

Nach der Pause geht es noch mal zurück in Zeiten, als Revolutionen noch sexy waren: in den Prager Frühling des Jahres 1968 nämlich. Anhand eines einst real existierenden (allerdings schon 1989 verstorbenen) tschechischen Filmregisseurs geht es hier um die Unvereinbarkeit von Leben und Revolution: weil das Private eben niemals Politisch sein kann, sondern dem Politischen immer im Wege steht – was ja eigentlich eine sympathisch antitotaliäre Einsicht ist. Das Motiv ist einem bereits in der langen Nacht der Schleeftagebücher begegnet, in der Petras sich anhand von Einar Schleefs Tagebucheintrag von 1968 mit dessen Schwierigkeiten im Umgang mit der Tatsache auseinandersetzte, dass der junge Schleef zu dem Zeitpunkt, als sowjetische Panzer den Aufstand beendeten und der Student Jan Pallach sich aus Protest dagegen verbrannte, mehr mit seinem Liebesleben beschäftigt war.

Gestern also nun die extended Version. Statt Schleef steht der vergessene Filmer Pavel Juracek (mit seinen Tagebüchern) als Künstler Modell, der an einem Film ("Gullivers letzte Reise") arbeitet, von seiner Frau verlassen wird und einer todkranken italienischen Gräfin geliebt und ausgehalten wird. Cristin König, Thomas Lawinky und Svenja Liesau spielen das mit wechselnden Rollen: Juracek, seine Tochter und die Gräfin. Wieder macht sich hier vor allem der Drang des Abends zur schrillen Perücke bemerkbar. Im Hintergrund flimmert über ein Bettlaken dokumentarisches und extra produziertes Filmmaterial. Viel Kunstnebel wird versprüht, Lieder gesungen und große Worte wie diese gemacht: "es ist nicht geschichte was wir erleben es ist die karikatur von geschichte..... alles ist metapher und wirklichkeit zu gleich". Auf der die Drehbühne dreht sich ein gigantischer bunter Hocker als Vehikel für diese Reise durch die Zeit und durch die Lüge, unsere Hoffnungen und ihre fürchterlichen Enttäuschungen. Jeder Satz ein Mahnmal. Jede Geste aber seine Widerlegung in der Farce. "kunst ist revolution oder nichts", heißt es noch mal dick aufgetragen am Ende. Wer wollte hier widersprechen.

 

demenz depression und revolution. studie zu 3 mythen der gegenwart (UA)
von Fritz Kater
Regie: Armin Petras, Bühne: Annette Riedel, Kostüme: Patricia Talacko, Choreografie: Berit Jentsch, Musik: Miles Perkin, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Michael Klammer, Cristin König, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Aenne Schwarz, Svenja Liesau, Miles Perkin.
Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause.

www.gorki.de

 

Inzwischen prüft Robert Enkes Witwe Teresa juristische Schritte gegen die Verwendung der Geschichte ihres Mannes als Material für das Stück: hier die entsprechende Meldung. Daraufhin strich das Maxim Gorki Theater bis zur Klärung des Sachverhalts den strittigen Teil aus der Inszenierung: siehe Meldung.

Und hier ein Kommentar zur Causa.

 

Kritikenrundschau

"So schöntraurig schreibt Fritz Kater, das Autoren-Ego von Armin Petras, über das Sterben," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (7.1.2013). Aus Sicht dieses Kritikers ist Katers Trilogie kein Stück im klassischen Sinn, "sondern eher eine Materialsammlung". Schwarze Fakten und Zahlen stünden neben Erzählungen, Monologen, abgründigen Blödeleien, angerissenen Situationen und lyrischen Passagen, "die ihrerseits auch mal schwarzfaktisch ausfallen". Ebenso "angerissen, sammelsurisch, stolper-ästhetisch" findet Seidler Armin Petras' Inszenierung. "Ohne dramaturgisches Getue, ohne falsche Scham und ohne Furcht vor Pop, Ulk, Kitsch und Pathos wird auf Herzquetsch- und Seelenaufblüh-Bilder hingearbeitet, dargeboten teilweise in rührend-beknackten Kostümen (Patricia Talacko), mit albernen Brillen, sperrigen Wanst- und Arschpolstern und verrutschenden Perücken." Harmloser wird es aus seiner Sicht dadurch nicht.

Als eine "episodische Folge, die Punktlichter von unterschiedlicher Tiefe setzt," beschreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (7.1.2013) den Abend, der aus ihrer Sicht "zwar nacheinander drei Diskurse aufmacht, in jedem Kapitel aber eng bei einer Sache bleibt".

Von "zäher Betroffenheitsdramatik mit Trauerrand, aus der die anderen verständlicherweise kein darstellerisches Kapital zu schlagen vermögen", spricht Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.1.2013). Armin Petras' Ansinnen, "Ängste als überwindbar zu zeigen, indem sich die Akteure diese stellvertretend für die Zuschauer einverleiben", sei therapeutisch vielleicht interessant, "inszenatorisch allerdings ausgesprochen unergiebig und manchmal in akuter Kitschgefahr", so Bazinger. Erst nach rund dreieinhalb Stunden befreit sich die Aufführung aus ihrer Sicht "von ihrem trockenen Rechercheballast samt theatralischem Frontalunterricht": und zwar als am Schluss die Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet haben und der Schauspieler Thomas Lawinky im Frauengewand an der Rampe sein ganzes Gesicht mit einer lehmartigen Masse bedecke, auf die ihm schwarze Augen gemalt werden, "die sofort zerlaufen und als leere Höhlen erscheinen, als wolle er, wie Ödipus, die Welt nicht länger sehen". Aber da sei der Abend dann "auch schon aus und vorbei und letztlich kümmerlich verpufft."

"Das ist manchmal zum Verzweifeln komisch, anrührend und voller Schmerz erzählt", gibt Michael Laages in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (6.1.2013) über den Demenz-Teil zu Protokoll. Dessen "finstere Poesie" hingegen vermisst er in Teil zwei. Teil drei ist aus seiner Sicht ein "eher fahrig-wurschtiger Happening-Versuch".

"Es hätte dieser buntschrille Abend manche Kürzung vertragen", schreibt Katrin Pauly in der Welt (7.1.2013). Aus ihrer Sicht hätte dem Abend womöglich auch eine verbindende Regieidee gut getan. "Aber er ist faszinierend in seinem Mut, diese ganz großen Themen anzugehen, er besticht mit der ausschweifenden Vielfalt seiner Mittel und Stile – und damit, felsenfest in der Gegenwart verankert zu sein".

Während Petras in Berlin noch inszeniere, bereite er in Stuttgart bereits seine erste Spielzeit vor", schreibt Gunnar Decker im Neuen Deutschland (7.1.2013). Anders ist für ihn diese "anfangs befremdlich-uninspirierte, unkonzentriert-zerfahrene Arbeit nicht zu erklären. An diesem Abend wird deutlich, dass es ein Problem sein kann, wenn jemand als Intendant sich selber als Regisseur einsetzt und bevorzugt seine eigenen Stücke, die er unter dem Namen Fritz Kater schreibt, inszeniert."

"Mir will kein deutschsprachiger und auch noch satisfaktionsfähiger Theatermacher einfallen wie Petras, der es wagen würde, drei aktuelle und dicke Dossiers auf einmal auf die Bühne zu bringen," stellt Tobi Müller in der Sendung "Fazit" des Deutschlandradios (5.7.2013) fest. Aus Sicht dieses Kritikers ist der Abend ein überzeugendes Beispiel für das Veränderungspotential der Kunst, das der Text selbst einfordere:"Weil er für drei große Themen, die zwar alle von Störungen im Kapitalismus handeln, ansonsten aber disparat sind, weil er dafür jeweils ebenso disparate Formen gefunden hat. Das ist im Theaterbetrieb selten und zeugt von angenehmer experimenteller Intelligenz. Oder schlichtweg von thematischem Einfühlungsvermögen."

"Der Abend ist so ungleichgewichtig, aber auch so frei von Zynismus und getrieben von der Freude daran, etwas über die Menschen rauszukriegen, wie es die gesamten sieben Jahre der Gorki-Intendanz von Armin Petras waren", gibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (7.1.2013) zu Protokoll.

Das Kater-Petras-Theater findet Christine Wahl vom Berliner Tagesspiegel (7.1.2013) von diesem Abend "noch einmal geradezu archetypisch präsentiert: In größtmöglicher Stilvarianz und mit allem Polarisierungspotenzial, das ureigenen Handschriften naturgemäß innewohnt."

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Demenz ..., Berlin: an Symptomen dokternStefan 2013-01-06 18:01
Der letzte Satz des Stückes ist wohl eher ironisch gemeint, wenn nicht sogar blanker Zynismus, an einem Tag, an dem in der Berliner Zeitung ein Artikel über die Entlassung von Mitarbeitern des Gorki Theaters erscheint. Ansonsten ist dieser Abend tatsächlich mehr romantischer Revolutionskitsch und doktert auch nur an den Symptomen der kranken Gesellschaft herum. Das Petras Schlagworte hernimmt, die vor ihm z.B. schon Trotzki, Barthes oder auch Wagner benutzt haben und sie dann zu einem relativ folgenlosen Performancereigen über die Krankheit der Gesellschaft zusammenschustert, ist nicht nur recht schluderig gearbeitet (wobei ich die Schauspieler ausdrücklich ausnehmen möchte), sondern sogar ziemlich denkfaul. Eine ziemliche Enttäuschung zum Jahresauftakt. Ist Petras gedanklich schon in Stuttgart? So kann man den Abschied auch forcieren.
Das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft hat 1939 Leo Trotzki schon in „Kunst und Revolution“ ganz treffend beschrieben: „Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.
Aus dieser Sackgasse mit den Mitteln der Kunst einen Ausweg zu finden, ist nicht möglich. Die ganze Kultur befindet sich in einer Krise, von der ökonomischen Basis bis zu den höchsten ideologischen Schichten. Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann nicht nur sich selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter. Aus diesem Grund wird die Funktion der Kunst in unserer Epoche durch ihr Verhältnis zur Revolution bestimmt.“
Petras romantisiert dann zum Schluss wie einst Wagner den revolutionären Charakter der Kunst, aber eher als lustiges Happening ohne jede Konsequenz. Was bitte ist daran nun revolutionär?
Und hier noch einen zum Wagnerjahr:
„Ich bin das ewig verjüngende, das ewig schaffende Leben! Wo ich nicht bin, da ist der Tod! Ich bin der Traum, der Trost, die Hoffnung des Leidenden! Ich vernichte, was besteht, und wohin ich wandle, da entquillt neues Leben dem toten Gestein. Ich komme zu euch, um zu zerbrechen alle Ketten, die euch bedrücken, um euch zu erlösen aus der Umarmung des Todes und ein junges Leben durch eure Glieder zu ergießen. Alles, was besteht, muss untergehen, das ist das ewige Gesetz der Natur, das ist die Bedingung des Lebens, und ich, die ewig Zerstörende, vollführe das Gesetz und schaffe das ewig junge Leben.“ Richard Wagner aus „Die Revolution“
#2 Demenz..., Berlin: LuftAxel 2013-01-06 20:03
Pffffffffffffffffffffffffffffffffftttttt......
#3 Demenz..., Berlin: KindergeburtstagSascha Krieger Prospero 2013-01-06 20:37
Der Abend funktioniert allein dort, wo er sich von dem Versuch einer Gesellschaftsanalyse löst und dahin geht, wo es wehtut, nämlich im Mittelteil, wo Petras Klammer und Schwarz jeden Raum lässt, dieses schwarze Loch, das wir Depression nennen, zu durchmessen, ohne theoretisches Korsett und ohne irgendeine These untermauern zu müssen. Da ist der Abend kurzzeitig wahrhaftig, direkt, berührend und brutal ehrlich. Alles andere ist recht belangloser Kindergeburtstag mit albernen Kostümen und Perücken.

Komplette Kritik: stagescreen.wordpress.com/2013/01/06/die-stille-vor-dem-vorhang/
#4 Demenz..., Berlin: Frage der NotwendigkeitInga 2013-01-07 00:56
Ich frage mich, aus welcher Motivation bzw. Notwendigkeit heraus Petras diese drei Mythen hier bearbeitet. Wir wissen ja alle, dass Mythen aus Worten bestehen und kein Gelände sind. Was will Petras also? Diese Mythen dekonstruieren? Oder sie lächerlich machen, wonach die Beschreibungen für mich hier zunächst einmal klingen. Letzteres wäre allerdings das Dümmste, was ein Regisseur machen kannn: Immer nur mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und sich selbst bzw. die eigene Haltung zu diesen Mythen aussen vor zu lassen.

Da sind mir Regisseure lieber, die schonungslos offen und auch selbstkritisch mit diesen Themen umgehen, auch und gerade im Zusammenhang mit dem Theaterbetrieb. Das nämlich würde offenlegen, dass auch der Künstlerberuf nicht vor Demenz, Depression und Revolution schützt. Ich zitiere den Mann mit Taucherbrille und Hut (Luk Perceval):

"Die ständige Sorge um Zuschüsse, Arbeitsumstände, Produktionsmöglichkeiten und so weiter hatte sich wie ein Mühlstein um meinen Hals gelegt. Meine Entscheidungen wurden mehr und mehr von bloß noch pragmatischen Überlegungen geleitet. Nicht daß ich Pragmatismus als etwas 'für den Künstler' Unzulässiges verwerfe, ganz und gar nicht, doch instinktiv wuchs mein Bedürfnis, zum allerersten Anfang zurückzukehren, zum existentiellen Ursprung meiner Arbeit: der Notwendigkeit. 'Warum tue ich das hier eigentlich? Lohnt es sich wirklich, den Rest des Lebens immer weiter für ein kleines bißchen Luft zum Atmen zu kämpfen? Was ist das für eine Unzufriedenheit, die dich immer wieder zur nächsten Produktion treibt?' so fragte ich mich verwirrt. Fragen, die mich in einen Mahlstrom von Angst und Mißtrauen stürzten. Ich hatte das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein, gescheiterter Vater, Regisseur mit allzu leichten Erfolgen, ein Kirmesscharlatan, umgeben von Parasiten, meine Karriere nichts als ein 'lucky shot' dank des Zusammentreffens ebenso zufälliger wie glücklicher Umstände usw. ... Düster und pesimistischer ging es kaum noch."
(aus: "Theater und Ritual")
#5 Demenz..., Berlin: außergewöhnlich gutThomas Löscher 2013-01-07 13:24
Ich hatte schon gehofft, dass Esther Slevogt mal wieder eine Gorki- Premiere verreißt! Nur dann kann man sich nämlich sicher sein, einem außergewöhnlich guten Abend beizuwohnen.
Ob Petras hier alles gelingt, was er sich vorgenommen hat, darüber kann man sicherlich streiten, aber er versucht wenigstens, zu aktuellen Themen Stellung zu beziehen und sie in seine darüber hinaus unglaublich poetischen, ästhetisch beglückenden und musikalisch mitreißenden und in diesem Fall noch selbstgeschrieben Stücke einzubauen. Und das ist mehr als man so ziemlich über jeden anderen aktuellen Theatermacher sagen kann; selbstverstänlich bestätigen Ausnahmen die Regel (mir würde spontan noch Sebastian Hartmann einfallen).
Allein schon den Übergang von Teil 1 Demenz zu Teil 2 Depression (von Frau Slevogt liebevoll als "nicht immer ganz glückliche Liebe zur Choreografie" abgekanzelt) sollte jeder theaterbegeisterte Mensch gesehen haben. Mich hat diese Choreographie glücklich gemacht. und gemessen am zehnminütigen Applaus mindestens 90 Prozent des Premierenpublikums auch (ja, unter den 400 Zuschauern waren sicherlich auch ein paar Schauspieler und (nicht entlassene) Mitarbeiter des Gorkis).
#6 Demenz..., Berlin: übrigensInga 2013-01-07 19:23
Übrigens:

D-emenz
D-epression
R-evolution
= DDR.

Ein Scherz? Ich habe einmal, zusammen mit einigen StudentInnen der jüngeren Generation (damals Twentysomethings), ein Stück von Thomas Brasch, "Lovely Rita", geprobt. Seltsam war für mich, dass da immer nur psychologisierend auf das Schicksal des kriegsvergewaltigten und sich an die hollywoodeske Filmindustrie prostituierenden "guten deutschen Mädchens" gegenüber dem "bösen Russen" fokussiert wurde. Niemals jedoch auf den politischen Kontext des Stücks, u.a. auf die darin möglicherweise geschilderte weibliche Version der "Gladow-Bande" oder auch, bezogen auf die eigenen "staatsfeindlichen Aktivitäten" Braschs gegenüber einer pervertierten sowjetischen Führungselite, auf den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Prag. Das nur, weil ich mich frage, warum Petras sich hier gerade mit dem Thema des Prager Frühlings auseinandersetzt.
#7 Demenz..., Berlin: dämlicher VergleichStefan 2013-01-07 23:25
Liebe Inga, da Sie hier ja nun auch schon Nachhilfe für Pennäler geben, erklären Sie mir bitte mal, was Demenz, Depression und Revolution mit der DDR zu tun haben. Übrigens hat Ulrich Seidler schon in der Berliner Zeitung diesem blöden Wessiwitz vorgebeugt. Also bitte nicht ddr buchstabieren. Und außerdem, müsste das Pferd dann nicht eigentlich auch eher umgekehrt aufgezäumt werden? Auf vergeigte Revolution folgt Depression und schließlich die totale politische Demenz. In diesem Stadium befindet sich nämlich die bürgerliche Gesellschaft der BRD. Daher sollte Petras auch zwingend die Reihenfolge ändern, wenn er nicht weiter mit diesem dämlichen Vergleich konfrontiert werden will, was bisher eigentlich auch noch keiner getan hat. Aber vielleicht fällt Ihnen ja noch was passendes zu den Buchstaben brd ein. Wie wäre es mit Banken-Rettung Deutschland?
#8 Demenz..., Berlin: hervorragende AuseinandersetzungOlaf 2013-01-08 01:22
Liebe Inga,
eine gute Entdeckung. Irgendwie hat das aber alles etwas miteinander zu tun. Es ist halt nicht mehr so einfach zu entwirren.
Lachend, stockend, würgend der erste Teil. Darf man lachen über einen Teil unserer Realität. Ja, man darf es nachdenkend, verstummend. Platz zwei an diesem Abend.
Platz 1 "Depression", auch, wenn die Witwe es bekämpft. warum. Wenn es um wahre Emotionen, um Verständnis geht und nicht um kapitalistisches Geld her Gefühl, müsste, sie dem zustimmen und ins Gespräch ohne Anwälte gehen. Liebe Frau E.! Wollen sie Aufklärung, verstehen sie das, was geschehen ist, dann haben Sie hier die Chance. Wenn Sie Geld wollen, dann sind Sie bei der BILD und den Anwälten richtig, dann bliebt ihr Anliegen aber moralisch, bei aller Trauer verachtenswürdig. Fangen Sie an zu denken!
Beste schauspielerische Leitung.
Der dritte Teil? Gut er kann stimmen. Denn was haben wir von der Kunst zu hoffen? Petras/ Karter sind Ausnahmen.
Nehmen wir diesen Abend als ganzes wahr, nehmen wir ihn ernst. Dann haben wir bestimmt nicht das ganz große künstlerische Ereignis, aber wir haben eine hervorragende Auseinandersetzung mit dem Hier und Heute. was kann ein Tehaterabend mehr?
Das Premierenpublikum gab mir Hoffnung. Selten gab es einen so großen Applaus und keinen einzigen Buhruf für den Regisseur. Wenn das nichts ist.
Jeder mag denken was er will, mag dennoch dem Schauschpielensemble um Petras Respekt zollen.
Das Gorki hat eine Einladung zum Theatertreffen verdient, ob nun Petras oder Nunes, beide wären eine gute Entscheidung.
Ich bedauere Petras Weggang und freue mich aber auf beste Gastspiele in Berlin. Mögen die Nachfolger das bitte beachten.
DANKE!
#9 Demenz..., Berlin: Dank der KritikerinTVC 2013-01-08 05:25
Wunderbare Kritik. Trifft genau den richtigen Ton, ohne einem diesen manierierten Quatsch platt um die Ohren zu hauen. Danke Frau S.
#10 Demenz..., Berlin: WiderspruchLE 2013-01-08 11:19
@ 8 Ihr beitrag wurde anscheinend mehrere male durch den bing-übersetzer gedreht. trotzdem ist rübergekommen, daß Sie allen ernstes jemanden verachtungswürdig nennen, der seine rechte in anspruch nimmt. und Sie schlagen vor, die chance zur aufklärung, die Sie in dem abend sehen, wäre wichtig genug, um darauf zu verzichten. und Ihren beitrag beenden Sie dann mit einem ruf nach dem theatertreffen. kann das alles wahr sein, frag ich mich gerade.
#11 Demenz..., Berlin: ScherzeInga 2013-01-08 15:23
@ Stefan: Ich schrieb ja dazu: ein Scherz? Und meinte damit: ein Scherz. Ist mir schon klar, dass es völlig unsinnig wäre, diese drei Mythen allein der (ehemaligen) DDR zuzuschreiben. Wenn wir weiterkommen wollen, dann müssen wir zurück in die Zukunft.

@ Olaf: Was wollen Sie eigentlich sagen? Rechtschreib- und Satzbaufehler, wer will das noch lesen? Und wer versteht das noch? Sie meinen also wirklich, dass wahre Emotionen besser sind als Anwälte? Ist Ihnen klar, dass Petras hier möglicherweise auch nur in die Warenkiste der Emotionen greift?

Oder kritisiert er diese Medienmechanismen? Wer kann hier dazu etwas sagen? Auch die BILD hat doch damals mitgemacht, neben dem SPIEGEL und anderen Ausschlachtungsmedien. Beim Thema Depression ging und geht es den Medien doch gar nicht um ursächliche "Aufklärung"(?), sondern vielmehr - ja eben - um pure Meinungsmache.

Ja. Genau. Denn wenn sich nur alle um die private/psychologische Depression und den daraus folgenden Tod/Selbstmord eines Promis sorgen, dann wird sich schon keiner mehr um die Börsendepression kümmern, was beweisen würde, dass es sich hier um einen Systemfehler und nicht um einen persönlichen Fehler handelt.

(...)
#12 Demenz..., Berlin: erstmal guckenWahnfried 2013-01-08 16:10
@Inga:
unter anderem aus ihren Zeilen:
"Ich frage mich, aus welcher Motivation bzw. Notwendigkeit heraus Petras diese drei Mythen hier bearbeitet. Wir wissen ja alle, dass Mythen aus Worten bestehen und kein Gelände sind. Was will Petras also? Diese Mythen dekonstruieren? Oder sie lächerlich machen, wonach die Beschreibungen für mich hier zunächst einmal klingen. Letzteres wäre allerdings das Dümmste, was ein Regisseur machen kannn: Immer nur mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und sich selbst bzw. die eigene Haltung zu diesen Mythen aussen vor zu lassen. "
schließe ich, dass Sie das Stück bislang nicht gesehen haben.
Warum warten Sie mit ihren von vornherein negativen Äußerungen und Fragestellungen nicht, bis Sie das getan haben?
#13 Demenz..., Berlin: zum BeispielInga 2013-01-08 16:53
@ Wahnfried: Weil es von der Beschreibung von Esther Slevogt ausgehend nunmal so klingt. Ist das jetzt etwa auch Thema? Mhmh? Ulrich Seidler von der "Berliner Zeitung" hat da ja zum Beispiel einen ganz anderen Fokus drauf, er empfiehlt, das Gorki von Petras noch einmal zu stürmen, bevor er weg ist.

Tja. Wenn keiner mehr nach Wahrheit oder besser: Glaubwürdigkeit strebt, dann können wir doch eigentlich auch alle erstmal wilde Unterstellungen verbreiten. Toll finde ICH das auch nicht. Entlarven tut sich hier mittlerweile sowieso jede/r. Jede/r auf seine Weise - mehr oder weniger.
#14 Demenz..., Berlin: hört sich leider so anWahnfried 2013-01-08 18:56
also ich war in der premiere, und konnte nicht erkennen, dass sich armin petras in irgendeiner weise über depression und demenz lustig machen wollte, auch wenn es sich bei frau slevogt leider so anhört. ich denke aber nicht, dass frau slevogt das zum ausdruck bringen wollte, oder?
#15 Demenz ..., Berlin: Inga nimmts aus den Kritiken Inga 2013-01-08 22:43
@ Wahnfried (was für ein blöder Namen, Siggi oder was): Vielleicht schaue ich mir die Inszenierung wirklich erst einmal an. Für mich hören sich die Beschreibungen der meisten Kritiker eher danach an, dass hier schon versucht wird, Glaubwürdigkeit herzustellen. Zugleich wird aber wohl auch immer wieder darauf verwiesen, dass Schauspieler eben Schauspieler sind, welche etwas spielen, was sie nicht aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz herleiten können bzw. kennengelernt haben müssen. Ich verweise auf Ulrich Seidlers Erwähnung des "Aus-der-Rolle-Fallens" von Michael Klammer. Zitat:

"Oder wie eine Tochter (Cristin König) ihre fast gänzlich umnachtete Mutter (Michael Klammer) auf hochnotpeinliche Weise befragt. Wie kalt war das damals? Wie viele Russen haben dich da vergewaltigt? Drei oder vier? Und was war mit deinem Baby, dem Manni, der verhungert ist, und den du vom Treck geschmissen hast, meinen Bruder, den Manni? Hm? - 'Manfred' kommt endlich ein einziges Wort aus dem leeren Gesicht gesabbert, ein letzter Kontakt vor der Erlösung. Dann spielt Klammer, wie er unangebrachterweise lachen muss über seine unangebrachte Verstellerei. Und wir sind wieder im Theater."
#16 Demenz ..., Berlin: Erst schauen, dann posten Schsp 2013-01-09 06:06
SIE HAT ES NICHT GESEHN - und Schluss!
#17 Demenz ..., Berlin: am Ende siegen immer Breschnew und NapoleonInga 2013-01-09 14:46
@ Schsp: Was soll der Kommentar? Klar, Demenz und Depression können versicherungstechnisch bzw. ökonomistisch betrachtet ausgenutzt werden. Eine Revolution dagegen nicht. Wer hat jemals aus einer Revolution Profit geschlagen? Obwohl, das stimmt ja auch wieder nicht. Am Ende verliert immer die Basis. Und Napoleon und/oder Breschnew und/oder die sogenannten "großen Namen" siegen.
#18 Demenz..., Berlin: Auseinandersetzung mit dem Hier und HeuteOlaf 2013-01-13 02:56
In der Nachtkritik fand ich folgenden Hinweis:
D-emenz
D-epression
R-evolution
= DDR.
Eine gute Entdeckung. Irgendwie hat das aber alles etwas miteinander zu tun? Demenz, Depressionen, aber wie passt die Revolution dazu. Es ist alles nicht so einfach zu entwirren. Demenz und Depression gehören zum Alltag, Revolutionen haben sich aufgebraucht, finden nicht mehr statt. Petras geht da auch in die Geschichte viel weiter zurück, bis nach Prag ins Jahr 1968 und findet eine Revolution, die er kennt und die im Osten bei den Siegern der Revolutionen stattgefunden hat und mit Panzern unterdrückt wurde. Was macht der Künstler? Er nimmt nicht an der Revolution teil und er verlässt das Land nach dem Scheitern der Revolution nicht. Er setzte sein Filmprojekt um und am Ende ist es egal, ob dieser Film gezeigt wird, ob er erfolgreich ist. Es ging um Kunst.
Steckt nicht in allen drei Teilen das Scheitern des Menschen?
Lachend, entsetzt sehe ich den ersten Teil. Darf man darüber lachen? Ja, man darf es, aber nachdenkend, mitunter verstummend.
Es folgt "Depression", aus meiner Sicht, zumindest schauspielerisch, der beste Teil, auch wenn die Witwe ihn bekämpft. Das ist schade! Schließlich geht es um das Verstehen, wie jemand, trotz des Erfolgs, scheitert. Solche Geschichten zu erzählen ist wichtig.
Vergesst doch einfach einmal, zumindest in der Kunst, dass es nicht immer um das Geld geht. Hätte Büchner in unserer heutigen Zeit „Woyzeck“ schreiben und veröffentlichen dürfen? Leider ist wieder einmal eine Chance vertan. Mediales Spektakel!
Nehmen wir diesen Abend als ganzes wahr, nehmen wir ihn ernst. Dann haben wir bestimmt nicht das ganz große künstlerische Erlebnis, aber wir haben eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Hier und Heute. Was kann ein Theaterabend mehr?
Das Premierenpublikum gab mir Hoffnung. Selten gab es einen so großen Applaus und keinen einzigen Buhruf für den Regisseur.
Und ich bleibe dabei, das Gorkitheater hat eine Einladung zum Theatertreffen verdient, vielleicht eher mit Nunes „Räubern“. Vorgestern gab es stehenden Applaus für die Schauspieler. Das habe ich wirklich lange nicht mehr an einem Berliner Theater (Ausnahmen: Wuttkes Arturo Ui) erlebt.
Zumindest eines sei hier gesagt, dieses gegenseitige Beschimpfen, diese furchtbare Ernsthaftigkeit beim Verfassen seiner Meinung sind so unglaublich nervend, dass es keine Freude macht sich an der Nachtkritik zu beteiligen.
Icke werde Ingas Schreibereien bestimmt ab und an lesend zur Kenntnis nehmen oder die von den anderen verkappten Rezensenten. Ansonsten habe ich genug mit meinen Theatergängen zu tun.
Herzlichst
Olaf

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